Ausgabe 
6.4.1936
 
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Altassyrisch.

Bon Viktor von Scheffel.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da trank ein Mann drei Tag, Bis daß er steif wie ein Besenstiel Am Marmortische lag.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Wirt:Halt an!

Der trinkt von meinem Dattelsast Mehr als er zahlen kann."

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da bracht' der Kellner Schar In Keilschrift auf sechs Ziegelstein Dem Gast die Rechnung dar.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Gast:O weh!

Mein bares Geld ging alles daraus Im Lamm zu Ninive!"

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da schlug die Uhr halb vier. Da warf der Hausknecht aus Nubieriand Den Fremden vor die Tür.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Wird kein Prophet geehrt, Und wer vergnügt dort leben will, Zahlt bar, was er verzehrt.

Oie blonde Alma.

Eine heitere Geschichte von Eugen Ortner.

Ein paar zufällige Bemerkungen, die Herr Kögel am Stammtisch über das schwache Geschlecht gemacht hatte, brachten ihn in den Ruf eines Frauenkenners. Besonders die Aeuherungman muß eine Frau immer in Spannung halten, will man sie behalten", kreiste seit Tagen wie ein ewiges Wort in der Runde. Herrn Kögels Selbstbewußtsetn stieg bedeutend. Er quittierte lächelnd die schwärmerischen Blicke, die das Bier­mädchen aus ihn warf, steckte sich eine dicke Zigarre an und ließ die wasserblauen Augen gelangweilt über die Köpfe seiner Kumpane nach anderen Weiblichkeiten schweisen, die da und dort in den Ecken saßen.

Du wirst ein Lebemann!" sagte sein Freund Heller und klopfte ihm auf die Schulter.

Herr Kögel war eher alles andere. Er dachte an die kleine Gusti, die seit drei Jahren seine Freundin war, die er eines Tages heiraten wollte. Aber seit einiger Zeit vermeinte er, ihr mißtrauen zu müssen. Ja, es war wirklich abscheulich, hier bei einem Glas Bier und einer guten Zigarre zu sitzen und beständig in solcher Unruhe zu sein! Das war leicht gesagt: Die Frauen in Spannung! Wenn die Freunde wüßten, wie ihm zumute war! Herr Kögel biß mißmutig in seine Zigarre.

Die kleine Gusti bemerkte die leise Veränderung im Benehmen ihres Freundes, aber sie war viel zu klug, sogleich darauf einzugehen. Im Gegenteil, sie benahm sich aufgeräumter als sonst, scherzte und lachte, daß Herr Kögel der Verzweiflung nahe war. Dann kam sie auf das erprobte Rezept, ihren Freund etwas hängen zu lassen. Zuletzt führte sie einen jungen Mann in eifrigem Gespräch an dem kleinen Laden vorbei, hinter dessen verhängten Scheiben Herr Kögel seine Zigarren verkaufte. Nun wird er bestimmt am Abend mit einer Tüte Kognakbohnen zu ihr kommen, und alles wird wieder gut sein.

Aber die kleine Gusti hatte sich diesmal verrechnet. Herr Kögel kam nicht, und als sie bei ihm anklingelte, lieh er sich verleugnen. In Wirk­lichkeit lag er auf dem Divan und qualmte, schnaubte und qualmte. Nun wollte er endlich ein ganzer Mann sein, ein ganzer Lebemann! Nun wollte er dieser Gusti einmal zeigen, daß er ein Frauenkenner war! Demütigen wollte er sie bis zum letzten, ja, das wollte er! ... Und er sah vor sich eine große blonde Frau, so hübsch und elegant, daß er sich selbst schon darum beneidete.

