«eraniwortlich: vr. Kans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche LlniversitätS-'Luch. und Steindruckeret. «.Lange. Gießen.
Der Tanz der Völker im Wandel der Zeiten.
Von Dr. Wilhelm Gemperle.
Aus mehreren Quellen entspringt der Tanz. In gläubiger Verzückung bewegten sich die Menschen schon seit uralten Zetten an heiligen Stätten nach den rhythmischen Klängen dumpfer Trommeln und anderer einfacher Instrumente. Das war die Geburt des Tanzes aus dem Dienst an den Gottern. Daneben war er Ausdruck ursprünglichster Lebensfreude oder seelischer Spannungen, die nach außen, nach Gestaltung und Lösung drängen Hier ist er dem Spiel zu vergleichen, das ohne greifbaren Zweck >st und seinen Sinn in sich selbst findet. Religiöse Anbetung und veredelte Lebensbejahung verbinden sich dann später in den höheren Kulturen zu den künstlerisch gebändigten Kräften, wie sie das Griechentum gekannt hat. Was jeweils die Urgründe der rhythmischen Bewegung und des tänzerischen Spiels gewesen sind, ist im einzelnen schwer zu verfolgen, und vor allem die heutigen Tänze in allen Ländern der Welt
mu »riumvhscharfem Blick auf das seiner Sache nicht mehr sichere Kind, von 3roei Heisern die ihm glichen, ein paar Fässer heranholen lieh, über bie er seinen schwarzen Leib warf, und zwar noch, als sie schon auf sechs vermehrt worden waren. ,a h.r
Wenn dies auch als Leistung anerkannt werden mußte der Bei
fall den er mit eitlen Verbeugungen allzu deutlich erheischte, fiel nur fürs und spärlich aus. Als nun aber die Kleine, die bislang verschüchtert am Rande gestanden Hatte, wieder zur Mitte schwebte, brach es laut und freudig los; ein Zeichen, das der Fremde auch sogleich verstand Statt sich jedoch zurückzuziehen, wie man es erwartete, trat er an die Tänzerin heran, um mit ihr gemeinsame Sache zu machen und die fiälfte der Liebe, die das Publikum ihr erwies, auf sich zu übertragen. Man sah, wie sie seine Worte mit einem Kopfschutteln beantwortete und sich anschickte, allein nach der ungenutzt verfliegenden Musik den Tanz zu beenden Aber der Dunkelgekleidete muhte sehr entschlossen und seiner Sache gewiß sein. Sogleich holte er sie wieder em und legte seine Hand um die Hüfte der nun neben ihm Lausenden; nebeneinander, ein merkwürdiges Paar, durchmaßen sie den Kreis. Da, als er an> eine Wendung nach links dachte, entfloh sie ,hm unversehens nach rechts und eilte, so schnell sie vermochte, aus seiner Nahe, um sich eine andere Stelle des Teichs wieder ganz zu der ihren zu machen. Em Helles Gelächter erhob sich; einzelne regten auch wieder die Hande, freilich nur wenige Male, denn länger war für Beifall und Freude kern Raum.
Der Gefoppte hatte sich heftig herumgeschwungen und war, wohl vom Gelächter gereizt, schärfer als notwendig der Entwichenen nach- aesetzt. So traf er auf sie, als sie gerade einen ihrer kleinen Wirbel begann: auf der Fußspitze stehend drehte sie sich rote ein Kreisel um sich felbft und der weißbesetzte Saum ihres kurzen Röckchens zeichnete eine hastige Wellenlinie in die Luft. Unter dem Anprall des h-ransausenden und ungeschickt bremsenden, wohl auch im letzten Augenblick noch stolpernden Fremden stürzte sie taumelnd aus der Bewegung heraus und hart aufs Eis, wobei, wie man deutlich bemerkte, dieser auch noch über sie hinwegsprang, um das Gleichgewicht zu behalten
Die kleine Tänzerin stand nicht wieder auf; bewußtlos blieb sie liegen, mit einem blaffen, jäh ein wenig kantig gewordenen Gesicht. Zwei Herren trugen sie rasch von der Bahn. Dabei fiel einer ihrer Handschuhe herab, ein graues, verknäultes Ding, das man m ber ®ue des bestürzten Vorbrängens aufzuheben vergaß. Der fremde Kunstläufer, der ein paarmal zum Zeichen gleichgültigen Bedauerns mit den Achseln gezuckt hatte als sei bie Schulb an bem Borsall ber Gestürzten selbst beizumessen, hätte es tun müssen; er war hinter ben übrigen zurückgeblieben unb stand dem Handschuh am nächsten: aber er bückte sich nicht, im Gegenisill Wie um sich in dem verlassenen Gegenstand der überlegenen Gegnerin nochmals zu einem Wettbewerb, allerdings fragwürdigster Art zu versichern, begann er damit zu spielen. Erst sahen es wenige. Als ein Auto die Tänzerin hinweggebracht hatte und man sich »teber über bas Eis verstreute, tarnen andere hinzu, und bald war um den Kunstläufer unb ben Hanbfchuh ber frühere Kreis gebilbet. Er beschrieb elegante Bogen barum, legte ihn in bie Schleifen eines verzwickten Kunstwerks aus Geraben unb Kurven, umrahmte ihn pompös mit einem Kranz mehrfach variierter Achten, übersprang ihn hierbei von rechts unb links, unb entwickelte eine ganze Stufenleiter befonberer Künste, wie sie in solcher Prägnanz auf btefem Teich noch nicht erblickt worben waren. „ .
