Ausgabe 
6.7.1936
 
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Eichener Kmnlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1956 Montag, den 6. Juli Kummer 51

Oie Fahrt nach der Ahnfrau

Erzählung von Paul Fechter

Copyright 1935 by Deutsche Verlugs-Anstalt Stuttgart

7. Fortsetzung.

Georg Ebener sah sie an und nickte. Mit dir gern, dachte er; aber er sagte es nicht. Er hörte zu, wie sie mit ihrer tiefen Stimme sprach, sah gelegentlich auf ihre schmalen, kräftigen Hände und dachte: Regina Reginal Aber er meinte nicht di« Urgroßmutter.

Der Dampfer begann leicht zu schaukeln; er hotte eine Wendung zum Lande hin gemacht. Von unten drang vergnügtes Kreischen herauf. Zwei der Möwenmädchen liefen neugierig zur Treppe und sahen, letzt ohne Zeißgläser, hinunter, die Ursachen suchend. Eine leere L.imonaden- flajche rollte vom Tisch, ohne Schaden zu nehmen.

Da ist Rossitlen", sagte di« Schwester Regina,wie schnell das ge- 9<lnyie( zu schnell, dachte der Doktor und erkundigte sich nach den Segelfliegern. Regina wies mit der Hand nach rechts hinüber, wo hinter dem jungen Wald um das Dorf von neuem weißlich und massig Dünen aufragten, die steil und schroff zum Haff hin abfielen.

Da drüben das ist der Pedrin", sagte sie.Da sind ja auch welche an der Arbeit. Aber der Wind kommt von Nordosten."

Der Doktor entdeckte oben auf dem weißen Berg, von dem der reine Himmel tiefblau absetzte, eine paar dunkle Punkte und Striche; er sah, wie etwas den Hang hinabglitt, aber er fand, so sehr er sich bemühte, nirgends ein Flugzeug in der Luft. Die Schwester erzählte daß das Lager gleich unten in den Dünen sei, am Fuß des Predin, da, wo die letzten Fichten und Erlen wären und der Sand anfing«. Es wäre manchmal sehr vergnügt dort bei den jungen Leuten.

Der Doktor Ebener empfand plötzlich eine Abneigung gegen die Segelfliegerei und wandte sein Interesse energisch der Vogelwarte und der Leistung des Professors Thienemann zu. Leider war von der Lan­dungsbrücke aus nicht das mindeste davon zu sehen.

Krajebieters." . ,

Ein was?" fragte der Doktor. Sie lachte.Der Kraiebieters. Sie wißen nicht, was das ist?" Und als er den Kopf schüttelte, klärte sie ihn über die edle Sitte des Krähenbeißens bei den alten kurischen Dogel-

Bald nachdem der Dampfer wieder losgemacht hatte und erheblich leerer als vorher der Möwenprofeffor und feine Begleiterinnen waren auch verschwunden seine Fahrt nach Norden fortsetzte, kam der Mann, der morgens die Pässe eingesammelt hatte, und verteilte sie wieder an die Besitzer. Der Doktor bezahlte wie alle seinen Obolus und besah sich das Visum mit den unverständlichen Worten. Nach einer Weile knurrte er:Das ist ja noch toller als In Danzig."

Die Schwester nickte.Es bringt viel ein. Rechnen Sie mal die vielen Tausende, die jeden Sommer, jeden Tag hinüberfahren. Drüben aus See bei den Memelfahrern ist's dasselbe. Und alles in unferm Land."

Der Doktor sah die im Mittagslicht glänzend« Dünenkette entlang. Wer wußte vor dem Krieg, daß es so was wie Litauer gab?"

Die Schwester lachte.Wir wußten'« schon hier oben; wir lebten ja

- *------ zu sagen, weil es Litauer gibt,

id uns das Land dazu wegneh-

mit ihnen. Aber damals fiel keinem ein ;

müssen sie einen eigenen Staat haben uni.------ .. .

men. Und auf der Kurischen Nehrung gibt es Kuren, die sprechen wieder ganz anders, und eigentlich müßten die aus Pillkoppen und Nidden und Schwarzort auch ein eigenes Reich gemacht haben. Ein Königreich der

fängern auf der Nehrung auf.

Georg Ebener fand, obwohl Mediziner, die Methode des Tötens der gefangenen Krähen durch einen Bitz in den Kopf nicht eben schön. Was man denn mit den toten Biestern mache?

Die Schwester lachte.Man itzt sie."

Der Doktor schüttelte den Kopf. Seltsame Delikatessen gäbe es hier. Regina aber meinte, jung schmeckten sie, namentlich wenn man ihnen die Haut abzöge, ganz gut. Die älteren hätten leicht den Trangeschmack der Möwen, weil sie sich auch viel von toten Fischen am Strande nährten.

Möwen", schauderte der Doktor und sah in die Höhe, wo leicht und weiß vor tiefem Blau einige lebende Exemplare der Gattung larus schwebten.

Um den Mund der Schwester zuckte es:Wissen Sie noch, was ein Pomuchel ist?" Der Doktor glaubte sich zu erinnern, daß man hier einen Fisch so nannte. Sie bestätigte seine Vermutung und fragte ihn, ob 'er den schon mal roh genossen habe.

Georg Ebener schauderte wieder. Nein und er lege auch gar keinen Wert daraus.

