Ausgabe 
6.7.1936
 
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Regenlied.

Von Klaus Groth.

Walle, Regen, walle nieder, Wecke mir die Träume wieder. Die ich in der Kindheit träumte, Wenn das Nah im Sande schäumte!

Wenn die matte Sommerschwüle Lässig stritt mit frischer Kühle Und die blanken Blätter tauten Und die Saaten dunkler blauten.

Welche Wonne, in dem Fließen Dann zu stehn mit nackten Füßen!

An dem Grase hinzustreifen Und den Schaum mit Händen greifen.

Oder mit den heißen Wangen Kalte Tropfen aufzufangen Und den neuerwachten Düften Seine Kinderbrust zu lüften!

Wie die Kelche, die da troffen, Stand die Seele atmend offen, Wie die Blumen düstetrunken In den Himmelstau versunken.

Schauernd kühlte jeder Tropfen Ties bis an des Herzens Klopfen, Und der Schöpfung heilig Weben Drang bis ins verborgne Leben.

Walle, Regen, walle nieder. Wecke meine alten Lieder, Die wir vor der Türe sangen. Wenn die Tropfen draußen klangen!

Möchte ihnen wieder lauschen, Ihrem süßen, feuchten Rauschen, Meine Seele sanft betauen Mit dem frommen Kindergrauen.

Ich nicht!

Eine russische Geschichte von Hans Fra n ck.

Einhundertneunundsechzig Menschen, vierundzwansig davon Deutsche, lagen seit einer Woche im Gefängnis des Bezirkes Wolowo hinter der­selben Tür: Männer, Frauen, Kinder, alle mit Lumpen angetan, manche fast nackt. Obwohl draußen Kälte die Gesichter zerschnitt, wurde die Zelle während der Woche nicht ein einziges Mal geheizt. Dennoch war es darin so heiß, so dumpf und drückend, daß jemand mehrere Scheiben des eisenrippigen Fensters mit der Faust einschlug. Wenn auch niemand ihm dankte es widersprach auch keiner.

Was sie verbrochen hatten, die einhundertneunundsechzig Menschen? Sie waren nicht in die Kollektive gegangen! Durch jahrzehntelange eigene und jahrhundertelange Arbeit der Vorväter ihrer Gesinnung, ihrem Wesen nach Bauern, hatten Saat und Ernte, Acker und Vieh, Wind und Wetter für sie größere Bedeutung gehabt als Wahlen und Fllnfjahres- plan, als Trotzki und Stalin. Das Zentralkomitee der Partei aber hatte zur Stärkung der proletarischen Diktatur, zur Festigung der Sowjet­union die Entkulakisierung des flachen Landes auf das Strengste be­fohlen! Hatte genaue Richtlinien ergehen lassen, wer den Kulaken zu­zuzählen sei! Also waren auch achtzehn Dorfsowjets des Bezirks Wolowo beflissen gewesen, ihre Umgebung von diesen staatsbedrohenden, sowjet­feindlichen Elementen zu säubern. Sie hatten sechsundsechzig Bauern­wirtschaften für kulakisch erklärt. Dabei blieben keineswegs nur die Richt­linien des Zentralkomitees maßgebend. Willkür, Mißgunst, Roheit trugen zu dem Schicksalsspruch der fanatischen Exekutoren bei. Aber Moskau war weit! Die Betroffenen hatten durch den Spruch der Dorfsowjets als ausgesiedelt zu gelten, waren ihres Stimmrechts und damit ihres Eigentums verlustig.

Bei 25 Grad Kälte wurden die einhundertneunundsechzig Menschen aus ihren Häusern gejagt. Brot? Wozu? Kulaken! Geld? Wofür? Kulaken! Am besten, man trieb das Gesindel nackt zum Bezirksgefäng­nis. Immerhin, ihre Blöße muhten sie doch wohl bedecken. Aber das genügte. Runter mit den guten, den bourgeoisen Kleidern!

