Ausgabe 
6.4.1936
 
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Jahrgang (936

Montag, den 6. April

Nummer 28

SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

3. Fortsetzung.

Es geschah dann, daß die Seufzer Marias den Wind rührten, der unter dem Himmel ruhte. Und er machte sich auf und wehte von den Gärten her, so daß Maria den Lobgesang der Engel vernahm, die dort standen und schon den Herrn mit lauter Stimme priesen, den Auf­erstandenen.

Und darum segnet der Pfarrer an diesem Tage die Elemente, den Erdkreis und die vier Winde, Feuer und Wasser, weil sie die Schmer­zensmutter in ihrer schwersten Nacht erquickt und getröstet haben.

Frühmorgens wird mit Stahl und Stein vor dem Kirchtor ein Feuer angezündet. Die Bauern bringen Buchenscheite in kleinen Bündeln und sengen sie in der geweihten Glut, oder auch Kienholz, sauber geschnitzt und mit dem Reifmesser zu zierlichen Bäumchen und Blumenstengeln aufgekräuselt. Man muß diese Späne in den Rauhnächten statt der Lampe brennen, um die unholden Geister abzuhalten, und die Buchen­scheite stößt der Bauer in die Herdflamme, wenn ein Wetter aufzieht.

Am Osterfeuer entzündet der Pfarrer auch ein dreizackiges Licht, das ein Sinnbild des Dreieinigen Gottes ist, Kraft, Wort und Geist. Es brennt das ganze Jahr über kein Licht im Haus des Herrn, das nicht von dieser Flamme ausgegangen ist.

Auf mannshohem Leuchter steht die Osterkerze, schneeweiß zum Zeug­nis der Unschuld des Gekreuzigten, mit fünf Nägeln und fünf Körnern Weihrauch besteckt. Denn obgleich er den Tod der Sünder starb, gebühren ihm doch Räucherwerk und göttliche Ehren.

Desgleichen weiht der Pfarrer das Wasser im Taufbecken und in den Krügen der Frauen, denn, sagt der Psalmist, wie der Hirsch nach der Quelle verlangt, so mein Herz nach deinem Segen, o Gott. Der Pfarrer berührt die Fläche des Wassers minder flachen Hand, so schwebte der Geist Gottes über den Fluten. Er teilt es mit dem Finger, so gliederte Gott den Erdkreis. Und er sprengt es in alle vier Winde, damit es den Böltern das Heil bringe, wie der Meister versprochen hat: mein Joch wird süß sein und meine Bürde ist leicht. Biele haben diese Bürde getragen, und wer immer vor ihm oder nach ihm Gutes tat, der hat es in seinem Namen getan, versteht das recht. Niemand kann gut sein, außer in seinem Geist.

In der Glockenstube steht David und wartet aus den Augenblick, in dem der Pfarrer seine Arme heben und das Gloria anstimmen wird.

In der Wand des Turmes ist ein kleines Fenster angebracht, man sieht von der Höhe herab die festliche Schar der Gläubigen, eng in die Stühle gepreßt und noch die Gänge füllend. Man sieht die prunkvollen Gewänder am Altar im Schein der Kerzen schimmern, von Weihrauch umwölkt. Es ist noch still in der ganzen Kirche. Auf dem Chor sitzt der Lehrer an der Orgel, er hat alle Register im voraus gezogen und die Finger auf die Tasten gelegt. Die Bläser stehen bei ihren Pulten und drücken schon Luft in die geblähten Wangen, Gott gebe, daß sie noch Atem haben, wenn ihre Zeit gekommen ist! Desgleichen stehen die Sängerinnen offenen Mundes bereit und zwingen mit Mühe den ersten Ton in die Kehle zurück, die Meßbuben heben ihre Schellen hoch, und selbst draußen hinter der Friedhofsmauer warten atemlos die Böller­schützen mit rauchenden Lunten, auch sie haben die Rohre doppelt ge­laden, mögen sie alle zerspringen zum Ruhm des Herrn!

David quetscht seine feuchte Nase gegen die Scheibe, noch nicht!

Noch immer nicht, aber jetzt!

Er winkt mit der Hand hinter sich, da greifen die vier Männer hoch in die Stränge und ziehen mit Macht. Brausend erklingt die Orgel, ein hundertstimmiger Jubelschrei, ein tönender Sturmwind rauscht durch die Kirchs. Trompeten fallen schmetternd ein, die Fenster klirren vom Donner der Freudenschüsse, laut und inbrünstig steigt das große Alle- lujah zum Himmel auf.

Zu keiner anderen Stunde des Jahres klingen die Glocken so herrlich und freudenvoll zusammen. Sie preisen den auferstandenen Gott, aber der Mensch ist auch auferstanden, und alle Kreatur.

Ja, du schüttelst ab, was welk an dir war, deine Sorge will dir nicht mehr so groß, dein Kummer nicht mehr so unabwendbar scheinen. In deinem Garten stehst du und betrachtest den alten Kirschbaum. Im letzten Sommer brachte er nicht mehr viel, du dachtest schon daran, ihn umzuhauen, weil er nur Schatten auf deine Beete warf. Und jetzt trägt er doch wieder pralle Knospen in seiner struppigen Krone, nein, du

wirst ihn noch einmal blühen lassen. Vielleicht findest du jemand in der Nachbarschaft, den du zur Kirschenzeit in deinen Garten laden kannst.

