Bayrische Landschaft.
Bon Wilhelm Hausen st ein.
Immer wieder ist man, so oft der Gang nach Andechs durchs Kiental herauf oder vom Starnberger See herüber auch schon gemacht worden sein mag, durch die Schönheiten des „heiligen Berges" aufs neue erstaunt. Das Kloster liegt mft den Nebengebäuden so fest und klar emporgebaut, wie eine der Ansichten des alten Kupferstechers Mathäus Merian, und der inmitten hochaufragende Kirchturm mit der mächtigen Helmzwiebel, die eine pfeilschlanke Spitze trägt, scheint weit hinaus eine Gralsburg anzuzeigen, die zwar nicht Ritter, wohl aber Mönche des heiligen Benedikt und Bauern und Bäuerinnen versammelt und Wallfahrer, die aus den Städten kommen. Das Innere der Kirche, die über steile Hänge erklommen wird, ist immer aufs Neue unerhört; denn nie werden ihre Zauber (o im Gedächtnis behalten, wie sie sind und wirken, wenn man ihnen unmittelbar begegnet. Dies Kircheninnere ist ein blühender Frühling aus weißem Stuck und aus schimmernden Vergoldungen. Ein Frühling, reicher freilich als die umgebende oberbayerische Natur draußen ihn hervorzubringen und zu tragen vermöchte: denn in diesen Kirchenmauern scheint der Frühling zu einer tropischen Fülle auszuschlagen. Der doppelte, in zwei Stockwerke emporstrebende Altar mit Gold und Silber, die goldenen Vasen in der Höhe, mit märchenhafter Ueppigkeit und Feinheit gebildet, die Heiligen Nepomuk und Florian, deren Gestalten leidenschaftlich, die Flaggen im Wind fast, bewegt sind und von Gold glänzen, das schier abenteuerliche Wuchern aller Kunstformen, das gleichwohl ein durchaus natürliches Wuchern zu fein scheint, dazu der goldene Widerschein des Lichts, die strömenden Wellenlinien der Geländer — dies alles ist ein Schimmer, eine Pracht und Herrlichkeit wie aus dem Wunderland, nicht wie aus oberbayerischer Wirklichkeit. Und dennoch: auch dies ist Bayern — auch hier ist ein Stück vom Herzen dieses Landes. Man braucht nur hinauszuschauen, um es ganz und gar zu wissen.
Und in der Tat, dies sollte man immer wieder tun. Immer, so oft man noch Andechs kommt, sollte man den Turm ersteigen und dergestalt inne werden, wie dies Barock und Rokoko als einer der nationalen Stile Bayerns mit der bayrischen Landschaft umher verbunden ist; wie eine Kirche dieser Art recht das Inwendige ist zu dem Auswendigen da draußen — zu Feldern und Fluren, Wäldern, Bergen und Gewässern. Am Ende ist der Unterschied zwischen dem Drinnen und Draußen so groß ja auch nicht, wie man zuerst meinen möchte. Denn wenn der oberbayrische Himmel im Süden und Südwesten draußen seine Föhnsarben aufzieht, dann ist dieser Himmel selber ein wahres Barock und Rokoko der Natur.
Man steigt gemach hinauf zu dem Andechser Kirchturm. Da drinnen geht es steil und eng und holprig empor, und durch ein dämmriges Helldunkel geht es, das sich zuerst wie aus Nacht herausschält. Hoch droben unter der Gipfelkammer, verschränkt sich das schwere Gebälk immer dichter und merkwürdiger; unter der Turmstube starrt das Halbdunkel von gekreuztem und gedrängtem Gebälk, das nur da und dort von dem hereinscheinenden Gold der Sonne sleckig bemalt ist. An der großen
Dabei gibt er ein leises Gemecker von sich, und sein pralles Gesicht legt sich in lauter Fältchen, wie ein geschrumpster Apfel sieht er aus. Er greift in die Hosentasche und zieht ein Sackmesser heraus. Hier, sagt er, das bringe ich dir mit! . ,
Also doch, denkt David verwirrt, also doch ein Schleifer!
Aber das Messer ist schön, es hat rote Schalen und viele Klingen und einen Korkzieher, auch eine Schere.
David schaut die Krämerin an, dann die Mutter, sie nickt ihm heftig zu und betupft immerfort ihre gerötete Nase mit dem Taschentuch. Was soll er denn tun, muh er jetzt etwas sagen?
Danke, sagt David. . . , , ., m .t s
Und dann hilft ihm die Krämerin wieder einmal auf ihre Weise. Komm, sagt sie, wir müssen das Mistbeet zudecken. .