Einem Bauern zu Tetersk wurde das saubere Zeug vom Leibe ge­rissen: als einziges Kleidungsstück bekam er eine geflickte, dreckige alte Hose zurück. Ein weißhaariger Mann im selben Dorf behielt nichts als sein Hemd. Einer Bäuerin zu Meschewaja, die ein buntes Kopftuch trug, warf man ein schmutziges Staubtuch ins Gesicht und zwang sie, es über ihr glänzendes schwarzes Haar zu binden. Vorwärts! Nicht auf­halten. Vorwärts! Nichts mitnehmen. Vorwärts! Nicht umfehn. Vor­wärts!

Als der Jüngst« des Bauern Koberski, ein schmächtiger, blasier Ein­undzwanziger namens Adolf Abramowitsch, der es mit den Büchern hatte und trotz anstrengender Feldarbeit viele Stunden des Nachts hinter der Lampe saß, nach neun Werst nicht mehr weiterkonnte, schlug ihm ein Konvoi mit dem Säbel auf das Rückgrat. Er fiel ohne Aufschrei um, und seine beiden Brüder mußten ihn unter die Arme nehmen, daß er das Bezirksgefängnis lebend erreichte.

Dort lagen dann die einhundertneunundsechzig Menschen, vierund­zwanzig davon Deutsche, eine Woche lang hinter derselben Tür. Ihre Herzen beteten nicht um Rückgabe der verlorengegangenen Güter. Sie

waren einer gleich dem anderen bereit, alles, was sie ihr Eigentum ge­nannt hatten, für immer hinter sich zu lassen. Nur: leben! Auf den Knien an die Grenze kriechen? Niemand hätte nein geantwortet, wenn es um einen Preis von ihnen verlangt wäre: leben!

Am achten Morgen stampfte vor dem Gefängniswärter ein Rot­gardist in die Zelle, grätschte die Beine und las zehn Namen von einer Liste ab. Die Zehn wurden auf dem Korridor durch Gewehre in Empfang genommen. Befehle, Schüsse, Gepolter vom Gefängnishof herauf ließen in den zurückgebliebenen Einhundertneunundfünfzig keinen Zweifel, was mit den Aufgerufenen geschehen war.

Am neunten Morgen das gleiche: Schlüsselrasseln, Stiefelgestampf, Vorlesen von zehn Mann oben in der Zelle Befehle, Schüsse, Gepolter unten auf dem Gefängnishof.

Auch am zehnten Morgen stand der Gardist mit gegrätschten Beinen vor eingesperrten, des Kulakentums beschuldigten, bäuerischen Menschen, einhundertneunundvierzig an der Zahl. Er las: Nikolai Jakowlewitsch Marchlewski.

Ein fünfzigjähriger Mann trat vor. Stumpf, langsam, ergeben. Wenn man nicht mehr hinter seinem Pflug hergeben konnte, nicht mehr ernten durfte, was man mit eigner Hand gesät hatte, wenn die Kollektive einem doch alles wegfraß, dann schon lieber: Schluß!

Alexandra Lwowna Woroschilowa!"

Eine dreißigjährige Bäuerin küßte ihren fünfjährigen Jungen, legte seine Hand in eine der vielen Hände, die sich gelobend nach ihr aus­streckten, und wankte nach vorn. Bleich, verhärmt. Aber ohne Tränen, die ihre leergeweinten Augen nicht mehr hergaben.

Wieder, nachdem das Kreuz hinter dem Namen der Vorgetretenen in der Liste angebracht war, die Stimme des Gardisten:Adolf Abramo­witsch Koberski"

Ein schmächtiger blasser Jüngling aus dem Menschenhaufen heraus: Ist gestern schon aufgerufen mein Bruderl"

Nach vorn! Daß man hört, wer redet!"

Der Angeschriene gehorchte.

Wladimir Abramowitsch Koberski war gestern dran!" widersprach der Gardist fauchend.Nicht Adolf Abramowitsch."

Stimmt auch nicht! Wladimir Abramowitsch, mein ältester Bruder, ist vorgestern aufgerufen und gestern mein zweitältester Bruder Adolf Abramowitsch."

