Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 60
Zreitag. den Z. August
Jahrgang 1956
„Es steht Ihnen gar nicht gut, mir zu drohen! Das kann ein anderer auch! Mein Bruder ist hier in Paris; die Polizei ist auf der Jagd, und wenn Sie dabei beharren, mich mit Ihren Klageliedern anzuöden, so will ich Ihnen auch eine kleine Ueberraschung bereiten, Herr Rolles. Aber meine Ueberraschung werden Sie einmal erleben, und dann wird s aus sein. Verstehen Sie mich? Jedes Ding hat mal ein Ende, und Sie haben es dahin gebracht, daß jetzt meine Geduld zu Ende ist. Dienstag um sieben Uhr; nicht einen Tag, nicht eine Stunde früher! Nicht den kleinsten Bruchteil einer Sekunde früher — und wenn es darum ginge, Ihr Leben zu retten! Und wenn es Ihnen nicht paßt, folange zu warten, so mögen Sie meinetwegen zur Hölle fahren, wo sie am tiessten ist — tnir ist es Wurst!"
Mit diesen Worten stand der Diktator von der Bank auf und ging in der Richtung nach dem Montmartre davon, indem er mit wütendem Gesicht den Kopf schüttelte und mit dem Spazierstock in der Luft herumfuchtelte. Sein Begleiter dagegen blieb in einer Haltung, wie wenn er ganz verzweifelt wäre, auf seiner Bank sitzen.
Francis Scrymgeour war vor Erstaunen und Entsetzen außer sich. Seine Geiühle hatten einen furchtbaren Stoß bekommen. Die hoffnungsvolle Kindesliebe, in der er sich auf die Bank gesetzt hatte, hatte sich n Abscheu und Verzweiflung verwandelt. Der alte Scrymgeour war ein viel freundlicherer und achtungswerterer Vater als dieser gefährliche und leidenschaftliche Intrigant. Aber Francis verlor seine Geistesgegenwart nicht und zögerte keinen Augenblick, der Spur des Diktators nach- ^ZDieser Herr lief in seiner Wut mit schnellen Schritten davon und war mit seinen zornigen Gedanken so vollständig beschäftigt, daß er sich auch nicht ein einziges Mal umsah, bis er vor seiner eigenen Tur stand.
Das Haus stand hoch oben in der Rue Sepie, von wo man eine Aussicht über ganz Paris hat und die reine Lust der Höhe atmet. Es war zwei Stockwerke hoch, mit grüngemalten hölzernen Fensterladen, und alle aus die Straße hinausgehenden Fenster waren dicht geschlossen. Baumwipfel erhoben sich über die hohe Gartenmauer, und diese selbst war durch eiserne Spitzen geschützt. Der Diktator blieb einen Augenblick stehen und suchte in der Tasche nach seinem Schlussel; hierauf öffnete er eine Pforte in der Mauer und verschwand.
Francis sah sich um. Die Gegend war sehr einsam; das Haus lag ganz für sich allein in seinem Garten. Es sah so aus, wie wenn seine Beobachtungen hier plötzlich zu Ende wären. Ein zweiter Umblick zeigte ihm jedoch gleich nebenan ein großes Haus, dessen Giebel nach dem Garten zu lag; und in diesem Giebel befand sich ein einzelnes Fenster.
Er begab sich nach diesem Hause hin und sah einen Aushangzettel, daß unmöblierte Zimmer monatsweise zu vermieten seien; als er sich erkundigte, stellte sich heraus, daß auch das Zimmer mit der Aussicht auf den Garten des Diktators zu vermieten war. Francis besann sich keinen Augenblick; er nahm das Zimmer, machte eine Anzahlung auf bie Miete und kehrte nach seinem Gasthof zurück, um sein Gepäck zu I,Ot2)er alte Herr mit dem Säbelschmiß war vielleicht sein Vater, vielleicht auch nicht- er war vielleicht auf der richtigen Spur, vielleicht auch nicht. Soviel aber war gewiß: er sah sich einem sehr aufregenden Geheimnis gegenüber, und er nahm sich vor, in seiner Beobachtung keinen Augenblick zu ermüden, bis er dieses Geheimnis vollständig ergründet hätte.
Das Fenster seiner neuen Wohnung gewährte dem jungen Scrym- qeour einen vollständigen Ueberblick über den Garten des Hauses mit den grünen Läden. Unmittelbar unter ihm beschattete ein sehr hübscher Kastanienbaum mit dichtem Laub ein paar Holztische, an denen man im Hochsommer speisen konnte. Dichter Graswuchs bedeckte überall den Boden- nur auf der einen Seite, zwischen den Tischen und dem Hause, sah er einen Kiesweg, der von der Veranda bis zur Gartenpforte ^Francis spähte durch die Latten der venezianischen Fensterläden hindurch die er nicht öffnen durste, um nicht bemerkt zu werden; er beobachtete nur wenig, was einen Schluß auf die Gewohnheiten der Haus- insasien zuließ, und aus diesem wenigen ging nur hervor, daß es Leute waren, die sehr abgeschlossen lebten und die Einsamkeit liebten.
