Abendlied.
Von Christian Günther.
Der Feierabend ist gemacht,
Die Arbeit schläft, der Traum erwacht. Die Sonne führt die Pferde trinken; Der Erdkreis wandert zu der Ruh! Die Nacht drückt ihm die Augen zu, Oie schon dem süßen Schlafe winken.
Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht. Die Brust entzündet Andachtskerzen; Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Verheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen.
Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über mich!
Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Auf meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte.
Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will, 5o muh ich deinen Engel bitten;
Der kann durch seine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten.
Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein, Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Bis ihn die letzte Stimme ruft. Den Geist im Himmel Frieden haben.
Es ist ein Markt in Steier...
Von Hans Kloepfer.
„..5 ist ein Markt in Steier, der hebt, wie billig, an mit Kirche und Schulhaus über der Brücke im Tal und steigt an sonniger Lehne breit und behaglich hügelan zum obersten Platz, wo die Linden stehen und unicrm Tor der Gasthöfe die dicken Fleischerhunde in der Sonne schlafen.
Und Halbwegs am Hange, gerade noch nahe genug dem Rauschen des Wehres drunten und dem Lohgeruch vom wassernahen Gerberanger, sieht ein Haus mit Blumen am Zaun und Hof und Stall und Garten dahinter. Wer da eintritt ins steinkühle Vorhaus, den grüßen zwei liebe braune Augen, und eh' er fich's versehen, sitzt er im Polsterstuhl vor gelbem Maisbrot und goldklarem Birnmost und steht geruhig durchs Fenster auf die heiße Sttahe, darauf der Werktag gemächlich seiner Wege geht.
Wer aber dies Haus von der Wiege aus entdeckt oder erlebt hat an ttaulicher Mutterhand, unterm stahlblauen Schwabenblick des Vaters, dem lebt's noch heute in Herz und Sinn, mit der leise knarrenden Küchentür und den an der Wachsleinwand klebenden Gläsern auf der Kommode. Da saß man vergnüglich zwischen zwei Welten. Vor dem Ziergärtlein die Straße mit Fuhrwerk und fahrendem Volk, und nach hinten hinaus der Kuhstall mit dem glitschenden Saugkalb und im engen Gang die Schweine in ewiger Dunkelhaft. Und Heuboden und Streuhütte und Wügenschupfen und die Zeugkammer mit hundert Geräten zu Zweck und Ziel im Jahrlauf der Arbeit, daß man zu schauen und zu versuchen nicht müde wird.
Wie köstlich lang ist solch ein Kindertag! Und randvoll von farbigen Bildern und kleinen Erlebnissen, an deren Statt wir später zwischen verbrauchten Begriffen und verstaubten Gedankenhecken dahinstolpern.
Kaum hatten die Novembernebel die letzten Hirtenfeuer gelöscht, so lag die Welt eines Morgens in schimmerndem Weiß vor den Fenstern. Und immer noch fielen die Flocken, still und schwer, daß Zaun und Garten darunter zu versinken drohten. Immer höher schichtete sich die weiße Last, aus der die Häuser und der ferne Wald so seltsam scharf und nahe standen.
Und eines trüben Wintermorgens kam er herangepflügt, der sagenhafte, ungeheure Schneepflug, von zwölf dampsenden Hengsten gezogen, mit Klingelpracht und scharfem Peitschenknall, gesteuert von einem Trupp Hirten, dem schwarzen Mothes, einem Nickelmann mit bleckender Hasenscharte, dem windischen Greger, dem langen Vierspänner. Gut zwei Schuh hoch waren die schweren Bohlenwände und ein paar Klafter weit spannte er die Flügel. Zu hohen Wogen schob er den Schnee zur Seite, gleichmütig und stumm wie das Schicksal. In seinem Bug saßen auf den Querspanten pelzmützige Schneemänner mit Schaufel und Krampen, und wer noch sonst gerade Zeit und Lust hatte, wie der alte Medaillenveteran Pechtl im verschlissenen Soldatenmantel von anno nunundfünfzig. Und dahinter wie die Schwalben am Telegraphendraht, die Kufen entlang die Jugend des Marktes. Und aus jedem Hause ward die Fracht um ein Bubenqewichtlein schwerer, bis der Kampf ums Dasein wieder ein paar Unbescheidene abgedrängt.
(Damit war der Winter eingezogen und glitt auf blanken Schlitten- kufen durch die Wochen, vom Weihnachtsabend und seinem stillen Lichterschein überglänzt.
Dann lag nach fauchenden Taunächten eines Morgens die Welt s wieder blitzblank im spiegelnden Sonnenschein, und eh' man's gewahrt, war Ostern da mit den düster glühenden Gruftbogen des heiligen Grabes, im Posaunenprunk und Goldbrokat der Auferstehung, im Stuckgeschütz der Böller und den roten Osterfeuern ringsum durch die schwarze Frühlingsnacht. Und immer wieder darauf der köstliche Werktag mit hundert Aufgaben und sinnvoller Hantierung in Hof und Stall und Feld und Wald und Wiese.