Die 61

im Krieg das < .

schlimm gewesen sein. Jetzt ,mo wir gieicy

Der Dampfer wendete zum Land, legt« an: i durch die Paßkontrolle und den Zollschuppen. Junge, in fremden Uniformen sagten in fremder Sprache unverständliche Worte und bequemten sich erst bei den erstaunten Blicken der Reisenden dazu, in betont rollendem Deutsch die Frage zu wiederholen, ob man etwas zu verzollen hätte. Der Doktor hatte nichts und die Schwester auch nicht; aber er bekam wieder eine Zornfalte in der Stirn und fah den Jüngling, der gar nicht wußte, wie und warum ihm das geschah, mit einem Blick an, den man nicht eben liebenswürdig nennen konnte.

Als sie den Hafen hinter sich hatten, sagte der Doktor:Was nun?" Die Schwester antwortete mit einem Wort:Essen!"

Da kam es Georg Ebener zum Bewußtsein, daß er ebenfalls einen gesunden Hunger verspürte, der ihm nur darum nicht fühlbar geworden war, weil seine gesamte Gesllhlskraft auf wesentlich anderen Wegen wanderte. Er stimmte begeistert zu; er Überließ sich gläubig ihrer Führung, und als er bei Blöde auf der sonnigen Terrasse am Haff neben ihr saß und eine ungeahnte Portion Aal grün vor sich hatte (mit Zitrone an­gemacht), da merkte er zum erstenmal, daß er nicht nur acht Tage lang hinter einer Ahnstau hergereist war, sondern sich auch während dieser Zeit tagaus, tagein, es sei denn, er wälzte Kirchenbücher, in frischer Lust herumgetrieben hatte. .

Sie hatten sich so gesetzt, daß sie die Sonne halb im Rucken und vor sich das nördliche Hass, den Blick hinüber zur Windenburger Ecke hatten. Die Luft war lind, das Haus fing den Wind ab; bas Haff lag still, hell, spiegelnd unter dem hellen Himmel. Von unten klang das leise Klatschen der Wellen am Ufer: ein großer Kahn mit braunen Segeln und buntem Fähnchen an dem reichgeschnitzten Holzwimpel oben am Mast glitt lang­sam, wie schwebend, lange ein Kielwasser hinterlassend, in das offne, seidige Wasser hinaus. Dom Wald herüber kam der Rus eines Kuckucks: wäre nicht der grüne Aal gewesen, die Welt hätte für Georg Ebener etwas verzaubert Unwirkliches gehabt, wäre ein Mittagstraum aus Licht und Sommer und all dem steigenden, wenig brüderlichen Gefühl gewesen, mit dem er die große, schlanke Schwester an seiner Seite über ihrem Aal betrachtete.

Als sie beim Kaffee saßen, dessen Qualität der des Essens nicht völlig entsprach, den der Doktor aber mit dem gleichen Glücksgefühl zu sich nahm wie den Aal, die Sonne, bas Haff und die Schwester, griff sie

Aber Regina sagte, bas wäre ein häßliches Vorurteil: mit Salz unb Zwiebeln angemacht, in bünne Scheiben geschnitten, schmecke er aus­gezeichnet, wie ein rohes Beefsteak. Die Fischer in ben kleinen Nehrungs- börfern, etwa da drüben in Pillkoppen, äßen bas oft schon morgens zum Frühstück. Das fände sie ja übertrieben und ein bißchen schwer auf nüchternen Magen. Aber so abends hätte sie zuweilen gar nichts dagegen.

Ein seltsames Land", sagte der Doktor und bekannte, daß er sich diesen kulinarischen Genüssen des Ostens gegenüber durchaus als West- preuhe empfände.

Die Schwester machte ein ernstes Gesicht. Die Danziger, tue feien alle fo fein, bemerkte sie; eigentlich flamme da jeder aus einem Patrizier- Haus.

Georg Ebener fah sie mißtrauisch an; da mußte sie lachen. Es sei so lustig: wenn Fremde zum erstenmal hierherkämen, dann wären sie zuerst immer entsetzt und wenn sie ein paar Tage da wären, hätten sie sich mit einemmal akklimatisiert und wollten nun östlicher sein als die Ostpreußen. ,

Der Doktor meinte, die Gefahr sei bei ihm nicht allzu groß. Sie aber riet, er sollte abwarten. Dies Land wäre etwas ganz Besonderes, und man könne von ihm und feinen Wirkungen erst reden, wenn man beide erlebt hätte. , m v

Georg Ebener fah fcharf die gelbe Dunenlinie nach Norden entlang. Das sieht da vorn so aus, als ob sich ein Stückchen Düne abgezweigt hat", sagte er, die Augen gegen die Sonne mit der Hand beschattend.

Die Schwester Regina folgte seinem Blick.Das ist auch so", bestä­tigte sie,das ist der Grabsche Haken, da hat sich eine Düne ersäuft, kurz vor Nidden." , , , , ,

Und sie erzählte ihm, wie die Dünen meist langsam, manchmal aber auch schneller, nach Norden ober Nordwesten, also nach dem Hass zu, abstürzen unb dort bann Haken bilden, Halbinseln, die zuweilen so aus dem Wasser ragen wie drüben der Grabsche Haken bei Nidden. Oben von den Dünen sähe das sehr seltsam aus, namentlich wenn ein Gewitter käme und bann bie runbe, fast halbmonbförmige Düne fahl unb weih aus dem Dunkel des Wassers und des Himmels herausleuchte.

Jetzt sind wir im Memelgebiet", sagte sie nach einer Weile.Dort drüben ist die Grenze." ...

Die Dünen lagen hell, stumm im Licht.Das dort ist die Hohe Dune? fragte der Doktor, nach vorne weisend.

- ~' 'ter nickte.Dahinter liegt das Tal des Schweigens, wo Gefangenenlager war Das war unsere Wüste. Es muß n fein. Jetzt sind wir gleich da."

~ ' die Passagiere mußten

inge, ländliche Männer bliche Worte