Ausgabe 
6.11.1936
 
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Wo gehst du hin, Johannes? ruft Victoria und läuft ihm nach.

Er bleibt stehen und antwortet still:

Ich lege die Eier in die Nester zurück.

Eine Weile standen sie da und sahen einander an.

Und heute nachmittag gehe ich in den Steinbruch, sagte er.

Sie antwortete nicht.

Dann könnte ich dir die Höhle zeigen.

Ja, aber ich habe so Angst, antwortete sie. Du sagtest, sie sei so dunkel.

Da lächelte Johannes trotz seinem großen Kummer und erwiderte mutig:

Ja, aber ich bin ja bei dir.

Seit jeher hatte er da oben in dem alten Granitbruch gespielt. Die Leute hatten ihn reden und arbeiten gehört, obwohl er allein war; bisweilen war er Pfarrer gewesen und hatte Gottesdienst abgehalten.

Diese Stätte war seit langer Zeit verlassen, jetzt wuchs Moos auf den Steinen, und die Spuren der Bohr- und Sprenglöcher waren bei­nah verwischt. Aber in der verborgenen Höhle hatte der Sohn des Müllers aufgeräumt und sie mit vieler Kunst ausgeschmückt, und dort wohnte er als Häuptling der tapfersten Räuberbande der Welt.

Er schellt mit einer silbernen Glocke. Ein kleines Männchen, ein Zwerg mit einer Diamantenspange an der Kappe, hüpft herein. Das ist der Diener. Er verbeugt sich bis zur Erde. Wenn Prinzessin Victoria kommt, so führe sie zu mir! sagt Johannes mit lauter Stimme. Wieder verbeugt sich der Zwerg bis zum Boden und verschwindet. Johannes streckt sich bequem aus dem weichen Diwan aus und denkt nach. Zu jenem Sitz dort wollte er sie führen und ihr köstliche Gerichte auf sil­bernen und goldenen Schüsseln reichen; ein flammender Scheiterhaufen sollkc die Höhle beleuchten. Hinter dem schweren goldbrokatenen Vor­hang im Innern der Höhle würde ihr Lager bereitet werden, und zwölf Ritter sollten Wache stehen ...

Johannes erhebt sich, kriecht aus der Höhle und lauscht. Unten auf dem Steig raschelt es in Aesten und Laub.

Victoria! ruft er.

Ja, antwortet es.

Er geht ihr entgegen.

Ich wage es fast nicht, §agt sie.

Er zuckt mit den Achseln und antwortet:

Ich bin eben dort gewesen. Ich komme jetzt von dort.

Sie gehen in die Höhle. Er weist ihr einen Platz auf einem Stein an und sagt:

Aus diesem Stein hat der Riese gesessen.

Hu, sag nichts mehr, erzähl mir nichts! Hattest du nicht Angst? Nein.

Ja, aber du sagtest doch, er habe nur ein Auge; aber nur die Trolle sind einäugig.

Johannes überlegte.

Er hatte zwei Augen, aber auf dem einen war er blind. Das sagte er selbst.

Was sagte er noch? Nein, erzähl es nicht!

Er fragte, ob ich bei ihm dienen wollte.

Aber das wolltest du wohl nicht? Gott bewahre dich.

Doch, ich antwortete nicht nein. Nicht geradezu nein.

Bist du verrückt! Willst du im Berge eingeschlossen werden?

Ja, ich weiß nicht. Auf der Erde ist es auch nicht schön.

Pause.

Seit diese Buben aus der Stadt gekommen sind, bist du nur noch mit ihnen zusammen, sagt er.

Wiederum Pause.

Johannes fährt fort:

Aber ich bin stärker und kann dich besser tragen und aus dem Boot heben als irgendeiner von denen. Ich bin sicher, daß ich es fertig brächte, dich eine ganze Stunde lang zu halten. Schau her.

Er nahm sie in die Arme und hob sie auf. Sie umfaßte seinen Nacken.

