Lied.
Von Hermann Claudius.
Kleine leichte weihe Wolke — lächelnd gleitest du durchs Blaue. O wie gern ich nach dir schaue, kleine leichte weihe Wolke.
Sieh, du kannst mir nicht entrinnen: leise tret' ich vor die «Stufen meiner Seele, dich zu rufen, lieb« leichte weihe Wolke.
Und, du kommst und schaust hernieder. Und du nimmst mir lächelnd meine Schwere, so, als wär' ich eine kleine leichte weiße Wolke.
Olympische Erzählung.
Von Paul Gerhardt Dippel.
Alkinoos war ein Mensch, der sich gewahrt hatte, weil er wußte, was er wert ist. Er war jung wie alles Schöne, schön wie alles Junge. Und so war es nicht weiter verwunderlich, daß Parrhastos, sein Genosse, eine stille Verehrung für ihn hegte, wie sie der Jüngere dem Aelteren, der etwas bedeutet, als eine Selbstverständlichkeit zollt. Parrhastos war feit Tagen der Gast im Elternhaus des Alkinoos. Vor vielen Jahren hatten sich bereits die Eltern der beiden Kameraden Gastfreundschaft erwiesen. Es galt daher als gute Sitte, daß sich die Gastlichkeit des Hanfes auch auf die Söhne übertrug. Nachdem Parrhastos seinen Körper in Wochen harter und zäher Ausbildung für das heilige Wettkamp en gerüstet hatte, nahm er zum ersten Male an den Olympischen Spielen teil Da nun aber die Eltern des Alkinoos nicht unfern vom Olympischen Stadion wohnten, die Heimat der Parrhasios aber im tiefsten Süden Griechenlands lag und die Anstrengungen der beschwerlichen Reise groß waren, war es gut, daß er sich die letzten Tage in das elterliche Haus des Alkinoos begeben konnte. Es waren Stunden voll zähen Ringens und bedachten Zurüstens gewesen. Und die Vorbereitungen für die Kampftage hatten ihnen den Inhalt gegeben.
Heute kamen sie von Katalokon, dem Einfallshafen von Olympia, über die gewellten Hügel zum Stadion, zum Olympiatal. Die Lüfte zitterten. Sie hatten die Felder mit den lustig hüpfenden Ziegen hinter sich gelassen. Auch die Maulesel, die im Disteldickicht standen, hatten ihre Anteilnahme nicht erweckt. Zartbunte Häuser ragten aus dem weiten Gefilde hervor. Farbe um Farbe fügte sich zu einem Bilde, über das sich der Himmel in weichem Blau breitete. Hellster Tagesglanz leuchtete auf.
„Man sagt, daß bei euch nur 25 Tage des Jahres die Sonne umwölkt ist", sagte Parrhasios, dessen Augen die klare Schönheit tranken.
Wir hassen das Unwetter, wie wir das Dunkel und die Nacht verabscheuen", erwiderte Alkinoos, indem er Salzkuchen und Oliven aus den Falten seines Chitons zog. Er zerteilte beides sorgfältig und reichte die Hälfte dem Kampfgenossen.
Sie waren an einer Höhe angelangt, wo Pinien und Zypressen Wacht hielten. Am Saume eines Wäldchens lagerten sie sich tm Schatten eines Olivenbaumes. Sie zogen das leichte Gewand von der muskel- gestählten Brust und gaben Arme und Schultern der Sonne preis. Die Hand fuhr kräftig über die Haut, um sie mit Oel zu tränten. Eine violette Dunstschicht lagerte über der Hügelkette, gegen die Alkinoos setzt feine Hand hob. „Dors wohnen die Götter?", kam es von feinen Lippen. Varrhasios schwieg. Sein Auge umfing die Höhen und schneeigen Gipfel, die sich über dem Gelände türmten. Berge und Täler waren ruhig aneinanbergefügt. „Das ist also auch der Peleponnes!", sagte er, um ein Wort des Beifalls zu geben. Seine Stimme schwang in einem hohen 10,1 jst als ob wir die Götter in dieser Wunderlandschaft empfangen müßten!",'meinte Alkinoos. Aber Parrhasios wußte nichts zu sagen.
