Ausgabe 
6.4.1936
 
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Ja, in der Stadt. Aber sie hat jetzt Arbeit gefunden, einen festen Platz. Seit sie aus dem Spital gekommen ist, hat sie diese Stelle in einem Wäschegeschäft.

Wie denn, warst du krank?

Ein wenig, sagt Monika, nur ein bißchen Husten und Müdigkeit.

Nein, sagt sie nach einer Weile, ich habe es jetzt wirklich besser. Der Pfarrer sieht doch, wie gut es ihr geht, sie trägt ja seidene Strümpfe und eine winzige goldene Uhr am Handgelenk, vielleicht ist ihr Kleid ein wenig zu kurz über den Knien, aber in der Stadt trägt man die Röcke aus diese Art, auch die Damen.

Der Pfarrer will das gern glauben. Aber die Dorfleute sind anderer Meinung, besonders die Frauen, und die Mägde am Brunnen. Sie laufen vom Herd weg an die Türen, während Monika durch die Straße geht, mustern sie und stemmen die Fäuste in die Hüften ach, da ist ja das Fräulein I Gebt auf eure Männer acht, rufen sie einander zu, solange dieser Vogel in der Schenke sitzt. Ach, du lieber Gott, was war sie denn, was ist denn Großes aus ihr geworden, daß sie jetzt wieder gelaufen kommt und ihre schönen Federn spreizt?

Katharina hat es ihr geradezu ins Gesicht gesagt. Denkt euch nur, sie kam einfach an das Fenster, dieses freche Stück, und fragte nach Peter, ob er denn noch im Dorf wäre und wie es ihm ginge, dies und das. Laß du meinen Peter, erklärte Katharina rund heraus. Du hast ja andere genug zur Auswahl, sagte sie. Und dann ging sie auch und konnte kein Wort mehr herausbringen.

Nein, da ist niemand, der ihr wohl will. Monika dachte, daß sie nun einmal heimkäme nach so langer Zeit und ein paar freundliche Stunden hätte, einen Zuspruch in den vertrauten Stuben. Ja, den und jenen kannte sie noch, den Sohn, der mit ihr auf der Schulbank saß und der jetzt auf den Pfarrer studiert, weil er ja schon immer so war, so sanft und gescheit. Und auch den Vater kannte sie, damals war er noch nicht grau an den Schläfen, und nun ist er schon lange tot. Aber dafür gibt es Kinder, Monika hat sogar ein wenig Zuckerzeug für sie in der Hand­tasche, daran denkt sie schon gar nicht mehr. Sie flattert im Dorf umher wie ein verstörter Vogel und schlägt gegen die Mauern, von Blicken gescheucht, von spitzen Worten gejagt. Äch, sie hat es ja immer schwer eabt, das weiß Gott, rosig ist das Leben wohl auch jetzt nicht für nika, obwohl sie ihren Lederkosser in der Schenke stehen hat und niemandem zur Last fallen muß. Vielleicht ist es nicht so gewiß, daß sie die Stelle in dem Wäscheladen behält, oder, um die Wahrheit zu sagen, sie wird erst nach Ostern ausgenommen, wenn sie Papiere bringen kann, ein Zeugnis vom Vorstand der Gemeinde. Aber sie war noch nicht auf dem Amt, das Unglück wollte es, daß Monika am Nachmittag zur Vesper in die Kirche ging, und da verlor sie allen Mut. Sie stand abseits beim Bilde Unserer Lieben Frau, es war nicht etwa so, daß sie irgend jemand von seinem Platz verdrängte. Der-Pfarrer kniete mit zwei Knaben beim Altar und betete den Rosenkranz vor, und darum ging sie ein wenig näher, um die beiden Buben anzusehen, einer von ihnen konnte vielleicht der ihre sein. Plötzlich aber verließ Pater Johannes seinen Stuhl und trat aus sie zu.

Man hörte nicht, was er sagte, Monika nahm nur hastig ihr Kleid am Hals zusammen und wandte sich ab, um fortzugehen. Sie verirrte sich auch noch zwischen den Bankreihen und stand hilflos inmitten der Leute. In diesem Augenblick ober, wie zufällig, stand die Krämerin auf, sie schob der weinenden Monika ihre Hand unter den Arm und führte sie hinaus, mit hallenden Schritten durch die ganze Kirche. Ja, so etwas konnte Agathe tun, mochte Pater Johannes immer hinterher sehen und sich seinen Bart trauen.

Später saßen die beiden Frauen noch eine Weile in der Hinterstube des Kramladens, es gab Kaffee und Osterbrot dazu. nur, sagte Agathe, aber heule nicht dabei, sonst machst du mir Flecken in mein Tuch! Was meinst du wohl, wie es mir ginge, wenn ich das Wasser einfach so laufen ließe wie du? Nein, laß es dir gesagt sein, wenn sie dir Steine nachschicken, dann mußt du mit Dreck zurückwerfen.

