Ausgabe 
7.8.1936
 
Einzelbild herunterladen

benutzte; denn er hatte weder Tisch noch Stuhl; von Zeit zu Zeit stand er aus und warf einen Blick in den Garten des Hauses mit den grünen Läden; aber die Fenster blieben nach wie vor geschlossen und der Garten leer.

Erst spät am Abend ereignete sich etwas, das seine fortgesetzte Auf­merksamkeit belohnte. Zwischen neun und zehn Uhr weckte der scharfe Klang einer Klingel ihn aus einem leichten Schlummer, in den er gesunken war; er sprang an seinen Beobachtungsposten und kam noch zur rechten Zeit, um zu hören, wie mit großem Geräusch Schlösser geöffnet und Riegel zurückgeschoben wurden. Dann sah er Herrn Van- deleur, in einem wallenden Talar von schwarzem Sammet mit gleichem Käppchen, eine Laterne in der Hand, aus der Veranda herauskommen und gemächlich nach der Gartenpforte zu gehen. Das Klirren von Schlössern und Riegeln wiederholte sich, und einen Augenblick später sah Francis in dem hüpfenden Licht der Laterne den Diktator, wie er ein Individuum von sehr gemeinem Aussehen in sein Haus führte.

Eine halbe Stunde nachher wurde der Besucher wieder bis an die Straße begleitet; Herr Vandeleur setzte seine Laterne auf einen der Gartentische und rauchte unter dem Kastanienbaum nachdenklich seine Zigarre zu Ende. Francis konnte alle seine Bewegungen genau beobach­ten: wie er die Asche abstreiste oder lange Züge an der Zigarre tat; er bemerkte eine Wolke auf der Stirn des alten Mannes und ein starkes Zucken der Lippen, das auf ein angestrengtes und wahrscheinlich schmerz­liches Nachdenken schließen ließ.

Die Zigarre war schon fast aufgeraucht, als plötzlich die Stimme eines jungen Mädchens aus dem Innern des Hauses ihm zurief, es fei zehn Uhr.

Ich komme sofort", antwortete John Vandeleur.

Mit diesen Worten warf er den Zigarrenstummel weg, griff nach seiner Laterne und verschwand für diese Nacht in der Veranda. Sobald die Tür geschlossen war, lag das Haus wieder in vollständiger Dunkel­heit. So angestrengt Francis auch hinblickte, konnte er auch nicht einmal einen einzigen Lichtschimmer an einer Ritze der Fensterläden bemerken; er zog daraus den sehr verständigen Schluß, daß die Schlafzimmer sich sämtlich auf der anderen Seite des Hauses befänden.

In der Frühe des nächsten Morgens denn er war schon zeitig auf den Beinen, nachdem er eine unbequeme Nacht auf dem Fußboden ver­bracht hatte sah er sich veranlaßt, diesen Schluß wieder umzustoßen. Die grünen Läden wurden einer nach dem anderen aufgezogen, offenbar vermittels einer Vorrichtung, die sich im Inneren der Zimmer befand, und unter ihnen tarnen eiserne Läden zum Vorschein, wie man sie für Schaufenster benutzt. Diese wurden ebenfalls in die Höhe gezogen und dann etwa eine Stunde lang die Zimmer gelüftet. Nach Ablauf dieser Zeit schloß der alte Vandeleur mit eigener Hand die eisernen Läden und ließ dann die grünen Läden wieder herunter.

Während Francis sich noch über diese Vorsichtsmaßregeln wunderte, ging die Tür auf; ein junges Mädchen trat heraus und sah sich im Garten um. Es dauerte keine zwei Minuten, bis sie wieder in das Haus ging; aber auch in diesem kurzen Augenblick sah er genug, um überzeugt zu sein, daß sie eine ungewöhnlich reizende Erscheinung war.

Dieser Vorfall erregte nicht nur seine Neugier in hohem Maße, sondern erfüllte ihn auch mit einer freudigen Erwartung. Die beunruhigenden Manieren und die mehr als zweifelhafte Lebensweise seines iöaters bekümmerten ihn nicht mehr; von diesem Augenblick an schloß er sich mit leidenschaftlicher Liebe seiner neuen Familie an; einerlei, ob die junge Same seine Schwester oder seine zukünftige Gattin wäre er war auf alle Fälle überzeugt, daß sie ein Engel in Menschengestalt wäre. Diese Ueberzeugung war so stark, daß ihn ein plötzliches Entsetzen ergriff, als er darüber nachdachte, wie wenig er in Wirklichkeit wüßte, und wie leicht es möglich wäre, daß er gar nicht den Richtigen verfolgt hätte, als er dem alten Herrn Vandeleur nachgegangen war.

