Abfckned.
Don I. W. von Goethe.
Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick!
Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist. Zieht sie, ach! reiht sie ihn ewig zurück.
Frage dich nicht in der Nähe der Süßen: Scheidet sie? scheid ich? Ein grimmiger Schmerz Fasset im Krampf dich, du liegst ihr zu Füßen, Und die Verzweiflung zerreißt dir das Herz.
Kannst du dann weinen und siehst sie durch Tränen, Fernende Tränen, als wäre sie fern:
Bleib! Noch ist's möglich! Der Liebe, dem Sehnen Neigt sich der Nacht unbeweglichster Stern.
im
Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dein soeben Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen neuen Buch des Dichters: „W a g r a i n e r T a g e b u ch". „
Sommergäste sind merkwürdige Geschöpfe, unergrundüche sie stecken voller Rätsel. Ob sie nun singen oder pfeifen oder im stillsten Wresen- arund sitzen und Marschmusik auf einer höllischen Maschine spielen, einerlei, den Drang zum Geräusch haben alle in sich. Wenn irgendwo ein Vogel auf dem Zaun sitzt, um seine Federn zu putzen, und es kommt ein Sommergast des Wegs, dann schwelgt der Vogel und wartet mit seinem Geschäft, bis der Fremde vorbeigegangen ift. 2tber der kann nicht schweigen, der muß mit dem Finger auf den Vogel zeigen und einen Schrei ausstoßen: Seht her, ein Kuckuck! Und dann fliegt der Bogel davon und kommt lang nicht mehr. Natürlich, weil ihn das ärgert, er ist gar kein Kuckuck, sondern ein Häher.
Andere Sommergäste wieder sind über alles menschliche Maß hinaus neugierig, besonders die weiblichen, und es gibt fast nur solche, soweit ich mich entsinne. Wo immer ein Kind am Wege sitzt, das eben erst em wenig krähen kann, gleich wird es in ein weitläufiges Verhör gezogen, wie es denn hieße und wer sein Vater sei, lauter sehr peinliche Fragen.
Das Kind darf ja schweigen und sich sein Teil denken, aber unser- einem ist es weniger leicht gemacht. Zum Beispiel habe ich einmal, als mir sonst nichts einfiel, die Fensterläden an meinem Haus blau angestrichen, alle bis auf zwei im Untergeschoß, die sind braun geblieben. Die Dorfleute regt das nicht weiter auf, sie begreifen, daß einem zur Unzeit die Farbe ausgehen kann oder die Geduld, aber die Sommergäste bringt so etwas außer Rand und Band. Sie sammeln sich vor dem Haufe an und beraten die Sache unter sich. Etliche ziehen Schlüsse auf meinen Geisteszustand, auf meine Gemütsart, andere meinen, ich muffe auf jeden Fall ein Mensch von Eigenart fein und wieder andere bezweifeln das, die raten auf eine völlig zerrüttete Ehe. Und wahrhaftig, es fehlt nicht viel daran, daß sie recht behielten, denn auch die Haus- genos en mischen sich in den Streit und wollen die Schande nicht langer dulden. Ich weiß nicht, vielleicht werde ich tun, was Salomon getan hätte Ich werde noch ein paar Fenster rot und gelb dazumalen. Dann heißt mein Haus das Regenbogenhaus, und alle sind zufrieden. ,
®in anderes Mal, während ich am Schreibtisch sitze, weil mir ist, als käme mich ein Gedanke an, trifft mich plötzlich eine Stimme vom Fenster her in den Rücken.
Hier wohnt er, sagt die Stimme.
Ja, sagt eine zweite. Aber er soll so scheu fein.
Was heißt das nun? Natürlich muß ich sogleich aufstehen unb leise zum Fenster schleichen, es war immerhin eine ziemlich tresfende Le- merkung Ich schaue hinaus, und weil das nicht mehr Aureicht.stecke ich den Kopf durch das Gitter. Aber in diesem Augenblick dreht sich das eine der beiden Wesen noch einmal um und sieht mich nut gerecktem Hals und lächerlich zerraustem Haar, ich kann um alles in der Welt den Kopf nicht schnell genug wieder einziehen.
