Ausgabe 
7.8.1936
 
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3d) und du.

Von Friedrich Hebbel. Wir träumten voneinander und sind davon erwacht, wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume, auk deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor.

Aus einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerstießen in eins und rollen hinab in des Kelches Grund.

Ss 3ranöenbufg r Tor zum Sch .

Spaziergang durch das historische Berlin.

Von Herbert Günther.

Deutschlands Hauptstadt Berlin begrüßt die Gäste aus aller Welt in einem würdigen Empfangssaal: dem Pariser Platz. Das Brandenburger Tor in seinem Hintergrund, eins der edelsten Bauwerke Deutschlands und unvergleichlich in seinem preußischen Griechentum, führt noch heute un­mittelbar auf dieses einstigeQuarre" Friedrichs des Großen im Westen des historischen Stadtkerns. König Friedrich Wilhelm II., der Nachfolger desAlten Fritzen", ließ das Tor erbauen. So erstanden hier im Norden über leiten und Meere hinweg noch einmal die Formen der Propyläen der Akropolis von Athen. Derselbe Baumeister Langhans, der mit diesem Werk hellenische Klassik eingedeutscht hat, setzte zwei Kilometer östlich den Quaderbau der mittelalterlichen Marienkirche einen gotischen Turm von unwahrscheinlicher Eleganz auf. Zwischen Brandenburger Tor und Marienkirche liegt das geschichtliche und zugleich das repäsentatwe Berlin, das zunächst jeden Fremden anzieht.

Was könnte es einem leichter machen, diese Strecke hinzuschlendern als die breite, als olympischevia triumphalis festlich geschmückte Straße Unter den Linden", deren Mittelpromenade zum Spazieren verführt. Rechter Hand werfen wir einen Blick in die Wilhelmstraße, das deutsche Regierungsviertel. Ein schönes Adelspalais aus Barock und Rokoko war Heim und Arbeitsstätte des Reichspräsidenten von Hindenburg; heute dient es den Staatsempsängen des Führers. Gleich schlichte Häuser beherbergen die Ministerien und das Auswärtige Amt. In dem Arbeitsraum, dem Speisesaal des diplomatisch-reservierten Auswärtigen Amtes, wo Bismarck die berühmte Emser Depesche verfaßte, hatte einst vor ihm die ehemalige Tänzerin Barbarina des jungen Königs Friedrichs des Großen als Freiin von C o c c e j t Haus geführt. Zwei Jahrhunderte, zwei Welten. Heute hat das traditionelle Gesicht der Wilhelmstraße einen modernen Abschluß erhalten durch den schlichten Neubau der Reichskanzlei. Die Front ihrer Fenster wird nur unter­brochen durch den Balkon, von dem aus der Führer so ost die ihm huldigende Menge grüßt. Hier weitet sich die Wilhelmstraße zum Wil- helmplatz. Die Denkmäler friederizianischer Feldherren sind jetzt auf die Ostseite gerückt, die gesamte Fläche wird nunmehr lediglich durch den U-Bahn-Zugang unterbrochen. So kommt auch der schöne Bau des Propagandaministeriums wirkungsvoll zur Geltung.

Doch wenden wir uns wieder denLinden" zu. Bald hinter der Wilhelmstraße deuten Schilder mit dem weithin sichtbarenS" auf die HaltestelleUnter den Linden" der neuen Nordsüd-8-Bahn hin. Die jetzt zur Eröffnung gelangende Teilstrecke von hier bis zum Stettiner Bahn­hof ist das Olympia-Geschenk der Deutschen Reichsbahn.

Hinter der erneuertenLinden-Passage", einer überdachten Laden­straße quer durch einen Häuserblock, stehen wir schon an der welt­bekannten Kranzlerecke; zwar zäunt dieses vielgenannte Cafe feine wenigen Tische und Stühle auf dem Bürgersteig noch nach Biederrneier- art mit niedrigen Ketten und Pfählen ein, doch hängt man heute nicht mehr seine Beine darüber wie früher die Offiziere zur Zeit der Königin Luise... Die Kranzlerecke ist, wie vor 200 Jahren, Verkehrszentrum. Hier kreuzen sich Unter den Linden und Friedrichstraße. Reizvoll ifts, von der Cafe-Terrasse aus das bunte Leben zu betrachten...