Der Hausmeister, den er auszufragen suchte, konnte ihm nur wenig Mitteilen; aber auch diese geringe Auskunft hatte etwas Geheimnisvolles. Der Herr im Nebenhaufe fei ein außerordentlich reicher Engländer, der in feinen Gewohnheiten und Neigungen ebenso exzentrisch fei. Er besitze große Sammlungen, die er in feinem eigenen Hause aufbewahre, und um diese zu sichern, habe er seine Wohnung mit den eisernen Läden, den grünen Holzläden und den eisernen Spitzen auf der Gartenmauer ver­sehen. Er lebe sehr einsam, obgleich zuweilen sonderbare Besucher kämen, mit denen er dem Anschein nach Geschäfte mache: und in dem Hause befinde sich außer ihm und Mademoiselle kein anderer Mensch als eine alte Dienerin.

Ist Mademoiselle seine Tochter?", fragte Francis.

Freilich. Mademoiselle ist die Tochter des Hauses, und es ist sehr ausfallend, wie sie arbeiten muß. Obgleich der Herr so reich ist, muß sie selber die Einkäufe besorgen, und Sie können sie an jedem Wochentage, mit einem Marktkorb am Arm, hier vorübergehen sehen."

Und die Sammlungen?"

0 mein lieber Herr! Die sind unermeßlich wertvoll! Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Seitdem Herr de Vandeleur in das Haus eingezogen ist, hat kein Mensch aus unserem Stadtviertel die Schwelle überfchritten."

Wenn das auch nicht der Fall ist", bemerkte Francis,so müssen Sie doch gewiß einigermaßen wissen, was diese berühmten Kunstsammlungen enthalten. Sind es Bilder, seidene Stoffe, Statuen, Juwelen ober was sonst

Meiner Seel!", sagte der Mann mit einem Achselzucken,es könnten Mohrrüben fein ich kann Ihnen das nicht sagen. Woher sollte ich das wissen? Das Haus wird, wie Sie bemerkten, gleich einer Festung bewacht."

Aber als Francis, sehr enttäuscht, wieder aus dem Zimmer gehen wollte, rief der Hausmeister ihn zurück und sagte:

Etwas ist mir noch eingefallen, mein Herr! Herr de Vandeleur ist in allen Weltteilen gewesen, und ich hörte mal die alte Frau behaupten, er habe viele Diamanten mitgebracht. Wenn das wahr ist, muh hinter diesen eisernen Läden eine schöne Ausstellung zu sehen sein."

Am Sonntagabend saß Francis schon früh auf seinem Platz im Theater. Der Sitzplatz, der für ihn ausgewählt worden war, befand sich nur zwei ober brei Nummern von bem Gang zur Linken unb einer ber Parkettlogen unmittelbar gegenüber. Da ber Platz befonbers ausgesucht worben war, so ließen sich ohne Zweifel aus feiner Lage einige Schlüffe ziehen, unb fein Instinkt sagte bem jungen Mann, baß bie Loge zu feiner Rechten in irgenbeiner Beziehung zu bem Drama stehe, in welchem er unwissentlich eine Rolle spiele. Diese Loge lag nämlich so, baß ihre Insassen, wenn sie Lust hatten, ihn vom Anfang bis zum Ende des Stückes bequem beobarMen konnten, während sie selber sich nur zurückzusetzen brauchten, um or Gegenbeobachtung seinerseits gesichert zu sein. Er nahm sich vor, die Loge nicht einen Moment aus dem Auge zu lassen, und während er sich im Zuschauerraum umsah ober scheinbar bie Vorgänge auf ber Bühne ver­folgte, sah er aus ber Augenecke beständig in bie leere Loge.

Der zweite Akt näherte sich bereits feinem Enbe, als bie Tür ber Loge geöffnet mürbe, zwei Personen eintraten unb sich in ben buntelften Schatten setzten. Francis konnte kaum seine Aufregung bemeiftern. Es waren Herr Vanbeleur unb seine Tochter. Das Blut schoß ihm mit betäubender Geschwinbigkeit durch bie Adern; es sauste ihm in den Ohren und schwamm ihm vor den Augen. Er durfte sich nicht umsehen, um feinen Verdacht zu erregen. Der Theaterzettel, den er immer wieder vom ersten bis zum letzten Buchstaben las, erschien seinen Augen in roter Farbe, und als er einen Blick auf die Bühne warf, sah er diese wie in unendlich weiter Ferne, unb bie Stimmen unb Oebärben der Schauspieler tarnen ihm höchst albern unb lächerlich vor.

Von Zeit zu Zeit wagte er einen schnellen Blick in bie Richtung, bie ihn vor allen Dingen interessierte, unb wenigstens einmal war er über­zeugt, baß feine Augen benen bes jungen Mäbchens begegneten. Es gab ihm einen Stoß burch ben ganzen Körper, unb er fah alle sieben Farben bes fRegenbogens. Was hätte er nicht barum gegeben, wenn er hätte anhören tonnen, was bie Vanbeleurs untereinanber sprachen; was hätte er nicht barum gegeben, wenn er soviel Mut gehabt hätte, sein Opernglas zu nehmen unb ihre Haltung und ben Ausbruck ihrer Züge zu mustern? Dort würbe, soviel er wußte, über sein ganzes Leben entschieben unb er bürste fein Wort bazu sagen, tonnte nicht einmal hören, was gesprochen würbe, unb mußte in ohnmächtiger Aufregung still auf feinem Platz sitzen unb alles geschehen lassen.

