Ausgabe 
7.2.1936
 
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bebte und bonge in seiner Seele, wie man bebt und bangt, wenn man weih, daß ein Gewitter kommen muh und nicht zu sehen vermag, aus welcher Richtung und in welcher Stärke es auszieht.

Am nächsten Sonntag, als Appelhannes glaubte, das Gewitter sei versackt, entlud es sich über sein Haupt. Nach der Predigt der sieben- jährige Junge sah in einer der Hinteren Kirchenbänke zwischen Vater und Mutter begann der Herr Pfarrer wegen der von Jahr zu Jahr zunehmenden Obststehlereien im Dors von der Kanzel herab ein Donner­wetter, wie es die Gemeinde noch nicht vernommen hatte. Zum Beschluh 'drohte er dem schlimmsten Sünder, der es gewagt hatte, sogar in den Apselgarten der Pfarre einzudringen, der der ewigen Verdammnis und be­zeichnete als diesen, von ihm erwischten, Dieb durch Handaufheben Johannes Appel, genannt Appelhannes. Schlimmer als die Androhung der Hölle erschien dem Jungen die Blohstellung vor der ganzen Ge­meinde, und nicht einmal die eigene, sondern die Bloßstellung der Eltern. Aber obwohl Appelhannes meinte, er müsse in die Erde versinken, ge­schah weiter nichts, als daß sich alle Köpfe nach drei Menschen in der Kirche umwandten, der Vater beide Hände zur Faust ballte, die Mutter vor sich hinschluchzte.

Als der arme Sünder mit den Eltern zu Hause angekommen war, schlug der Vater ihn blutig. Appelhannes schrie jämmerlich. Denn der handfeste Tagelöhner drosch einen kräftigen Dreivierteltakt. Sobald aber die Tür hinter ihm zugeknallt war, biß Appelhannes die Zähne zusam­men. Er wußte aus Erfahrung, daß dadurch die Schmerzen am schnellsten abklangen. Daß freilich in jedem Fall, ob er nun heulte oder nicht, es Wochen dauerte, bis fein Hinterteil über alle Regenbogenfarben weg wieder das natürliche Aussehen hatte, brauchte niemanden zu beküm­mern; zumal es keiner sah. Die Mutter begann unaufhörlich zu weinen. Sie prophezeite ihrem Jungen, er werde eines Tages zum Räuber werden. Jawohl: mit Kleinem finge es an, mit Großem höre es auf! Alle Räuber hätten als Obstdiebe begonnen. Ein Räuber und Mörder werde aus ihm. Sie sah ihn schon als Erwachsenen am Querholz hängen, ihren siebenjährigen Jungen und malte ihm unter verstärktem Heu­len aus, wie schrecklich es für sie fein werde, wenn er oben am Galgen baumele, die Raben ihm die Augen auspickten und sie unter ihm hin­gehen müsse. Denn die Mutter von Erhängten dürfe ihren Weg nicht um den Galgen herum, sondern nur unter dem Galgen durch nehmen.

Weit mehr als die Hiebe des Vaters schmerzten Johannes Appel die Tränen seiner Mutter. Und er versprach ihr hoch und heilig: Nie mehr werde er einen Apfel stehlen. Die Mutter wies ihn ab: Hundertmal habe er ihr das gleiche zugesagt und nie fein Wort gehalten. Sie glaubte ihm nicht mehr. Ueberhaupt nichts mehr glaube sie! Außer dem einen, daß er als Räuber und Mörder am Galgen ende. Appelhannes wieder­holte, steigerte, überbot feine Beteuerungen: Niemals mehr! Bei der ewigen Seligkeit nie! nie! Die Tagelöhnerin schüttelte den Kopf und sagte:Eher wird die Mutter Maria einen Apfel aus deiner Hand an­nehmen, ehe ich dir jemals wieder glaube, daß du das Apfelftehlen läßt, du Appelhannes!" Der Junge schwieg.

Am andern Morgen, nach schlafloser Nacht, trat Johannes Appel mit einem Apfel, dem schönsten, den er in seinem Hamsterlager gefunden hatte, vor die Mutter und sagte:Komm!"Wohin?"Zur Kirche."Was solls?"Der Mutter Maria diesen Apfel bringen." Sie nimmt nichts von einem Spitzbuben."Komm mit! Sie nimmt den Apfel. Komm!" So gebieterisch waren die letzten Worte, daß die Tagelöhnersfrau ihrem siebenjährigen Jungen folgte, obwohl sie es nicht wollte.

In der Kirche befand sich rechterhand vom Altar eine Muttergottes, die ihrem Kinde einen Apfel hinhielt, nach dem Jesus aufjouchzend griff. So lebenswahr hatte der mittelalterliche Bildschnitzer es vermocht, die Be­wegung des Hinhaltens und des Zugreifens aus dem Lindenholz her­auszuhauen, so nah war Jesus dem begehrten Ziel mit feinen Händ­chen, daß man kaum begriff, warum er feinen Willen nicht erreichte, sondern es Jahr um Jahr beim Gebenmögen und Habenwollen blieb.