Gleich einer kleinen, kümmerlichen Leiche, einem Vogel, von den Winden verstoßen, lag der Handschuh in der Mitte, unerbittlich von seinen blankbewehrten Schuhen umkreist. Immer mehr Figuren fugte der Mann aneinander, immer gewagter und hastiger wurden seine Sprünge — oh, er wußte sich nicht nur auf dem Eise vollendet zu bewegen! Er verstand sich auch auf die Menschen, die leicht bestechlichen, und übte geschickt die Kunst der Betörung! Hatten sie ihn nicht soeben noch verwünscht? Nun fiel schon hier und da ein anerkennendes Wort, bald ruhten auch die Hände nicht länger, man klatschte, unb als ber Läufer enblich keuchenb innehielt, scholl taute Zustimmung über ben Platz. Die kleine Tänzerin schien vergessen —
Da gab ein junger Mann, ber vom Ufer her alles mit angesehen hatte, anberen Empfinbungen bünbigen Ausbruck. Mit seinem kränklich blassen Gesicht unb ben etwas ermübeten Augen, vor benen er eine Helle Hornbrille trug, machte er ben Eindruck eines jungen Wissenschaftlers oder Schriftstellers, der auf einem .Spaziergange begriffen mar, und als er sich nun bückte und einen kleinen Schneeball formte, mußte es als zweifelhaft erscheinen, ob er sein Ziel gut und genau treffen würde. Aber das Glück war auf feiner Seite. Der Ball flog dem Fremden kräftig mitten ins Gesicht; sogleich perlte ihm Blut aus der Nase, und nach einigen erschrockenen Seitenblicken räumte er endlich das Feld und verschwand im Umkleidehaus.
feiten sich aus so vielfachen Quellen ab und sind das Endergebnis einer io alten Entwicklung, daß mir vor dem Zusammenklang unendlich zahl- reicher Kräfte und Beweggründe stehen. Gerade weil der Tanz einer der unmittelbarsten Aeußerungen des menschlichen Wesens ist, gibt er uns wertvolle Aufschlüsse über die Seele der Völker.
In der germanisch-deutschen Geschichte spielen die Schwertertänze eine bedeutende Rolle. Tacitus beschreibt sie tm 24. Kapitel feiner „Germania", ohne daß ihm jedoch ihr tiefer kultischer Sinn offenbar wird; es heißt dort: „Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Fest gleich. Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen tun, schwingen sich im Tanz zwischen Schwertern und drohenden Lanzen Hebung hat sie gewandt gemacht, Gewandtheit anmutig, doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer." Im deutschen Mittelalter ging bie Ueberlieserung ber Schwertertänze auf bie Zünfte über, Ueberrefte ftnben sich auch noch heute in manchen Volksbräuchen. .
Im Mittelalter gab es zwei verschiebens Tanzarten: bie Ring- ober Kreistänze ber Bauern, bie im Freien ftattfanben, unb bie gemessenen Schreittänze ber oberen Schichten, bie fast nur in geschlossenen Raumen getanzt würben unb bie ber Polonaise ähneln. In beiben Fallen aber hanbelte es sich um G e m e in s ch a st s t a nz -. Erst vom 14. Iahr- hunbcrt ab roanbeln sich bie Gruppentänze allmählich in Paartanz« um, unb zu gleicher Zeit vollzieht sich auch bie stärkere Trennung von Gesellschaftstanz unb Volkstanz, bie erst zu Anfang bes 19. Jahrhunberts mit bem Aufkommen bes Walzers roieber etwas ausgehoben würbe. Aus bem Volkstanz hebt sich immer beutlicher ber Lanbler hervor, währenb bie Entwicklung bes Gesellschaftstanzes ber oberen Schichten vor allem an ben Höfen in bem gekünstelten Menuett gipfelt.
