Ausgabe 
8.6.1936
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1936

Montag, den 8. Juni

Nummer 43

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright 6p Insel-Verlag zu Leipzig.

(Schluß.)

Uebermorgen! sagt die Mutter langsam. Wollen wir dann ein Stück vor das Dorf gehen, David, bis zur Brücke?

Ja, Mutter. Oder wir könnten auf den Turm steigen, ganz hinauf. Von dort sieht man den Schlitten schon viel früher, schon weit im Tal draußen.

Ganz hinauf, meinst du? Ist das hoch?

Sehr hoch. Biel höher als die Linde.

Und wenn ich wenn man hinunterfällt?

Ja, dann! Dann ist man tot.

Tot, sagt die Mutter und schweigt wieder lang.

Sie schauert ein wenig unter ihrem Mantel, ja, nun will sie endlich schlafen gehen. Es ist nur so schrecklich still bei ihr, eigentlich hat sie wohl noch immer Angst vor ihrer Stube.

Aber du könntest doch hierbleiben? sagt David scheu.

Ja? Ginge das? Die Mutter besinnt sich einen Augenblick, dann löscht sie die Kerze aus, streift schnell den Mantel ab und schlüpft unter die Decke, blanz schmal macht sich die Mutter, und auch David wagt nicht, sich zu rühren. So liegen sie lange im Dunkeln und sind einander fremd, und tie Mutter ist traurig, weil sie das fühlt, und dann sängt sie wieder zu reden an.

Sag, David, wenn ich tot wäre, würdest du um mich weinen?

Ach, Mutter, was sagst du da!

Du brauchst mich doch gar nicht, David, höre, brauchst du mich denn?

O ja, Mutter. Du hast mir doch auch das Pferdchen mitgebracht, und lamals haft du mir das Gewand gekauft und den Hut und alles, nicht? IInb außerdem, David kann das nicht so sagen, aber seither hat das Leben «inen ganz anderen Sinn. Da ist die Mutter, kann er immer denken, da ftzt sie in der Stube. Und er wäre überhaupt gar nichts mehr, wenn er jie nicht hätte.

Wie denn, gar nichts mehr?

Nun, so. David gibt sich Mühe, es zu erklären. Er meint, daß er dann ranz allein wäre. Er hat ja den Pfarrer und die Krämerin und seinen baten und ja, und noch jemand, das schon. Aber eine Mutter haben, las ist ganz anders. Manchmal, sagt er, oft wird einem so angst, weißt tu, da kann man nicht zum Pfarrer gehen oder zu Agathe, wenn einem slötzlich so bang ist. Früher, als die Mutter noch nicht da war, stieg David immer auf den Turm, von dort konnte er weit hinausschauen. Es waren freilich nur Berge da und Wald und wieder Berge, die Stadt konnte er nicht sehen. Aber er wußte, dort draußen lag sie, hinter dem allerletzten SSerg. Das konnte er sich gut denken, und dann kam er sich gleich nicht mehr so ausgestohen und verlassen vor. Und als er dem Bischof sagte, daß die Mutter in der Stadt sei, da meinte der gleich, David solle doch euch hingehen und dort leben und auf den Bischof lernen. Ja, das will liavid nämlich tun. Er muß nur noch trachten, einen ehrlichen Namen zu bekommen, dann kann er Bischof werden oder Kämmerer, etwas Großes wib Mächtiges {ebenfalls. Oh, Mutter, bu wirst ganz vorn am Speis- gitter stehen, wenn ich bie Messe lese, niemand darf dich hinausweisen, unb du wirst überhaupt bei mir wohnen, in meinem Palast, warte nur!

Die Mutter liegt ganz still neben ihm, vielleicht schläft sie schon.

Glaubst du es nicht? fragt David.

O ja, antwortet die Mutter, ich glaube es. Und das ist auch wahr, Tcoib, was bu sagst: oft wirb einem so bang. Sie wäre selbst öfter gern auf einen Turm gestiegen, um ihren Kummer loszuwerben, schnell und für immer. David war doch wenigstens baheim, er lebte gewiß hart gmug, aber eine Heimat hatte er, währenb die Mutter tagelang nicht mußte, wo sie denn nur bleiben sollte. In der ganzen Welt war kein Islatz für sie, nirgends, auch hier im Dorf nicht. Jetzt ist das anders, Gott weiß warum, die Dorfleute sind ihr nicht mehr so feind wie früher. Eie Monika, sagen sie, die Mutter vom David. Und wenn David meint, drß sie nun beisammen bleiben könnten, ja, bann wäre wohl alles leichter wie es auch kommen mag ...

Noch lange liegen bie beiben wach in ber Dunelheit, alles Ungesagte, alles Geheime unb Verborgene im Herzen flüstern sie einanber zu.

Frierst bu? fragt Davib, bu zitterst so! Rück doch herein, sagt er und scheut sich gar nicht mehr vor der Mutter.

Sie fassen sich an der Hand, und so schlafen sie ein.