Enblich war ber Akt zu (Enbe. Der Vorhang fiel, unb die Zuschauer rings um ihn herum begannen, ber Pause wegen, ihre Plätze zu ver­lassen. Es war nur natürlich, baß er ihrem Beispiel folgte; unb wenn er bies tat, war es nicht nur natürlich, fonbern notroenbig, baß er unmittelbar an ber bewußten Loge vorüberging. Allen feinen Mut aufbietenb, aber mit niebergeschlagenen Augen, näherte Francis sich ber Stelle. Er kam sehr langsam vorwärts; benn sein Vorbermann, ein alter Herr, ging unglaublich langsam unb schnaufte sortwährenb. Was sollte er tun? Sollte er im Vorbeigehen bie Sßanbeleurs bei ihrem Namen anreben? Sollte er bie Blume aus seinem Knopfloch nehmen unb in bie Loge werfen? Sollte er sein Antlitz erheben unb einen langen, zärtlichen Blick ber Dame zusenden, die entweder seine Schwester ober seine Braut war?

Währenb er im Wiberstreit biefer Gefühle langsam norroärtsging, sah er wie eine Vision sein früheres, friebliches Dasein als Bankbeamter, und empfand eine gewisse Sehnsucht nach der Vergangenheit.

Mittlerweile war er bei ber Loge angekommen; unb obgleich er immer noch unentschlossen war, was er tun sollte, ob er Überhaupt etwas tun sollte, roanbte er ben Kopf zur Seite und schlug die Augen auf. Kaum hatte er dies getan, so stieß er einen Ruf der Enttäuschung aus unb blieb wie festgewurzelt stehen. Die Loge war teer. Währenb er so langsam vorwärts gekommen war, hatten Herr Vanbeleur unb seine Tochter bie Loge verlassen.

Ein Herr hinter ihm machte ihn höflich barauf aufmerksam, daß er ben Weg versperre; mechanisch ging er weiter und ließ sich in dem Gedränge widerstandslos aus dem Theater mitsühren. Als er auf ber Straße ftanb unb bas Gebränge aufhörte, gab bie kühle Abendluft ihm sofort seine Denkkraft zurück. Er fand zu feiner Ueberraschung, daß er heftige Kopfschmerzen hatte und bah ihm von ben beiben Akten, bie er angehört hatte, fein Wort im Gebächtnis zurückgeblieben war. Der Aufregung, in ber er sich befunben hatte, folgte ein bringenbes Schlaf- bebürfnis; er rief eine Droschke an unb suhr, vollkommen erschöpft unb bes Lebens überdrüssig, nach feiner Wohnung.

Am nächsten Morgen legte er sich auf bie Lauer, u... Fräulein Van­deleur auf ihrem Gang nach dem Markt zu sehen, und als es acht Uhr schlug, sah er sie die Gasse hinunterkommen. Sie war einfach, ja sogar ärmlich gekleidet; aber in ber Haltung ihres Kopses unb Körpers war etwas Ebles, bas auch bie geringste Kleibung hätte vornehm erscheinen lasten. Sogar ihr Marktkorb erschien als ein Schmuck ihrer Person, so zierlich wußte sie ihn zu tragen.

Francis trat in einen Torweg unb hatte ein Gefühl, wie wenn vor ihren Schritten die Schatten entfliehen unb Heller Sonnenschein ihr folgte; unb es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, baß in einem Käfig an einem Fenster über ihm ein Vogel sang.

C?r ließ sie an sich vorübergehen, trat bann aus seinem Versteck hervor unb rief von hintenher ihren Namen:

Fräulein Vanbeleur!"

Sie brehte sich um unb wurde totenblaß, als sie sah, wer er war.

Verzeihen Sie mir", fuhr er fort;der Himmel ist mein Zeuge, baß ich nicht bie Absicht habe, Sie zu beunruhigen; unb es braucht Sie in ber Tat nicht zu beunruhigen, baß Sie einem Menschen gegenüber» stehen, ber es so gut mit Ihnen meint, wie ich. Unb glauben Sie mir: ich hanble mehr aus Notwenbigkeit als aus freier Wahl. Wir haben manches miteinanber gemein, aber ich tappe vollständig im Dunklen. Es gibt vieles, was ich tun sollte, unb mir finb bie Hänbe gebunben. Ich weiß nicht einmal, wie ich fühlen müßte, wer mein Freunb unb wer mein Feinb ist."

(Fortsetzung folgt.)