Und wie heißt du?"

Pawel Abramowitsch."

Unsinn! Der ist vorgestern erschossen. Oder gestern. Gleichgülttg, ob gestern ober vorgestern. Jedenfalls: erschossen! Nicht Adolf Abramowitsch. Sondern Pawel Abramowitsch. Da steht's. Kreuz hinter dem Namen: tot: Strich dahinter: aufrufen."

Irrtum! Adolf Abramowitsch ist tot. Ich bin Pawel Abramowitsch." Stimmt das?"

Ja."

Du bist nicht gefragt. Sondern die dal Hab ich mich geirrt beim Kreuzmachen? Ist das hier Pawel Abramowitsch? Antwort!!"

Ja!!" antworteten einhundertneunundvierzig Menschen Männer, Frauen, Kinder.

Man wird die Sache untersuchen. Im übrigen gleichgültig! Ruf ich eben Pawel Abramowitsch Koberski morgen auf. Oder übermorgen. Kommt alle dran, ihr Lumpenhunde, ans Aufgerufenwerden. Und ans andere, ihr pfui Teufel! Kulaken. Verlaßt euch drauf: alle ohne Ausnahme! Weiter!"

Und der Gardist mit den gegrätschten Beinen las wieder Namen nach Namen; machte, wenn der Aufgerufene vortrat als ob nichts von Belang bevorstünde wieder Kreuz nach Kreuz in feine Liste. Einziger Unterschied gegen die beiden andern Tage: draußen auf dem Korridor wurden neun Menschen von Gewehren in Empfang genommen. Neun, statt zehn.

Am nächsten Morgen stand der Gardist nicht mit gegrätschten, sondern mit zusammengerissenen Beinen in der Zelle der Einhundertvierzig. Sein höchster Vorgesetzter war als Erster eingetreten: Knebelbärtig, schmal, betreßt. Er verkündigte vom Zentralkomitee der Partei war inzwischen die revidierte Verordnung der ursprünglichen Richtlinien über die Ent­kulakisierung eingegangen, welche dem wüstesten Uebereifer und der sinn­losen Ueberstürzung fanatischer Dorfsowjets zu wehren suchte ver­kündigte den einhundertvierzig Todgeweihten, daß sie begnadigt feien und in ihre Dörfer zurückkehren dürsten.

Da war es Ekel über die Leichtfertigkeit, mit der man Menschen­leben im Buch der Zeit ausstrich, stehen ließ? war es ein Versagen der gemarterten Nerven? war es Augenblicksirrsinn? war es all das zu­gleich? da sprang Adolf Abramowitsch nach vom und schrie man wußte nicht ob heulend, ob lachend: Ich hab gestern gelogen! Ich bin nicht Pawel Abramowitsch! Der ist erschossen! Ich bin Adolf Abramo­witsch. Jawohl alle können bezeugen Adolf Abramowitsch Koberski."

Der Gardist mit gezücktem Säbel auf den Schreienden zu. Befehle des Betteßten, Arme der Leidensgenossen verhindern, daß der Schädel eines Einundzwanzigjährigen durch die Säbelhiebe des routgrimmigen Gardisten zerspalten wird.

Schneidende Vorgesetztensttmm«:Der da bleibt hier. Als einziger. Man wird den Fall untersuchen!"

Ein Gardist grinst.

Drei Uniformierte gehen.

Die Tür der Zelle bleibt offen.

Und einhundertneununddreißig Menschen geben einem Jüngling, aus dem der Schrei feines Namens das Sprechenkönnen fortgerissen hat, die Hand zum Abschied: verlegen, kopfschüttelnd, bedauernd, meinend, tröstend. Sobald der letzte gegangen ist, schließt sich die Tür. Vor dem Einhundertvierzigsten.

Als man am andern Morgen Adolf Abramowitsch Koberski auf den Gefängnishof hinunterführen wollte, daß ihm geschehe gleich den Neun-