Das ist mein alter Kirschbaum, wirst du dann sagen. Aus seinem Stamm willst du einmal Bretter schneiden lassen, er ist noch gut im Holz.

Was für Bretter? fragt dein Gast und lacht wie ein Täubchen aus der Kehle.

Wiegenbretter, antwortest du.

Denn du fühlst mit einem Male wieder Mut für allerlei. Die Welt ist voll von Liebe, die Blüten färben sich bunt, Zugvögel kommen zurück, und nachts rumort der Igel unter deinem Fenster. Der Nachbar streicht die Läden neu an, im Winter hattest du einen Zwist mit dem alten Kerl, es ging hart auf hart, aber jetzt läufst du hinüber und lobst seine gras­grünen Fensterläden, und auch er ist versöhnlich gestimmt und schwatzt mit dir. Ja, er wird seiner Tochter die Botschaft ausrichten, was deine Kirschen betrifft ...

Es geht die Sage, daß niemand auf Erden sterben muß, solange die Osterglocken läuten. Immer ist der Tod unterwegs, nur in dieser einen Stunde ruht er aus, im Andenken dessen, der ihn überwand. Und darum darf der Chor des Geläutes nicht wirr und regellos klingen, sondern die Stimmen müssen sich kunstvoll verschränken, und keine darf versagen. Am reinsten klingt die Frauenglocke, sie hat Silber im Erz, deshalb ist ihr Gesang so lieblich und hell unter den anderen. Die Zügenglocke schlägt schnell und hastig wie ein fieberndes Herz, breit die Wetterglocke, kraftvoll und schlicht, als spräche ein ruhiger Mensch immer dasselbe trostlose Wort. Am tiefsten aber, und langhinsummend, ist der Ton der großen Glocks, ihr riesiger Leib hängt so schwer im dreifachen Joch, daß die Kraft eines einzelnen Mannes nicht ausreicht, sie anzuläutsn. Die Wucht ihres Schwunges ist ungeheuer. Wer es versteht, das Seil im richtigen Augenblick zu fassen, der schwebt wie auf Engelsflügeln empor bis unter die Decke der Kammer.

Freilich ist auch das eine Kunst, die geübt sein will. Als David es zum erstenmal versuchte, fuhr er mit beiden Beinen durch das Fenster in der Wand und erschien für einen Augenblick zu Häupten der stau­nenden Christengemeinde, um sogleich wieder klirrend und brüllend zu verschwinden. Viele hielten es für ein Zeichen und Wunder. Aber zuletzt nahm doch alles das gewöhnliche Ende, mit Prügeln und Püffen überall hin, wo David noch heil war.

Am Ostersonntag ruft der Pfarrer den kleinen David zu sich in die Stube. David überschlägt eilig die letzten Tage im Kopf, aber er findet nichts Bedrohliches an seinem Wandel. Wegen des Meßweins kann es doch nicht (ein, wegen eines so winzigen Schluckes?

Nein, es ist nicht von Meßwein die Rede, eine fremde Frau fitzt im Zimmer des Pfarrers. Sie lächelt ihm zu und reicht ihm die Hand^über den Tisch.

Das ist deine Mutter, sagt der Pfarrer.

So. Ja, die Mutter also. David betrachtet diese Frau erstaunt, es ist gar keine Frau. Mütter sind jedenfalls anders, sie tragen blaue Schürzen über dem oorgewölbten Leib, sie haben grobe rote Hände und müde Gesichter und dünne Zöpfe darübergesteckt, alle, die David kennt. Diese hier ist eher ein Mädchen, aber auch das nicht. Sie trägt das Haar kurz im Nacken, ihre Wangen find so sonderbar rot, auch die Lippen. Und dann ihre Strümpfe, immerfort muß David diese Strümpfe anstarren, sie sind dunkelblau und seidig glänzend wie Schlangenhaut.

David? sagt die Fremde jetzt, sie zieht den Rock über die Knie und beugt sich vor, kleiner David, nennen sie dich so?

Du mußt hingehen, meint der Pfarrer. Geh zu deiner Mutter!

Aber die Frau streckt wieder ihre Hand aus und berührt ihn sanft an der Schläfe, streicht nur so leichthin mit den Fingern durch sein Haar, und so lockt sie ihn langsam an sich. Ja, und dann erkennt er sie plötzlich wieder, das verschollene Bild, den Geruch, den weichen Druck ihrer Wange, die naß ist von salzigen Tränen ...

David betrachtet verstohlen das Gesicht der Mutter, während sie mit dem Pfarrer spricht, sein Herz schlägt bis in die Kehle herauf vor Glück und Stolz, weil seine Mutter so schön ist, viel schöner als alle andern Mütter im Dorf.

Weißt du, sagte Agnes einmal, weißt du überhaupt, wer deine Mutter ist?

Nein.

Eine Schlampe, die Schwester hat es gesagt!

David verstand das Wort nicht, aber es mochte schon wahr sein. Eine Magd war sie vielleicht, oder sie lief mit den Zigeunern und kam nie mehr zurück. Und nun! David denkt an ein Bild, das in der Leute­stube hängt, es stellt die trauernden Frauen unter dem Kreuz dar, und so wie die eine von ihnen sieht die Mutter aus, wie Magdalena zu den Füßen des Herrn. Aber sie heißt nicht Magdalena, sondern Monika

Monika, sagt der Pfarrer jetzt und bleibt vor ihr stehen, dann lebst du also noch immer so, in dieser Stadt?