Weiter geht's dieLinden" hinauf bis zum Denkmal Friedrichs des Großen, wo sie in einem geräumigen Platz, demForum Fridericianum", ihren großartigen Abschluß erhalten. Zwei markante Gebäude stehen on ihrem Ende: zur Rechten das bescheidene Palais Kaiser Wilhelms I., zur Linken der wuchtige Bau der Staatsbibliothek. Das Denkmal Friedrichs des Großen beherrscht das Ganze von hohem Postament. Ringsum ist jedes Gebäude ein Stück Geschichte, das so beglückt, wie ihr harmonischer Zusammenklang trotz verschiedenster Entstehungszeiten. Hier reitet Preußens größter König in würdig realistischem Abbild, drüben hinter dem Schloß Brandenburgs größter Kurfürst Friedrich Wilhelm, Inbegriff menschlicher Majestät durch Schlüters barocken Wurf: ihr Geist lebt in dielem Bezirk. Das Pferd des Fridericus-Denkmals Übrigens ein gewagter Guß aus einem Stück spürt keine Sporen (fein Reiter trug tatsächlich niemals welche), dem des Großen Kurfürsten fehlt ein Huf- °isen, und hieran schloß sich die Legende, sein Schöpfer habe sich deshalb in die Snree gestürzt (tatsächlich fiel Schlüter bei König Friedrich I. in Ungnade und starb zu Petersburg). Und noch eine zweite Sage knllpst sich an d"s Monument: Schlag zwölf in der Neujahrsnacht soll der Herrscher seinen Platz verlassen,'vor sich im Sattel seinen Schutzengel,

das Kind von Fehrbellin, das er während der siegreichen Schlacht gegen Schweden (1675) aus einem brennenden Haus rettete und sehen, was aus feiner Residenz geworden ist, eine Stunde lang, dann ist feine Zeit um, er erstarrt wieder zu Erz.

Zwei Hauptgebäude jenesForum Fridericianum liegen sich gegen­über: die Universität, ehemals Palais des Prinzen Heinrich, des Bruders Friedrichs des Großen, und das Staatliche Opernhaus das einzige Berliner Werk des Erbauers von Sanssouci, Wenzeslaus von Kno­belsdorfs. Auch die frühere Königliche Bibliothek, jetzt Aulagebäude der Hochschule, zieht den Blick auf sich; ihr wienerisches Rokoko gesellt sich anmutig zu den antiken Tempelformen ringsum. Die geschwungene Fassade erinnerte das Volk an Möbelsormen der Rokokozeit, und so nennt es den Bau bis heute einfachKommode". Von der runden St. Hedwigs-Kathedrale, die auf Wunsch Friedrichs II. nach dem Vor­bilde desPantheon" in Rom erbaut wurde, und deren patiniertes Kupferdach warm zwischen all dem Grau leuchtet, erzählt man eine hübsche Geschichte: Als die Katholiken Berlins um die Gewährung einer Kirche baten, trank der König gerade Kaffee, und befragt, wie sie aus- fehen solle, stülpte er einfach feine Taffe um:Sol" In der Gruft dieses Gotteshauses, das aus Liebesgaben des ganzen katholischen Europa errichtet worden ist, ruhen kurioserweife auch Protestanten, so z. B. der englische Botschafter White. Bescheiden schließt sich an dieKom­mode" mit ihren seltsamen Dachsiguren ohne Rücken das kleine Palais Kaiser Wilhelms I. an, auch innen ein bürgerliches Heim aus der Zeit um Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts. Das Eckfenster, den Linden" zu, ist feit dem Tode des Kaisers von einer weihen Gardine verhängt. Hier erschien der greise Monarch jeden Mittag um 12 Uhr und nahm die Wachtparade ab. Jenseits der Oper, am früheren Kron­prinzenpalais, das jetzt die neue Abteilung der Nationalgalerie birgt, findet sich ebenfalls ein sonderbares Fenster ohne Kreuz: König Friedrich Wilhelm III. liebte es, vom Arbeitszimmer aus dem Spiel seiner Töchter im Prinzessinnen-Palais zuzusehen und wollte sich darin durch kein Fensterkreuz stören lassen. Gegenüber zwei erhabene Stätten der Erinnerung: das soldatisch-schlichte Ehrenmal von großartiger Feierlichkeit, nur wenig umgestaltet aus der spartanisch-strengenNeuen Wache" des großen Berliner Architekten Schinkel, und das wuchtig- maßvolle barocke Zeughaus mit den kunstvollen Totenmasken von Schlüter.

