Ausgabe 
8.5.1936
 
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Wie? Wenn man es so betrachtet, wo ist denn jemals ein Kind aus der Wiege gefallen und gleich daran gestorben?

Ja, merkwürdig. Das wundert den Wachtmeister auch. Hat der Knecht das Kind gesehen? Es war doch eigentlich ganz heil, oder wie? Nicht so ein bißchen rot um den Hals?

Fragst du mich aus sagt der Knecht und reißt die Augen auf. Ich weih nichts, sagt er. Ich verbrenne mir nicht das Maul, verstehst du?

Nun ja. Der Wachtmeister geht in die Stube, vielleicht bekommt er dort einen Schnaps von Christine. Er ist ein lustiger Mensch, gesprächig und immer zu einem Spatz aufgelegt. Christine müßte ihn doch kennen, sie brauchte nicht so zu erschrecken, wenn er sich nun unter die Tür stellt und aus seine Art grüßt, im Namen des Gesetzes! Aber sogleich fährt sie herum und wird weiß wie ein Tuch. Der Wachtmeister hält sich den Bauch vor Lachen, so gut ist ihm dieser Scherz noch nie gelungen, Christine! Hast du denn etwas gegen das Gesetz? .

Ach was, sagt Christine, steh du am Herd und laß dir so in den Rücken brüllen!

Gut, der Wachtmeister setzt sich an den Tisch, Christine schenkt ihm ruhig den Schnaps ein und verschüttet kaum einen Tropfen. Ja, beinahe besteht sie die Jungsernprobe. Deine Gesundheit! sagt der Wachtmeister. Christine hat so einen Zuspruch nötig, blaß und abgehärmt, wie sie ist. Ach Gott, ja, so ein Unglück, ein Verhängnis, könnte man sagen, denn wo in aller Welt fällt ein Kind aus der Wiege und stirbt auch gleich daran? Wie ging das nur zu? Kroch er heraus, mit feinen sechs Wochen, war es zu hoch gebettet, oder wie?

Vielleicht, Christine weiß es auch nicht. Sie schlief ja selbst.

So, sie schlief. Und dann starb es also?

Ja, starb. Nach einer Woche, es half nichts mehr.

Der Wachtmeister schweigt und wiegt bekümmert den Kopf, was soll man da zum Trost sagen? Es ist am besten, man spricht von anderen Dingen.

Ratten habt ihr, sagt der Wachtmeister nach einer Weile. Vorhin schlüpfte eine am hellen Tag aus dem Katzenloch. Das ist nicht gut, Christine, Ratten im Stall, tut ihr nichts dagegen?

Nun, man schlägt sie tot, was soll da sonst helfen?

Gift, zum Beispiel. Rattengift in Milch gekocht. Das wirkt langsam, Christine, aber sicher.

So? antwortet Christine nachlässig. Jaja, es gibt immer wieder etwas Neues. Schade um die Milch, meint sie, ein Holzschuh tut es auch. Wenn man nicht daneben trifft, Herr Wachtmeister! Noch einen Schnaps zum Abschied?

Nein, keinen mehr, der Wachtmeister hat noch einen weiten Weg.

Christine schaut ihm lange aus dem Fenster nach, wie er über den Zaun steigt und sich umsieht und dann doch den Weg ins Dorf einschlägt. Sie nimmt das Glas vom Tisch und schüttet den Rest des Branntweins in das Herdfeuer. Die Flamme schlägt ihr heiß und gierig entgegen, sinkt zusammen und erlischt.

Christine lächelt. Sie stellt das leere Glas wieder auf den Tisch zurück.

Später kommt der Bauer von der Alm nach Hause. Christine gibt ihm Brot und kühle Buttermilch für den Durst, es ist ein heißer Tag. Der Bauer betrachtet das Glas vor sich, er trinkt seine Milch und schweigt, lange Zeit.

Ist kein Brief gekommen? fragt er dann und rückt das Glas mit dem Finger. Der Frachtbrief für den Kunstdünger.

Nein, hat der Bauer Dünger bestellt? Uebrigens bringt der Wachtmeister feine Briefe, der kehrt auf Eck nur dem Schnaps zuliebe ein.

So, der Wachtmeister. Was meinst du, fagt der Bauer, fangen wir morgen mit dem Schneiden an?

Wann du willst, antwortet Christine gefügig, jeden Tag.

Ist es fo weit? denkt sie. Ein leeres Glas bringt dich zum Reden?

Ja, denn es ist hoher Sommer, die müßige Zeit zwischen Heumahd und Kornschnitt. Eine trockene Hitze flimmert über den Feldern, abends steigen Gewitter aus dem grauen Dunst, aber sie entladen sich nicht, wie schwerer Rauch eines ungeheuren Brandes ziehen die Wolken vorüber. Die Bäume schütteln durstig ihr Laub im spärlichen Wind, gelb flackert Feuerschein über den Himmel, und dann ist die Stille wieder da, es kommt kein Regen, nur ein paar Tropfen schlagen in den Staub.

