Ausgabe 
8.5.1936
 
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Waldlied.

Von Gottfried Keller.

Arm in Arm und Kron an Kron steht der Eichenwald verschlungen, Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.

Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen, Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen. Kam es her in mächtgem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen. Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesslut gezogen. Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüsten. Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine, Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Hainei Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen; Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen. Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise. Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.

In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder, Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.

3Ro6infon in der Dichtung und in der Wirklichkeit.

Von Arthur von Riha.

Das Vorbild des Robinson.

Alexander S e l k i r k (Selcraig), siebenter Sohn eines Schuhmachers Im Dörfchen Largo (schottische Grafschaft Fise) entlief der väterlichen Lehre, fuhr als Leichtmatrose auf einer Hamburger Kogge, erlernte da die Steuermannskunst und schiffte sich im Frühjahr 1703 al- Naviga­tionsoffizier auf dem britischen KaperCinque Ports" ein. Bei einem Sturm im Stillen Ozean erlitt das Schiss Beschädigungen, Kapitän und Navigator gaben sich daran gegenseitig die Schuld und zerkrachten sich darüber so gründlich, daß Selkirk zornig seine Ausschiffung verlangte, als die Insel Mas-a-tierra in Sicht kam. Spalding, der Kapitän, ließ sich das nicht zweimal sagen und setzte ihn im September 1704 auf dem unbewohnten Eiland aus.

Mas-a-tierra (näher dem Festlande), Mas-a-suera (näher der Außen­seite) und Santa Clara bilden als Kegel eines unterseeischen erloschenen Vulkans die Inselgruppe Juan Fernandez, benannt nach ihrem Ent­decker, dem andalusischen Seefahrer, der 1572 Mas-a-tierra anlief und einige Ziegen und Katzen aussetzte. Gleichzeitig landete eine Anzahl feiner Schiffsratten, deren Nachkommen für Selkirk ebenso lästig werden sollten, wie ihm die Nachkommenschaft der Ziegen zugutekam. Die Insel­gruppe ist rund dreihundert Seemeilen vom südamerikanischen Festland entfernt und steht unter chilenischer Oberhoheit.

Bei seiner Aussetzung war Selkirk sechsundzwanzig Jahre alt. Er nahm seine Seemannskiste mit allen Habseligkeiten, Bettzeug, eine Flinte mit Munition, ein Feuerzeug, eine Axt, ein Matrosenmesser, einen Koch­kessel einige Vermessungsinstrumente, eine Bibel und einige Andachts- bllcher mit. Nach einem unfreiwilligen Aufenthalt von vier Jahren und vier Monaten wurde er am 1. Februar 1709 vom britischen Kaper Duke" gesichtet und an Bord genommen.

was der Robinson selbst erzählte.

Der Gerettete konnte sich nur noch in gebrochenem Englisch ver­ständlich machen. Er hatte die ganze Zeit mit keinem Menschen gespro­chen und fast seine Muttersprache verlernt. Kaum verständlich erzählte er dem Kapitän desDuke" sein Erlebnis. Die ersten acht Monate hatte er in schreckhafter Schwermut zugebracht. Tag für Tag faß er am Ufer und wartete auf ein Schiff, bis die Dunkelheit jeden Ausblick verbot. So wurde jeder Abend eine schwere Enttäuschung, die ihn nachts um so schlechter schlafen ließ, als ihn das Geheul gelandeter Robben mit 6nt= setzen erfüllte, weil er sie für dämonische Seeungeheuer hielt. Dadurch wurden seine Nerven so mitgenommen, daß er an Selbstmord zu denken begann und an Weinkrämpsen litt. Endlich gewöhnte er sich langsam an die furchtbaren Schrecken der Einsamkeit. Seine Lebensgeister erwachten. Er baute sich zwei Grashütten, eine als Schlafraum, die andere als Küche und Vorratsraum. Mit Lesen in den Andachtsbüchern, mit dem Beten und Singen von schottischen Psalmen stählte er seinen Mut. Er lebte von Schildkröten, Langusten, Wildziegenfleisch, Rüben und kleinen schwarzen Pflaumen, die er mühsam an den Felsenhängen pflücken müßte. Als ihm die Munition ausging, erreichte er im Barfußlaufen eine solche Geschwindigkeit, daß er die Wildziegen einfangen konnte. Aus ihrem Fell bereitete er sich die Kleidung, nachdem die mitgebrachte in Fetzen gegangen war. Zweimal entging er dem knappen Tod: Das eine Mal fiel er dreißig Meter tief in einen Felsengrund hinab, wo er mehrere Tage bewußtlos liegen blieb, und das andere Mal mußte er vor gelandeten Spaniern in das Jnselinnere flüchten, weil sie ihn für einen Schatzhüter hielten und verfolgten. Sie kamen unter dem Baum vorbei, in dessen Laubkrone er sich verborgen hatte, und horte er, roie sie über die Foltern berieten, mit denen sie ihn zur Bekanntgabe feines Schatzverstecks zwingen wollten, bevor sie ihn erschlugen. Seine schlimmsten Feinde waren die zahllosen Ratten, die ihn nachts in die Füße bissen, bis er sich einige wilde Katzen zähmte und damit die Bestien vertrieb.