Und außerdem sind die Dorfleute gar nicht so schlimm. Das ist wie bei einem Rudel Gemsen, die Herde muß beisammen bleiben, sonst geht sie zugrunde, sie hat ihre besondere Zucht und strenge Gesetze. Wenn eines von den Tieren ausbricht, dann muß es zusehen, wie es allein bestehen kann, aber zurückkehren darf es nicht mehr, dieses Tier würde sich nicht fügen wollen, und zuletzt würde es die Zucht verderben. Es liegt am Geruch, behauptet Agathe, du hast den Dorfgeruch nicht mehr, das ist der Grund. Und was den Vorstand betrifft, mit dem will ich ein Wort reden, auch mit Pater Johannes, das laß nur gut fein. Geh jetzt zum Pfarrer, sagte sie, schau dir deinen Buben an. Der ist nicht übel geraten, dein kleiner David!

Darum sitzt nun Monika in der Pfarrstube und erklärt dem alten Mann vor ihr, was sie auf dem Herzen hat, und daß es ihr wirklich viel bester geht. Sie will ja gar nicht im Dorf bleiben, früher hatte sie vielleicht manchmal fo einen Gedanken, aber jetzt arbeitet sie ja an einem festen Platz.

Unb bann möchte sie auch gern ben kleinen Davib mit sich in bie Stabt nehmen. Der Pfarrer wirb ihr vielleicht nicht glauben wollen, baß sie bie ganzen Jahre her immer unb immer an bas Kind dachte. Sie konnte ja nichts für David tun, aber es war dennoch ein großer Trost für sie. Der Hunger, unb bie Nächte ohne Schlaf, unb das ganze erbärmliche Leben, Elend und Schlechtigkeit, das machte am Ende doch nicht viel aus. Etwas blieb ihr auch in der schlimmsten Zeit, ein Ge­danke, an dem sie sich erwärmte unb aufrichtete, unb barum konnte Monika nie völlig zugrunbe gehen. Wirklich, wenn es einmal sehr arg war, bann machte sie die Augen zu unb bachte heim in bas Dorf, viel­leicht war auch bas Sünbe, aber so half sie sich.

Unb es konnte geschehen, daß so ein ganz fremder Mensch plötzlich anfing, verständig mit ihr zu reden. Höre, sagte er, dann lasten wir es lieber, ich bin doch kein ja, was war er denn mit einem Male nicht mehr? Er ließ sich von David erzählen, unb wie bas alles so gekommen mar, unb schließlich wollte er nichts zurückhaben, geh jetzt, sagte ber Mensch, kauf ihm eine Pudelmütze dafür!

Später traf sie den Mann wieder, er fuhr morgens für eine Bäckerei mit dem Lieferwagen in die Vorstädte. Manchmal gab er ihr Geld unb schickte sie ins Bett, aber sie hatte gar kein Bett, bas wußte er nicht. Du bist ja boch ein Suber, sagte er.

Dann kam der Winter, Monika lag im Armenspital, und als sie wieder aufstehen konnte, half sie noch ein wenig in der Küche. Gott fügte es, und die Liebe Frau half dazu, daß der fremde Mensch auch für dieses Spital das Brot brachte, so fand sie ihn wieder.

Ich suche dich schon die ganze Zeit, sagte er. Das hätte ich mir ja denken können, wo du hingeraten bist, verflucht noch einmal!

Aber Gott sei Dank, es war nicht das, was er meinte, nur eine Er­kältung, nichts Schlimmeres.

Also gut, er hatte eine Stelle für sie gefunden. Du gehst einfach hin, erklärte er, und sagst, ich hätte dich geschickt, der Karl. Ja, das tat sie bann, unb seit acht Tagen wohnt sie auch bei feiner Mutter, und weiter ist da nichts geschehen, nein, durchaus nicht.

Ader nun könnte Monika recht gut ben kleinen Davib bei sich haben, er ginge in ber Stabt zur Schule unb hülfe ber alten Frau ein wenig bei der Wäsche, und alles hätte doch einen besseren Sinn und einen Halt, wenn David da wäre. Das meint auch Karl, fahr einmal hin, sagte er, und bring die Kröte mit. Er hat so eine Art zu reden.

Ja, sagt der Pfarrer und legt die ganze Sache umständlich mit feinen Händen zurecht, das alles müßte nun überdacht werden, das ist schon recht, wenn du selbst für das Kind sorgen willst. Was meinst du, David, möchtest du das: mit deiner Mutter gehen, in die große Stadt?

David weiß nicht, was er möchte. Die Mutter hat den nackten Arm um feinen Hals gelegt, seine Schulter lehnt an ihrer atmenden Brust. Er drängt sich mit süßem Schauern in diese Berührung, und zugleich peinigt ihn eine heiße Scham, weil es heimlich geschieht, der Atem ver­geht ihm vor Seligkeit und Angst.