Die Luft war von leisem Singen erfüllt, als die beiden sich erhoben hatten. Sic bewegten sich dem breiten Talkessel zu. Hin und wieder hob einer von beiden eine Agave auf, die am Boden lag, um sie gemeinsam zu verspeisen. „Wie lange hältst du schon den Zwang der Speise- gesetze?", wollte Parrhasios wissen. „Es mögen etwa fünf volle Wochen fein." Alkinoos hatte den Arm um die Schulter des Jüngeren gelegt. „Wir wissen ja beide, daß solche harte Uebung, die jeder Ueppigkeit abhold ist, sich im Kampfe belohnt." Parrhasios nickte. Er dachte an den Siegerpreis, den sich Alkinoos in den letzten Olympischen Spielen vor vier Jahren geholt hatte. Nun verlangsamte sich ihr Schrittz Eine Wunderwelt tat sich auf. Parrhasios sah zum ersten Male das Tal, in dem er morgen auf der sandbedeckten rechteckigen Flache mit dem Pentathlon, dem Fünfkampf, beginnen wollte. Jetzt cs- oI? °° die Schlucht voll schöner Musik läge, als ob der Wind selbst zu einem Harfenspieler geworden sei. Ringsumher ruhten die Tempel mit den steinernen Bildern, die die Sterblichen in die Knie zwangen. „Man könnte hier ein Wunder erwarten", sagte Alkinoos andächtig, indem er den Marmorstein am Stadion, von dem aus die Läufer zum Schnellaus starteten, mit dem Blick streifte.
„Das Wunder sind wir doch selbst", entgegnete Parrhastos; und er umspannte mit der gebräunten Rechten die sehnige Wade des linken Beines, die sich in den Schnürungen der leichten Sandale vereng e
Als sie in das Riesenoval des Tales getreten waren, zeigte Alkinoos feinem Begleiter den großen Sockel, auf dem das geheimnisvolle Lud
der Hippodameia stand. Diese Statue ragte wie eine Sphinx, am die die Wagenlenker im Rennen ihre Pferde steuerten, und die schon so manchem von ihnen zum Verhängnis geworden war. Das Rennen begann, wenn die Nachmittagsfonne zum Stadion hin schräg stand. Alkinoos entsann sich des kampferfüllten Nachmittags vor vier Jahren, als ein Leuchten von den Augen dieser Hippodameia ausging. Um jeden Wagenlenker, der nur für eine Sekunde fein Gesicht geblendet abwandte, war es geschehen; dann zerschellten die Räder am Wendestein, und die Hufe der Ißferbe und andere Wagen gingen zermalmend über ihn fort. Die Brust des Alkinoos dehnte und spannte sich, als sich feine Gedanken auf den morgigen Tag richteten und um vier Jahre zurückwanderten.
„Warum ist den Frauen der Zutritt zum Tal und zu den Feierfpielen verboten?" Parrhasios dachte an feine Geliebte in der Heimat, die jetzt zu Haufe war ober heute mit ben Eltern im Weinberg mit ber Hacke arbeiten mochte. „Die Götter wollen es nicht!", entgegnete Alkinoos unwirsch, „du weißt, baß sie Unheiliges nicht bulben." Nicht mehr wollte er von bem naturgegebenen Gesetz dieses Tales, das die Geburtsstätte des Olympischen Gebankens war, preisgeben. Die Selbstbeherrschung forberte es. Uno ba ihm berweil bie Fragen bes fübgriechifchen Genoßen ein wenig lästig geworden waren, wandte er sich zum Hain, wo die Tempel lagen und zum Gebet und zur Einkehr einluden. „Wir wollen zu den Unsterblichen flehen und eine gute Weile unser Knie beugen", sagte Alkinoos. Sein Fuß schritt munter fort. Parrhasios hielt an. „Ich bleibe", trotzte er, „ich verachte es, mich vor den Göttern in den Staub zu ducken wenn ich morgen den Göttern gleich fein will." Sein Auge funkelte wild und hell. Wie du willst", entgegnete Alkinoos, „so bleibe hier und warte auf mich. Danach wollen wir zu Arxebes gehen, einem Freunde des Vaters. Er weiß viel aus alten Zeiten von den Spielen und Feierlichkeiten Olympias zu erzählen. Auch wird er uns einen Becher voll guten Wein reichen.
Während Alkinoos zum Tempel, der Gottheit herrlichen Wohnsitz, ging, verharrte Parrhasios. Er blieb im Geviert, und fein Blick hing an dem bunten Fries des Olympiatempels.
*
Es war ein großes Stillestehen des Lichtes, als sich der letzte Nachmittag der feierlichen Spiele von Olympia im letzten Leuchten sammelte und auch im Tale der Weihe noch keine Schatten stiegen. Noch einmal hatte die Schläfe des Alkinoos an der kühlen Säule tm Tempel geruht. In feine Knie war etwas von der Glut des uralten Tempelgesteins geriefelt, die hier waltete. Ihn grüßten der Hermes des Praxiteles und die gewaltige Nike. Derweil lag Parrhasios bei einem ßorbeergeftrupp auf dem nahen Anger, salbte und knetete die Muskeln und spurte die Fülle einer gottdurchströmten Jrdischkeit. Er kannte nicht die Segnungen des Göttlichen, das die Kämpfe und Kräfte schürt.
