Ausgabe 
8.6.1936
 
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du, das mußt

Sie winkte nur hier, sagte er.

du tun!

Christme sah ihn an, ihr Gesicht war wie abgestorben, müde mit der Hand und schwieg.

Der Wachtmeister brachte sie zu seiner Frau. Bleib Ich suche den Bauern, wenn es dir recht ist.

schleife an dem Haken!

Später, als sie schon unterwegs waren, blieb der Wachtmeister einmal stehen und iahte die Frau an den Armen. Christine, meinte er, wir wollen von Dem nicht reden, was da war, es kann unter uns bleiben. Aber dem Richter muht du die Wahrheit sagen, hörst t , ""

Und wie war es denn im Grunde: um ihre Rechnung mit Adam ousiugleichen, weit fie (Lottes (Schuldnerin geworden, der i^err nuein kann da Recht sprechen, nicht der Mann. Wenn man es so nimmt, dann gilt das Wort von der Treue, die ewig währt. Immer, und bis über 6Cn<Jton zwischen den beiden ist nichts abzurechnen. Später einmal mag vielleicht so eine Stunde kommen, und das wird eine schwere Stunde für Christine sein. Aber das geht dann vorüber, so wie diese Zeit vor­übergehen wird, diese drei oder vier Jahre, von denen der Wachtmeister spricht. Man muß sehen, wie man durchkommt. Bis zum Sommer wird das Kind da sein, und wenn Christine fortgeht, ist es schon über das Aergste hinaus. Es ist freilich schlimm, daß sie im Herbst gehen muß, allein anders genommen ist es auch wieder gut, die Zeit wird nicht so leer und verloren sein. Das Kind wächst indessen auf, in ihm können sich ihre Gedanken begegnen.

Kommt es dich hart an? fragt Christine beim Abschied. &i, geh nur jetzt, Adam, schau zum Bieh daheim! Leg das Zeug in meinen Kasten, sagt sie, es ist Windeltuch... *

Einmal in diesen Tagen kommt plötzlich der Föhn über den Berg, er zersasert das Gewölk am Himmel und wirft sich ungestüm ins Tal. Ein schwerer Wind ist es, rauschend zieht er durch den Wald herab und weckt mit einem Male das hundertfältige Geläute der Traufen und der Schmelzwässer unter dem Schnee. Dann taucht die Erde heraus, das faltige Angesicht der Erde, zuerst die Maulwurfhügel, Stoppeln und gelbe Halme und die dunklen Furchen auf den Aeckern. Jeder Baum steht in­mitten einer Insel trockenen Landes. Die Dorfleute stolpern in ihren Gärten umher und zertreten die letzten Eisschollen im Schatten Der Zaune. Zuweilen knickt ihnen ein Windstoß die Kniekehlen ein, sie greifen hastig nach den Hüten, und die Weiber klemmen ihre Rocke zwischen die Beine, damit der Wind nichts Ungehöriges zu sehen bekommt.

Mel kann man noch nicht tun, der Frühling ist ja noch dürftig, ein paar Primeln blühen am Zaun, ein Fink schlägt in den Stauden. Am andern Tag stürmt es auch wieder, Schnee wirbelt aus den ziehenden Wolken. Aber das ist nur gut, der neue Schnee frißt den alten. Nur noch eine kurze Weile, dann wird man wieder mit dem Pflüger; anfangen, die Dächer wird man flicken, die Zäune, es findet sich überall eine gemächliche Arbeit. ... . , .,

David steht in der Pfarrtenne und hobelt an einem Larchenpfosten, auf den wird der Taubenschlag zu stehen kommen. Er hat ihn mit Kreide auf das Tor gezeichnet, dem Ansehen nach wird es eine Billa, ein statt- liches Gebäude, wie es sich für hochwürdige Tauben gehört. David stritt sich auch deswegen mit dem Pfarrer, oh, die beiden gerieten hart an­einander.

Ein schiefes Dach! sagte der Pfarrer.

Ein Satteldach! sagte David. Soll es vielleicht wie ein Starenhaus aussehen?

Nein, kein Starenhaus. Aber dann gleich vier Fluglöcher.

Nein, drei, versteht sich, auf der Wetterseite keines.

Was denn, zum Kuckuck, es ist doch mein Taubenschlag!

Aber mein Werkzeug!, hätte David beinahe geantwortet.

In Gottes Namen, sagte der^Psarrer zuletzt beleidigt, mach, was du willst. Du Dickschädel, sagte er, und stieß seine Fäuste in die Rocktaschen und ging davon. Natürlich kam er gleich wieder, es litt ihn ja doch nicht in der Stube. Und nun kann er sich nützlich machen und kann die Nagel geradeklopfen, daran ist nicht viel zu verderben.

