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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956___________________________Zreitag, den z. Zebruar______________________________Nummer \[
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Von Otto Folberth.
Copyright 1935 by Romanvertrieb Langen/Müller, München.
(4. Fortsetzung.)
Die Sonne ist eine große runde Scheibe und hängt vor ihnen im Morgennebel. Ganz nieder, ganz nahe ist sie, daß man sie greifen kann. Wer jetzt seinem Pferd die Sporen gibt und mitten auf sie zu sprengt, wird mit der Mütze ihren feurigen Rand streifen. Blutrot ist dieser Rand und blutrot sein Kern, wie Möß ihn noch niemals sah, ein zähes, dickflüssiges Glühen und Lodern, Wallen und Wehen. Alles, alles andere ringsum verschluckt der weiße Rebel: die verlassenen Gehöfte, die Aecker, die spärlichen Bäume, die irrenden Reiter — nur die blutrote Scheibe verschluckt er nicht.
Langsam schiebt sich die klirrende Karawane durch die nebelweiße Wüste, Welle auf, Welle ab, über die zertretenen Kartoffelfelder von gestern. Kein Stein, kein Stamm, der Grenzen schüfe und ein Maß setzte dieser weichen, weiten Erde. Kein Zeichen hier und kein Zeichen dort. Die Sonne, die blutrote Sonne bleibt der einzige Wegweiser.
„Halt! Ha—alt!"
Wer rief aus dem Rebel?
„Hier, in dieser Bodensenke, protzt ihr ab und baut das Geschütz auf. Verstanden, Möß? Telephonisten mir nach!" Damit spritzt Gero, der Nebelreiter, wieder davon.
Aber es dauert lange, bis die Lichtwolken dieses Morgens verhauchen, bis Vormeister Dömner ein halbwegs entsprechendes Hilfsziel anvisieren kann, bis das Geschütz auf die genaue Ostrichtung eingestellt ist. Und ebenso lange dauert es, bis Gero aus einem Schützenloch der vordersten Linie die feindlichen Gräben auf einer der gegenüberliegenden Bodenwellen erkennt. Seltsam, ihr Feuer, das jetzt einsetzen müßte — denn wir liegen ja halb oder auch ganz ungedeckt hier vor ihrer Rase — ihr Feuer bleibt aus.
„Oder sollten sie etwa noch — schlafen?" flüstert es aus dem nächsten Schützenloch herüber.
Schlafen?
Zwei Granaten Geros schaffen Gewißheit. Rein, sie schlafen nicht. Sie sind überhaupt nicht mehr da. Sie sind auf und davon ... Suchten nächtlings das Weite.
Mit einigen Schüssen noch tastet Gerö den Raum hinter den feindlichen Gräben ab. Keine Antwort. Schweigen. Ungewohntes, völlig unerklärliches Schweigen. Es ist, als ob der Feind, mit dem man doch in der Nacht noch angeregte Kugelzwiesprache gepflogen, von irgendeiner Nebelmacht Verblasen, verwischt, ausgelöscht worden sei.
Was ihnen bloß eingefallen sein mag, plötzlich zu fliehen? Haben wir denn gestern gerade so großartig gesiegt? War es nicht vielmehr so, daß wir eigentlich nur zu siegen versuchten, um nicht mehr länger und entscheidend unterliegen zu müssen?
Diese Fragen, in einem halben Dutzend Zungen gestellt und wieder gestellt, wandern die Schützenketten hinauf und hinab.
Die Befehlsstellen sind, als sie von der Räumung des Feindes Kenntnis erhalten, bestürzt. Auch sie verstehen den Sinn des Rückzuges nicht. Wozu dann überhaupt der verlustreiche Durchbruch? Wozu das schwere Ringen der letzten Wochen in Regenschauern und Nebeltreiben, im lehmigen Matsch des Frühwinters? Erobert man unter Einsatz guter, ausgeruhter Truppen Hügelfalte nach Hügelfalte eines zerwühlten und verdreckten Geländes, um es dann nach dem ersten ernsten Versuch des Gegners, es zurückzugewinnen, ihm in einer einzigen Nacht in Bausch und Bogen wieder zu überlassen? Nein, sie trauen dieser Strategie nicht. Sie roten hin und her, zerbrechen sich eine halbe Stunde lang die Köpfe. Endlich schwirrt der Befehl durch die Drähte der Artillerie: Aufklärer vor!
Aufklärer vor!
„Kutyaläb“, schimpft Gerö, „wo bleiben eure Husaren?" Aber insgeheim freut sich sein Reiterblut, daß sie wieder durch Artilleriepatrouillen ersetzt werden müssen. Denn Gerö ist nicht nur Jäger, er ist auch Reiter aus Leidenschaft. Wenn er sich sitzend irgendwie wohl fühlt, dann ganz gewiß nur im Sattel. Hej, Kutyaläb, hej!
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Möß lächelt wehmütig, als im Rudel der grasenden Pferde zwei Sättel zurechtgerückt und zwei Gurten fester geschnallt werden Aber es hilft ihm nichts, Korporal Köteles darf heute Serös einziger Begleiter sein. Man kann die Mannschaft bei der ungeklärten Lage nicht allein lassen. Wer weiß, was sich in der Abwesenheit Geros alles ereignen wird.
Und da führt Köteles auch schon das Pserdepaar heran; Maxl, den kleinen, ehemals kaiserlich russischen Kosakenrappen für Oberleutnant von Gerö. Und für sich selber Engel, eine graue Eisenschimmelstute.
