Ausgabe 
8.5.1936
 
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verwandten Hummer». Auf den südamsrskantschen Märkken durch Graf Rodt neu eingeführt, werden sie über die Anden bis nach Buenos Aires und Rio de Janeiro versandt, wo sie auf den Speisekarten als .Langusten ä la Robinson" an das große Lebensabenteuer Selkirks er­innern.

Marschlied.

Von Gerhard Schumann*.

Die müden Tage sind vorbei. Da wir um Gnade baten. Wir knien vor keinem, wer es fei. Das Reich bricht an. Das Reich wird frei. Und Deutschland braucht Soldaten.

Aus allen Städten strömt es her Mit Hacken und mit Spaten. Hell klirrt der Arbeit blanke Wehr. In zähem Trotz wächst Land ins Meer. Und Deutschland braucht Soldaten.

Die Nacht glüht von der Essen Brand.

Die Sonne reift die Saaten.

Ein Pulsschlag springt von Hand zu Hand. Gott segne unser Mutterland.

Und Deutschland braucht Soldaten.

Oer rote Sven.

Geschichte eines schwedischen Trommelbuben.

Von Claus Dörner.

Wer sein Vater war, wußte keiner. Das eine aber stand fest: Er mußte ein Soldat gewesen sein. Seine Mutter war noch jung bei seiner Geburt und starb wenige Wochen darauf im Fieber. Es wußte auch niemand, wo sie herkam. Die Soldaten nannten sie einfach: die schöne Beriet. Sie war schon ein Jahr bei den Soldaten in Stockholm gewesen. Doch keiner konnte sich ihrer Liebe rühmen.

Weil die Soldaten gerade keinen anderen Namen wußten, so vannten sie den Jungen einfach Sven, Sven Beriet nach feiner Mutter. Keiner hätte für Sven gesorgt in der Welt. Doch die Soldaten meinten: Er ist eines Kriegsmanns und der schönen Beriet Kind, so müssen wir für ihn sorgen. Also wuchs Sven bei den Soldaten auf. Er lernte sehr schnell laufen, denn ein Soldatenjunge muß laufen können. Und daß er krumme Beine kriegt, das fchadet nichts, dann wird er eben ein Reiter.

Sven lernte keine andere Sprache, als die kurze, rauhe Krieqsleute- fprache, die in jedem Land verstanden wird. Das macht ihr Klang. Denn sie ist so echt und gut und hart, wie niemals die Sprache der feinen Leute, die ihre Worte kunstvoll drechseln und um alles gute Ding herumreden.

Die Männer ließen den kleinen Sven auf ihren Knien reiten. Doch er fehnie sich schon mit drei Jahren nach einem richtigen Pferd. Da schnitzten sie ihm in ihrer Freizeit kleine Pferde aus Holz und Holzschwerter und Holzspieße, denn sie meinten, etwas besseres könne es nicht geben für einen Soldatenjungen. Und Sven war es zufrieden. Er lief mit feinem größten Holzschwert auf die Straße und schlug ganz allein drei andere Jungen in die Flucht. Da lobten ihn die rauhen Männer und hieben ihn mit schweren Händen auf die Schultern, als wäre er einer von ihnen.

Sven hatte fuchsrote Haare bekommen. Er hieß bald nicht mehr Sven Beriet, sondern sie nannten ihn allenthalben denroten Sven". Mit anderen Jungen vertrug er sich nicht. Die lachten Über seine Haare. Die Kriegsmänner sagten nie etwas über seine Haare. Sie hatten gelernt, daß eine harte Faust wichtiger sei als das schönste Aussehen.

*

Als der rote Sven zehn Jahre alt war, da rief zum Frühjahr der große Schwedenkönig Gustav Adolf feine Herren zusammen. Er sagte ihnen, daß die Schweden jetzt Ordnung schaffen müßten auf deutschem Boden. Das ganze deutsche Land sei in Brand geraten. Und die kaiser­lichen Heere würden die Lutherischen stark bedrängen. Es fei an der Zeit, dem Papst und dem Kaiser zu zeigen, daß noch ein starker Arm im Norden sei, bereit, für die gerechte Sache zu streiten. Und es fei auch wohl gut, wenn die Dftfeetüfte eine schwedische Küste werde.