Die kleine Gusti wollte indessen wieder einlenken, aber am nächsten Sonntag war Herr Kögel plötzlich verhindert. Er mußtezu einem gewissen Tee". Am Montag sodann ging er ganz gegen seine Gewohnheit mit Bekannten" ins Kino. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag hatte erdringende Geschäfte". Die kleine Gusti geriet außer sich. Am Samstag, als sie zermürbt und verzweiselt gegen Ladenschluß bei ihrem Freund eintrat, schien er gerade zu telephonieren.... Für Fräulein Alma!" Das glaubte sie noch zu hören.

Du bist es!" sagte er gelangweilt und drehte sich um.

Max?" Sie blickte ihn bittend an.

Ich stehe zu Diensten!" sagte er kühl.

Wer ist diese Alma?" fragte Gusti, und Tränen der Eifersucht standen ihr in den Augen.

fierr Kögel triumphierte! So also mußte man den Frauen kommen!

Diese Alma ist... er unterbrach sich und tat verlegen.Ach was! Eine A ma eben! Ich kann ja auch sonst noch Verpflichtungen haben, die Welt ist groß!

Du hast mir in den drei Jahren unserer Freundschaft noch nie etwas von einer Alma erzählt!" fuhr Gusti gereizt fort.

Denke dir also, sie existiert nur in meiner Phantasie!" erwiderte Herr Kogel und lachte ironisch.

Aber Gusti sah die Rivalin schon vor sich, groß und blond, wie all die Frauen waren, denen Herr Kögel manchmal nachschaute. Am liebsten hätte sie dieser Alma sofort das Gesicht zerkratzt, so empört war sie. Es gelang ihr am Abend, obgleich ihr Herz traurig war, den Freund in einen leichten Schwips zu versetzen. Er wurde sehr gesprächig, renommierte, was er für ein Kerl wäre, und wie er erst jetzt anfinge, seine Fähigkeiten ganz zu erkennen! Wie er sich fühlte!

Sie ist wohl sehr schön, deine Alma?" fragte nun Gusti mit umflorter Stimme.

Und Herr Kögel schilderte die fremde Frau. Er schilderte sie, wie ein Dichter seine Venus besingt, schilderte ihre herrliche Gestalt und ihr rot­blondes Haar, den leichten Schritt der langen Beine, die weichen, schmieg­samen Arme, die runden Schultern und Hüften, zuletzt die feurigen Augen und die kirschroten Lippen.

Und wer ist sie?" fragte nun Gusti mit hastiger Stimme und starrte ihren Max durchbohrend an.

l|nb er schrieb, als hätte ihm ein Teufel die Hand geführt, aus eine Papierserviette, die vor ihm lag, in runden Zügen die drei Worte: Alma Meier, Westend.

Ich werde euch kommen!" dachte Gusti und steckte das Papier ein.

Herr Kögel erhielt nach drei Tagen einen Brief, der folgendermaßen lautete:Sehr geehrter Herr. Ich muß Sie sofort sprechen. Rufen Sie nach Empfang dieses Briefes die Telephonnummer 5554 an. Alles weitere mündlich. Alma Meier, Westend, Lindenallee 8."

Herr Kögel war wie vom Schlag gerührt. Er besah den Brief von vorn und hinten, folgte den flotten Linien der Schrift, hielt den Bogen gegen das Licht und folgte den Wasserzeichen, die geheimnisvoll auf dem Papier leuchteten ...Alma Meier, Westend!" Sie war also wirklich! Mit einem ei" zwar aber sie existierte! Wie war das möglich? Maier, Meier, Mayer, Meyer! Mein Gott! Herr Kögel rannte wie irr in seinem Laden herum. Dann ging er ans Telephon, aber irgend etwas riß seinen Arm zurück. Nein! Er ließ sich nicht zum Narren halten! Den Brief hatte ihm jemand zum Spott geschickt! Diese Alma existierte gar nicht, weder mit ai" noch mitei"! Das wußte er selbst am besten. Sie war ja ein Produkt feiner Phantasie! Hahaha! Und er lachte und bediente weiter seine Kunden mit Zigarren und Zigaretten.