Allerlei hat David in diesem Jahre vor. Wenn er sein Leben so über- schlägt, es läßt sich gut an. Sein Spargeld liegt auf der Post, jeden Tag könnte er eine Summe ab heben und irgendeinen Handel aufmachen. Aber das will er gar nicht, er hat ja sein Essen und olles, was er braucht, was kann einem Menschen fehlen, der eine ganze Kiste voll Werkzeug besitzt?

Mit Agnes steht es nun so, daß sie sich der Mutter angefreundet hat, sie schwatzen und ftriefen und erzählen einander von der Stadt, auch Agnes ist also gewissermaßen gespart und aufgehoben. Und die Mutter * Ach, die! Der ist die Sache mit dem Scherenschleifer in den Kopf ge­stiegen, den ganzen Tag summt sie und trällert und schaut nach dem Post­wagen aus. Auch ein neues Kleid hat fie sich genäht, nicht Übel, ein helles mit einer weißen Krause um den Hals.

So sind die Frauen. Wenn sich nur von weitem ein Freier zeigt, mag er nun krunnn oder gerade fein, gleich geraten sie außer Rand und Band. ~ .

Sei doch nicht so, meint di« Mutter, laß mir meinen Schleifer! Denk nur, wie gut das fein wird, immer geschliffene Messer im Haus!

Ja, sagt David, bis du eins im Rücken stecken hast.

Uebrigens findet David keine Zeit für solche Narreteien Sein Tag ist gemessen voll von allerlei Geschäften. Jedermanns Gehilfe ist er, Knecht des Pfarrers, Herold und Kämmerer des Herrn. In seiner Stube hat er sich einen Altar aufgebaut, da tieft er täglich im stillen eine Messe, zur Uebung, damit er nicht ganz unvorbereitet ist, wenn ihn der Bischof einmal in die Stadt ruft. Ite, singt David würdevoll und langgezogen, ite missa est!

Und vielleicht nimmt der Herr wohl auch sein Opfer freundlich an, der blauäugige Baler.

Aber eines Abends in den Fasten trifft David einen fremden Mann in der Stube der Krämerin. Es ist ein Mensch mit einem Schnurrbart und einem breiten Gesicht, und breit ist er auch sonst, so wie er da auf dem Ledersofa sitzt und seine Hände auf die Knie stemmt.

Der Scherenschleifer? denkt David. Nein, diesen Menschen kennt er ja, er hat auch eine Ledermütze neben sich liegen, und bann ist es also dieser Karl, von dem zuweilen die Rede war.

David braucht eine ganze Weile, bis er sich das alles zurechtgelegt hat. Indessen betrachtet ihn der Mann, streicht sich den Schnurrbart und schnauft. Nun, sagt er endlich zur Mutter, zudringlich ist er ja nicht oder l besonders gesprächig!

den Sohn der Jungfrau! Dor der Morgenröte ist er geboren, der König ' des neuen Lichtes, der Erlöser ... ,... .

Lichtmeß ist auch der Lohntag für die Dienstleute auf allen Hofen, so­weit sie noch beim alten Brauch geblieben finb. ®er Streit mit bem Bauern hat, trägt ihn aus, wer ziehen will, der.schließt feine Truhe an bieiem Tag unb geht. Er schnürt sein Wandergut auf einen Schlitten, um es in irgendeiner anderen Tenne wieder abzulaben, und wenn er hoch keinen neuen Platz hat, bann muß er es in der Schenke einstellen unb muß zusehen, ob er Glück hat unb auf bem Kirchplatz einen neuen Dienstherrn findet. Hat er aber kein Glück, nun, fo kehrt er zur Schenke zurück unb bleibt dort fitzen, einen Tag unb noch einen, solang sein Gelb reicht, es ist schon alles einerlei.

Auch der Knecht kommt in die Schenke, er sucht den Bauern von Eck, hat niemand den Adam gesehen? Der Knecht muß ihm eine Botschaft aus- richten, das will er sich nicht nehmen taffen.

Christine ist verhaftet worden, wird er ihm sagen, der Wachtmeister hat sie abgeführt. ,

Ja, Christine, nun ist sie doch zu Fall gekommen! Um die Kirchzett erschien der Wachtmeister auf dem Hof, aber diesmal kehrte er nicht bloß zu, um einen Schnaps zu trinken.

Wo ist der Bauer? fragte er kurz.

