Ausgabe 
7.12.1936
 
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GiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1956 Montag, den Z. Dezember Nummer 95

tausend Mark. Er hatte die Worte und Zahlen aufmerksam durchgelesen, schöne Versprechungen, wundersame Möglichkeiten. Er wird «s wagen! Für seinen Vater setzte er die Spargroschen aufs Spiel. Schon sah er sich glücklich vor ihm stehens Hier, Vater, bring die Sache im Spielwakön- geschäst in Ordnung, kauf den Laden! Ich habe in der Lotterie gewonnen ...

Nun, so weit war es ja noch nicht. Und wer weiß, ob es je so käme. Sorgenfalten standen auf seiner Stirn. Sicherlich tat die alte Frau Trockenhut nicht mehr lange mit. Schon recht schwach war sie auf den Beinen und wärmte sich die Nieren mit einem Katzenfell. Der Vater, der es vom Arzt wußte, hatte gesagt, sie sei recht anfällig, schonungsbedürftig. Manchmal täuschen sich auch Aerzte nicht, und so stimmte der Befund mit Klicks Beobachtungen überein: er hatte die Ladenbesitzerin schwer ächzen und schnaufen hören, als sie die Treppe hinauf ins Lager stieg. Eines Tages würde es mit dem Aufziehn des Federwerks vorbei sein, dann war es damit zu Ende. Und was hernach? Klick wagte nicht die Folgen auszudenken.

Oft ging er ihr zur Hand und nahm ihr mancherlei Griffe ab: er rückte für sie die Leiter an die hohen Lagergestelle und schob schwere Truhen, damit sie sich nicht zu bücken brauchte. Er sprang für sie auf den Speicher, wo die Holzwaren, die bemalten Körbchen, Spanschachteln und Schubkarren aufbewahrt wurden, säuberlich in braunes Packpapier eingepackt und mit Nummern und Einkaufspreisen in Geheimbuchstaben versehen, und er rannte auch in den Keller, wenn sie ihr vom Arzt verordnetes Mineralwasser trinken muhte. Dafür dankte sie ihm ab und zu mit einem kleinen Geschenk: er bekam beschädigtes oder zerbrochenes Spielzeug.

Um all dies nährte Klick insgeheim Sorge: um den Vater, Frau Trockenhut, das Geschäft und die zerbrochenen Spielwaren. Sollte er 'da nicht hin und wieder ein wenig in der Lotterie das Glück versuchen? Das letzte Los einer Kirchenbaulotterie hatte nicht gewonnen. Schlechter Anfang. Das konnte nur ein gutes Ende nehmen. Ueber diese Ent­täuschung war er hinaus. Man dars sich nicht entmutigen lassen.

Durch die winterliche Seestraße ging er, zwei Markstücke in der Faust, auf das Lotteriegeschäft zu. In der Auslage stand ein Glücksrad. Die Trommel mit den Glasscheiben war bis zu einem Drittel mit weißen Losröllchen gefüllt. Wohl an die tausend und mehr mochten es sein. Die zahlreichen Nieten waren mit den seltenen Gewinnen gemischt, die sich in der Röllchenmenge verloren wie Glasperlen im Sand. Er stellte sich vor, wie am Ziehungstage die Trommel rollte und wie die Röllchen darin rauschten, wie Glück und Pech aus der Trommel kamen. Nichts« und Zahlen, Enttäuschung und Freude.

Klick öffnete die Glastür des Geschäfts und trat in den Schalterraum. Seine zwei Markstücke klirrten auf die Zahlplatte.

Ich möchte zwei Lose der Zwingerbaulotterie", sagte er zu dem jungen Mann, der einen fein geschlungenen Binder trug. Der Angestellte reichte ihm einen Fächer von Losen zur Auswahl.Aber solche, die gewinnen!", setzte Klick seinen Worten hinzu.

Jedes zehnte Los gewinnt", sagte der junge Mann.Nimm zwei zehnte Lose!"

Neun muß ich auslassen, dachte Klick, das zehnte muß ich nehmen. Aber welche davon sindzehnte Lose"? Sie mochten in dem Losfacher nebeneinander stecken oder auch gar nicht darin enthalten sein. Wer merkt es ihnen an, daß sie das Glück mit seinem unsichtbaren Zeichen beschrieben hat? Klicks Augen überwanderten die Zahlen. Ernster Augen­blick. Waren es die richtigen Ziffern? Welche Lose mußte er zsthn? Zwei Mark standen auf dem Spiel und ein Sinn voll Hoffnung. Nicht länger gezaudert! Klick langte in den Fächer und zupfte zwei Lose heraus. Sie gehörten ihm. Hatte er damit auch das Glück am Zipfel erwischt?

Dreißiqtausend Mark war der Haupttreffer. Der wäre was für den Vater. Ein Schwindelgefühl regte sich in dem Loskäufer. Unwahrscheinlich , große Nummer! Ziehung Ende März.

Der junge Mann, der für spätere Losanpreisungen einen Kunden­stamm sammelte, schrieb die Losnummern in eine Liste, den Namen des Kunden Mikolaus Bodenweber' dazu, und Klick nahm feine Lose. Ehe er den Schalterraum verließ, rollte er die beiden Zettel zu blechiftdunnen Röllchen zusammen, wie sie ähnlich in der Glückstrommel >m Schau­fenster lagen, und steckte sie in seinen Safe: m die braune Wollmutze zwischen Futter und Stoff. In der Naht innen war em kleines, mit dem Finger gebohrtes Loch. Einen sichereren Aufbewahrungsort für dw Lofe gab es nicht. Er hatte die Mütze auf dem Kopf und immer bei sich. Mit kräftigem Ruck zog er sie über die Ohren.

