Nummer 86
Zreitag, den 6. November
Jahrgang 1956
Victoria
mit Borsten auf dem Schnabel wohnten. Einmal hatte er auch ein
Er hörte das Lachen und Sprechen der jungen Gesellschaft, die sich entfernte. Gut, lebt wohl einstweilen. Aber sie hätten ihn wohl mit-
Hermelin gesehen.
Er schob das Boot wieder ins Wasser und fing an, zur anderen Seite der Insel zu rudern. Als er ein gutes Stück weit gekommen war.
Geschickte einer Liebe bönnkn. ___, o x .ZcrnffAM iJ honon SRnitihnn/tpf
-onnen elt ame, tief versteckte Löcher tm Felsen, in denen Raubvogel
von Knut Hamsun ' ' ' ------------t“* i" "" n,,A
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________
wurde ihm zugerufen:
Rudere zurück. Du schreckst die Bogel auf.
Ich wollte euch nur zeigen, wo das Hermelin ist? antwortete er fragend Er wartete ein wenig. Und dann könnten wir das Schlangenloch ausräuchern? Ich habe Zündhölzer dabei.
Er bekam keine Antwort. Da drehte er das Boot um und ruderte zum Landungsplatz zurück. Dort zog er das Boot an Land.
Wenn er einmal erwachsen war, wollte er vom Sultan eine Insel kaufen und jeden Zutritt dazu verbieten. Ein Kanonenschiff sollte eine Küsten beschützen. Ew. Herrlichkeit, würden dre Sklaven ihm melden, draußen zerschellt ein Boot auf dem Riff, an dem es gestrandet ist, die jungen Menschen darauf kommen um. Laßt sie umkommenl antwortete er. Ew. Herrlichkeit, sie rufen um Hilfe, noch können wir sie retten, und es ist eine weihgekleidete Frau dabei. Rettet siel befiehlt er nut Donnerstimme. So sieht er nach vielen Jahren dre Kinder des Schloh- herrn wieder, und Bictoria wirft sich ihm zu Fuhen und dankt ihm für ihre Rettung. Nichts zu danken, das war nur meine Pflicht, antwortet er: geht frei umher in meinen Landen, wohin Ihr wollt. Und dann läßt er ihnen die Tore des Schlosses öffnen und bewirtet sie aus goldenen Schüsseln, und dreihundert braune Sklavinnen singen und tanzen die ganze Nacht hindurch. Als aber die Schloßkmüer wieder fort- reifen wollen, da vermag Bictoria es nicht, sie wirst sich vor chm m den Staub und schluchzt, denn sie liebt ihn: Laßt mich hierbleiben, verstoßt mich nicht, Ew. Herrlichkeit, macht mich zu einer Eurer Sklavinnen ...
Er beginnt hastig in die Insel hineinzugehen, von Erregung durchschauert. Jawohl, er wollte die Schloßkinder befreien Wer weiß, vielleicht hatten sie sich jetzt auf der Insel verirrt? Vielleicht hing Bictoria zwischen zwei Felsen fest und konnte nicht loskommen? Er brauchte nur den Arm auszustrecken, um sie zu befreien.
Die Kinder aber sahen ihn erstaunt an, als er kam. Hatte er das Boot verlassen?
Ich mache dich für das Boot verantwortlich, sagte Otto.
Ich könnte euch zeigen, wo es Himbeeren gibt? fragte Johannes. Schweigen in der Gesellschaft. Victoria griff sofort zu.
Nein? Wo denn?
Aber der Stadtherr überwand sich rasch und sagte:
Damit können wir uns jetzt nicht befassen.
Johannes sagte: r
Ich weiß auch, wo man Muscheln finden kann.
Neues Schweigen.
Sind Perlen darin? fragte Otto.
Denkt, wenn Perlen drin wären! rief Victoria.
Johannes antwortete, nein, das wüßte er nicht; aber die Muscheln lägen weit draußen im weihen Sand, man müsse ein Boot haben und nach ihnen tauchen.
Da wurde der Vorschlag erst recht verlacht, und Otto sagte:
Ja, du siehst mir wie ein Taucher aus.
Johannes begann schwer zu atmen.
Wenn ihr wollt, so kann ich ja auf den Berg dort hinaufgehen und einen schweren Stein ins Meer hinabrollen, meinte er.
Wozu?
Nein, nur so. Aber Ihr könntet dann zusehen.
Aber auch dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, und Johannes schwieg beschämt. So fing er an, fern von den anderen, auf einer anderen Seite der Insel nach Eiern zu suchen.
Als die ganze Gesellschaft wieder unten beim Boot versammelt war, 1 hatte Johannes viel mehr Eier als die anderen, er trug sie vorsichtig
*n Me^ist^ es möglich, daß du so viele gesunden hast?, fragte der Stabtberr.^, antwortete Johannes glücklich. Jetzt
lege ich sie zu den deinen, Bictoria.