Es gibt freilich auch dreistere, die stehen plötzlich vor der Tur und kichern und stoßen sich an. Nach einer Weile klopft cs auch wirklich, und dann knöpfe ich in Gottes Namen den Hemdkragen zu und führe die beiden herein. Die eine hat einen Zettel mitgebracht, damit ich ihr einen Vers darauf schreibe, sie sammelt solche Zettel. Die andere aber, die Hübschere, ist eigentlich nur spaßeshalber gekommen, um mir dabei zuzuschauen. Sie hat überhaupt noch keinen lebendigen Dichter gesehen, immer
Fasse sie wieder! Empfindet felbander
Euer Besitzen und euren Verlust!
Schlägt nicht ein Wetterstrahl euch auseinander, Inniger dränget sich Brust nur an Brust.
Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist. Fliehe mit abgewendetem Blick!
Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist, Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück.
Neugierige Gäste.
Von Karl Heinrich Waggerl.
nur Denkmäler.
Nun, was mich betrifft, ich bin keineswegs aus Stein, sondern ein zugänglicher Mensch. Man darf bei mir in der Stube umhergehen und alles genau betrachten, darf sich in jeden Stuhl setzen und Bilder aus dem Fach kramen, und wenn man einen Üppigen Mund hat und winzige Sommersprossen auf der Nase, bann darf man auch Fragen stellen, obwohl mir dabei der Reim wieder entfällt, den ich eben gefunden habe.
Ob ich denn diese vielen Bücher auch olle gelesen hätte?
Einige. .
Und wie das eigentlich zuginge, ob ich mich einfach hinsetzte und schon fiele mir etwas Gereimtes ein?
Ach nein, erklärte ich, viel Sfter etwas Ungereimtes. Aber die Lent» merken es gar nicht immer.
Natürlich, sagt das Fräulein, als habe es ohnehin nichts Besseres von mir und den Leuten erwartet. Und ob ich immer nur Verse machte ober manchmal auch etwas onberes? Ja? Was benn zum Beispiel?
Zum Beispiel diese Uhr an der Wand, behaupte ich, um mir eitt neues Ansehen zu geben.
So. Und die Bilder vielleicht auch?
Ja, sage ich zerstreut, denn ich habe den Reim wieder gesunden.
Und diesen Krug auf der Truhe?
Jawohl, erkläre ich, auch den, mein Kindl
Und woraus? , .
Aus Lehm und Geist, sage ich, und schreibe meinen Vers auf den
Aber bann müssen wir beide lachen, denn ich habe schändlich ausgeschnitten, es klebt ja eine Marke unten auf dem Krug.
Nein, sagt die Freundin säuerlich, nein, Liese, du bist entschieden zu vorlaut! _ r _
Sie ist die Aeltere von den beiden, sie hat keine Sommersprossen auf der Nase. .
Das Kind aber verstummt, und ich wende mich auch wieder zu meinem Gedicht, ein wenig betreten. Es ist ja wahr, ich sollte mehr Würde zeigen, das bin ich dem Ansehen meiner Zukunft schuldig. Wohin kämen wir wenn jedes stupsnasige Mädchen seinen Spaß mit uns treiben könnte? Wenn gar die Leute anfingen, bei allem, was wir ihnen zeigen, auch den Boden zu besehen! ,
Nein, wir dürsen uns nicht zu sehr gemein machen, auch In dem nicht, was sterblich an uns ist. Denn der Gott, der nur einmal merken läßt, daß er eine weniger erhabene Kehrseite hat, der ist auch schon entthront. ,
Ich bin freilich nur ein kleines Licht unter so vielen Leuchten. Und wenngleich man sagt, es fei kein Heiliger so gering, daß er nicht doch darauf hielte, seine eigene Kerze zu haben, zuweilen ist es mir dennoch viel wert, wenn einmal ein Bauer an mein Fenster tritt und ein paar verständige Worte mit mir redet. Oder wenn sonst jemand kommt, nicht, weil er etwas besonders Tiefsinniges von mir hören möchte, sondern weil er meint, ich sei vielleicht auch ein Mensch, dem Fleisch und Blut lieber ist als Papier und Tinte.