Am andern Morgen kommen die Kirchleute in den Laden, Kopf an Kopf drängen sie durch die Tür. Monika muß die Arbeit in der Küche stehen lassen und zu Hilfe eilen. Es ist wahrhaftig so, als sei das ganze Dorf am Verhungern, als hätten alle nur darauf gewartet, an diesem Sonntag ihren Grieß und ihr Schweinefett einzukaufen, von den Weibern nicht zu reden, die zwei große Laden voll Spitzen durchwühlen und dann auch noch Nähseide brauchen, eine ganz bestimmte Farbe. David ist über und über mit Mehl bestäubt. Er spaltet einen Käselaib mit dem Messer, den Käse bringt er nicht entzwei, aber feinen Daumen, und das hat wie­derum zur Folge, daß er hinter sich in einen irdenen Hafen tritt, der leider nicht leer ist, sondern voll Schmierseife.

Aber gottlob, auch diese Drangsal nimmt ein Ende. Zu Mittag wird das Haus abgeschlossen, und nun mag der Himmel einfallen, David sitzt mit der Mutter warm und behaglich in der Stube.

Monika zieht ihren Koffer heraus und kramt ein wenig darin. Das meiste ist nur unnützes Zeug, wie es Frauen haben, Schachteln mit Seife und solche voll mit Knöpfen oder Bändern, und andere, die ganz leer sind, aber ein schönes Bild auf dem Deckel haben. Nähzeug in einem Körbchen, eine Spiegelscherbe, die Unglück bedeutet, ja, sie wären wohl schon lange um, diese sieben Jahre!

Postkarten finden sich, Bilder aus der Stadt, David darf sie alle durchblättern. Dies hier ist der Bahnhof, und hier hat Monika einmal gewohnt

So, denkt David. Es ist nichts Besonderes an dem Haus,Wäscherei" steht auf dem Schild. Und dann entdeckt er ein anderes Bild, wer ist das, fragt er, dieser Mann mit ber Lebermütze?

Ach, sagt bie Mutter, laß den! Der hat auch in dem Haus gewohnt.

Sie nimmt das Bild und streift es glatt und legt es wieder in die Schachtel zurück. Er heißt Karl, gefällt er dir nicht? Einmal wollte er, daß ich dir eine Pudelmütze kaufe.

So, sagt David, der ist es?

Er hat eben eine Korallenkette gefunden, willst du sie haben? fragt die Mutter. Sie würde gut zu roten Fäustlingen passen, meint sie und lächelt, weil sich David plötzlich tief in den Koffer beugt und well er ganz rote Ohren hat.

Oh, vergnügt ist Monika, sie summt sogar unb trällert ein bißchen, David wußte gar nicht, daß die Mutter fingen kann. Sie stellt sich vor den Spiegel und versucht allerlei, ein buntes Halstuch, ein Band ins Haar, ach Gott, sagt sie, ich altes Huhn! Und darüber müssen sie beide noch lange lachen.

Spät am Nachmittag aber klingeln Schellen auf der Straße, es ist wirklich die Krämerin, die vor dem Hause hält. Einen ganzen Tag früher kommt sie zurück, sie ist ja auch todmüde und halb erfroren.

Allein? fragt Monika und schaut die Straße auf unb ab. Ja, allein, sagt Agathe unb lacht ihr zu. Wen meintest bu, daß ich mitbringen würde? Ueberhaupt, laßt mich doch zuerst wieder lebendig werden!

Später wartet Davib eine Gelegenheit ab und fragt bie Krämerin nach bem Schleifer. Hat sie ihn also nicht gefunben?

O boch. sagt sie. Aber er will mich nicht. Er will beine Mutter heiraten, was meinst bu bazu?

Davib ist entsetzt. Weiß sie es? fragt er.

Nein, noch nicht. Du kannst es ihr beibringen.

Und das tut er auch. Auf keinen Fall wird er so etwas zulassen. Ein Scherenschleifer, irgendein betrunkener Mensch, der mit Messern um sich wirft, man wäre ja des Gebens nicht mehr sicher!

Ich muh mit dir reden, sagt er zur Mutter unb macht ein strenges Gesicht.

Was denn? Was ist geschehen?

Noch nichts. Es ist, wie ich dir gesagt habe, die Krämerin hat den Schleifer wirklich gefunden. Aber er will gar nicht sie heiraten, hörst du, sondern

Nun? So rede doch!

Sondern dich! schreit David empört.

Ach, das geht über seinen Verstand, was nun geschieht: daß ihm die Mutter plötzlich um den Hals fällt, daß sie lacht und zugleich weint und ihn schallend auf beide Wangen küßt!

Die österliche Zeit ist wieder nahe. Der Pfarrer weiht die Lichter auf bem Altar, Kerzen für bie Männer unb bie bemalten Wachsstöcke ber Frauen. Meine Augen sehen bas Licht ber Welt, spricht er, nun, Herr, entlasse mich in Frieben!

Zum ersten Male im neuen Jahr führt er bie Gemeinbe vor bas Tor unb durch den verschneiten Friedhof. Der Pfarrer trägt selbst ein Licht und schützt es mit der Hand. Es ist ja nur ein ärmliches Flämmchen im Winterwind, aber doch ein Gleichnis des Lebens, das wiederkommen wird.

Schmücke dich, Erde, singt ber Pfarrer, unb nimm den Herrn auf,