undzwanzig, von denen zwei Wladimir Abramowitsch Koberski und Pawel Abramowitsch Koberski geheißen hatten, war die Zelle teer.
Wie der Schwächling das Unmögliche vermochte, die Eisenrippen des Fensters zu verbiegen — niemand hat Antwort auf diese Frage gewußt.
Ebenfalls ist nicht offenbar geworden, ob Adolf Abramowitsch die Grenze erreicht, ob Mütterchen Rußland auch sein Geopfertwerden verschleierten Auges geduldet oder ihn erbarmend angesehen und in ihre Arme genommen hat.
Oie Zeit geht nicht.
Von Gottfried Keller.
Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin: sie ist ein Karawanserei, wir sind die Pilger drin.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts; ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nicht.,
Es ist ein weißes Pergament die Zeit, und jeder schreibt mit seinem roten Blut daraus, bis ihn der Strom vertreibt.
An dich, du wunderbare Welt, du Schönheit ohne End', auch ich schreib meinen Liebesbrief auf dieses Pergament.
Froh bin ich, daß ich ausgeblüht in deinem runden Kranz;
zum Dank trüb' ich die Duelle nicht und lobe deinen Glanz.
Brezeln aus Niederwasier.
Erzählung von Wilhelm Hausen st ein.
Die abfallende Seitenstraße neben dem großelterlichen Haus war das Rechte zum Rodeln — oder, wie man dort drüben einfältiger sagt: zum Schlittenfahren. Sie kam im Bogen von der oberen Altstadt herunter und von dem großen Scheunenhaus des Großvaters dem Scheunenhaus mit dem Familienomnibus, mit den mancherlei Wagen für Menschen, Feldarbeit und Fracht, mit dem Heuboden und den Stallen, in denen die Milchkühe standen und in den guten Zeiten an die zwanzig Gäule Bon dort oben, wo schon das Reich der Geheimnisse und der Abenteuer anfing, lief die Straße, mäßig breit, zwischen dem Garten des reichen Nachbars, des Fabrikanten, und dem Seitengärtchen der Billa hin, die unser Großvater zwischen Altstadt und Vorstadt für sich und die ©einigen erbaut hatte — ein Patriarch mit weißem Bart, klugen, hellen Äugen, roten Backen, guten Humoren und mit einer erz- väterlichen Strenge, die durch eine wohllebende Vorliebe für Elf-Uhr- Frühstücke mit eigenen Forellen und französischem Champagner gemildert war ... Uns Kindern war es eine große Lust, droben, im fast schon Unbekannten hinter der Scheune, mit den niedrigen Schlitten bäuchlings anzusetzen und dann, wie im Triumph aus unwahrscheinlichen Fernen niedersaufend, am Seikengärtchen vorbeizufliegen — nicht ohne daß die schrägen Abzugsgräbchen, die über die Straße liefen, in die Höhe schleuderten wie Sprungbretter: aber dies steigerte die Pracht unserer Leistung für den Blick des zuschauenden Altvaters, der in Wasserstiefeln, die Garibaldianermütze auf dem munteren Greisenhaupt, durch den verschneiten Garten stapfte. Flogen wir endlich aus die Hauptstraße vor, die im Tal drunten den Vorstoß unserer Rodelbahn empfing, so kannten wir keine Rücksicht — weder auf uns selbst, noch auf Leute und Wagen, die auf der Hauptstraße zogen. Wir fuhren auf gut Glück, prellten an Räder, blieben heil und bekamen dort drunten den doppelten Geruch von der Arbeit des Rotgerbers und der großen Holzsäge in die Nase: den etwas widrigen Geruch der Felle, den guten der Lohe, den köstlichen der frischgeschnittenen Bretter, die schimmernd wie weißes Gold, rutschend aus der Säge sanken — eine Kaskade aus Holz. Hatten wir angehalten, und standen wir auf, um die Schlitten wieder bergan zu ziehen, so geschah es uns wohl auch, daß wir aufblickten zu den Höhen der Tannenberge, die sehr dunkel und so weiß wie das Märchen waren. Auf halber Höhe stand die Ruine des Schlosses Hornberg, und es hob unseren Stolz, zu denken, daß sie einem Anverwandten zu eigen war, mit allem drumherum .. . Dies war unsere ganz und gar feste Welt. Jenseits der Berge, die den Talgrund unseres Städtchens umgaben, war, so wußten wir, noch „Schwarzwald", und an den Festtagen fuhr die ganze Sippe, wir Kinder in der Mitte, zum Fohrenbühl hinauf, wo man schier mit einem Fuß im Badischen, dem andern im Schwäbischen stehen konnte, wenn man die Beine tüchtig spreizte, um den gelbroten und den schwarzroten Pfosten zu überholen, und wo die Base den frischesten Kaffee, das leckerste Schwirnrnend-Schrnalzgebackene mit üppig zugreifenden Händen zurichtete — denn zwanzig Eier in den Teig, das reichte noch nicht. Aber diese Ausfahrten waren das Aeußerste. Die weitere Erde war nur ein Gerücht.
