die Frage nach dem Programm von neuem auf und schlug, gewissenhaft wie nur Frauen sind, vor, zunächst den medizinischen Teil zu erledigen und Frau Endrulat aufzusuchen. Dort würde sich ergeben, ob sie frei wäre oder bleiben müsse, und dann könnte man das Weitere überlegen. Wenn er also sein Angebot aufrechterhalte ...
Der Doktor Ebener hielt sein Angebot selbstverständlich aufrecht. Er erklärte als gewissenhafter Mann, er wolle natürlich in keiner Weise in eme Behandlung eingreisen, die dem Professor zustehe: aber die Schwester lachte und meinte gleichmütig, sie seien hier in Nidden und weder in Insterburg noch gar in Berlin. Der Professor hätte gegen seine Mitwirkung bestimmt nichts einzuwenden, im Gegenteil, und dann sei ja noch gar nicht heraus, ob er werde in Aktion treten müssen. Mit ihrer Frage hätte sie vielmehr gemeint, ob er sie noch begleiten wolle.
Dieses hob die Traumgefühle des Doktors auf einen neuen Gipfel des Schwebens, also daß ihm selbst der tiefe Sand der dörflichen Wege, die sie entlang wanderten, nichts anhaben konnte, obwohl er sich trotz aller Vorsicht bei jedem Schritt mehr ins Innere seiner sommerlich braunen Halbschuhe ergoß. Georg Ebener hatte sich selber hinter sich gelassen und chritt durch ein neues Leben, verwundert, daß die Welt noch einmal so strahlend und blau und morgenhaft sommerlich ihn umleuchten konnte.
Infolgedessen machte das Dorf Nidden auch nicht den ethnographisch bedeutsamen Eindruck auf ihn, den es unter andern Umständen vielleicht gemacht hatte. Er sah die kleinen, rohrgedeckten Häuschen mit den hölzernen Zäunen davor und den bunten Blumen in den kleinen Gärten; er sah den mageren Kiefernwald an den farblosen Sandhängen ansteigen: es entging ihm auch nicht, daß einige der Häuser keine Schornsteine hatten, so daß der Rauch des traulichen Herdes offenbar durch andere natürliche Oeffnungen seinen Weg ins Freie suchen mußte. Er sah die Netze über den Zäunen hängen und roch den Geruch von Fischen und Kiefern, von Rauch und Schilf und Wasser, den nur die Nehrung hat; er «npfand die freundlich-bunte, kindliche Farbigkeit von Holz und Stroh und Bmsen und ein paar leuchtenden Tönen der Wände. Er sah die Kinder, die mit erstaunt unbeteiligten Augen die Fremden betrachteten, erwiderte wie die Schwester gelegentliche Grüße der Frauen, die gerade vor einer Ture standen. Aber das alles war Hintergrund für ihn, Schattenwelt, durch die in strahlendem Leben das Mädchen schritt, das so unvermutet Zentrum seiner Welt geworden war.
.. Sraa Endrulat ging es so gut, daß der Doktor Ebener gar nicht in die Gefahr kam, in den Arbeitsbereich seines verehrten Kollegen einzubrechen. Sie war am letzten Samstag bereits mit ihrem Mann in Memel gewesen, um dort zwei Zentner Fische loszuschlagen, die sie zuvor nut ihm gemeinsam im Boot verstaut hatte: den Doktor Ebener schauderte leise bei der Vorstellung, daß eine seiner Berliner Patientinnen etwas Aehnliches in einem ähnlichen Fall hätte versuchen sollen. Als sie hörte, daß er ein Doktor sei, schüttelte sie energisch ablehnend den Kopf. Sie brauche keinen Doktor; es wäre schon unnötig gewesen, daß der Pro- sessor sie fr lange in Insterburg aufgehalten hätte. Hier wäre inzwischen mit dem Mann und den Kindern alles drunter und drüber gegangen — und wenn sie wirklich noch etwas brauchte, da wär' ja denn die Sperjies- sche; die könnt's besprechen, und denn wär' ebenso gut.
Die Schwester Regina lachte und meinte, daraus sähe sie, daß Frau Endrulat wieder ganz in Ordnung sei. Das wäre jo denn sehr schön, und dann wollte sie wieder gehen.
Damit war Frau Endrulat nun wieder nicht einverstanden. Sie wollte keinen Doktor; aber sie hatte nicht das mindeste gegen Besuch. Sie nötigte ihre beiden Gäste, zu denen sie die Vertreter der medizinischen Wissenschaft durch ihre energische Gesundmeldung degradiert hatte ins Haus obwohl vor allem der Doktor viel lieber draußen geblieben wäre und sich mit seiner Begleiterin gegen die Ureinwohner von Nidden isoliert hatte. Es half ihm nichts; er mußte. Und als er endlich wieder ins Freie
fluchten konnte, hatte er nicht nur die Bekanntschaft mit der Innen
architektur eines Nehrunger Fischerhauses und der Einrichtung einer guten Stube gemacht: er hatte auch eine Großmutter, die keinen Zahn
mehr hatte, eine Katze und eine zahme, hinkende Krähe kennengelernt —
Herr Endrulat war abwesend — und hatte erfahren, daß der Kaffee bei Blöde noch lange nicht den Gipfel dessen darstellte, was auf der Kurischen Nehrung möglich war. Nur frische Pomuchelschnitten mit Salz und Zwiebeln waren ihm erspart geblieben.