In ber Renaissance gab ber italienische Tanzmeister in allen euro- I päischen Kreisen, bie „etwas auf sich hielten", ben Ton "v. Die italienischen Tanzanregungen gingen nach Frankreich unb oerbanben sich bort mit ben Volkstänzen ber verschiebensten Lanbschasten. So würben bte merfroürbigen Formen eines Reigens, ben man bei ben Bauern von Poitou bewunderte, umgebilbet unb zum Menuett verfeinert, aus englischen Bauerntänzen entwickelte sich ber (Eontre, unb von den deutschen Drehern führte ein gerader Weg über die gehaltene Alle- m a n b e zu unserem Walzer. Spanische unb slawische Tanze hinterlassen beutliche Spuren in ben Ballsälen ber europäischen ßanber Sie Polonaise, bie Polen nur ihren Namen unb nicht wie bie M a - Turta unb bie Cracovienne ihre Entstehung verbankt, erinnert noch als beliebte Eröffnung unserer heutigen Balle an jenen ersten großen Aufzug in ber Form eines einfachen Reigens, mit bem tm 17. Jahrhunbert der Hofball durch den König eröffnet wurde Ihr ausgeprägter Dreivierteltakt, der sie vom Marsch unterscheidet, soll zuerst in Sachsen aufgetaucht sein, wo unter August dem Starken dem König von Polen, der Tanz vielleicht seinen Namen erhielt. Ms Höhepunkt der veredelten, allerdings auch lehr gekünstelten Gesellschaftstänze aast das Menuett. „Er ist der König der Tänze und der Tanz der Könige" läßt M a u p a f f a n t eine alte Dame in einer feiner entzückendsten Skizzen über diesen Tanz sagen. Hundert Jahre lang komponierten die brühmtesten Musiker ihrer Zeit, wie Bach, Haydn und Mozart, Menuetts, und hundert Jahre lang feierten die anerkanntesten Maler bes Rokoko bie Bewegungen biefes Tanzes in ben zartesten
In bie wohlabgezirkelte Gemessenheit ber Gesellschaftstänze bes Rokoko, bie sich immerhin noch viel länger am Leben erhielten als bie gepuberten Perücken unb bie Reifröcke, brang nun ber W a l z e r wie ein Sturmwinb ein. Er bewirkte eine Revolution im Ballsaal, unb bie beweglichen Klagen über bie Flucht ber Grazie aus bem Salon wollten bei ben Verfechtern ber „guten alten Zeit" kein Enbe nehmen In einer Zeitung ber eleganten Welt hieß es zu Anfang bes 19. Jahrhunberts: Wie schön waren boch bie Zeiten, ba Tänzer unb Tänzerin in ben strengen Figurenkreis einer feierlichen Pavane, einer steifen Sarabanbe, eines zierlichen Menuetts gebannt, bie Chiffern ber Liebe auf bas blanke Parkett zeichneten, sich kaum mit ben Fingerspitzen leis berührten unb aus selten aufgeschlagenen Augen nur tiefe fülle Blicke tauschten bet ben langen großen Reverenzen. Jetzt umfaßt ber Chapean feine Dame mit beiben Händen, rundum, und rast mit ihr die Ecossaisen-Kolonnen herunter, wiegt sich mit ihr in dem wollüstigen Walzer, so zücht- unb sittenlos, bah alles Liebliche, Gefällige bes Tanzes ganz unb gar aus unseren Ballsälen gewichen ist." .
Der einfache Drehschritt biefes alten Volkstanzes war rote em Protest gegen bie letzten Herrschaftsansprüche eines mube abtltngenben Zeit- alters. Der Walzer, ber mit feinen Vorläufern — bem „Länble r" ober Sangaus" — schon so lange Bauern unb Bürger bei ungebunbenen Lustbarkeiten erfreut hatte, zuckte jetzt auch in ben Füßen ber vornehmen Damen unb Herren ber europäischen Gesellschaft unb löste einen Tanz- taumel aus, wie ihn bie feinste Courante unb bas schönste Menuett nie hatte ahnen lassen. Vergebens versuchte man auf bem Wiener Kongreß bie Geselligkeit bes ancien regime zu einem letzten Scheinbasein zu erwecken unb bas würbevolle Schreiten ber Polonaisen und Quadrillen wieder in seine alten Rechte einzusetzen, es schwebte doch alles im Rausche des Walzers durcheinander, mochte man auch noch so sehr über „diesen Würger der Moralität und Keuschheit" wettern.
Noch 1856 eifert ber Verfasser eines Zeitschriftenaufsatzes über „Das Tanzen ber Deutschen" gegen bie „heutigen Sturm- unb Barrikaben- Galoppaben", bie „so viele junge Mäbchen bem Tobe in bie Arme liefern", unb ruft bagegen ben Schutz ber Obrigkeit an.
So läßt sich aus ber Geschichte bes Tanzes ein farbiges Bilb ber Kulturentwicklung gewinnen. Das Verhältnis bes Volkstanzes zum Gesellschaftstanz hat sich im Laufe ber Jahrhunberte ebenso mannigfaltig geroanbelt wie bas Wechselspiel zwischen ber Betonung ber nationalen Eigenart unb bem Einbringen frember Elemente in bie deutschen Tanz- I fitten.