Der Garten erinnerte mit feiner Mauer an einen Klostergarten, das fiau« sah wie ein Gefängnis aus. Die grünen Fensterläden der Außenseite waren sämtlich geschlossen; die Tür, die in die Veranda führte, ebenfalls- der Garten, soweit er ihn übersetzen konnte, lag vollkommen einsam im Abendsonnenschein. Nur ein dünner Rauchfaden, der aus dem einen Schornstein ausstieg, bekundete die Anwesenheit lebender 932eUminirf)t ganz untätig zu sein, und zugleich seiner Lebensweise einen gewissen äußeren Anstrich zu geben, hatte Francis eine französische U-b-rsetzung von Euklids Lehrbuch der Geometrie gekauft. Dieses: ub-- s-chte er ins Englische und übertrug die Zeichnungen, indem er sich r'-
I den Fußboden gegen die Wand setzte und seinen Kofser als Schreioti.ch
Dee Diamant öes Raöschah
von Robert Louis Stevenson
Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München
5. Fortsetzung.
Schließlich kam der Samstag heran und er begab sich an den Kassenschalter des Theaters in der Rue Richelieu. Kaum hatte er seinen Namen genannt, so brachte der Kassierer die Karte in einem Umschlag zum Vorschein, auf dem die Adresse offenbar unmittelbar vorher geschrieben war, und sagte zu dem jungen Bankbeamten: „Die Karte wurde gerade in diesem Augenblicke genommen."
„Was Sie nicht sagen! Darf ich fragen, wie der Herr aussah?
„Ihr Freund ist leicht zu beschreiben", antwortete der Angestellte. „Er ist ein alter, kräftiger und schöner Herr mit weißen Haaren und einer Säbelnarbe im Gesicht. Sie müssen eine so ausfallende Persönlichkeit unbedingt sofort erkennen."
„Ohne Zweifel , antwortete Francis, „und ich danke Ihnen bestens für die freundliche Auskunft."
„Er kann noch gar nicht weit fein", fetzte der Kassierer hinzu; „wenn Sie sich beeilen, können Sie ihn vielleicht noch einholen."
Francis ließ sich das nicht zweimal sagen; er lief aus dem Theater heraus, stellte sich mitten auf die Straße und sah sich nach allen Richtungen um. Mehr als ein weißhaariger Herr befand sich innerhalb seines Gesichtskreises; aber obwohl er sie alle, einen nach dem anderen überholte, fand er doch nicht den richtigen; denn keiner von ihnen hatte den Säbelhieb. , „ r .
Beinahe eine halbe Stunde lang lief er durch alle Straßen in der Nachbarschaft; schließlich sah er ein, daß dieses Herumlaufen ganz zwecklos war, und beschloß, einen längeren Spaziergang zu machen, um feine Aufregung zu meistern; denn es war dem jungen Mann doch tief zu Herzen gegangen, daß er seinem mutmaßlichen Vater so nahe gewesen war.
Der Zufall führte ihn in die Rue Drouot und von dort die Rue des Martyrs hinauf; und der Zufall bediente ihn diesmal besser, als die sorgfältigste Ueberlegung es hätte tun können. Denn auf dem äußeren Boulevard sah er zwei Herren, die in eifrigem Gespräch auf einer Bank saßen. Der eine war dunkelhaarig, jung und hübsch; er trug weltliche Kleider, war aber unverkennbar geistlichen Standes; der andere entsprach in jeder Einzelheit der Beschreibung, die der Theaterkassierer ihm gegeben hatte.
Francis fühlte, wie ihm das Herz klopfte; er wußte, daß er letzt bald die Stimme seines Vaters hören würde. Er ging daher in weitem Bogen um die beiden herum und setzte sich geräuschlos hinter sie, die zu ernstlich in ihrem Gespräch vertieft waren, um viel anderes zu bemerken. Wie Francis erwartet hatte, wurde die Unterhaltung in englischer Sprache geführt.
„Ihr Mißtrauen beginnt mich zu ärgern, Rolles , sagte der altere. „Ich sage Ihnen, ich tue mein Aeuherstes; aber man kann nicht in einem Augenblick Millionen flüssig machen. Habe ich denn nicht Sie, der Sie mir völlig fremd waren, aus bloßem guten Willen bei mir aufgenom- nu.i? Geben Sie nicht sehr behaglich von meinen freiwilligen Gaben?
„Von Ihren Vorschüssen, Herr Vandeleur", berichtigte der andere.
„Meinetwegen sagen Sie Vorschüsse; und sagen Sie statt,aus gutem Will-n' ,aus Gewinnsucht', wenn Sie dieses Wort vorziehen", antwortete Vandeleur ärgerlich. „Ich habe keine Lust an Wortklaubereien. Geschäft ist Geschäft; und Ihr Geschäft — gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen — ist zu schmutzig, als daß Sie so hochnäsig zu fein brauchten. Vertrauen Sie mir oder sagen Sie sich von mir los und suchen Sie sich irgendeinen anderen; aber verschonen Sie mich endlich einmal, um des Himmels willen, mit Ihren Jeremiaden!
„Ich fange an, die Welt kennenzulernen", antwortete der andere, „und ich ehe, daß Sie jeden Grund haben, mich zu betrügen, und keinen einzigen Grund, ehrlich gegen mich zu sein. Ich habe ebensowenig wie Sie ein Vergnügen an Wortklaubereien; Sie wollen den Diamanten für sich selber haben; Sie wissen, daß Sie das gar nicht leugnen können. Haben Sie nicht schon meine Unterschrift gefälscht und in meiner 21 ü= Wesenheit meine Wohnung durchsucht? Ich begreife, weshalb Sie mich fortwährend vertrösten: Sie liegen auf der Lauer — Sie fmb ja d Diamantensäger! Und Sie werden früher ober spater durch gute oder schlechte Mittel den Stein in Ihre Hände bringen so denken Sie, Ich sage Ihnen: das muß aufhören! Treiben Sie mich noch etwas weiter, und Sie sollen eine Ueberraschung erleben!"