Halt! schrie Otto, warum? e ,
Alle sahen ihn an. Otto deutete auf die Mutze und fragte: Wer steht mir dafür ein, daß die Mütze sauber ist? .
Johannes sagte nichts. Sein Glück brach plötzlich ab. -tann gmg e mit den Eiern langsam wieder in die Insel zurück.
1 Was hat er denn? Wo geht er hin? sagt Otto ungeduldig.
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I.
Der Sohn des Müllers ging umher und grübelte. Er war ein kräftiger vierzehnjähriger Bursche, braungebrannt von Sonne und W n und voll der verschiedensten Gedanken.
Wenn er erwachsen war, wollte er Zündholzmacher werben. Das war so wunderbar gefährlich, keiner würde dann wagen ihm die Hand zu geben, weil er Schwefel an den Fingern haben konnte. Und um Mesens unheimlichen Handwerkes willen würde er em großes Ansehen unter seinen Kameraden genießen. ,
Er sah sich nach seinen Vögeln im Walde um. Er kannte sie ja alle rouftte wo ihre Nester lagen, verstand ihre Schreie und antwortete ihnen mit verschiedenen Zurufen. Mehr als einmal hatte er ihnen kleine Mehlkugeln aus des Vaters Mühle gebracht.
2lüe Bäume am Wege waren feine guten Bekannten. Im Fruh- iabr hatte er das Harz von ihnen abgezapft, und im Winter war er ihnen wie ein Heiner Vater gewesen, hatte sie vom Schnee befreit ihre
Aeste wieder aufgerichtet. Und sogar oben in dem verla enen Gran b
brück war kein Stein ihm fremd, m viele hatte er Buchstaben uno
Zeichen eingehauen und sie ausgestellt, sie geordnet wie eine Gemeinde
um den Pfarrer. Di« seltsamsten Dinge gingen in diesem alten ®ramt- ^GrZg'a'b' und kam zum Teich hinunter. Die Mühle war im Gange ein ungeheurer und dumpser Lärm umfing ihn. Er war gewohnt, hier umherzuwandern und mit sich selbst zu reden; jede Schaumperle hatte gleichsam ihr eigenes kleines Leben, über das etwas zu sagen war, und | gort bei der Schleuse fiel das Wasser jäh ab und sah aus wie em glänzendes Gewebe, das hier zum Trocknen hing. Im Teich unterhalb des Wasserfalles waren Fische; oft genug hatte er hier mit seiner Rute 6eft$3enn er erwachsen war, wollte er Taucher werden Das wollte er Da stieg er dann vom Deck eines Schisses ins Meer hinunter und kam in fremde Reiche und Länder, da wogten große seltsame Walder, au? bem tiefsten Grund aber lag ein . Schloß aus Korallen Und aus einem Fenster winkt chm die Prinzessin und sagt: Komm herein! Da hörte er hinter sich seinen Namen; der Vater stand da und nef Jo- h^Man hat aus dem Schloß nach dir geschickt. Du sollst die jungen Leute zur Insel hinüberrudern!
Er beeilte sich. Eine neue und große Gnade war dem Sohn des TOUDer5 .Herrenhcst" sah in der grünen Landschaft wie ein kleines Schloß aus, ja, wie ein unwahrscheinlicher Palast m der Einsamkeit. Das Haus war ein weißgestrichener Holzbau mit vielen Bogenfenstern in den Wänden und auf dem Dach, und von dem runden Turm wehte die Flagge, wenn Gäste auf dem Hose waren. Die Leute nannten es das Schloß. Bor dem Herrenhof aber lag auf der einen Seite die Bucht und auf der anderen waren die großen Wälder; in weiter Ferne sah man einige kleine Bauernhäuser.
Johannes ging zur Landungsbrücke und half den jungen Leuten ins Boot. Er kannte sie von früher, es waren die Kinder des ,,Sd)loß= Herrn" und ihre Kameraden aus der Stadt. Alle trugen hohe, feste Stiefel, mit denen sie durchs Wasser waten konnten, Bictoria aber, die nur kleine Spangenschuhe hatte und außerdem nicht älter als zehn Jahre war, muhte an Land getragen werden, als sie zur Insel kamen.
Soll ich dich tragen? fragte Johannes.
Nein, ich! sagte der Stadtherr Otto, ein Mann im Konsirmanden- alter, und nahm sie in seine Arme.
Johannes stand da und sah zu, wie sie weit aufs Ufer hinausge- tragen wurde und hörte sie danken. Dann sagte Otto zurück:
Ja du gibst jetzt wohl aufs Boot acht, — wie heißt er? Johannes, antwortete Bictoria. Ja, er gibt aufs Boot acht.
Er blieb zurück. Die andern gingen mit ihren Körben in bcn Händen tiefer in die Insel hinein, um Eier zu sammeln. Eine Weile stand er da und grübelte; gerne wäre er mit den anderen gegangen, das Boot hätten sie ja einfach an Land ziehen können. Zu schwer? Ls war nicht zu schwer. Er packte das Boot und zog es ein Stuck weit herauf.