Auf demDuke" erlernte Selkirk sein fast vergessenes Englisch wieder. Er blieb zwei Jahre acht Monate an Bord, bis das Schiff nach England heimkehrte, wo Kapitän Rogers 1712 ein Buch über feine Kaperfahrt veröffentlichte und darin die Geschichte Selkirks erzählte. Die angesehenste britische ZeitschriftEnglishman" schrieb darüber einen Artikel, und so wurde das Abenteuer Selkirks weit bekannt.

Der Dichter des Robinson.

Daniel D e f o e (1660 bis 1731) machte als Geschäftsmann zweimal bankrott, erfuhr als Politiker das unsichere Auf und Ab der Regierungs­und Volksgunst, machte mit dem Pranger und dem Gefängnis unlieb­same Bekanntschaft, wurde als Journalist wegen der Schärfe seiner Feder gehaßt und stand an der Schwelle der Sechzig, als ihn Selkirks Abenteuer zum Schreiben seines ersten Romans veranlaßte. Er nannte seinen Helden Robinson Crusoe, verlegte die Insel seines Aufent­halts an die Atlantikseite Südamerikas vor die Orinokomündung und erfand den Eingeborenen Freitag dazu. Er bezeichnete sein Werk jedoch nicht als Roman, sondern als wahre Geschichte, weil er als Fleischer­sohn selbst ein Kind des Volkes war und wußte, daß es lieber wirkliche Erlebnisse als wirklichkeitsferne Dichtungen hört. Mit seinem Abweichen vom ausgetretenen Literaturgeleise feiner Zeit hatte er jedoch bei den Verlegern wenig Glück. Er erhielt fein Manuskript immer wieder als unbrauchbar zurück, bis endlich ein kühner Verlagspionier 1719 die Her­ausgabe wagte. Es wurde ein Bombenerfolg. Defoes Buch wurde nicht nur in die Sprachen aller Kulturvölker, sondern auch in die klassischen und in die verschiedensten seltenen Sprachen (z. B. Maori, Malayisch, Sudanesisch, Arabisch, Bengalisch usw.) übersetzt. Außerdem entstand in allen Sprachen eine Flut von Robinsonaden Fünfzig Jahre später grub Rousseau den inzwischen vergessenenRobinson" Defoes wieder aus. Benjamin Franklin pries seinen erzieherischen Wert, und so ent­standen die Jugenderzählungen, von denen derRobinson der Jüngere" des deutschen Pädagogen Campe (Hamburg 1779/1805) der berühmteste wurde und den Ur-Robinson durch seine Auflagen und Uebersetzungen fast erreichte.

Robinson als Jahrmarklssensakion.