Und nun öffnet sich jenseits der Spree der Lustgarten, umrahmt von Schloß, Dom und Museum. Der riesige Bau des Hohenzollern- schlosses zeigt den Stil des preußischen Barock, wie ihn der Baumeister Schlüter entwickelte. Kostbare Kunstsammlungen und architektonisch wie historisch bedeutsame Räume lohnen einen Besuch im Innern. Der ver­träumte Renaissance-Seitenflügel ist die ehemalige Apotheke. Der älteste Schloßteil an der Spree birgt denGrünen Hut", einen Turm aus dem 15. Jahrhundert, auf dessen Wendeltreppe die Weiße Frau des Hauses Hohenzollern unheildrohend spuken soll. Prachtvoll ist die Treppe im inneren Schloßhof: auf ihr kann man nicht nur gehen, sondern auch reiten ober fahren bis vor die Tür der Gemächer! Den Neptunsbrunnen vor der Südfassade hat die Stadt Berlin Kaiser Wilhelm II. zum Re­gierungsantritt geschenkt. Ursprünglich sah Neptun zum Schloß, aber er mußte umgedreht werden; denn das junge Kaiserpaar wollte sich nicht in die Fenster sehen lassen auch von keinem Wassergott!

Dieser Weg vom Brandenburger Tor zum Schloß sollte für jeden Berlin-Besucher einer der wichtigsten fein, aber nicht der einzige. Wieviel Merkwürdigkeiten warten noch darauf, betrachtet zu werden! Die nahe Petrikirche hat einen Turm und zwei Turmspitzen: ihre neue, eine der höchsten Berlins, und ihre alte im Keller des Nachbarhauses. Beim letzten Brande 1734 ist sie herabgefallen, hat ein Haus durchschlagen und ist dort liegengeblieben. Die dekorativen Kirchtürme des Französischen und des Deutschen Doms, rechts und links vom Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt, sind Attrappen; Friedrich den Großen freute lediglich die äußere Form. Dem einen Kuppelbau fehlen sogar die Uhrzeiger; angeblich sollten mit der Beendigung des einen Baues auch die Arbeiten am anderen eingestellt werden. Der Volksmund sagt auch, daß die beiden Baumeister eine Wette abgeschlossen hätten, wer zuerst fertig würde. Um das Anbringen der Uhrzeiger war der eine dem anderen voraus, und der Unterlegene habe sich vom Turm gestürzt. Zum Gedenken an diesen unglücklichen Ausgang habe man die Uhr für alle Zeit ohne Zeiger gelassen.

Ebenfalls im Raum zwischen Pariser Platz und Marienkirche steht in einer Seitenstraße, der Spandauer Straße, die gotische Heilige-Geist- Kapelle. Sie ist heute ein Hörsaal der mit ihrem Bau verbundenen Handelshochschule. So müssen sich die biblischen Gestalten, die auf alten Gemälden ihre Wände zieren, heute Vorlefungen über Nationalökonomie, Finanzwirtschaft und moderne Betriebslehre anhören...

In der Burgstraße, gegenüber dem Schloß, steht noch heute das HotelKönig von Portugal", der Schauplatz von Lessings Minna von Barnhelm" war. Auch Fritz Reuter, der ebenso wie Lessing zu den Gästen des Hotels gehörte, hat ihm ein Denkmal gesetzt. In seinerReis' nach Belligen" wird der goldbetreßte Portier des Hotels alsKönig ut Portulack in vollen Staat" bestaunt. Ueberhaupt die Wirtshäuser der Altstadt! Gegenüber dem Gymnasium zum Grauen Kloster, auf dem Otto von Bismarck die Bänke drückte, ladet der Klosterkeller" zu einem erfrischenden Glase ein. Er ist über 300- jährig neben dem idyllischen GasthofZum Nußbaum" in der Petristraße die älteste Gaststätte Berlins; schon der spätere Reichsgründer Bismarck hielt sich als flotter Primaner nicht ungern darin auf. Ebenso hat sich in Berlins ältestem Hause, Hoher tzteinweg 15, eine gemütliche Wirtschaft eingerichtet. Weinstuben in einem rätselhaften Kreuzgewölbe, unter dem sich bei einem guten Schoppen behaglich Sammlung finden läßt nach so vielen Eindrücken und Lust zu neuen Entdeckungen.

'verantwortlich; vr. HansThyrivt. Druck undDerlagtDrühl'scheU niversitäts-Buch-undSteindruckerei. D. Lange,Gießen.