Ausgabe 
6.11.1936
 
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unverrichteter Dinge in die schützende Elbemündung zurücksegeln, wah­rend K n i p h o f f seinen Schlupfwinkel bezog und von da aus bei Wetterzulah sein Unwesen mit verdoppeltem Eifer weiterbetrieb. Er hatte es dabei besonders auf die schwach befestigten kleinen Küstenplatze abgesehen, die er durch überraschende Uebersälle brandschatzte.

Das mißfiel dem Hamburger Rat aufs höchste, weshalb er das Strafgeschwader um zwei Bojer (Ewer) vermehrte und trotz Herbft­wetter wieder auf Kreuzung schickte. Der Hamburger Admiral trachtete zunächst zu erkunden, wo der Nothafen des Korsaren lag. Zu seiner Freude erfuhr er, daß Kniphoffs Schlupfwinkel gar nicht fern von der Elbemündung war. Er befand sich in der Osterems, dem Fahrwasser zwischen den Watten östlich der Insel Borkum, unfern des ostfriesischen Dollarts, des Meerbusens, in den sich die Ems ergießt. Hier steckte der Korsar, im Grunde genommen, in einer Falle, die ein entschlossener Gegner zuziehen konnte. Deshalb segelte das Hamburger Geschwader mit vollen Segeln hin, ohne sich durch die wütenden Herbststürme auf«

W'e die Hamburger den Kniphoff finge'

Ein Blatt aus der deutschen Seegeschichte.

Von Kapitän von R z i h a.

Bor vierhundertundzehn Jahren rüstete Christian II. von Dänemark eine Flotte aus, um das verlorene Norwegen zurückzuerobern und die deutsche Hansa zu demütigen.

Die mächtige Flotte zerfiel in mehrere Geschwader, deren eines von dem fünfundzwanzigjährigen Kopenhagener Klaus Kniphoff be­fehligt wurde. Seine Kommandoflagge wehte auf derGallion , einem gewaltigen viermastigen Orlogschiff. Außerdem bestand sein Geschwader aus zwei Dreimastern und einem Zweimaster. Er ging noch in der Fastenzeit unter Segel, was damals gegen Kriegsbrauch war, und kreuzte im Gewässer der Insel Blieland, wo ihm viel« hanseatische Kauffahrer in die Hände fielen. Das brachte ihn auf den Geschmack, daß er bald über jedes Handelsschiff ohne Unterschied der Flagge herfiel, um es als gute Prise einzuheimsen. . ,

Auf diese Weise verwandelte er sich vom dänischen Admiral zum Seeräuber, der auch die neutrale Schisfahrt nicht verschonte. Trotzdem hätte er in den unruhigen Zeitläuften noch länge sein schnödes Spiel treiben können, wenn die Hansa nicht beschlossen hätte, ihm das Hand­werk rasch und gründlich zu legen.

Die Hamburger übernahmen die Durchführung des Femespruchs und rüsteten em Geschwader von vier Kraffeln (Dreimaster) aus, dessen Be­fehl der Admiral Simon P a r s e v a l übernahm. Er führte sein Flagg­schiff selbst, und auf den drei andern Kraffeln befehligten die Kapitäne Dittmar Pohl, Klaus Hasse und Dirk v. Minden. Zu Haupt­leuten der miteingeschifften Kriegsvölker wurden Michel Schröder und Jürgen Sibbern ernannt.

Das Hamburger Strafgeschwader kreuzte jedoch vergeblich den ganzen Sommer lang an der norwegischen Küste, ohne den geriebenen Kor­saren abzufassen. Deshalb mußte es mit dem Einbruch der Herbststürme

Als sie gesresien hatte, legte sie sich zu seinen Füßen nieder, duckte den schlanken Kopf mit den lauernden braunen Augen auf die Pfoten und spitzte die Ohren, als lausche sie, was da nun weiter kommen solle.

Wie heißt du denn nun wohl?"

Die Hündin hob den Kopf ein wenig, als wundere sie sich über Den sanften Ton seiner Stimme.

Wollen wir Freunde werden?"

Da begann sie mit der buschigen Rute den Boden zu klopfen. Sie war also einverstanden. Sie witterte keine Bosheit in seinen Worten.