Der Scknee trieb durch die Straße, auf dem Altmarkt wirbelte em weißer Sturm über die Autos und Taxi. Klick überlegte, ob er zu ferne.

Klick aus dem Spielzeugladen

Roman für das große und kleine Volk

Von Friedrich Schnack

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig

Klick aus der Freßgasse.

Eigentlich hieß der zwölfjährige Junge, der hübsche, nette Kerl aus der Webergasse in Dresden, Nikolaus; aber der Huftenonkeh der immer mit einem grünen Regenschirm ausging, auch bei schönem Wetter, hatte ihn Klick genannt, und dabei blieb es. Als nämlich Nikolaus vor Jahren zum erstenmal in die kleine Tierhandlung des Hustenonkels 'n der Weber- gasfe kam um sich nach dem Preis der Springmaus zu erkundigen, die freilich unerschwinglich blieb, schrie der rotbefrackte Papagei Ricka m einem fort:Klick! Klick! Klick!" ein Pagageienwort, das er zuvor nie im Schnabel geführt hatte, und nun nach dem Auftauchen des Jungen beständig hinausplärrte. Und deshalb nannte der Hustenonkel den Jungen kurzerhand: Klick. Nikolaus ließ sich den Namen anhangen --Hang er doch im Papageienfchnabel fast wie Gluck, und Gluck hatte Klick gern einmal gehabt. Sein alter Name gefiel ihm überdies nicht sonderlich. Wer hieß schon Nikolaus? Nikolaus, zu dem man sich einen langen weihen Bart umstellen konnte.

Glück hätte er gern gehabt, ein saftiges, vollfettes, kein abgerahmtes, wie städtische Magermilch. Oft genug hatte er sich im versucht. Aber das Glück, wenn es überhaupt noch eines gab m dieser zerschundenen und verkratzten Welt, schlug andere Wege ein, als Klick sie wußte und nahm, es schien den netten hübschen Jungen aus der Webergasse gar nicht zu kennen Er war wohl auch nicht dumm genug. Dummheit und Gluck wachsen auf einem Stück. Aber Klick war nicht dumm; er war em heller Junge, demnach nicht der wahre Nährboden für den Glückspilz und so hatte er eben auch kein Glück, wenigstens vorerst nicht Und doch wollte er es haben. Nicht etwa für sich. Ihm ging es gut, satt wurde er noch immer ab und zu gab es auch für kleine Botengänge ein Trinkgeld, und um Schlafen hatte er fein gutes Bett. Auch zählte er erst zwölf Jahre Glücks genug. Aber für feinen Vater hatte er gern einmal em wenig Glück gehabt. Ein kleiner Buchhalter mit wenig Verdienst und spärllcher Beschäftigung hat für einen Gluckszufall stets etwas übrig. Der konnte Glück brauchen.

Der Junge überlegte lange, auf welche Weist man heutzutage noch Glück haben konnte. Recht gering waren die Möglichkeiten. Die Welt war ausgeplündert, stak sie auch voller Ueberrafchungen, wie Krieg, Erd­beben Schiffsuntergangen und Autounglücken. Aber Gluck? Früher horte man hin und wieder von einem reichen Erbonkel aus Amerika Vater darüber in der Zeitung. Jene Onkels besaßen dicke Brieftaschen und Banknoten. Sie kamen über das große Wasser herüber zu ihren armen Verwandten, und wenn sie starben, vermachten sie ihnen schwindelerregende Summen, wie jenem armen Dienstmädchen von Prag, das über Rächt Dollarmillionärin wurde, weil ihr Onkel in Washingstm gestorben war. Nun brauchte sie nicht mehr die Dreckarbeit in der Schweinemetzgerei zu verrichten; einen Unternehmer kannst sie heiraten und zusehen, wie andere für sie arbeiteten. Das waren die Dollaronkels. Klick hatte keinen. Dann gab es noch kostbare Bilder, die auf Dachböden verstaubten und plötzlich als große Kunstwerke entdeckt wurden, sie machten ihren ahnungslosen Besitzer zum reichen Mann.

Ader Schwamm drüber! So war es einmal. Gestorben oder verkracht waren die Amerikaner, und die Bilder auf den Speichern waren nichts wert. Kein Mensch hätte einen Pfennig dafür gegeben, auch nicht für Die großen bunten Tafeln auf dem Speicher der Frau Trockenhut, in deren Spielzeuggeschäft der Vater die Buchhaltung führte. Es blieb nur eines: die Lotterst. Sie war der amerikanische Erbonkel und das verstaubst Malerbild in der Rumpelkammer. An sie mußte man sich halten.

Kleine Jungens sollten ja in der Lotterie besser nicht spielen. Klick wußte das. Aber er wollte ja nicht für sich spielen, sondern für den Vater. Wie lange noch dann machte vielleicht auch Frau Trockenhut den Laden zu, hatten sich doch nach und nach die meisten Türen geschlossen und öffneten sich nicht wieder. Die Kinder bekamen jetzt viel weniger Spiel- fachen geschenkt als früher. Das Geschäft ging schlecht. Frau Trockenhut hatte Sorgen, und der Vater mit ihr. Klick wußte davon. Wenn er motz in der Lotterie einen großen Gewinn erzielte! Mindestens zehnmal schon hotte er heute den Anschlag der Zwingevbaulotstrie durchgelesen. Em Los kostete eine Mark. Wer Glück hatte, gewann den ersten Preis von dreißig­