Die Schwester lachte, als sie sich in geziemender Entfernung vom Hau^ Endrulat befanden, hell auf. Er solle nicht ein so begossenes Gesicht machen; die Leute meinten es gut und richtig, und dafür sei er in Ostpreußen, daß er mal wieder richtiges Leben kennenlerne und richtige Menschen. So etwas koste Geduld; aber dafür wären sie nun “nö f*e ®oUe >hm Nidden zeigen, falls er nicht mit dem Nach- Mittagsschiss nach Königsberg zurück wolle.
Der Doktor Ebener sah die Schwester Regina wieder mißtrauisch an. Nein, sie führe erst morgen. An einem Tag hin und zurück sei eine zu große Hetze, und übernachten könne sie hier billiger als in Königsberg
Ihm fiel ein Stein vom Herzen, und er gestand diesen Fall sogar ehrlich ein. Sie gingen zu Blöde zurück und nahmen Quartier, und oann brachen sie auf in die Dünen. Sie gingen die lange, sandige Straße das Dorf entlang, nach Süden, bis sie auf die Hasfbucht am Fuß der Hohen Dune stießen. Ein paar Keitelkähne lagen da verlassen weite Fläche des Wassers flimmerte golden im Widerschein der Nachmlttagssonne, der sie beinahe entgegengegangen waren. Vor ihnen aus dem Haff hob sich eine flache Halbinsel, wie der Rücken einer schmalen Mondsichel. Das sei der Grabsche Haken, sagte die Schwester. Sie gingen auf dem moorig-sandigen schmalen Uferstreifen an dem mageren dürren Kiefernwald entlang, bis sie am Fuß der Düne an- kamen Die war schon aufgeforstet; niedriges Kieferngehölz teilte ihren Hang in großen Vierecken aus; dazwischen gingen schmale, sandige Wege streng parallel nach beiden Seiten vom Hauptweg. Zur Rechten stieg der dünne Wald weiter mit ihnen bergauf, nach oben zu schon kräftiger und voller werdend — und bald ragte rot und rund, grell von der Sonne beschienen der Niddener Leuchturm auf der Höhe der Nehrung über dem Wald nicht allzu fern in das tiefe Himmelsblau.
Auf den Rat seiner Begleiterin vermied es der Doktor, während des
Aufstieges zuruckzublicken. Erst als sie oben angelangt waren und vor ihnen schon über einer besonnten Senkung voll Gebüsch und ferner dünner Birken die See aufblinkte, wandten sie sich um. Fahlqrün mit Hellen Sandslecken senkte sich die Düne, die sie eben erstiegen hatten- dahinter hob sich lichtblau, unbewegt in strahlender Heiterkeit die Fläche des Haffs fast steil himmelan. Klein und fern lagen unten die Häuschen von Nidden, rot und gelb und weißlich; über ihnen schwang, von der hellen Sandkuiwe des niedrigen Dünenrandes am Ufer gefaßt, die Hasenbucht. Drüben vom Lande sah man nichts. Himmel und Wasser verschwebten im Licht. Nur zur Rechten dämmerte da und dort schmal wie mit zarten Tupfen angedeutet die Küste von Nemonien herüber Ein weißes Segel schwebte wie ein ruhender Schmetterling fern in dem gewichtlos lichten Blau des Nachmittags.
Zur Rechten aber stieg wie ein heller Schatten scharf und schmal ein Sandgebirge ins Licht, farblos, eine blasse Silhouette in toter Verlassenheit, wie ein schmaler Felsgrat im Gebirge. In steilem Sturz war der Sand von diesem Thron der Einsamkeit nach beiden Seiten abgesunken, zum Hofs hinab und ebenso landwärts in das Tal zu den Füßen des Sandbergs. Ein schmaler, scharfer Grat war geblieben, wie eine Scheide zwischen Haff und Meer, ein Rücken ohne Breite, der in feiner Linie au/stieg bis zu dem beglänzten Gipfel, der die Umgebung mit der seiner selbst sicheren Diskretion des von der Natur zum Herrschen Bestimmten nur wenig und doch entscheidend überragte.
Georg Ebener fragte, ob das schon die Hohe Düne sei. Er schien ein wenig enttäuscht. Aber die Schwester Regina lächelte: „Kommen Sie nur, hier beginnt es erst."