Schwül ist auch die Nacht, man liegt auf dem Strohfack in der Kam­mer und kann nicht schlafen, ein junger Mensch, der spürt sein Blut in fo einer Nacht. Irgendwo stehen Pferde beisammen aus der Weide und stampfen und schnauben in der Dunkelheit. Var dem Fenster sprudelt der Brunnen, der Mann könnte hinausgehen und wenigstens seinen Arm ins Wasser tauchen, vielleicht Hülse das. Aber er kommt nur bis in den Hausflur, fetzt den nackten Fuß auf die erste Treppenstufe und horcht. Die zweite Stufe kracht, wieder eine, langsam, warte eine Weile! Oben öffnet sich die Tür, jemand steht im Hemd auf der Schwelle, und die Kerze brennt hinterwärts aus dem Tisch. Es ist ein verteufelt dünnes Hemd.

Wer geht da, flüstert es, du?

Ja, fei still! Der Mann hat etwas auf dem Gang gehört, einen fremden Schritt, ihm war fo.

Das sind die Katzen, geh schlafen!

Und dann wird die Tür ins Schloß gedrückt. Der Mann steht vor dieser Tür und streicht mit der Hand über das Holz, er ist rein verrückt.

Christine! sagt er leise, laß mit dir reden! Christine?

Die Hand sucht nach der Klinke und drückt sie nieder, aber die Klinke gibt nicht nach, sie wird von innen festgehalten Der Mann schnauft, er drückt die Tür mit Gewalt aus und stemmt fein Knie in den Spalt, die Dielen krachen, die Angel knirscht, oben in der Dachkammer hustet der Knecht. Geb schlafen, flüstert Christine noch einmal. Langsam lockt ihn der weiche Widerstand in die dunkle Kammer hinein ...

In dieser Nacht löst sich endlich der Regen vom Himmel und reinigt die Luft. Der Morgen ist wieder klar, Wind kommt aus dem Gedirg, nicht stetig, sondern in kurzen Stößen, wie frischer Atem nach einem

leugnen brauchte.

(Fortsetzung folgt.)

Trunk. Der Bauer geht zeitig in das Dorf, er will sich nach Schnittern umsehen.

Du könntest beim Pfarrer fragen, meinte Christine, dort werden am frühesten Leute frei. Sie sagte es, während Magd und Knecht bei der Schüssel saßen, vor den Dienstleuten gab sie ihm einen solchen Rat und sah ihm ruhig ins Gesicht. Ein wenig jünger war sie vielleicht an diesem Morgen, nicht mehr so blaß.

Gut, der Bauer spricht mit dem Pfarrer. Er besieht sich die Garben, wie es die Höflichkeit verlangt, entkörnt eine Aehre. in der Hand und lobt das Wetter. Wenn es so bleibt, werden sie morgen auch auf Eck mit dem Schneiden anfangen, der Bauer ist nach Leuten unterwegs.

So, fagt der Pfarrer, schneidet ihr auch schon? Es ist ein gutes Jahr. Dann kann ich dir den Peter schicken, Josefa auch, und David, der ist schon so gut wie ein Knecht.

Und weil bas alles eine fo freundliche Art hat, dieses Gespräch auf dem Feld und überhaupt der ganze Tag, blau und wolkenlos und sauber, darum will der Bauer wohl ein übriges tun und dem Pfarrer etwas zu Gefallen sagen.

Wenn wir fertig sind, sagt er in den Boden hinein, wenn der Pfarrer Zeit übrig hat, bann könnte er vielleicht einmal mit Christine kommen.

So, mit Christine. Das tu nur, antwortet ber Pfarrer schnell, mach bir keine Sorgen, was meine Zeit betrifft. Er freut sich offentunbig über biefe Nachricht. Seib ihr also einig? Siehst bu, ich badjte es mir. Der Abam, buchte ich immer, ber läßt sich nicht irre machen, habe ich recht? Der Pfarrer kennt Christine von Kinb auf, um einmal davon zu reben, sie war schon immer ein bißchen wild, verstehst du, sie braucht eine ruhige Hand. Ach ja, das Gerede, darum kümmere dich nicht. Es ist schon so, wie die Alten sagen, jeder kaust seine Frau dem Teufel ab.

Das meint der Pfarrer, beinahe redet er zuviel in feinem Eifer. Adam hat ja nur beiläufig von dieser Sache gesprochen, weil es sich gerade so traf, es eilt nicht damit. Uebrigens mutz er jetzt gehen, er will noch ein paar Sicheln kaufen.

