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„Die Herren sprachen miteinander. Niemand hatte die Ruski gesehen. Keiner war angeschossen worden. Wir müssen ihnen nach, sagte Ober- ______ ____ Gerö, bis wir aus Widerstand stoßen! Der tschechische Leutnant fertigte einen Reiter mit einer Meldung ab. Dann setzten wir
uns wieder in Bewegung."
„Alle zusammen — wie?"
„Nein. Es war ohne Zweifel ausgemacht worden, daß wir zwei wieder links der Straße ausschwärmen sollten. Der Herr Oberleutnant nahm jedenfalls Richtung über den Hügel dort. Der Tscheche blieb auf der Straße, ließ seine Pserde vorsichtig Schritt vor Schritt tun. Der Sommersprossenleutnant trabte nach rechts ab. Eine Weile kamen wir aut voran. Nachher aber stießen wir auf ein Hindernis nach dem andern. Biele Schützengräben durchziehen dort drüben das Gelände. Es find neue, frisch ausgeworsene darunter, aber auch uralte. Der Teufel weiß, wann die alle entstanden sind. Der Teufel auch hol' sie, besonders die alten, die halbverfallenen. Maxi ist ja gut, mit Maxi komnit man überall durch. Aber Engel ist ein Biest, tut so, als wage sie alles, und kneift im letzten Augenblick doch aus. Kurzum, wir mühten uns ab, ohne recht voranzukommen, ohne aber auch nur ein einziges Mal angefchoffen zu werden. Es hat keinen Zweck, sagte endlich Herr Oberleutnant Gerö, durch alle diese Löcher zu torkeln, wo wir drüben aus der breiten Straße bequem reiten können. Und sieh mal nur: die Straße dort läuft ausgerechnet über die höchsten Punkte des Geländes, echt russisch, damit sie im Winter nicht verweht werde. Sie ist von allen Seiten eingesehen. Kutyaläb, mitten aus ihr muß man noch am ehesten angeblitzt werden! Und damit kehrten wir auf die Straße zurück. — Dasselbe muß sich übrigens auch der Sommersprossige gedacht haben. Hier, bei diesem Straßendurchlaß, über den wir jetzt reiten, waren wir alle wieder zusammen."
Möß hält sein Pferd an, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Dieser Straßendurchlaß liegt drei Kilometer vor unsern Schützenlöchern. Wo denn, bei der heiligen Dreieinigkeit, wo fiel Gerö?
Köteles zeigt die gerade, leere, tote Straße entlang. Ja, leer und tot ist sie selbst jetzt noch, da die Abendsonne die langen Schatten des Kadetten Möß und des Korporals Köteles auf ihren weißgrauen Rücken wirft. Einmal schreitet ein Berbindungsposten, ein einziger Mann, daher. Sein ängstlicher, mißtrauischer Blick, seine Flüsterstimme verraten, daß ihn die Einsamkeit seines Weges nicht unberührt gelassen hat. Einmal begegnen sie einem Husaren, der behauptet, die Spitze, ja die sei weit voraus, aber aus der Straße selber sei man noch beileibe nicht gegen Ueberraschungen gefeit, eben erst sei sein Kamerad, dort und dort, aus dem Sattel geschossen worden. (Schluß folgt.)
Plötzlich einmal klöhnt der Summer des Feldtelephons. Man hört ihn zwanzig Schritte weit auf dem füllen Äcker, auf dem der schwärm der Kanoniere sich den Rücken von der Sonne wärmen läßt.
.Kallo, Geschützstation!"
"Eben ^süht^n wir im Borfeld einen Reiter mit zwei Pferden im scharsen Trab in Richtung auf euch. Es könnte ..."
„Mit zwei Pferden?"
„Ja."
„Und wer könnte es fein? So redet!"
„Meldet dem Herrn Kadetten, es könnte ... es kann nur Köteles sein."
Wie vom Blitz gerührt fährt Möß empor.
„Und Oberleutnant von Gerö?" möchte er fragend schreien, mochte er 6füllen wie ein Tier, um feine Gedanken, um feine schlimmsten Befürchtungen 3U übertoben. Aber er fchreit nicht, er brüllt nicht, er bringt keinen einzigen Laut hervor. Er tritt mit einigen Schritten aus dem Kreis der Mannschaft heraus und wendet sich ab, das Kinn tief auf die Brust gestützt. *
In zehn Minuten ist Köteles da und erstattet Meldung.
„Tot? sagst du, tot? Weißt du auch, was du redest, Bursche? — Und wo denn tot, wo?" .