Sie gingen wieder ein Stück südwärts, der Sonne entgegen, die schon nach der See hinüberzugleiten begann. Niedrige Kiefern geleiteten itjren Weg; auf einmal waren sie zu Ende, blieben zurück, und vor ihnen lag eine Welt, in der nichts mehr war als Sand. Zur Rechten winkten noch fern von der Seejeite bräunlich ein paar verwehte, kleine Baume, ein paar Heideflecken herüber; je mehr sie wieder talwärts gingen, desto mehr versanken die, und es blieb nur die tote, helle, fremde Welt des Anorganischen.
Der Sand, auf dem sie gingen, war fest und trug ihre Schritte. Der W,nd hatte ihn seltsam zierlich gewellt; wie sorgfältig gelegte Locken, dachte der Doktor, oder auch wie ein fein und gleichmäßig verbogenes flaches Wellblech lagen die kleinen Höhenzüge graubläulich vor ihnen. Dann und wann, wenn ein schärferer Windstoß sie traf, sah man die Sandkörner rieselnd abwärtstanzen; die Fußspuren die sie hinterließen, füllten sich, kaum daß sie sie hinter sich gelassen hatten, unter Wind und Schwere von neuem mit Sand.
„Footprints in the sands of time?“, sagte die Schwester. .Kennen Sie das Gedicht?"
Der Doktor verneinte; er war Humanist.
„Eigentlich schade, daß wir jeder was anderes gelernt haben", meinte er; aber die Schwester Regina widersprach: „Das ist gerade hübsch. Man kann sich doch was erzählen und mitteilen, während man sonst nach drei Tagen nicht mehr wüßte, wovon man reden sollte."
Unter anderen Umständen hätte der Doktor diese Feststellung zum Ausgangspunkt einer tiefsinnigen Erwägung über die geistigen Fundamente des Zusammenlebens genommen. Hier verhinderte ihn die Landschaft daran. Sie waren einen zweiten Hang hinabgelausen oder mehr mit dem rieselnden Sand hinabgeglitten; nun standen sie aufatmend im Tal und hatten nur noch Sand und Himmel um sich Vor ihnen ragte, ein fahler Schatten, die Hohe Düne scharf ansteigend in den Nachmittagshimmel: hinter ihnen hob sich der Hang, den sie herabgekommen waren. Zur Rechten, zur Linken lagen niedrige Sandwellen, den Blick zum Haff, zur See versperrend — eine Wüstenlandschaft umgab sie, ohne Baum, ohne Strauch, ohne Wasser. Ein dunkler Fleck Moorerde oder dergleichen vor ihnen am Fuß der Hohen Düne war das einzige, das eine kleine Abwechslung in den leblos harten, unbarmherzigen Steinton der Welt rings um sie brachte.
„Ist der Name nicht richttg — Tal des Schweigens?" fragte halblaut die Schwester Regina.
Der Doktor nickte; er horchte in die Stille, aber nichts rührte sich, kein Rauschen der See, kein Laut des Windes, kein Vogelruf kam herüber — nichts als Schweigen. Er glaubte das Knirschen des Sandes unter seinem stehenden Fuß zu hören, und eine kleine, blendendweiße Wolke, ms gerade hinter dem Gipfel der Hohen Düne hervor sich in das reine Blau schob, hatte etwas Tröstendes wie der Gruß eines lebenden Wesens.
„Wie im Gebirge", sagte Georg Ebner. Die Schwester nickte: „Hier war im Krieg Vergeltungslager. Die Leute sahen nur Sand."
„Unsere auch", sagte er hart. „Es war nur gerecht."
Sie nickte und begann schweigend, den beschatteten Hang der Hohen Dune emporzusteigen. Georg Ebener folgte; er hatte das Gefühl, daß es eigentlich unrecht fei, diese schöne, wunderbar ausgeglichene gleichmäßige Fläche des Hanges durch Besteigen zu zerstören. Aber dann sah er, wie die Spur seiner Begleiterin schon halb im Schreiten wieder Zerrann, und er folgte ihr mühsam Schritt für Schritt die Wand empor, dem Gipfel zu, der da oben vor ihnen nah und unnahbar zugleich ins Blau ragte.
Und bann hielten sie oben, an dem höchsten Punkt des Sandgrats und der Doktor bekam ein leichtes Schwindelgefühl. Seine Füße wollten im Sand nicht haften, und zum Haff stürzte die Wand in einem Fall- roinfel ab, der etwas Mitreißendes hatte. Er stand hoch im Raum, nicht mehr auf der Erde. Die war mit ihrer Fruchtbarkeit und Sicherheit irgendwo ganz fern, dort, wo der Wald war, dort unten, wo Nidden lag. Hier war Sand, Unsicherheit, Einsamkeit zwischen Wasser uni)' Himmel, der mit dem Wind von der See über sie dahinzustreichen schien. In nefelnbem Fall glitten bie Sandkörner von ihrem Standort abwärts zum Hass — wie kleine trockene Wasserfälle. Hinter ihnen war ja Land; aber es war tot, leblos, Sand: erst fern nach der See hin dämmerte zwischend Büschen und kleinen Bäumen wieder etwas von der alten, richtigen Erde auf, die sie hier oben verlassen hatten. (Forts, folgt.)