Weißer Kalkstaub lag in der Lust des Tales von Olympia aufgewirbelt durch das Rollen der Räder und das Stampfen der Hufe. Und viele Schiffe schaukelten draußen im Hasen des nahen blauen Meeres wo die Kugel- roölbung des Himmels in die Flut tauchte. Lärm dröhnte rings umher Die Lippen der jungen Kämpfer spalteten sich im Lachen. Das war Kampftag! Das war die Tat, die Frucht glühender Traume. Göttliche Gesundheit und reinigende Kraft leuchtet aus all diesen biegsamen Körpern. Großes Getöse erscholl weithin. Waffenklirren und Rostermehern Hangen ineinander, und die befehlende Stimme des Kampfwachters untermifcfjte sich mit dem ungeduldigen Scharren der Hufe.
Als Parrhasios, der den Pentathlon eben feierlich beendet hatte, auf Alkinoos stieß, war lautes Jauchzen in ihren Worten. 2llftnoos faf) bas herz bes Parrhastos im schnellen Auf zucken ber Halsadern deutlich pochen. Auch Alkinoos batte das gefährliche Wagenrennen mit einem unbestrittenen Siege abgeschlossen. Und beide hielten als Siegespreis des Kampfes den schlichten Oelbaumzweig in der Hand. Der alltägliche Freudengruh „Chaire!", den jeder zu jeder Zeit mit feinem Landsmann tauscht, gewann ein Helles Flackern in ihrem Munde.
„Wollen wir jetzt zu den Altären gehen und zu den Göttern treten, daß wir uns ihnen gleich und ähnlich fühlen?", jubelte Parrhastos.
Wir wollen zu den Altären gehen. Gewiß, du und ich, Parrhastos! , antwortete Alkinoos mit gütiger Bestimmtheit, „aber nicht, um uns bet ihnen zu rühmen, sondern um ihnen zu danken! — Parrhastos stutzte zuerst, aber dann fügte sich fein Schritt zu dem Schritt des Sameraben, ber bem Haine zuging. Sollte in ber kühlen Tempelhalle ber Kampf noch
2l(s Parrhasios mit Alkinoos Arm in Arm wie Freunbe bk Treppen- ftufen bes Tempelhauses hinabschritten, waren ihre W°rte gedampft und vertraut. In ihnen beiben fang bie Gewißheit, baß bte ©otter ben ßeib heiligen, wenn sie bie Hüter ber Menschen bleiben. „Wie leicht mochten wir bie Gleichorbnung ber Dinge verlernen, wie leicht konnten Leib unb Seele bie im Schaße bes Göttlichen ruhen, ausemanbergezerrt werben, würben wir zu Freunben ber Götter", sagte Alkinoos besorgt und stolz Es war als ob er ein Geheimnis in fernen Worten hege. — „Aber mir sind doch die Lieblinge der Gottheit!" Parrhasios betrachtete feinen Oel- >weig ben er feiner (Beliebten zeigen wollte. — „Wir ftnb bie Lieb mge ber Gottheit nur so lange", entgegnete Alkinoos, „als wir bie heiligen Gesetze nicht verletzen, nach benen unser Leben läuft. Sonst zerstören wir ihr Sinnbilb: uns selbst." .... .
Die letzten Worte ertranken beinahe in bem Tumult unb Lärm ber Menge, bie bas ganze Tal erfüllte. Parrhasios war es auf einmal, als ob biefes Tal, an besten Raube ber Sitz ber Götter war, mit bem Walten her hohen Gesetze, von benen Alkinoos eben gesprochen hatte, unzerreißbar verbunben sei. Die Worte bes Alkinoos hatten sich in feiner Seele aufgelöst, wie ein Tropfen Wein in einer Schale Masters verschwimmt unb bie Nüchternheit verschlingt mit ber Süße eines starken Iraums.
211s ber Abenb gekommen war. funkelte der Wem in den V-wern der beiden wie ber Schein eines mystischen Rubins. Parrhasios uns Nkmoos badeten ihr Antlitz im Selbe ber Untergebenen Sonne. Unb sie neigten ihre Becher zueinander unb fpenbeten ben Göttern viel Wnn indem sie ihn auf den durstigen Boden goffen.