So, jetzt reicht es schon.

Er setzte sich nieder. Sie sagte:

Ja, aber Otto ist auch stark. Und er hat sich auch schon mit er­wachsenen Leuten geprügelt.

Zweifelnd fragt Johannes:

Mit erwachsenen Leuten?

Ja, mit erwachsenen. In der Stadt.

Pause. Johannes denkt nach.

Ja, ja, dann ist es also damit vorbei, sagt er. Ich weiß, was ich tue.

Was tust du?

Ich verdinge mich beim Riesen.

Nein, bist du denn verrückt, hör doch! schreit Victoria.

Ach wo, mir ist alles gleich. Ich tue es.

Victoria sinnt auf einen Ausweg.

Ja, aber vielleicht kommt er jetzt gar nicht wieder?

Johannes antwortet:

Er kommt.

Hierher? fragt sie rasch.

Ja.

Victoria steht aus und zieht sich nach dem Ausgang zurück.

Komm, gehen wir lieber wieder hinaus.

Es eilt nicht, sagt Johannes, der selbst bleich geworden ist. Er kommt nicht vor heute nacht. Er kommt um die Mitternachtsstunde.

Victoria ist beruhigt und will wieder ihren Platz einnehmen. Aber Johannes fällt es schwer, des Unheimlichen, das er selbst heraufbeschworen hat, Herr zu werden, es wird ihm zu gefährlich in der Höhle, und er sagt:

Wenn du wirklich wieder hinausgehen willst ich habe draußen einen Stein mit deinem Namen darauf. Den könnte ich dir zeigen.

Sie kriechen aus der Höhle und suchen den Stein. Victoria ist stolz und glücklich darüber. Johannes ist gerührt, er möchte weinen und sagt:

Wenn ich jetzt fort bin und du siehst ihn manchmal an, dann mußt du an mich denken. Mir einen freundlichen Gedanken schenken.

Ja, bestimmt, antwortet Victoria. Aber du kommst doch wohl wieder?

Ach, das weih Gott allein. Nein, ich werde wohl kaum wieder­kommen.

Sie fingen an heimzuwandern. Johannes ist dem Weinen nah.

Ja, leb wohl, sagt Victoria.

Nein, ich kann noch ein Stückchen weiter mitgehen.

Aber daß sie ihm so herzlos, je ehe desto lieber, Lebewohl sagen kann, macht ihn bitter, läßt in seinem verwundeten Gemüt den Zorn auf­steigen. Er bleibt plötzlich stehen und sagt voll ehrlicher Erregung: Aber das will ich dir sagen, Victoria, du wirst keinen bekommen, der so gut gegen dich sein wird, wie ich es gewesen wäre. Das will ich dir nur sagen.

Ja, aber Otto ist auch gut, wendet sie ein.

Jaja, nimm ihn nur.

Schweigend gehen sie einige Schritte weiter.

Ich werde es sicher großartig bekommen. Hab nur keine Angst. Denn du weißt noch nicht, welchen Lohn ich erhalten werde.

Nein, was erhältst du als Lohn?

Die Hälfte des Reiches. Doch das ist erst das eine.

Nein, so etwas!

Und dann bekomme ich die Prinzessin.

Victoria blieb stehen.

Das ist nicht wahr, oder?

Doch, das sagte er.

Pause. Victoria murmelt vor sich hin:

Wie sie wohl aussehen mag?

Aber du lieber Gott, sie ist schöner als irgendein Mensch auf Erden. Das weiß man doch schon seit jeher.

Victoria ist bedrückt.

Willst du sie denn haben? fragt sie.

Ja, antwortet er, es wird wohl so kommen. Als das Victoria wirklich nahegeht, fügt er hinzu: Aber es kann schon sein, daß ich einmal wieder- kehre. Daß ich einmal einen Ausflug auf die Erde mache.

Ja, aber nimm sie dann nicht mit, bat sie. Wozu willst du sie dabei haben?

Nein, ich kann auch allein kommen.