Hm, du scheinst es schlecht gehabt zu haben in der letzten Zeit... Du bist nicht gerade überfüttert worden, deine Rippen sind vollzählig beieinander, wie ich sehe ... Wie ich gehört habe , fuhr er nach einer Weile fort, kommst du aus einem reichen Hause. Aber der reiche Herr starb wohl eines Tages, he? Oder war er dich leid? ... Du bist billig ausqeboten worden, bist unter die Leute gekommen, hast den Herrn ver­loren und einen neuen nicht gefunden ... Du bekamst Fußtritte, was? Hast dich nicht zu deinem Vorteil verändert.^... Natürlich, so wird es gewesen sein. Eine Hündin, wer will eine Hündin haben? Im Fruchahr hat man die Schererei mit deinen Liebhabern, die den Zaun umschleichen, die das Haus ankläffen, lauter Unruhe ..." Schließlich erwischt dich der rothaarige Metzgerhund, und in irgendeiner Ecke wirfst du ein paar Bankerte, die man in einen Sack tut und ersäuft, weil sie nichts roert sind Da heulst du nun los, denn du liebst deine Kleinen, und wirst aufgeregt und bissig und rennst überall herum, eine Plage für die Leute. Fort damit, hinaus mit dirl Und so wanderst du von Hand zu Hand, wirst ein Straßenköter, mit Steinen wirft man nach dir, die Kinder aus der Dorfstraße freuen sich, wenn du den Schwanz zwischen bie Beine klemmst und davonjagst. Einmal fällst du einen der kleinen Peiniger an, man fängt dich ein, du wirst überwältigt, kriegst einen Maulkorb vor und sollst kaputt gemacht werden ... Ja, schwänzle nur, du hast nicht mehr viel Zeit gehabt! ..."

Das dumme Angstgefühl vor dem Rätselhaften und Unbekannten tn dem Tier war von ihm gewichen. Er streckte der Hündin die Hand hm und sagte:Gib Pfote!" .....

Das war ein Klang aus der alten Zeit. Wirklich, die Hündin erhob sich und legte ihm die Pfote tolpatschig in die nackte Hand. Sie lieh sich den Kopf streicheln und den Hals kraulen.

Siehst du wohl, wir werden noch gut miteinander auskommen. Wenn ich nur wüßte, wie man dich ruft ..."

Er versuchte einen Namen zu finden, aber ihm waren nur Hundenamen geläufig. Strolch, ©trupp, Wolf, Arco, Tyras, Lord ... Ein Hündinnen- name fiel ihm nicht ein. Schließlich aber kam er doch auf einen.

Kora!", rief er leise. ..

Und wer hätte diese Wirkung erwartet? Die Hundm hatte sich bereits wieder niedergelegt und sich zusammengerollt. Nun hörte sie den Namen, den Johannes fragend und unsicher rief. Ja, das war ja ihr Name, ihr eigener Name, den ihr erster Herr ihr gegeben hatte! Und nun sprang sie auf, als hätte sich vor ihren Augen ein Tor in die Jugend wieder geöffnet, ein Tor in die guten Tage. Sie stieß ein Freudengeheul aus, ein helles, erstauntes, ungläubiges Geheul, und dann folgte ein Gebell von wilder Leidenschaft und ein Getänzel in der kleinen Stube, daß Johannes sich die Ohren zuhalten mußte. Die Hündin bestürmte ihn mit ihrer plötzlichen Munterkeit, fetzte ihm die Pfoten auf die Brust und wollte ihm das Gesicht lecken. Sie war wieder eine junge, heitere Hündin geworden, sie hieß wieder Kora. Wirklich. Johannes hatte ihr ihren Namen zuruck- gegeben. ,, , .. r r.

Ja, das war ein großer Augenblick zwischen ihnen beiden gewesen, sie werden ihn nicht vergessen!

halten zu lassen.

Als Kniphoff das Herannahen der Hamburger erfuhr, wollte er aus feiner Falle heraus. Aber fein Lotse war ein gebürtiger Hamburger, den die Piraten mit Gewalt in ihren Dienst gezwungen hatten. Er sah nun die Gelegenheit zur Vernichtung der Seeräuber, und da wollte er gegen die Feinde feiner Vaterstadt begeistert das Seine tun. Deshalb ließ er das auslaufende Geschwader K n i p h o f f s in der Osterems auf den Sand rennen. Che die Schiffe hier wieder loskamen, waren die Harn-

ger schon vor der Ausfahrt angelangt.

Kniphoff mußte bei Gretsyl in der Osterems vor Anker gehen, während die Hamburger sich hinter die Insel Neuwerk legten. Sie hielten hier Kriegsrat, entwarfen ihren Schlachtplan und segelten in die Osterems hinein. Nahe am Geschwader Kniphoffs ankerten sie und machten chre Schiffe klar zum Gefecht.

Am nächsten Morgen hoben sie Anker und eröffneten mit schwerem Breitseitfeuer die Schlacht. Kapitän Dittmar Kohl suchte das über­legene Flaggschiff Kniphoffs zu entern. Die beiden Bojer eilten zu feiner Unterstützung herbei und erschossen mit ihren Bleipillen einen großen Teil der Deckmannfchaft auf derGallion".