Im Dorf, antwortete Christine. Was heißt das, was willst du von ihm l

Der Wachtmeister sah die Bäuerin an, wie sie am Herd stand, sauber und jung, er sah auch Den Schreck und den Trotz in ihren Augen, und vielleicht tat sie ihm leid. Er lehnte sein Gewehr an den Tisch, die Mütze nahm er ab und fuhr mit dem Aermel über sein schweißnasses Haar. Leicht wurde es ihm ja nicht.

Christine, sagte er eindringlich, gib es endlich auf! Bring deine Sache in Ordnung, das mutz sein, es hilft nichts mehr.

Was redest du da, sagte Christine. Ich weiß nicht, was du meinst.

So, ja. Du weiht es nicht. Aber die Toten wissen es vielleicht? Denk an den Roßknecht, Christine, es gibt Mittel, die Toten zum Reden zu bringen, auch ganz kleine Kinder, verstehst du mich?

Gib es auf, sagte der Wachtmeister, hol dir jetzt in der Kammer, was du für ein paar Tage brauchst, ich warte. Der Richter will mit dir reden, geh, mach es kurz!

Christine' sagte nichts mehr. Nur der Blick ihrer Augen war noch lebendig und flüchtete durch die Stube, über das Gewehr, und zur Tür, an der der Wachtmeister stand. Einen Augenblick zögerte sie, ihr Mund stand offen für ein letztes Wort, aber sie schwieg unb ging hinaus.

Der Wachtmeister blieb in der Stube zurück. Er ließ die Tür offen stehen und horchte, unb bann geschah alles sehr schnell. Plötzlich hörte er ein Geräusch, als ob jemanb Tuch zerrisse, er lief über ben Gang unb sprengte bie Kammertür mit Gewalt aus bem Riegel.

Da stand Christtne. Sie hatte das Band von ihrer Schürze gerissen, und an der Mauer fehlte das Muttergottesbild, dafür hing diese Band-

Jaja, es war ihr recht.

Der Bauer tarn eben aus dem Laden, er trug eine Rolle Zeug unter dem Arm, die sollte er nach Hause bringen.

Adam, begann der Wachtmeister, deine Frau will mit dir reden.

Christine? Mit mir reden, sagst du?

Ja, sie sitzt bei mir. Es ist wegen des Kindes, Adam. Aber nimm es nicht zu schwer.

Der Bauer blieb stehen, er schaute den Wachtmeister an und dann wieder vor sich nieder, und ein wenig wiegte er den Kopf hin unb her. Etwas mußte er mit ber Hand in die Luft deuten, etwas schluckte er hinunter.

Ja dann, sagte er, dann gehen wir.

Christine hockte auf einem Stuhl in der Küche, sie regte sich nicht, als der Bauer eintrat. Adam gab der Wachtmeisterin die Hand, sie ist eine gutmütige Frau. Und jetzt meinte sie in ihre Schürze, ach Gott, was soll man da zum Trost sagen, es war ein Unglück.

Ja, ein Unglück, wiederholte ber Bauer schwerfällig. Er lehnte sich neben Christine an den Tisch, immer noch schaute er vor sich hin in ben Boden unb suchte seine Gebauten zusammen.

Was das Fuhrwerk bekifft, meinte er, ich hätte ja anspannen können. Aber der Vorstand wird es mir auch tun. Warum habt ihr den Fuchs nicht genommen? fragte Adam. Ja, und dann Geld, verflucht noch ein­mal, es war fo vieles zu bedenken. Er wußte gar nicht, wieviel er noch bei sich hatte, ein paar Schillinge, mehr nicht ...

Christine hörte den Mann fo reden, das Fuhrwerk, sagte er, das Geld für die Reife schrie er denn nicht, stieß er sie nicht vom Stuhl? Lang­sam hob Christine den Kopf, langsam wurden ihre Wangen wieder rot. Sie durste da nichts dazwischen reden, aber während der Wachtmeister bas mit dem Geld erklärte, Daß sie nicht viel brauche unb daß es biesmal überhaupt nicht lange bauern werde, die Verhandlung sei bestimmt erst im Herbst, während sie das alles wie von weither hörte, legte sie ihre Finger auf die Hand des Mannes unb strich ein paarmal behutsam dar­über hin.

Ja, so ist das nun. Der Bauer sagt wohl nicht alles, was ihm durch ben Kopf ging, als er in ber Küche stand. An vieles dachte er. Daß er sich oft erzürnt hatte, weil Christine so verschlossen war, so kalt. Und baß sie ihn betrogen hat, o ja, daran dachte er. Aber es fiel ihm auch ein, wie tapfer Christine war, wie tüchtig unb unermüdlich, fo wie es jetzt um sie stand, nüt bem Kind, das sie kug.