Willst du mir das versprechen?

O ja, das kann ich versprechen. Was machst du dir übrigens daraus? Ich kann doch nicht erwarten, daß du dir etwas daraus machst.

Das darfst du nicht sagen, hörst du, antwortet Victoria. Ich bin sicher, daß sie dich nicht so lieb hat wie ich.

Eine warme Freude durchbebt sein junges Herz. Am liebsten wäre er vor Freude und Beschämung über ihre Worte in die Erde gesunken. Er wagte nicht, sie anzublicken, er sah weg. Dann hob er einen Zweig vom Boden auf, nagte die Rinde ab und schlug sich mit dem Zweig in die Hand. Schließlich fing er in seiner Verlegenheit zu pfeifen an.

Ja, ja, ich muß wohl heimgehen, sagt er.

Ja, leb' wohl, antwortet sie und reicht ihm die Hand.

2. .

Der Sohn des Müllers reifte fort. Lange blieb er weg, er ging in die Schule und lernte sehr viel, wuchs, wurde groß und stark und be­kam auf der Oberlippe einen Flaum. Es war so weit in die Stadt, die Reise hin und zurück so teuer, viele Jahre lang lieh der spar­same Müller seinen Sohn Sommer und Winter in der Stadt. Er studierte die ganze Zeit.

Inzwischen war ein erwachsener Mann aus ihm geworden, er war achtzehn, zwanzig Jahre alt.

Da ging er eines Nachmittags im Frühling vom Dampfschiff an Land. Auf dem Schloß war die Flagge gehißt, für den Sohn, der mit dem gleichen Schiff ebenfalls in die Ferien heimkam; man hatte ihm einen Wagen an die Landungsbrücke entgegengeschickt. Johannes grüßte den Schloßherrn, die Schloßherrin und Victoria. Wie groß und froh war Victoria geworden! Sie beantwortete feinen Gruß nicht.

Er nahm die Mütze noch einmal ab und hörte sie ihren Bruder fragen:

Du, Ditlef, wer grüßt denn da?

Der Bruder antwortete:

Das ist Johannes, Johannes Müller.

Sie warf ihm noch einmal einen Blick zu; aber nun schämte er sich, noch einmal zu grüßen. Dann fuhr der Wagen fort.

Johannes begab sich nach Hause.

Mein Gott, wie lustig und klein doch die Stube war! Er konnte nicht aufrecht durch die Türe gehen. Die Eltern empfingen ihn mit einem Willkommentrunk. Eine große Erregung bemächtigte sich seiner, alles war so rührend und lieb, Vater und Mutter empfingen ihn so grau und gut, eins nach dem andern reichte ihm die Hand und hieß ihn zu Hause willkommen.

Noch am selben Abend ging er umher und besah sich alles, war bei der Mühle, beim Steinbruch und besuchte den Fischplatz, lauschte mit Wehmut den vertrauten Vögeln, die in den Bäumen schon ihre Nester bauten und dann und wann zu dem riesigen Ameisenhaufen im Wald hinüberflogen. Die Ameisen waren fort, der Haufen ausgestorben. Er wühlte in dem Haufen, es war kein Leben mehr darin. Während er so umherging, bemerkte er, daß der Wald des Schloßherrn stark aus­geholzt worden war.

Kennst du dich hier wieder aus? fragte der Vater im Scherz. Hast du deine alten Drojseln wieder getroffen?

Nicht alles ist so wie früher. Der Wald ist ausgehalzt.

Der gehört dem Schloßherrn, antwortete der Vater. Es ist nicht unsere Sache, seine Bäume zu zählen. Ein jeder kann Geld brauchen, der Schloßherr braucht viel Geld.

Tage tarnen und gingen, milde, liebe Tage, merkwürdige Stunden der Einsamkeit, mit zarten Erinnerungen aus den Kinderjahren, ein Äurückgerusenwerden zu Himmel und Erde, zur Luft und zu den Bergen.

(Fortsetzung folgt.)