Der Pfarrer schaut ihm nach, hat er nun etwas verdorben? Es ist schwer für den alten Mann, immer häufiger geschieht es, daß eines von seinen Pfarrkindern fo davongeht, er hat sein Bestes gesagt und alias Heilsame und Wahre in seinen Gedanken zusammen gesucht, und plötzlich wendet sich der Mensch von ihm ab, es ist nichts, es Hilst nicht, was der Pfarrer fagt. Er lieft wohl die Bedrängnis von den Gesichtern, die geheimnisvolle Schrift der Leidenschaften, aber es sind fremde Zeichen, er kann sie nicht mehr entziffern. Sein eigenes Blut ist längst zur Ruhe gekommen, gewissermaßen gleicht sein Herz einer Austragstube, da lebt er noch eine Weile allein, hält feinen geringen Hausrat in Ordnung und betrachtet die Welt aus dem Fenster. Und was er sieht, scheint ihm überaus einfach zu fein, er begreift gar nicht, warum die Welt fo voll Lärm und Unruhe ist, diese schöne und friedliche Welt Gottes vor dem Fenster. Kindlein, denkt der Pfarrer, liebt euch doch, liebet einander! Liebt auch eure Feinde, ihr werdet alle Brüder sein, wenn ihr das tut. Was ist es denn im Grund, was bewegt euch (o sehr? Seit vielen Jahren setzt sich der Pfarrer in den Beichtstuhl, und es sind immer die­selben Gebrechen, die er heilt, mit der Gnade des Herrn. Immer wieder fliegt auch der Same des Bösen zu, man muß geduldig fein, ein sorg­samer Gärtner, und die rechte Saat aus der Verstrickung lösen.

Aber wird Gott nicht einmal Rechenschaft von ihm verlangen? Sieh, wird er vielleicht sagen, bu bringst mir wenig Frucht. Du hättest tiefer pflügen fallen, schärfer jäten, du warst ein lässiger Gärtner. Habe ich dir nicht Gewalt gegeben, zu binden und zu lösen? Der Gott, dem Pater Johannes dient, würde vielleicht so mit ihm abrechnen, er ist der Herr der zehn Plagen in Aegypten, der immer schlug und schlug und zornig aus dem Feuer sprach. Der alte Pfarrer betet zu diesem Gott mit Scheu und kindlicher Furcht, er hat keine Zwttfel, aber manchmal denkt er, Gott fei vielleicht damals, zu Anfang der Zeit, noch härter gewesen, voll vom Eifer und von der jugendlichen Kraft des Schöpfers, er hatte ja noch nicht gelitten. Später sah er seine Welt milder an, er suhr nicht mehr in den Dornbusch, sondern wirkte im Brot, er schickte nicht aus, nach Gerechten zu suchen, sondern er verzieh den Sündern. Sein Altar raucht nicht mehr vom Blut der Opfertiere, er hat sich selbst zum Opfer gemacht als ein rechter König und Vater, unerschöpflich ist der Schatz feiner Gnaden, nie mehr erlischt uns bas Licht feiner Tröstungen.

Was können wir benn tun, benkt ber Pfarrer, Gutes ober Böses, daß ble Gröhe bes Herrn nicht himmelweit barüber wäre? Gibt es eine Sünbe, bis größer ist als Gott? Nein, bas kann ber Pfarrer nicht glauben. Jeben Morgen steht er am Altar unb verwanbelt bas Brot, unb ber Herr fügt sich willig in feine groben Hänbe. Der Pfarrer hebt ihn über sich, um ihm bas Volk zu zeigen. Schau beine Kinber an, flüstert er.

Da steht Agathe in ihrem Stuhl, aufrecht unb (alt, bie unbußferttge Krämerin. Seit vielen Jahren kommt fie nicht mehr zur Beichte, aber bafür finbet ber Pfarrer zuzeiten etwas in feinem Beichtstuhl, Windel- zeug für bie Kinber, Tabak ober eine Hanbvoll Kaffeebohnen für bie Alten im Armenhaus. Weit hinten, unter ber Säule hockt ber Roßknecht gleich dem Zöllner, er ist im Zuchthaus fromm geworben unb führt einen gerechten Wandel vor der Gemeinde, nicht wie ber Schuster neben ihm, für ben ber Pfarrer einen Zettel in ben Opserstock legen mußte: Lieber Schuster Matthias, Geben ist seliger benn Nehmen!

Anbere haben ben Kops voll von Wiberspruch unb Zweifel, ber Totengräber zum Beispiel. Unlängst kam er mit einem Buch in ben Pfarrhof, er hielt ben Finger unterwegs fest auf eine bestimmte Zeile gebrückt, unb ba ftanb es nun zu lesen: ber Mensch ist gar kein Mensch, fonbern er stammt vom Affen her. Was sagte ber Pfarrer bazu?

Gut, sagte ber Pfarrer. Wenn bas so ist, bann hast bu es immerhin weit gebracht. Aber ber Asse, mein Lieber, wer hat nun ben gemacht? Richtig, meinte ber Totengräber, davon steht hier nichts. Und dann ging er wieder und war zusrieden, weil er Gott nicht durchaus zu