Während infolgedessen auf dem Flaggschiff des Piraten Verwirrung herrschte, segelte Admiral P a r s e v a l mit seiner Kraffel heran, um dieGallion" ins Kreuzfeuer zu nehmen. Aber Kniphoff setzte sich tapfer zur Wehr. Er ließ seine Kartaunen und Feldschlangen spielen und be­legte die vier Hamburger Kraffeln mit Donner und Blitz. Vor feiner überlegenen Artillerie musste das Hamburger Admiralschiff zurückweichen, indem es sich außer Schußweite treiben ließ.

Jedoch Kapitän Dittmar Kohl ließ nicht locker. Er hielt dem mörde­rischen Bombardement derGallion" auf Biegen oder Brechen stand und ermutigte dadurch die Kapitäne Klaus Haffe und Dirk v. Minden, die mit ihren beiden Kraffeln die übrigen drei Schifte Kniphoffs vom Eingreifen zugunsten derGallion" abhielten. Sie belegten die drei Korfarenfchifte mit Brandgeschossen und setzten sie außer Gefecht.

Nun konnte das Hamburger Geschwader seine Stoßkraft auf die mächtigeGallion" sammeln, und diesem vereinten Anprall mußte auch das gewaltige Orlogschiff erliegen, das ursprünglich von den Spaniern zur Bedeckung ihrer amerikanischen Silberflotten gebaut als der unbezwingbareDreadnought" seiner Zeit galt.

DieGallion" wurde im Sturm geentert und der größte Teil ihrer Besatzung niedergehauen. Die Ueberlebenben darunter der schwer verwundete Kniphoff muhten sich auf Gnade und Ungnade eraeben. Als Korsaren hatten sie nach Kriegsbrauch ihr Leben verwirkt. Kniphoff war sich daher über sein unvermeidliches Schicksal im Klaren und suchte sein Leben zu retten, indem er sich als gewöhnlicher Matrose verkleidete, bevor er sich ergab. Er wurde jedoch erkannt und von Dittmar Kohl gefangen auf sein Schiff gebracht.

Mit vier beuteschweren Piratenschiffen und hundertzweiundsechzig Gefangenen kehrte das siegreiche Hamburger Geschwader in die Elbe zurück. Admiral Parseval erstattete mit seinen Kapitänen, Be­satzungen und Gefangenen in feierlichem Aufzuge die Meldung vor dem hohen Rat, der ihn im Rathaus empfing. Drei Tage später kam Knip­hoff mit feinen Gesellen vor das Hochgericht.

Er verteidigte sich mit großer Klugheit und Seelenkraft, indem er sich auf den Kaperbrief feines Königs berief. Auswärtige hohe Herren verwendeten sich lebhaft für ihn. Aber die Hamburger Schöffen blieben feft auf dem Standpunkt, daß er kein Kaper, sondern ein gemeiner Seeräuber war. Als er die Unmöglichkeit feiner. Rettung erkannte, bat er nur um Gnade für feine Leute, die bloß feinem Befehl gehorcht hatten.

Er wurde aus dem Graasbrook enthauptet, wo die Hamburger feit uralten Zeiten alle verurteilten Seeräuber angesichts des Elbestroms hinrichten ließen. Fünfundsiebzig seiner Gefährten teilten sein bitteres Los. Ihre Köpfe wurden nach altem Brauch am Elbufer auf Pfähle gesteckt, um allen Seefahrern als heilsame Warnung vor der Strenge der Hamburger Gesetze zu dienen. Denn es war eine schwere und kriege­rische Zeit. Der Rest von Kniphoffs Gesellen wurde begnadigt und auf Hamburger Schiffe verteilt.

Kapitän Dittmar Kohl hatte bei der Bezwingung der Korsaren den meisten Ruhm erworben. Zwei Jahre später wurde er dafür in den hohen Rat gewählt. In seinen fünfzehn letzten Lebensjahren leitete er als Bürgermeister das Geschick der mächtigen Hansestadt. Noch lange nach seinem Hinscheiden gab es zwischen der Insel Neuwerk und dem Vogelsand ein eigenartiges seemännisches Denkmal, mit dem die Ham­burger sein Andenken ehrten. Es war eine große Seetonne, die als Schiffahrtszeichen der Elbezufahrt diente undDittmar Kohls lonne, hieß. Erst im vorigen Jahrhundert kam sie außer Gebrauch, als sie bei einer Veränderung des Fahrwassers nicht in die neue Fahrrinne ver­legt wurde. Dadurch verlor sie sich in der Erinnerung der Nachfahren, so daß heute selbst der älteste Lotse nicht mehr weih, wo sie einst verankert war und was mit ihr seither geschehen ist.

verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverfitäts-Buch- und Steindruckerei. L. Lange. Giehen.