Immer sogleich nach dem Mittagessen, das mit dem Zwölfuhr-Läuten begann und eine breite Dauer hatte (während deren die auftragende
Magd alles tun mußte, um ein Anstößen gegen den großväterlichen Sessel am oberen Tischende zu vermeiden, denn sonst gab es ein Donnerwetter, das uns freilich fast begeisterte, weil die Größe der Wirkung zur Winzigkeit der Ursache in einem aufregend-unfaßlichen Verhältnis stand) — sogleich nach dem Mittagessen also waren wir immer mit den Schlitten draußen auf unserer Bahn, und nun ging es bis an den Rand der Dämmerung. Nur daß man um drei Uhr neuen Hunger hatte. Dann lagen Bratäpfel im Kachelofen bereit; und wenn es keine Bratäpfel gab, so wallte der Kinderkaffee in einer Messingkasserolle auf dem weitläufigen Küchenherd, und auf dem gescheuerten Küchentisch standen die Ohrentassen, lagen die „Wasserwecke". Es waren langgestreckte vierteilige Weißbrote. Ich habe sie niemals wieder so gut gegessen, in aller Welt nicht wieder; sie sind mir bis auf diesen Augenblick, in dem die Zunge sich ihrer nur noch auf die Ferne erinnert, der Inbegriff des weißen Brots geblieben. Wenn es dann fünf Uhr geworden war, kehrte man zum zweitenmal ins Haus zurück; und was nun von einem echten, wüsten Bubenheißhunger verschlungen wurde, hieß „das Desperle". Da wurde alles mögliche aufgetragen: Roggenbrot mit Speck, mit Butter, Himbeergelee und Quittenmus zumeist. Nur am Samstag geschah das ganz besondere: da waren die Salzbrezeln aus Niederwasser aufgeschichtet, und um sie her waren Butter und Rahmkäse geordnet. Am Samstag, wo es die frischen Brezeln gab, wurde das Rodeln, eben um der Brezeln rxillen, sogar um eine kleine halbe Stunde eher abgebrochen. Man stürmte ins Haus zurück, setzte seinen Schlitten in den hinteren Hausflur, die blanken Beschläge nach außen kehrend; man lief auf die Stube, wechselte die Strümpfe, „schlupfte" in die warmen Pantoffeln, die von der Großmutter und den vielen Tanten aus wolligen und filzigen Streifen gefertigt waren, und sand sich endlich in der hinteren, kleinen Eß- ftube zusammen, die den Blick auf die Seite der Rodelbahn noch freigab — so daß der Ort unseres Getümmels von uns verlassen, uns noch immer ein Schauspiel blieb.
Wir saßen, warteten — denn es konnte nicht angefangen werden, solange die Großmutter nicht gekommen war, um auszuteilen. Im Monat Februar war es um diese Zeit noch leidlich hell im Zimmer. Wir saßen in einem köstlichen Halblicht, in das vom Osentllrchen her feurige Streifen fielen. Es war warm, und die Wärme war die besondere Wärme, die vom Holz kommt, nicht von Kohlen. Das große Sofa an der Innenwand war mit dunkelrotem Rips bezogen, den der Tapezierer mit weihköpfigen Nägeln ausgeftiftet hatte, fo daß damit ein unschuldiges und reizendes Muster gebildet war. In der Mitte und in den gebuchteten Ecken tagen gehäkelte weiße Deckchen, lieber dem Sofa mit der geschweiften Fassung aus blankem Nußholz hingen in ovalen Rahmen Bilder aus dem Familienstand. Die Männer und die Frauen hatten die Köpfe und Trachten der Biedermeierzeit; einige schienen noch aus den Zeiten des Rheinbundes hergekommen, in denen die menschliche Haltung und Tracht auch dem inneren Schwarzwald die Zeichen des Kaiserreichs verlieh — des bonapartifchen, versteht sich. Unter dem Zeitungshalter mit der Schwarzwälder Chronik und dem demokratischen Landesblatt hing der Kalender Mit dem Lahrer hinkenden Boten.