„Weit, sehr weit, Herr Kadett." Er zeigt mit einer hoffnungslosen Gebärde nach Osten. „ „„
„Höre, Köteles! Kennst du den Weg? Kennst du die Stelle?
„Jawohl, ich kenne sie gut."
.Köteles, wir müssen zu ihm. Wer weiß. Wir müssen ihn holen.
„Gut, Herr Kadett. Zu zweit, ja, zu zweit können wir ihn schon holen. Wir müssen aber Stangen und Zeltblätter mitnehmen ..."
Und sie reiten.
Korporal Köteles hat die Zeltblätter vor sich über die Satteltaschen gebunden, die Stangen hält er wie Lanzen im Arm. Eine Halslänge vor dem Kadetten, so trabt er dahin ... Möß reitet eigentlich nicht. Mechanisch, rein mechanisch bewegen sich seine Schenkel auf und ab. Er denkt auch nichts, er sieht nichts, er sagt nichts, sein Kopf ist schwer wie Blei, droht vornüber aus die Mähne des Pferdes zu finken.
Als sie die Linie der Schützenlöcher überqueren, in denen die Infanterie, die Pünktchen von gestern, gelegen, fällt ihn ein erster Eindruck an. Eine ganze Anzahl, hier zwei, dort drei von den Schützenmulden sind nicht mehr, was sie waren: Vertiefungen im Acker. Die Erde, die rings um sie ausgeworfen war, hat jemand wieder zurückgescharrt. Kleine Hügel sind so an ihrer Stelle entstanden. In einigen stecken Holzkreuze drin und Soldatenmützen baumeln daran.
Nach einer Weile, als sie schon ein gut Stück hinter den gestern noch feindlichen Grüben reiten, sagt Köteles: „Hier, an dieser Stelle, trafen wir mit einer Patrouille, die wie wir ausgeritten war, zufammen, mit einem tschechischen Leutnant und zwei Unteroffizieren. Und dort auf der Straße, wo man die Dachsparren des verbrannten Hauses sieht, wir reiten gleich daran vorbei, dort mit einer zweiten."
„Wer war ihr Führer?"
„Ebenfalls ein Leutnant, Artillerist, mit vielen Sommersprossen im Gesicht."
„Na und ...?"
Februar.
Von Theodor Storm.
Im Winde wehn die Lindenzweige, Von roten Knospen übersäumt;
Die Wiegen sind's, worin der Frühling
Die schlimme Winterzeit verträumt.
• Appelhannes.
Bon Hans Franck.
Seinem Namen soll man Ehre machen. Wer „Meister" genannt wird, hat die doppelte Verpflichtung Meister zu sein. Wem es auserlegt wurde, als „Herr Honig" durch die Erdentage zu gehen, braucht zwar nicht von früh bis fpät einen süßen Mund zu machen; aber er Hute sich, will er nicht naheliegenden Spott heraussordern, vor dem Sauersehen. Man sollte meinen, daß jemand, der Johannes Appel heißt, es nicht sonderlich schwer haben könnte, der Verpflichtung, die ihm dadurch auserlegt ist, gerecht zu werden; und doch hat der Junge, welcher in einem niedersächsischen Dorfe fo getauft wurde, einen weiten und gefahrvollen Weg gehabt, bis es ihm gelang, fein Geben mit seinem Namen in Einklang zu bringen.
Appelhannes — wie die Dorfbewohner, gemäß chrer damaligen Sitte, den Menschen umgekehrt zu rufen wie er im Kirchenbuch verzeichnet stand, den einzigen Sproß eines Tagelöhnerpaares hießen — Apppelhannes war mit einer Veranlagung auf die Welt gekommen, die ihn von allen anderen Jungen weit und breit unterschied: er vermochte kein Fleisch zu essen. Seine Eltern, die meinten, daß er ohne fleischliche Nahrung später nicht imstande sein werde, die schwere Arbeit des Landbewohners durchzuhalten, versuchten von früh an ihren Knaben auf jenen Weg zu drängen, den alle feine Altersgenoffen gingen. Da beide die Weigerung des kleinen Johannes, Fleifch in den Mund zu nehmen, nicht als Eigenart, sondern als Eigensinn betrachteten, so waren sie nut ihren Mitteln, das Vorgesetzte zu erreichen, nicht eben wählerisch. Der Vater schalt — die Mutter bat, der Vater drohte — die Mutter befahl, der Vater schlug — die Mutter zeterte: aber es änderte sich dadurch an dem Verhalten des Appelhannes nichts. Als man ihn eines Tages zwang, Fleisch hinunterzuwürgen, erbrach er das Essen, so daß der Tagelöhner und seine Frau weitere gewaltsame Eingriffe in seine Nahrungsweise nun doch unterließen.