Auch die Soldaten von Stockholm mußten in den Krieg. Einer sagte zu Sven:Nun kommt bald der Abschied, roter Sven!" ,-,Nein", sagte Sven,ich gehe mit!"

Die Männer lachten. Der breite Karl packte ihn bei beiden Schultern. Aber Sven, wir können dach keine Kinder mit in den Krieg nehmen!" Dach Sven ritz sich los und sagte noch einmal:Ich gehe mit! Ich bin groß genug!"

Er war ja ein großer, starker Kerl für fein Alter. Er hatte feste graue Augen und eine vorspringende, scharfkantige Nase. Als sie ihn so an= sahen, dachten alle: Der weiß wohl, was er will. Sie mochten ihm Kreden so und so. Er schüttelte nur den Kopf: ,Lch gehe mit!" Da ließlich, als das Gerede und Gelache kein Ende nehmen wollte, reichte

* Mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages in Mün­chen aus dem mit dem nationalen Buchpreis 1935/36 ausgezeichneten GedichtbandWir aber find das Korn" von Gerhard Schu­mann, einem kraftvollen Zeugnis der jungen deutschen Dichtung.

Karl ihm fehle große Hand hin:Na, Sven, dann muffen wir dich wohl mitnehmen!"

Während der langen Ueberfahrt sprach Sven nicht viel. Er stand jeden Tag lange Stunden am Heck des Schiffes und sah mit feinen ruhigen grauen Augen dahin, wo die schwedischen Schären im Nebel und Wasser verschwunden waren. Die Soldaten kümmerten sich nicht um ihn. Sie hatten genug zu tun mit Branntwein und Würfeln. Der Branntwein tat gut, denn die unruhige See forderte von den See- ungewohnten ihr Opfer.

Es war der 4. Juli 1630 und ein Heller Sommertag, da gingen die 13 000 Mann schwedisches Fußvolk und Reiterei in der Odermündung auf der Insel Usedom an Land. Als sie endlich festen Boden unter den Füßen hatten, sagte der rote Sven zu dem breiten Karl:Du, das ist wohl ein sehr großes Land, das vor uns ist?"3a, sehr großKarl beschrieb einen weiten Bogen mit seiner Hand.Und warum blieben wir nicht in Stockholm?"Unser König sagt, der Kaiser werde zu mächttg und unterdrücke die Protestanten. Und dann das Meer, über das wir gefahren sind, das ist unser Meer. Nun wollen wir auch das Land haben, das um das Meer herum liegt, verstehst du?"3a", nickte Sven, als sei er ein erwachsener Mann.Und kommen wir einmal wieder nach Stockholm?" Karl zuckte die Achseln:Viele werden wohl hier­bleiben. Ader wenn wir gesiegt haben über die Kaiserlichen, bann fahren wir zurück!"3dj komme wohl nicht zurück!" Sven schüttelte seine roten Haare. Karl lachte:Was weißt denn du?"

Sie waren nun schon ein 3ahr und zwei Monate In Deutschland. Sie waren hin- und hergezogen und hatten hier und dort gekämpft. Da der rote Sven nun gerade zwölf 3ahre alt war, hatte man ihm eine Trommel zu tragen gegeben. Er konnte nicht gut trommeln, nein, gar nicht, er trommelte immer die gleiche Weise. Aber er lief nie davon. Nur wenn geblasen wurde zum Rückzug, das war Befehl, bann ging's zurück.

Er trommelte und marschierte. Seine Augen sahen in bie Spieße bet Feinde, als seien die gar nicht da. Seine Haare flatterten im Wind. Er trommelte vorwärts, immer vorwärts. Und die Kriegsknechte, die feine Trommel hörten, die folgten ihrem Klang, vorwärts, immer nur vor­wärts.

Es ist so: Weil er ein Soldatenjunge war, hatte er die Furcht nicht gelernt.