Doch zuzeiten tat sich im Garten froher Genügsamkeit ein Törlein auf und die weite Welt fuhr durch den Markt. Eine „Menagerie" ward hügelan gefahren in streng verschlossenen Wagen, baute ihr "langes Zelt ins Lindengrün des Platzes und lud mit großartiger Geste zum Besuche. Zwei Kreuzer mußten wir jedes in die Schule bringen und zogen bann paarweise vom untern Markt den Wundern einer fremden Welt entgegen ins geheimnisvolle Dämmer des Plachenzeltes. Da roch's vorerst übel nach Hyänendreck und Fuchsharn. Und allerlei Getier war zu sehen. Außenseiter des bürgerlichen Lebens, „dritte Garnitur", wie unsere originelle Zeit heute sagen würde. Ein ruheloses Gleiten und Wandern, ein ewiges Aus-der-Ecke-springen, ein Fauchen und Jaulen der geschändeten Freiheit. Uebellaunig kauerte eine schwarze Katze im Hintergründe einer finsteren Kiste, „der Silberlöwe oder Puma aus Westindien". Eine blinde Hyäne hatte sich im ewigen Winden das Haupt am Gitter kahl gescheuert. Ein fahlzottiger Bär bettelte mit klappernden Tatzen aufrecht um Brot und Zucker. In einer Kiste lag unter Decken vergraben das Gliederknäuel einer mäßigen Riesenschlange. Und als ob er's ihr zur Wahl gestellt, versicherte der Mann im Fez mit dem spanischen Staberl — das einzige, das wir bisher aus dem Morgenlande kennengelernt — sie sei lieber ein Jahr ohne Nahrung als ein Tag ohne Wärme. Der sprach überhaupt so knapp und sicher vom Sündenregister all der fremden Tiere, als ob er sie selbst gefangen hätte. Uns schauderte gelinde die Haut. Doch all der heimliche Respekt fand vor dem Affenkäfig seine fröhliche Lösung. Wie scharfäugig und flink waren sie in ihrer geschäftigen Würdelosigkeit, wie schwerelos in Schwung und Sprung — und wie schamlos. Denn als einer dem gaffenden Hubmann-Pepperl den Filzkegel vom Strohkopf zog und ihn, übel besudelt, gelassen wieder durchs Gitter reichte, da gab’s helles Gelächter im Kreise und haltloses Weinen des Geschändeten.
Doch noch war's des Geheimnisvollen nicht genug. Denn nachmittags um vier Uhr, „nach der Fütterung der Raubtiere", sollte ein „Wilder" vor den Augen des geehrten Publikums eine lebendige Taube verzehren. Und das war ihm zuzutrauen, denn es ging das Gerücht daheim, weiß Gott wo sollte er Abgötterei und Menschenfraß getrieben haben. Da durften und wollten wir nicht dabei sein. Aber unsere Kinderfinger streiften in scheuer Andacht vorsichtig die schokoladebraune Gänsehaut des Südseeinsulaners.
Wieder folgten auf die Schauer der Wildnis Wochen goldenen Erntesegens um Rain und Feld.
Und eines Morgens stand ein „Panorama" am Platze, von einer schmucküberladenen Matrone unter glitzernden Perlenkörbchen hoheitsooll gehütet. Schon der umfassende Name lockte, und aus der kreischenden Drehorgel brach's immer wie „Panorama, Panorama". —
Es war über die Maßen großartig. Und was gab’s drinnen erst zu trinken für die durstigen Kinderaugen! Da erschlossen die blanken Linsenpaare in den Gradlwänden uns zum ersten Mal das stereoskopische Sehen, so leuchtend, so tief körperhaft, daß man sich nur zögernd verdrängen ließ. „Das Gastmahl der Toten" war ein schauerliches Bankett von Gerippen, die in stummer Bewegung aus giftgrünen und glutroten Augenhöhlen unter nackten Schädeln entgegengrinsten. „Die Christenverfolgung in Konstantinopel" zeigte einen ungeheuren Platz, von Moscheen und Palästen umsäumt, darüber tiefblau den wolkenlosen Himmel des Orients. Und über den weiten Platz hin die fliehenden Christen von grimmigen Muselmanen eingeholt und niedergesäbelt. Schon lagen ihrer viele dahingestreckt, unter jedem gewissenhaft seine Blutlache. Und dazu dudelte das Werkel so flötenmild den alten, köstlichen italienischen Walzer „il Bacio" (Der Kuß), der so gut zum wolkenlosen Firmament und so wenig zu den blutigen Szenen stimmte. Und heute noch, wenn mir der Frühling die alte Werkelmelodie ans Ohr weht, seh' ich den weiten Platz mit den bösen Türken und den, ach, so frommen Christen. —
Und wieder tarnen Wochen und Monate sorgloser Freiheit und ttaulicher Erdnähe. Der Austrieb zur Weide, frühmorgens, wenn die Hafen aus dem taufrischen Klee sprangen, die Hirtenfeuer am Rain, darin Erdäpfel und Birnen brieten, bis zum stillen Apfelfall im aufziehenden Mond.
Bis diese ganz glückselige Welt vor den Toren des Gymnasiums ihr Ende fand. Heimweh — der Kulturmensch lächelt wohl darüber; aber das Naturkind packt's mit stiller, tiefer Gewalt, die fast über alle Kraft geht. Welch bittrer Weg von freier Halde bis hinauf zum dritten Stock des Johanneshofes in der Villefortgaffe zu Graz! Und wenn man am fpätherbstklaren Sonntagnachmittag von der Buchkogelwarte gegen Süden spähte, hin nach dem blauen Radl, wo die Mutter im Gärtlein für den Studenten nähte, wo sie am nächsten Morgen vielleicht froh aus- gezogen zur „Türkenschlacht", bis sich die Maiskolben häuften zum jährlichen Abendfeste des „Woazschälens" — bann war's nicht zu verstehen, wie ba brunten die Menschen so glücklich fein durften, und man wanderte der steinernen Stadt zu mit einem Herzen so schwer wie ich's seither nicht mehr getragen. Daran denk' ich noch heute. Un>> durch all die Wirrsal unserer Tage tönt's zu Zeiten wie ein verlorenes Kinderlied: Es ist ein Markt in Steier. —