Eigentlich macht die Stute den herrschaftlicheren Eindruck. Sie ist ziemlich hoch, leicht und schlank gebaut, trägt ihren Schwanenhals wie eine Paradegaul. Wie ein Paradegaul tänzelt sie auch, da sie jetzt an der Mannschaft vorbei herangeführt wird. Gerö kann gerade dies Wesen an ihr nicht leiden. Er ist und bleibt von Grund aus abhold allen Parademätzchen. Niemals hat er deshalb Engel als Reitpferd für sich ernstlich in Betracht gezogen. Freilich, ganz verzichten konnte er auf sie nicht. So läßt er sie denn von Köteles reiten, von Köteles, der die längsten Beine und den härtesten Schenkelzwang im Fähnlein hat.
Neben ihr betrachtet ist Maxl beinahe ein Maultier. Er ist kurz und gedrungen. Er hat einen starken Hals und trägt ihn geradeaus, ohne Spiel und ohne Ziererei. Ueberhaupt liegt ihm kein Gedanke ferner als der, jemandem irgend etwas vorzumachen. Wer, der ihn nicht kennt, sähe ihm in diesem Augenblick beispielsweise an, daß er Beine wie aus Stahl, Nerven wie Drahtseile hat?
Die Mannschaft des Gebirgsgeschützes, ja, die kennt ihn freilich schon lange. Bei ihr ist es weiter kein Wunder also, daß sie ihn liebt, daß sie ihn jetzt, da er unbekümmert an ihr vorbeischreitet, mit einem freundlichen Blick begleitet. Mancher würde sogar, darauf ließe sich wetten, vortreten, wäre es nur statthaft, und würde fein seidenweiches schwarzes Fell streicheln. Mancher würde ihm wenigstens ein Wort zurufen, eines jener Worte, die bei Licht betrachtet, eigentlich wenig oder nichts verraten, aber in der Sprache des Fähnleins große Bedeutung gewonnen haben. Sie wissen alle: wenn Gerö ihn heute nach wilder Hatz — wer freilich kann voraussehen, wie es kommen wird? — plötzlich anhält und ihm die Zügel m den Nacken wirft, steht Maxl wie angegossen und rührt sich nicht. Gerö kann dann ruhig den Stutzen an die Wange legen und Piff und Paff in die Büsche knallen, Maxl wird stehen wie ein Fels, wie eine Bildsäule ... Oder aber — denn wer freilich kann voraussehen, wie es kommen mag? — es wird sich wieder bestätigen, daß sie recht und recht haben mit ihrer Behauptung, Maxl fei das schärfste Tier weit und breit, Maxl sei noch nie geschlagen worden, wo es darauf ankam, richtig auszuholen ...
Das, ja das hält die Mannschaft von Maxl, dem unscheinbaren kleinen Rappen.
Und Gerö?
Gerö hat einmal den Ausspruch getan — das war damals, als der neue Kadett Maxls Tugenden zu erkennen begann und es auch sagte, was er doch für ein gutes Pferd fein müsse — den Ausspruch also: „Ein Pferd ... was ein Pferd? Ein vollendeter Krieger!"
*
Langsam, entsetzlich langsam schleichen die Stunden des Wartens. Wann eigentlich ist Gerö abgeritten? Und jetzt hat die Sonne schon längst ihre Scheitelhöhe überschritten, und noch keine Nachricht traf von ihm ein.
Einmal hört Möß einen Hufschlag sich nähern und spitzt die Ohren. Aber es ist nur ein Reiter vom Train mit Post. Ein Reiter allerdings, der auf seine Art Möß eine große Ueberraschung bereitet, denn er händigt ihm nicht weniger als einen langen Brief von Muttern ein und dazu zwei Liebesgabenpäckchen, die ersten, seit er im Felde steht.
Möß, der glückliche Empfänger, fetzt sich mit kreuzweis verschränkten Beinen auf den Acker. Vor sich hin stellt er wie ein Kultgerät die beiden Päckchen. Und erbricht den Brief.
„Bist Du nun endlich zufrieden, mein Junge, daß Du draußen bist? ... Warst Du schon in Schlachten? ... Hast Du Freunde gewonnen ...?"
Dann wiegt er prüfend die kleinen Schachteln in der Hand, dreht und schüttelt sie, um zu hören, ob auch wirklich alles noch drinnen sei. Endlich gestattet er sich, sie zu öffnen.
Da liegen vor ihm in der Sonne auf dem galizischen Acker die erbrochenen Päckchen. Jedes Stück des süßen Backwerks ist sauber in Seidenpapier gehüllt. Er lüftet die Hülle eines der Törtchen, läßt sich feinen Duft um die Nase fächeln, in dem er Hof und Haus in der fernen Heimat und das Herz feiner Mutter erkennt, und genießt mit feinen Blicken im voraus den Geschmack der dicken Zitronenglasur.
„Soll ich — soll ich nicht zugreifen?" überlegt er lange hin und her.
Dann zählt er seine Knöpfe ab und befragt dies harmlose Orakel.
„Nein, ehe Gerö da ist, rühre ich nichts davon an. Er muß ja jeden Augenblick zurück sein."
Zwei Stunden später ist Gerö noch immer nicht zu sehen. Auch die Telephonisten in der Beobachtung sehen einen Schmarrn und können also nichts Gescheites melden. Ihr Blickfeld reicht ja nur bis zur nächsten Hügelwelle, hinter der Gerö nun schon vor einer Ewigkeit verschwunden ist. Die Befehlsstellen hinten wissen weniger als nichts. Fronther ist kein Schuß zu hören. Nichts. Nichts. Nichts.