Bei Breitenfeld traf König Gustav Adolfs Kriegsmacht endlich auf bas Kaiserliche Heer, bas ber gewaltige Tilly befehligte. Die Kaiserlichen waren zur Schlacht gestellt in wohlgeordneten Reihen und schwer bewaffnet. Das starrte von blanken Spießen und Hellebarden und Brust­panzern, bas blinkte unb glänzte in ber Septembersonne, als sollte der Sieg gleich diesem Blinken folgen. Die Schweden griffen nicht in breiter Front an, wie Tilly es sich erhofft, daß sie sich an seinem eifenftarrenben Heere verbluten sollten. Es begann ein tolles Schießen aus Büchsen unb Kanonen. Wo eine Kanonenkugel in bie bichtgeschlossenen kaiserlichen Reihen schlug, da fielen gleich zehn Mann um und blieben liegen.

Als die Büchsen alle einmal abgebrannt waren, setzten die schwedischen Fußknechte zum Angriff an. Sie suchten den Feind von der Seite zu fassen. Doch die Kaiserlichen standen wie Festungsmauern. Und die Schweden mußten zurück. Wieder und wieder flutete der Angriff vor doch immer noch blieben bie kaiserlichen Reihen fest geschlossen.

Viermal hatte der rote Sven seine Trommel bis vorn an den Feind getragen. Sein Arm war ihm lahm vom Trommeln. Seine Augen leuchteten immer wilder. Er hätte selbst dazwischenhauen mögen. ,^)aft dich gut gehalten, Sven", brummte der breite Karl neben ihm. Ein anderer gab ihm einen Schluck Schnaps aus seiner Flasche. Und alle waren sie stolz auf ihren Soldatenjungen.

Sven aber schrie sie an:3etzt habt ihr Zeit zu reden. Und da stehen die Kaiserlichen unbesiegt!"

Da flogen wieder Kommandos durch bie Reihen, ba schrien wieder die Hörner und brummten die Trommeln: Zum fünften Sturm! Manch einer von den Kriegsknechten machte ein böses Gesicht, dachte an schöne Tage in der Heimat. Der rote Sven lachte nur: Es ging ja an den Feind. Und er schlug auf feine Trommel, wild und ohne Takt. Ein großer Lärm ging an ihnen vorüber. Sven sah ein riesiges Roß unb einen großen, starken Mann barauf. Dessen helle Haare wehten frei. Auf seinem Gesicht stand ein Siegerlachen: Der König! Und hinter ihm die ausländilche Reiterei: Die Pferdeleiber glänzten weiß und schwarz und rostrot. Die Hufe trommelten den Boden, und Waffenklirren drang aus dem Staub.

Sven sah sich um. Er sah bie verwegenen Gesichter ber Stockholmer Fußknechte.Das sind Kerls unb der König!"

Der Sturmbefehl überschrie seine Gedanken. Er fing plötzlich an zu laufen. Dabei schlug er wie toll auf bas Trommelfell Hinter ihm fällten bie Männer ihre Spieße. Das sollte ein Hauen und Stechen werden!

Sven lief und trommelte und trommelte und lief. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung, und sein Atem ging stoßweise. Aber er lief gegen den Feind.

Dort, wo ber König mit seinen Reitern bie Bresche geschlagen hatte, dort trommelte er seine Stockholmer hinein. Die schlugen um sich und stachen wie besessen. Sie trieben die spanischen Garden auseinander. Und was nicht lief um fein Leben von den Kaiserlichen das wurde in die Hölle geschickt, da gab es feine Gnade.

Als die Schweden schweißtriefend und müde von dem harten Hand­werk die Walstatt absuchten, fanden sie auch den roten Sven. Ein Schlag hatte ihn mitten in die Stirn getroffen, so daß fein Haar noch roter war als sonst. Seine Hände hielten die Schlegel fest, und seine Trommel stand neben ihm.

Karl nahm ihn auf feine breiten Hände. Er legte ihn neben viele andere in bas große Soldatengrab. Dann sagte er:

Der hatte keine Furcht im Leben nicht und war doch erst zwölf Jahr!"

'verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, (Sieben.