Ja, das tut David. Und dann geht er fort, es wird Zeit, die Abendglocke zu läuten. .
Langsam schlendert er durch die Straße, em wenig wunderlich anzusehen in seinen Röhrenhosen, die schon viel zu kurz sind, ein wenig wirr im Kopf, wie immer. Und vielleicht auch ein bißchen bekümmert, weil ihm nun wieder etwas in die Quere.gekommen ist.
Ach ja, was mag wohl daraus werden?
Er tritt in die Glockenftube, faßt den Strang und zieht. Sie Glocke schwingt, sie tönt, ihre Schläge schweben tzitternü in der Stille, verhallend steigen sie zum Himmel hinaus.
Und der Herr neigt das Ohr und schaut herab und schickt seinen Frieden über das Dors.
Kirche am Dorfrand.
Von W i l l y A r n d t.
Der Berg beim Dorf kam her mit hellen, guten Steinen und baute Fundament und Mauer, Turm und Chor.
Der Wald rauscht noch im Dachgebälk und in den Schreinen, und Bäume wurden Bank, Altar und Kirchentor.
O wie die nahen Wiesen fromm das Haus umblühen!
Ein Acker streift mit Aehren leist die Seitenwand, und Pflug und Wagen ziehn vorbei mit braven Kühen. Der Wetterfegen hat nicht weit ins Bauernland.
Und wenn das Volk an sommerlichen Feiertagen den großen Gott der Arbeit und der Ernten preist, spürst du den Felderduft durch offne Fenster schlagen, und Schmetterling und Schwalbe in der Kirche kreist.
Glocke, die schwer und mächtig im Gestühl hängt, grünspanig vom Mer, von der Feuchte ungezählter Herbste — an der großen Glocke zeichnen sich Relieffiguren der Heiligen ab, die Muttergottes in der Mitte.
Und nun ist man droben eingefangen in das Rund des Turmhelms, in den oberen. Teil der Haube, die sich, von innen gesehen, noch viel gewaltiger buchtet, als man’s von drunten her gedacht haben würde.
Vier Fenster sind da, und durch jede der vier Luken erblickst du ein eigentümliches Bild oberbayrischer Welt. Welt, jawohl — denn so muß man alle viermal sagen; alle vier Male geht Welt auf, ein Weltstück, das aus dem Unendlichen zu kommen scheint und ins Unendliche drängt. Diese vier Bilder muß man nun eins ums andere betrachten.
Nach Osten hinaus und hinab erblickst du einen Klosterhof, an den die Brauerei sich hingebaut hat; eine Rauchfahne flattert weiß, waagerecht aus dem Bräuschlot. Das Land dehnt sich in weiten stachen Wellen; sandfarbig ist es, auch gelblich braun, auch dunkler und mit Lila durchtönt, dem Erd-Lila des Frühlings, und von der Goldfarbe des über Wiesen und Aecker ausgeworfenen Miststrohes scheidet sich genau das lichte Grün der neuen Saat, die angefangen hat, aus der Erde zu sprießen. Als eine endlose Schlange zieht sich die Straße schier weiß zwischen Feldern und Wiesen hin. Den Rand des Bildes macht der Wald: bronziggrün mit Fichten und rötlich dort, wo in Zweigen der Laubbäume neuer Saft schießt. Bläulich, zart mattiert malen sich die ferneren Wälder in den äußersten Gesichtskreis, um beinahe schon jm fahlen lichtblauen Himmel zu vergehen. Herwärts zum heiligen Berg liegen Aecker und Anger als Streifen geordnet — Teppichen gleich, die mit einem leichten Goidfchein durchwirkt scheinen. Die srischbeftellte Erde lieot bloß, geöffnet und reinlich.
"Im nördlichen Bild stehen voran in einer Tiefe, die schwindeln macht, die Klosterhöse wie Schächte; eng, mit steilen schwarzen Dächern gerahmt und schlichten weißen Mauern. In den Klostergarten schaut man hinab: die Erde ist neu aufgebrochen, kräftigbraun, noch kaum bewachsen; schräge Treibhausfenster blinken; da und dort gedeiht in aufgedeckten Beeten der erste Salat und das Frühgemüse, und an diesen Stellen regiert das heiterste, auch bestimmteste Lichtgrün. Die Obstbäume sind weiß von Kalk und stehen in neu und sorgsam angelegten Erdmulden. Ringsumher zieht sich das weiße, hegende Gartenmäuerchen. Ein Bruder kniet drunten am Kreuzweg und hantiert den Erdboden. Das dunkle kühle Kiental hinab stehen die Bäume violett und lichtgrün, wie sie es im Auskeimen zu tun pflegen Jahr um Jahr. Der rötliche und violette Schimmer der Zweige herrscht vor über das silberne Grau der Stamme und alten Aeste, das in der Nähe sichtbar wird, nur auf die Nahe Ivricht ... Draußen vor dem Klostergarten schreiten rote Ochsen und sckmeeweiße Schimmelpaare langsam über Land, die Egge hinter sich her; sie sehen aus wie Tiere aus einem Bilderbuch, so klein und sauber ... Di» Ammerseebucbt bei Herrsching und der Pilsensee zur Rechten regen sich tiefblau: ein leichter Ostwind rauht die Oberflächen auf und macht, daß sie blau erscheinen wie der Gardasee und das Meerwasser der Adria.