Von allen pflanzlichen Speisen schätzte Appelhannes Fruchte am höchsten, und unter sämtlichen Früchten der Erde ging ihm nichts über einen Apfel. Woher aber sollte ein Tagelöhner, zumal vor einigen hundert Jahren, Aepfel genug nehmen, um den Fruchthunger dieses Jungen zu stillen? So begann Appelhannes, sich die Aepsel, die er für feine Ernährung brauchte, zu stehlen. Anfangs glaubte der Knirps, er habe das gute Recht, sich zu holen, was er an Nahrung bedurfte. Sehr bald jedoch kam ihm das Bewußtsein, daß er Unrecht tat. Appelhannes drang nun heimlich in die Gärten ein. War er früher durch die Pforten gegangen und hatte unbekümmert mit Knüppeln und Steinen in die Bäume geworfen, bis herunterfiel, wonach ihn verlangte, fo fing er es jetzt heimlich an. Er schlüpfte durch Hecken, übersprang Mauern, erkletterte Zäune, verbarg sich im Blattwerk der Baume, stopste seine Taschen voll und rannte wie ein Dieb davon. Kein Garten war vor Appelhannes sicher, nicht die der Büdner — nicht die der Bauern, das winzige Geviert des Häuslers so wenig wie der unübersehbare Garten des Guts- 1)6 Cs konnte nicht ausbleiben, daß Appelhannes bet feiner Stehlerei erwischt wurde. War es wieder einmal geschehen, so gab es Schelte, Ohrfeigen, Hiebe. Mitteilungen an die Eltern, Meldungen beim Schulmeister, Anzeigen beim Schulzen blieben nicht aus. Jedesmal stand Appelhannes bann als zerknirschter Sünder da. Er versprach allen, die solches von ihm verlangten, feierlich, daß er es nicht wieder tun werde, versprach es niemandem öfter und glaubensgeroiffer als feiner Mutter. Aber wenn irgendwoher der Duft reifer Aepfel in feine Nafe drang — und keiner im Dorf hatte einen fo feinen Geruch für Aepfel wie Appelhannes, mit verbundenen Augen konnte er jede Sorte auf mehr als Meterweite nach dem ersten Schnuppern erkennen — bann ruhte ber Junge nicht, bis er feine Zähne in eine der köstlichen Früchte geschlagen hatte, gleichviel wem sie gehörten. Einen im Dorf ausgenommen: den Herrn Pfarrer!
Das war um so verwunderlicher, als dieser den gepflegtesten Obstgarten hatte wohl zwanzig Meilen weit in der Runde. Insbesondere Aepsel wuchsen darin, welche die Dörfler nicht einmal dem Namen, geschweige denn dem Geschmack nach kannten. So stolz war der Herr Pfarrer auf (eine Obstbaumschätze, daß er zwar manchen Taler an die Mitglieder seiner Gemeinde verschenkte, aber nicht einen Apfel. Auch nicht an Appelhannes, um dessen Eigenheit er sehr wohl wußte. In den Apselaarten des Herrn Pfarrers wagte Johannes Appel, aus Scheu vor dem heiligen Herrn, sich lange nicht. Als er aber sieben Jahre alt geworden war und den ersten gestohlenen Apfel aus dem Pfarrgarten gekostet hatte, lud er sich nirgendwo häufiger als dort zu Gast.
Der Pfarrer wollte es anfangs nicht glauben, daß jemand es wage, einen Diener Gottes zu begaunern Indessen, da sich die Zeichen des Bestohlenwerdens nicht länger verkennen ließen, zumal der Junge — endlich doch zum Geschmack der Pfarräpfel gekommen — immer gieriger würde, so lauerte er dem Dieb auf, und wenn es auch geraume Weile dauerte, bis er zum Ziel kam — denn der Tagelöhnersjunge war inzwischen ein kleiner Meister des Diebshandwerks geworden — schließlich erwischte er aber den Apfelspitzbuben — wie konnte es anders sein? — Johannes Appel. Der Pfarrer schlug nicht zu, schalt nicht, trieb den Jungen nicht aus seinem Garten. Appelhannes, das Schlimmste fürchtend, lief zerknirscht davon. Es erfolgte jedoch keine Anzeige beim Schulmeister. Die Vorladung auf das Schulzenamt blieb aus. Nicht einmal mit den Eltern nahm der Herr Pfarrer Rücksprache. Das Diebchen