Es ist mir nie klar geworden, und ich habe wohl auch nie danach gefragt, ob die Bäcker im eigenen Städtchen keine salzigen Brezeln buken. Es war die angenommene, auf keine Weife zu erörternde Regel, daß die Brezeln aus dem nahen Dorfe Niederwaffer gebracht werden mußten. Eine alte Bötin trug sie jeden Samstag nachmittag nach vier Uhr zu. Wir paßten ihr auf. Sie nahm die Trage vom Rücken, lüftete ein rot in rot gewürfeltes Tuch und zählte in der Speisekammer die Brezeln heraus. Sonderbare Brezeln, wie ich sie nie mehr gesehen habe; sie waren nicht in die Breite gezogen, sondern in die Höhe.
Zu beschreiben, rote gut sie waren, würde unmöglich sein. Denn ihre Güte gehörte zu den unbedingten Sicherheiten jener frühen Jugend, denen selbst das nur einfach beschreibende Wort, vom nachdenklichen Gemüt ins Bewußtsein gezogen, das Wesen nähme. Nein, hier bleibt nicht weiter zu urteilen. Wir aßen sie, und sie waren herrlich.
Wir verschmeckten das Salz wie die jungen Geißen und Böcke. Aber dies war nicht alles. Der Brauch war mit dem Ding eins geworden, und beides, so Brauch und Ding, konnte gar nicht besser fein. Wäre es lächerlich zu gestehen, daß mir die Salzbrezeln von Niederroasser im Grunde der Erinnerung sichtbar liegen wie bedeutende Kostbarkeiten, in denen der Sinn einer Kindheit sich angesammelt und zum Gleichnis gesunden hat? Nun — ich würde es auf mich nehmen, darum lächerlich zu fein. Wahrscheinlich ist, daß die Gegenwart der Großmutter den Augenblicken die Feier — ja, das eigentlich Schwere, Verpflichtete der Sitte gab. Es ist immer wesentlich und schön, wenn Menschen zusammen um einen Tisch sitzen, der die Nahrung trägt. Als die Großmutter den Tisch regierte, war es am allerschönsten und allerwichtigsten; da mar es am gewissesten; da hatte das Natürliche eine schier geweihte Beschaffenheit, der wir uns unwissend widmeten, indem wir aßen, was wir mit der Gier junger Tiere nur in uns bringen konnten. Auch dies hatte etwas zu sagen, daß es Samstag nachmittag war, Vorabend des Sonntags. Aber am meisten lag das Wohlig-Außerordentliche dieser Abende an der Gegenwart der Großmutter. Da saß sie zwischen uns Enkeln; klein, vorn arbeitsamen Leben eingedörrt, mit einem Pergameutgesicht- chen voll von Runzeln — in denen freilich wunderbare Äugen aufgehoben waren, blaue Augen, schier veilchenblau. Wir sahen in diese Äugen, während wir kauten und uns wohl auch einen Schluck vom Most oder Rotwein erbettelten, den die Großmutter als einzige im grauen, blau gemusterten Steingutfrüglein vor sich stehen hatte und sparsam, aber freundlich mitteilte. Später ging ich in die Stube und setzte mich zum Mühlespiel. Als ich genug hatte, holte ich meine Papiere und bunte Kreiden und machte zum soundsovielten Male mir selbst die Probe zum Exempel: ich zeichnete Afrika unter der heimischen Winterlampe aus dem Gedächtnis und brachte das Blatt zur Großmutter. Sie legte es nickend zum übrigen. Denn sie besaß das nämliche Bild wohl schon im Dutzend.
Verantwortlich: l)r. Hans Thvriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


