Ausgabe 
6.3.1936
 
Einzelbild herunterladen

blieb an dem matten Schimmern des blauen Velours, der weich aus dem Koffer quoll, haften Die Hellen Augen wurden ganz rund:Woher haft du das?" .. s

Mit spitzen Fingern hob Barbara das Cape heraus und dann das Kleid.Schön, nicht?" Sie legte das silberne Täschchen dazu.Gottlob passen meine Sandaletten!"

Woher hast du das?" erinnerte Hedi eindringlich.

Aus dem Salon natürlich!" Barbara versuchte gleichmütig aus- zufe'hen.Montag früh bring ich alles zurück"

Die Freundin betrachtete sie lange und vernichtend.Warum hast du das getan?" erkundigte sie sich streng

Leise und zärtlich kam die Antwort:Eberhards wegenl Und dann: Du warst doch auch schon verliebt!"

Deswegen habe ich mich noch lange nicht mit fremden Federn ge­schmückt!" sagte Hedi ungerührt.Du konntest das bunte Taftkleid an­ziehen. Es ist allerliebst!" , e

Ein Fummel ist das!" rief Barbara trotzig.Und Eberhard denkt __das heißt: er mußte es ja einfach annehmen S>e beobachtete verlegen ihre Schuhspitzen und vollendete schüchtern:Er halt mich für eine ^ßoroneffe"

In ihrem schwarzen Kittel hatte Hedi plötzlich etwas von der Würde eines Staatsanwalts kurz vor dem Urteilsspruch.Du bist ,a eine Hochstaplerin!" stellte sie fest.

Dafür kann ich nichts!" Barbara sah kleinlaut aus.Es ist so über mich gekommen. Eigentlich wollte ich dir nichts davon erzählen. Du bist immer gleich so auf alle Fälle ist das für mich wie ein Wunder. Aber davon verstehst du nichts!" Sie wartete ein bißchen. Hedi sah no* immer aus wie ein Siaaisanwaii. Die (Bünberin feufßte entmutigt uno chickte sich zu einer Verteidigungsrede an......

Ich habe dir von der Wiener Schauspielerin erzählt, Nicht? begann sie. "Ich mußte ihr neulich vormittags in ihrem Hotel meine Kollektion vorführen Dazu gehörte ein herrlicher Breitschwanzmantel, der der Stauß gefiel. Aber sie wollte, daß ich ihn schnell noch einer Bekannten am Kaiserdamm zeigen sollte. Der Schofför sollte mich hinfahren. Ich saß also in dem eleganten Pelzmantel in der Hotelhalle und wartete auf ihn. Und da kam Eberhard herein."

Barbara sprang auf und lief kreuz und quer durch die kleine Küche. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut er aussieht!" Sie hatte strahlende Augen.Groh, blond, braungebrannt ein richtiger Sports­mann. Ich habe ihn ganz begeistert angestarrt. Natürlich dachte ich, er merkt es nicht. Aber plötzlich kam er auf mich zu, verbeugte sich und fragte, ob wir uns nicht irgendwo kennengelernt hätten. Ich käme ihm so bekannt vor. Und als ich ihm sehr kühl zu verstehen gab, daß es keinesfalls so wäre, da sagte er:Aber dann ist es höchste Zeit, daß wir uns kennenlernen!" Er wirkte unwiderstehlich nett, Hedi!"

Fortsetzung kann ich mir denken!" bemerkte die Aeltere trocken.In diesem Augenblick tauchte vermutlich der Schofför auf, Hand an der Mütze: Der Wagen steht bereit. Dein Eberhard murmelte irgendeinen Namen, und du gabst dich zu erkennen. Stimmt's?"

Barbara seuszte schuldbewußt.Es war zu verlockend!" gestand sie. Wenn ich gesagt hätte: mein Herr, ich bin Mannequin du kennst doch die Männer! Aber ich wollte nicht, daß gerade Eberhard ein Abenteuerchen in mir sehen sollte. Wir haben später noch eine halbe Stunde in einem Cafe gesessen. Er war reizend, Hedi! Und nachher habe ich die Einladung angenommen."

Die Freundin schien nicht überzeugt.Männer wittern immer und in jeder Aufmachung ein Abenteuer!" urteilte sie weise.Im übrigen hast du eine ganz verkitschte Phantasie, meine Kleine. Ich entschuldige das mit deinen achtzehn Jahren. Aber vermutlich wird aus der Komödie bald ein Trauerspiel werden! Ein Vierteljahr hast du mal gerade deine schöne Stelle na, mir kann's ja gleich sein!"

Bedrückt nahm Barbara ihre Sachen und ging bis zur Küchentür. Dort fragte sie schüchtern:Und der Pelzmantel?"

Die Freundin brummte:Nimm ihn schon!"

*

Am Bahnhof Zoo wartete neben einem kleinen Kabriolett ein junger Mann. Trotz größter Aufmerksamkeit entging ihm das sanfte Heran­rollen einer Taxe, aus der verstohlen eine elegante Dame stieg. Als Barbara überraschend hinter ihm stand, fuhr Eberhard erschreckt zu­sammen.Guten Abend!" rief er und sah sie bewundernd an.Wie prachtvoll Sie aussehen! Hoffentlich ist Ihnen mein Auto .Fridolin' gut genug?"