Selkirk hatte sich nach seiner Heimkehr in sein väterliches Dorf Largo zurückgezogen, wo er zwar eine Sehenswürdigkeit war, aber in ärmlichen Verhältnissen lebte. Da er keine rechte Lust zum Arbeiten hatte, saß er mit seinem Schwiegervater mehr in der Kneipe als daheim. Infolgedessen ging es den beiden schlecht, bis eines Tages eine elegante Kutsche im Dorfe einfuhr und vor dem armseligen Häuschen Selkirks hielt. Dem Wagen entflieg die Witwe eines schottischen Lords mit ihren zwei Knaben, die Defoes Buch gelesen hatten und den Helden des Aben­teuers selbst sehen wollten. Geschmeichelt legte Selkirk auf ihre Bitte die Ziegenfellkleidung seines Jnselaufenthaltes an und erklärte ihnen, wie er als Robinson gelebt hatte. Die Knaben hörten begeistert stundenlang zu, und beim Abschied schenkte ihre Mutter dem Abenteurer einige Gold­stücke. Der war verblüfft darüber, wie leicht sich da Geld verdienen ließ. Als echte Schotten waren er und fein Schwiegervater geschäftlich genügend talentiert, um jetzt zu erkennen, wie sich die Beliebtheit des Buches Defoes auch von ihnen in klingende Münze umsetzen ließ. Sie gründeten eine reisende Schaubude, mit der sie zuerst die Jahrmärkte in ganz Schottland und bann in England abgraften und schließlich nach London kamen. Am Eingang der Bude hingen Selkirks Personal­dokumente unter Glas und Rahmen, und drinnen berichtete er den Zu­hörern in voller Robinson-Ausrüstung (ein abenteuerlich ausge- schmücktes Erlebnis, wobei er sich klugerweise an die Darstellung Defoes hielt. Der erstaunliche Zulauf des Publikums übertraf die kühnsten Er­wartungen Selkirks, und nach 5 Jahren kehrte er mit feinem Schwieger­vater als wohlhabender Mann nach Largo heim, wo er feine Tage in behaglicher Beschaulichkeit beschloß. Sein Ziegenfellanzug und feine Flinte wurden noch 1806 in Largo bei feinem Urenkel, einem wohl­habenden Webermeister von einem englischen Zeitungsreporter gesehen.

Robinson ist in jeder Generation immer wieder aktuell, weil er ein Sinnbild für den menschlichen Kampf ums Dasein ist. Jedes Alter, jedes Volk und jede Zeit haben ihren Robinson.

Die Robinsoninsel heute.

Wegen ihrer Wildziegen war Mas-a-tierra durch die Jahrhunderte eine wertvolle Nahrungsquelle der Seeräuber, die im 18. Jahrhundert je nach ihrer Flagge die drei Nordbuchten der Insel als den spanischen, französischen und britischen Hafen benannten. 25 Kilometer lang, neun breit erreicht die Insel im Yunque über 900 Meter Höhe. Sie ist sehr waldig und hat mehrere Täler, die durch Frischwasserläufe befruchtet werden. Steile tiefrote Klippen erstrecken sich zwischen den drei Nord­häfen rings um die prachtvolle Cumberlandbai, in der Anfang 1915 ber deutsche KreuzerDresden" nach der Schlacht bei den Falkland- Jnseln von den drei britischen KreuzernGlasgow",Kent" undDrama" eingeschlossen und vollkommen manövrierunfähig, in Grund gebohrt roU5aS Klima von Mas-a-tierra ist zwar im Sommer regnerisch, aber roeaen feiner Gesundheit von Touristen feit dem Weltkrieg so gesucht, daß der Bau eines Kasinos (nach dem Muster Monte Carlos) geplant wird Bemerkenswert ist der große Reichtum an Langusten, von denen monatlich rund 6000 Stück nach dem südamerikanischen Festland geschickt werden. Die Begründung der Langusten-Großfischerei hängt übrigens auch mit einer Robinsonade zusammen. Im Jahre 1891 scheiterte der französische SeglerTelegraphe" bei einem schweren Sturm an den Klippen der Cumberlandbai. Bloß ein Mann der Besatzung, namens Charpentier, erreichte lebend das Ufer. Während er als unfrei­williger Robinlon auf eine Schiffsgelegenheit wartete, kam der deutsch­schweizerische Graf Alfred v. Rodt auf die Insel und erkannte, daß mit dem Langustenreichtum des Gewässers ein Geschäft zu machen war. Carpentier war als Fischer Fachmann, und deshalb schloß Rodt mit ihm eine Partnerschaft, aus der eine große FUchereigesettschast entstand. Die Langusten von Mas-a-tierra haben ein feineres Fleisch als die mit ihnen