Nein, David, weiß nicht, ob er gern mit der Mutter gehen möchte. Wahrscheinlich muß er es ja tun, wenn der Pfarrer so fragt, aber dann ist es mehr, als er jetzt begreifen kann. David ist im Dorf aufgewachsen, diese ganze vielfältige Welt ist ihm bis in sein Blut oertraut geworden, er kann nichts anderes denken. Die Mutter, ja. Allein im Grunde ist auch sie ihm fremd, nur eine verwirrende Erscheinung, die ihn dunkel beglückt unb bebrängt.

Es ist nichts Wirkliches, bentt Davib, bas vergeht alles roleber. Und darum läßt er es ruhig geschehen, daß ihn Monika an der Hand saßt und zur Krämerin führt. Dort, im dunklen Laden, fallen die beiden Frauen über ihn her, er hat keinen ganzen Faden auf dem Leibe, der arme Kerl. Sie ziehen ihn aus und streifen ihm ein frisches Hemd über den Kops, zuerst mühte man ihn ja in ein Schaff mit heißer Lauge setzen, meint Agathe, aber da wäre kein Ende, so lang könnte der Post­wagen nicht warten. David muß in neue Hosen steigen und in Röcke schlüpfen, die werden ihm bis zum Hals zugeknöpft und wieder vom Leib gezerrt, keiner will passen. David hat zu lange Arme, fo etwas Unsinniges an Knochen ist der Krämerin noch nicht vorgekommen. Wo andere Kinder die Hände haben, beginnen bei ihm erst die Ellbogen, und dafür hat er vorne rein gar nichts, um den Bauch herum. Zuletzt wird ihm noch ein spitzer Strohhut auf den Schopf gestülpt, und nun sieh ihn einmal an, Monika, du erkennst ihn nicht wieder!

Auch David steht vor dem Spiegel, wirr und benommen, und sieht sich selbst von weitem wie ein sonderbares Gespenst. Das neue Zeug juckt und schneidet ihn ins Fleisch, und die Schuhe tun ihm unbeschreiblich weh. Manchmal würgt ihn das Weinen im Hals, aber er schluckt es hin­unter, David schweigt und wartet.

Vor dem Hause scharren schon die Pferde, Monika stopft noch das letzte in den Koffer, den Hut, den Schirm, und nun vorwärts, in Gottes Namen! Das Kind wird neben dem Kutscher auf dem Bocke sitzen, weil Monika den Pferdegeruch nicht oerträgt, und überdies muß sie noch einmal mit Agathe in bas Haus zurück, sie hat ihren Schal vergessen, Gott weiß wo.

Davib hockt inbessen allein auf bem Wagen, währenb der Kutscher bie Zügel einhängt. Er sieht bie breiten Rücken ber Gäule vor sich, bie Straße weit hinaus, bie ungewisse Ferne im Zwielicht bes Abenbs. Auch bas Dorf sieht er, bie vertrauten Gesichter ber Häuser unb ben Kirch­turm bahinter gleich einem roarnenben Finger. Unb plötzlich wird er ge­wahr, daß ja alles schon hinter ihm liegt, ber Pfarrhof unb das Armen­haus, o Gott, unb bie Dorfleute auf bem Platz, bie soll er nun für immer verlassen. Ja, plötzlich fällt ben kleinen Davib ein wilber Schrecken an, er springt vom Wagen unb läuft bavon. Hinter sich hört er Geschrei unb Gelächter, bas jagt ihn weiter burch bas ganze Dorf, er rennt in ben Turm unb klettert hinauf, immer höher, bis zur letzten Fahnenluke unter bem Knauf.

Hier sitzt er nun unb keucht unb starrt burch das Loch auf die Straße hinunter. Nein, flüstert er zornig, nein, und nein! Wenn sie kommen, wird er einfach bie Luke weit aufreißen unb auf bie Gräber hinunter­springen.

Aber niemanb kommt. David sieht bie Mutter gegen bie Kirche laufen, bie Krämerin holt sie ein unb steht eine Weile bei ihr auf bem Platz. Langsam unb zögernb geht bie Mutter roieber zum Wagen zurück.

Einen Augenblick später ziehen bie Pferbe an, unb bas Gefährt oer- schwinbet im Staub.

Lange schaut ihm Davib nach, er ist mit einem Male so mübe und so ausgeleert in seinem Innern, von einer unbegreiflichen Wehmut be­drückt. Er hat wieder die Mutter vor Augen, wie sie so langsam fort­ging und sich umsah und die Krämerin mit der Hand abwehrte,

kommt er denn wirklich nicht mehr zurück? dachte sie wohl.

Später findet er auch noch seinen neuen Hut auf der Stiege, er

betrachtet ihn kummervoll und biegt ihn zurecht unb setzt ihn roieber auf.

Bittere Reue überkommt ihn von neuem, er muß eine Welle im Dunkeln auf ben Stufen sitzen unb von Herzen meinen, weil er so schlecht ist, so treulos, unb well ihn bie Mutter nun gewiß für immer ver­stoßen wirb.

(Fortsetzung folgt.)