Gegen elf Uhr kam Gusti zu ihm ins Geschäft:Da ist ein Photo, das dich interessieren wird!" Und sie legte das Bild einer großen, blonden Frau, die sehr hübsch war, Herrn Kögel unter die Nase.

Alma Meier!" so fuhr es ihm gleich wieder durch den Kopf.Sie ist es!" hauchte er tonlos.

Ja, sie ist es! Und mit mir ist es, aus!" erwiderte Gusti mit bebender Stimme und rannte davon.

Was war denn geschehen? Herr Kögel konnte vor Aufregung nicht einmal seine Felix Brasil zu Ende rauchen. Er betrachtete das Bild. Merk­würdig! Haargenau so hatte er sich seine Alma auch immer vorgestellt.

Und nun war sie da leibhaftig abphotographiert! Er spürte ein Drehen in seinem Kopf. Die ganze Welt kam ihm plötzlich wie ein Ge­spensterkabinett vor, und er blickte in Tiefen, in die er noch nie geschaut hatte.

Er schloß seinen Laden und rannte durch die Straßen. Es war Mittag. Er ging an den Stammtisch, aber essen konnte er nichts. Dann saß er wieder in seinem Geschäft und starrte aus das Bild, solange bis ihm die Augen übergingen und die Gestalt der Alma Meier wiederum in nichts zerfloß ...

Aber gegen Abend erschien eine große Blondine mit zwei massiven Herren.

Sie sind Herr Kögel", sagte der eine Mann mit drohender Stimme.

Ich bin es!" sagte Herr Kögel und erblaßte.

Warum rufen Sie mich nicht an?" schmetterte nun die Blondine los. Sie hätten doch allen Grund, ihre blödsinnigen Behauptungen endlich richtig zu stellen. Sie Frauenquäler!"

Es ist ein Irrtum! Ich kenne Sie gar nicht!" stotterte Herr Kögel und hob abwehrend die Hände.

Was heißt Irrtum! Ich bin Alma Meier und wohne Westend, Linden­allee 8. Wie kommen Sie dazu, mich zu Ihrer Geliebten zu machen?"

Es war eine Verwechslung!" flehte Herr Kögel.

Was heißt Verwechslung, wenn Sie mich Ihrer Freundin von Kopf bis Fuß beschrieben haben. Sie indiskreter Patron!" schrie Alma.

Es war Phantasie!" wimmerte Herr Kögel.'

Dann suchen Sie sich für Ihre Phantasie gefälligst andere Objekte aus!" fauchte Alma.

Teufelei, Hexerei!" ächzte Herr Kögel ganz außer sich und meinte verrückt zu werden.

Glaubst du mir nun?" fragte Alma Meier den zweiten Mann, der sie begleitete.

,Zch glaube dir!" sagte er lochend und legte den Arm verliebt um ihre Schulter.

Laß dir dein Bild wiedergeben", sagte nun der erste Mann und deutete auf Almas Photographie, die noch auf dem Ladentisch lag.

Er mag sie behalten zum ewigen Andenken!" sagte Alma und lachte gefallsüchtig. Die drei gingen davon.

Weißt du", sagte Gusti ein paar Tage später, als Herr Kögel sich etwas erholt hatte,der junge Mann, auf den du neulich so eifersüchtig warst, ist ein alter Bekannter von mir. Er arbeitet in einem Auskunfts­büro. Ich habe ihm vor drei Tagen aufgetragen, nach einer Alma Meier im Westend zu forschen!"

Und er hat sie gefunden!" flüsterte Herr Kögel und lehnte sich schauervoll an seine Gusti.

Die Welt ist klein", sagte diese,aber für zwei, die sich lieben, ist immer noch Platz genug." Und sie nahm Almas Photographie und zerriß sie vor den Äugen ihres Freundes in vier gleiche Teile.

Verantwortlich: vr.Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'lche Univerfttäts.Buch, und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.