Vor diesem Muttergottesbild kniete der Junge mit seinem schönsten, mit dem es läßt sich nicht leugnen gemausten Apfel hin, gelobte, daß er nie wieder in einen fremden Garten einbringen, nie wieder eine Frucht stehlen werde und bat, daß Mutter Maria zum Zeichen, daß sie ihm glaube und zu dem Zweck, daß auch feine Mutter von neuem an ihn glauben lerne den Apfel aus seiner Hand entgegenzunehmen. So innig, so flehentlich, so hoffnungsstark bat Johannes Appel, wie nur ein Kind zu beten vermag. Und bann geschah bies: Die Mutter Gottes warf bem Knaben, ber nun mit betenb aufgereckten Hänben vor ihr stanb, ben buntbemalten Apfel zu, griff nach bem wirklichen Apfel in den Hänben bes Appelhannes, wollte ihn zu sich herauf heben unb wie Tag unb Nacht bie tote Frucht fortan bie lebenbige Frucht Jesu Hinhalten. Sie kam aber unversehens mit ihrer Bewegung bem Kinbe zu nahe. Das packte ben Apfel, holte ihn zu sich herüber unb ließ ihn nicht roieber fahren.

Die Tagelöhnersfrau lief vor Schreck aus ber Kirche. Johannes Appel nahm ben hölzernen Apfel, welchen bie Mutter Gottes ihm zu- yeroorfen hatte unb folgte beseligt seiner Mutter.

Man bente nicht etwa, baß bie Dorfbewohner ben Tausch ber Aepfel unb bie Veränberung in ber Hänbehaltung ber beiben Heiligen Figuren noch am selben Tage ober am nächsten Tage bemerkt hätten. Man glaube ebenfalls nicht, baß bie Versunkenheit ins Gebet sie baran hin­derte. O nein! Auch hier übersahen Menschen bas Schöne, weil sie es täglich sahen. Erst als nach Wochen ber Äpfel in ber Hanb bes Jesu- knäbleins schrumpelte unb faulte, gewahrte man ben Unterschieb Daß nicht mehr Mutter Maria bie Frucht in Hänben hielt, barüber wun­derte sich keiner. Denn einmal muhte Jesus sein Ziel, ben Apfel zu bekommen, erreichen. Wohl aber verwunberte es jebermann, baß ein Apfel in ber Hanb bes Gottessohnes vergehen könne Der Pfarrer aber sagte von ber Kanzel herab: Wie sollte er nicht vergehen! Da bas Iesuskinblein als Mensch wohl Verlangen nach irbischer Speise haben könne, ihrer aber als Gott in Wirklichkeit nicht bebürfe, müsse bas Wunber so, wie geschehen, verlaufen.

Appelhannes hielt Wort. Er stahl seit jenem Tage, da die Mutter Gottes ihn erhört hatte, keinen Apfel mehr. Maria hat es ihm freilich leicht gemacht, fein Versprechen zu erfüllen. Denn wenn er an dem hölzernen Apfel roch, ben sie ihm zuwarf, fog er ben Duft jener Apfel­forte ein, nach ber er Verlangen hatte. Unb fobalb er zum Schein davon abbiß wie Kinber tun, bie aus Sanb Kuchen gebacken haben würbe er fruchtsatt. Er hat später sein Dorf im Niebersächsifchen ver­lassen unb ist an ben Rhein gezogen. Dort würbe aus bem Apfelbied Appelhannes ber ehrsame Apfelbauer Johannes Appel, beffen (Barten weit größer war, noch schönere Früchte trug, als ber bes Pfarrers baheim. Nie hat ein Kinb an feinem Zaun geftanben, ohne baß er ihm Aepfel benn anbere Früchte baute er nicht geschenkt hätte. Unb als anfangs bie Herren Jungen ihn trotzdem bestahlen, hat er sobald er einen von ihnen erwischte ihnen das Doppelte, das Drei­fache des Gestohlenen aufgenötigt, so daß sie weil man durch eine Bitte, ja ohne diese, genug Aepfel vorn Appelhannes erhalten konnte, bald das Mausen ließen.

Da Johannes Appel hochbetagt als angesehener Mann starb, wollte man nach seinen letzten, schriftlich niedergelegten Worten handeln, und ihm statt des Kreuzes auf die Fahrt zum Himmel jenen höl­zernen Apfel in die Hand geben, dessen Schlupfwinkel genau bezeichnet war. Man sand aber statt seiner eine natürliche, auf einem Baurn ge­wachsene Frucht, und zwar von solcher Schönheit, wie sich niemand erinnerte, jemals eine gesehen zu haben. Also legte man den wirklichen Apfel in die Hände des Appelhannes und vermeinte, er hätte obwohl er doch tot war unb sie nicht mehr zu bewegen vermochte aus eigener Kraft bie Finger noch fester barum geschloffen, als eines feiner Kinder sie herumgelegt hatte.

Seit dieser Stunde hält in dem Heimatkirchlein des Appelhannes die Mutter Gottes, deren Rechte jahrzehntelang teer gewesen war, so daß man nicht begriff, wonach ihr Kindlein die Hand ausstreckte, den hölzernen Apfel wie man heut noch durch eigenen Augenschein fest- ftellen kann Jesu wieder zum Greifen nahe hin.