Ins westliche Fenster schlägt die Frühjahrssonne herein wie mit der Schärfe einer blanken Waffe. Die mittägliche Sonne überblendet auf dieser Seite alles, und das heftig gespiegelte Licht aus dem See überblendet das Ganze noch einmal. Es ist kaum möglich, hinzuschauen; so gewaltig und unerbittlich starrt schon das Licht der Sonne — ein breites Erzengelschwert aus lauter weißem Gold, über dem Land zum Schutz geschwungen. Das weite Land im Südwesten löst sich gegen die magisch zarten, hauch- feinen Silhouetten der Allgäuer Alpen in lichten Dunst auf. Nur der Peißenberg hebt sich mit seinem breiten Rücken dunkler, schwerer, wirklicher heraus. Herwärts gegen den Klosterberg liegen die Baumschatten als streifige Zeichnung auf dem Erdboden; in der Schlucht des Kientals liegt der Schatten beinahe fchwarz.
Bleibt der Süden. Das Dorf Erling steht nah und deutlich, in jeder Einzelheit greifbar um den dicken, kräftigen Bauernkirchturm herum. Die Häuser sind säuberlich weiß und tragen rote, auch bräunlich-dunkle Dächer: es ist ein Bild aus dem Märchen vom Riesenspielzeug; leiblich sind die Dinge, und doch glaubt man sie mit der Hand ausheben zu können. Das Land dahinter, langzügig geflügelt, ist bunt vor lauter Frühling und mit Wäldern, die sich nach Saune und Lust einzeichnen, dunkel gefleckt. Draußen, im äußersten Rand dieser Dinge, steht das Hochgebirge auf — bläulich-dumpf in den Schatten zartgolden und zartrofa wie Baumblüte in den beglänzten Schneegefilden, die noch Winter sind, aber lauter Reimworte des Frühlings zu fein scheinen. Links drüben wölbt sich über klüftiger und dämmriger liefe der reine Kammbogen der Benediktenwand. Das Karwendel steht mit vielen weihen und lebhaften Zacken. Der Grat vom Herzogsstand zum Heimgarten zeichnet sich wieder mit der erhabenen und anmutigen Willkür feiner vertrauten Linie — einer Willkür, die den Rhythmus und den Ernst eines Gesetzes hat. Breit abfallend und der Sonne entgegenglänzend folgen die Berge, die den Lauf der Loifach zwischen Eschenlohe und Garmisch säumen — und als riesige Bastei steht das kühne und schwere Profil der Zugspitze in den westlichen Himmel hinein, an der Flanke unten, von dem munteren, kecken, naseweisen Figürlein des Ettaler Mandls begleitet. Nur wie ein Schein steht das ganze große Gebirge da, entrückt zum Jenseits oder aus dem Jenseits als ein schönes Vorzeichen in diese Frühlingswelt von mächtiger und leichter Hand hereingehalten. Die Waldfpitzen gegen das Gebirge sind noch körperlich; die Berge selbst sind schon ein Gedicht — in zärtlichen Farben unb Tönen abgesetzt gegen die wirklichere Welt zu unseren Füßen. Schon scheinen die Berge in einen anderen Raum zu ragen, der nicht mehr der unsere ist. In unserem Raum da drunten glänzt die Gruppe eines Bauern- rosses, bellt ein Dorfhund. Dort draußen aber, um die Höhen der Berge, an einem duftigen Himmel, der noch nicht die Enzianglocke des Sommers ist, weben sich Rofa und Gold schon wie die himmlische Poesie eines Heiligenscheins ...
Dies sind die vier Aussichten aus dem Turmhelm von Andechs.
In einer einzigen Reinheit und Zuversicht breitet sich viermal die oberbayrische Erde unter dem Himmel hin noch klar wie der Herbst, schon hoffnungsvoll und treibend wie alles Neue.