Gut, wenn Gott einem von uns manchmal die Zunge lost, daß er den Menschenbrüdern etwas zum Trost sagen kann. Aber in uns allen ist das Beste stumm.
Oie Hündin Kora.
Von Johan Luzian.
Die Tage kommen und schwinden, und mit jedem Tag kommt der Herbst näher heran. Bald wird es Winter sein. Der lange Winter! Die Rehe kommen bann bis vor bas Haus unb betteln mit braunen, traurigen Augen um Futter. Sie überwinden ihre Scheu und uertrauen dem Menschen, der bescheidenen, kleinen Güte des Menschen.
Seht, da werden schon ein paar Blätter gelb, hier und da! Das sind Vorboten. Und bald wird der ganze Wald lodern im feurigen Braun und Geld, die Stürme werden den Brand über die weite Erde treiben. Dann kommen die grauen Tage. Da weichen die Wege auf vom endlosen Regen, da werden Haus und Wald und Tal belagert von den Bergen Trübsal unb Unlust, die dräuend zwischen Himmel und Erde stehen, die Nebelberge, die Dampfgebirge, wenn das Wasser noch wärmer ist als die Luft.
Johannes lobt das Haus, er lobt seine Hütte. Sie schneidet ihm aus der herbstlichen Welt ein kleines Stück aus, ein winziges geborgenes Stück Raum, in dem er daheim ist, genug Raum für sich und fein treues Tier.
Die Nebelvögel fliegen über die enttarnten Wiesen, über die buschige Wildnis der Hänge, über den lichteren Wald. Die Wolken kommen schläfrig dahergetollt, sie haben das Licht gefressen, sich die Bäuche gemästet. ,
Er zeichnet die Hündin, zeichnet ihren schönen grauen Wolsinnenkopf. Wie sie zuweilen schnuppernd durch die Stube geht, wie sie die Pfote« auf das Fensterbrett fetzt, um hinauszuschauen, und wie sie sich behaglich knurrend wieder zusammenrollt zu den Füßen ihres Herrn!
Johannes ging einmal ins Dorf hinauf, da war er ihr begegnet. Zwei junge Burschen aus dem Nachbardorf führten sie am Strick unb hatten ihr einen Maulkorb oorgebunben. Sie taten trotzbem ganz aufgeregt, als hätten sie ein Abenteuer bestauben.
„Nicht anfassen!", rief ber eine. „Das Vieh ist bissig!"
„Wir sollen sie zum Jäger bringen, er soll sie kaputt machen! , sagte ber anbere. ...
Kaputt machen ... Ein harter Ausbruck für eine harte Sache. Es wird etwas zerbrochen, in Stücke geschlagen, ausgelöscht, es liegt da, wird häßlich und verwest und verdirbt.
„Nein, hört einmal! Dieses schöne Zier!"
„Ja, niemand will sie geschenkt haben!"
„Sie hat ein Kind gebissen. Es ist ein ganz verkommenes Biest!
„Aber echt ist fiel Ein Kommerzienrat hat sie einmal gehabt! Aber nun ist sie verdorben, sie war überall schon ..."
„Niemand will sie haben?", fragte Johannes. „Dann gebt sie mir, wenn ihr mögt. Man soll es doch noch einmal versuchen!"
„3a, aber wir stehen für nichts ein!"
„Nein, wie heißt sie benn?"
Das wußten sie nicht, sie hatten sie unterwegs bekommen, um sie rasch fortzuschaffen. „ , . .... , .,
„Nun, bann komm ohne Namen mit!", sagte Johannes unb führte die Hünbin heim. Sie ging auch willig neben ihm. In ber Waldhutte gab er ihr zu fressen. Reissuppe, Knochen unb altes Brot. Sie fraß gierig unb knurrte beim Fressen. ,
„Nun, nun, es nimmt btr ja niemanb etwas weg! , sagte Johannes begütigend.