Oie Kisiänzerin.

Von Andreas Zettler.

Täglich, seitdem die Kälte anhielt, war auf bem silbernen Eisspiegel bes Parkteichs ein junges Mäbchen zu sehen, bas bie geschmeidige Kunst, bie viele bort übten, vollenbet beherrschte. Es besaß eine zierliche, sehr biegsame Gestalt ein stets frisch gerötetes, noch kindlich offenes Ge­sicht, in bem bie Äugen bas Glück ber Bewegung unb ber belohnten Mühe ein wenig fieberglänzend roiberfpiegelten, unb war in bas her­kömmliche Kostüm ber Kunstläuferinnen getleibet, beffen Farben (Brau, Hellblau unb Weiß man als sehr glücklich gewählt betrachten mußte, ba ber harmonische Anblick, ben bie Kleine springend, schwebend, fliegend und über das blinkende Eis leichten Fußes hintanzend bot, zum guten Teil mit davon herrühren mochte.

Wenn das junge Mädchen die buntgefleckte Tafel des Teichs betrat, bie mit ber freubigen Schrift unzähliger Füße bekritzelt war, entstand sogleich ein offener Platz in der Mitte Man bildete einen Kreis; die Anfänger unterbrachen ihr stolperndes Eilen, das sie einer ziellos rollen­den Kugel gleich werden ließ; die Vorgeschrittenen, die schon durch knappes Gewand und entschlossene Mienen künftige Meisterschaft ver­kündeten und für freilich noch erträumte Wettbewerbe zu trainieren Vor­gaben, trennten sich von ihren Bogen und Schleifen; die Kinder, trotz ihrer heftigen Sucht, mit den Händen, der Brust unb auch bem Gesicht bas Eis zu berühren, ftanben plötzlich aufrecht; bie Musik wechselte, nicht ohne Mühe unb einzelne unbeabsichtigte Töne, bie Melobie; ein Walzer erklang unb bie kleine Eisläuferin flog wie ein freigelaffener Vogel mit himmelblauem Glanz herbei.

Es begab sich bies: ein junges Mäbchen, ach, es war noch ein halbes Kinb, bas gewiß an jebem Morgen mit ber schweren Schultasche bie Elektrische bestieg unb ben langen Vormittag aus Büchern unb bem Wort ber Lehrerinnenfürs Leben" lernte, ein kleiner Mensch von vier­zehn Jahren verbreitete Freube. Er bewegte sich unb, während man bies sah unb froher Zeuge war, wie aus einem feinen Wiegen nach einer plötzlichen kleinen Drehung ein heftiger Wirbel entftanb, biefer sich roieber in einen fünften Bogen auflöfte, bem eine fröhliche Welle ein Enbe setzte, unb schließlich sich alles mehrere Male in lockerer Folge ver­schlang, oeränberte sich ber großstäbtische Wintertag ein bißchen. Er schien schöner zu werben, neu unb blank, wie ein Tag in ber Frembe, roo alles Sichtbare bie Seele tränkt, unb man nicht weiß, wohin sich roenben: hier wie bort wirkt bas Leben stolz, prächtig unb leicht Gewiß, bas heitere Licht, bas bie silbernen Kringel aus bem Eis lockte, bie farbigen Jacken unb Kappen ber Läufer noch greller machte, als sie ohnehin waren, unb auf ben bereiften Bäumen bas glimmenbe weiße Feuer entzünbete, war schon vorher bageroefen; es würbe größerem Zauber gebankt, unb auch ber Himmel hatte bereits bie bünnverschleierte Bläue gehabt, bie ben Grunb bes Teichs, über bem bas Mäbchen tanzte, zu grüngrauem Quarz werben ließ. Aber bas stumpfe Auge ber Men­schen hatte biefe Schönheit als etwas Alltägliches, Selbstverständliches unb ihm Zukommendes angesehen unb erst einer rounberbaren Vermitt­lung beburft, um sie wahrzunehmen. Jetzt erblickte man bas Mädchen, bas bahinschroebte, ein blaues Wölkchen über einer silbernen, äthertiefen Scheibe, unb fühlte: mir würben beschenkt unb finb reich.

Nun ist aber nichts ausgeglichen unb wenig bleibt ungetrübt, am fettesten bie gemeinsame Freube. Cs kam eines Tages zur Stunbe ber Eistänzerin ein Sportsmann in ben Kreis, ein Kunstläufer in schwar­zem, antiegenben Dreß, eine ebensolche Kappe auf bem Haupt, in feinem Gebaren überheblich wie ein SBorftabfafrobat unb anzusehen wie bie finstere Verkörperung unheilbringenber Geschwinbigkeit, ein Gott bes Norbwinbs unb ber kalten Fernen. Er nutzte bie Aufmerksamkeit ber Leute, bie bem lichtgeflügelten Mäbchen galt, für sich, inbem er unbe­kümmert ihre schönen Figuren mit seinen groben Kunststücken zerstörte, sprang, radschlug, mehrere Male den Handstand ausführte, und endlich.