D doch!" Sie betrachtete erleichtert den niedlichen Wagen. Jedes Auto war ihr recht! Es ersparte zum Glück die Ausreden bezüglich der eigenen Limousine.

Sie sind so pünktlich, daß wir fast noch Zeit hätten, etwas zu Abend zu essen!" meinte er.Mögen Sie?"

Dieser Vorschlag kam ihren heimlichen Wünschen entgegen, denn Hedis Unfreundlichkeit heute mittag hatte sie auf die gemeinsame Mahl­zeit verzichten lassen. Kurze Zeit später ließ sie sich in einer behaglichen Weinstube von Eberhard mit allerlei Leckerbissen verwöhnen.

Wissen Sie was!" sagte Eberhard plötzlich.Ich hätte einen herr­lichen Vorschlag das heißt eigentlich ist er ein bißchen verrückt!" Er half ihr in den Pelz, nahm das lange Cape über den Arm und rückte mit seiner Idee heraus.Man sollte nach der Vorstellung ein Stückchen aus der Stadt heraussahren wollen Sie?"

Sie sah ihn Überrascht an. Eigentlich war sie etwas enttäuscht. Sie hätte lieber irgendwo in schöner Umgebung mit Eberhard getanzt. Wozu hatte sie schließlich das ModellAdria" ausgeborgt? Eberhard merkte es und redete leise:Solche Fahrten sind etwas Wunderbares. Man sitzt in seinem kleinen Wagen wie auf einer Insel. Ringsum braust mit tausend matten Reflexen die Nacht vorbei. Der Motor schnurrt und hält die Beine behaglich warm. Die langen Straßen da draußen vor der Stadt sind ein dunkles Geheimnis. Manchmal zittern sie unter der Wucht

einer heranrollenden Lastwagen-Karawane. Gespenstisch tun sich riesige Bullaugen hinter einem auf. Man taumelt wie ein kleiner Nachtfalter zur Seite erst wenn so ein ungefüger Titan vorübergepoltert ist. wird man wieder seines Lebens froh."

Barbara hörte aufmerksam zu, Sie hatte andächtige Augen wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden.Das muß schön sein!" sagte sie leise.Ja bitte! Wir wollen fahren."

Das Premiere-Publikum war ziemlich elegant. Dennoch fiel Bar­baras kostbare Kleidung ungemein auf.Ich hätte das schwarze Kleid nehmen sollen!" überlegte sie angstvoll. Hoffentlich waren keine Be­kannten im Theater! In den Pausen verzichtete sie darauf, ins Foyer 3U Zwei" Stunden später fuhren sie etwas einsilbig die Kantstraße her­unter. Erst auf der Heerstraße, die, bekränzt und bestrahlt von unzäh­ligen Lampen, eine märchenhafte Stimmung hatte, wurde Barbara lebhaft.Schön!" sagte sie mit einer ganz hellen Kleinmädchenstimme. Ich fahr' so gern Auto, wissen Sie!"

Eberhard beobachtete seine Nachbarin einen Augenblick und lächelte verstohlen. Es war nicht ganz klar, was er dachte.

Unverdrossen brummte der Motor. Die Stadt lag schon ziemlich weit hinter ihnen. Sie fuhren nun über eine schmale, holprige Straße. Plötz­lich spazierten tief am Boden ein paar gewaltige Leuchtpunkte herum. Es sah seltsam und unheimlich aus. Aufgeregt zupfte Barbara Eber­hard am Aermel.Sehen Sie doch! Es spukt!"

Er legte zart den Arm um ihre feine Taille.Ein Laternenträgerl flüsterte er.Raten Sie mal, wer das ist?"

Vielleicht ein Wichtel?" fragte sie andachtsvoll.

Eberhard sah sie verdutzt an.Glauben Sie denn an so was?" Bar­bara nickte ernsthaft.Doch" In dem matten Licht, das von außen kam, war ihr Gesicht ganz kindlich. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und küßte sie auf den Mund.

Der Wagen stand still, hart neben dem wanderndenLaternen­träger". Die glühenden Punkte entfernten sich schleunigst.Lassen Sie mich sofort los!" sagte Barbara hoheitsvoll.

Eberhard lachte und schaltete den Motor wieder ein.Unser Wichtel hat sich diskret aus dem Staube gemacht!" stellte er fest.Uebrigens hat er vier Beine und sucht zumeist Mäuse."

Eine Katze?" fragte sie enttäuscht.

Er nickte.Hasen sind auch .Laternenträger' Rehe auch!", belehrte er sie.Sie haben phosphoreszierende Augen." Er wendete den Wagen, und in toller Fahrt ging es wieder zurück.

Sehr spät tranken sie in einer feinen kleinen Bar noch eine Flasche Sekt. Barbara hatte einen winzigen Schwips, als Eberhard sie vor ihrer Haustür absetzte. Müde und glücklich verabschiedete sie sich von ihm. Erst als der Wagen nicht mehr zu sehen war, schloß sie die Haus­tür auf. Denn daß eine Baronesse im Gartenhaus wohnte, brauchte Eberhard gerade nicht zu sehen! Aber als sie die Treppen hinaufstieg, siel ihr siedeheiß ein, daß sie mit ihm kein Wiedersehen verabrede hatte. Und im gleichen Augenblick entdeckte sie das Fehlen des blauen Velours- Capes. Es war im Auto geblieben! Sie wußte es ganz bestimmt. Sicher würde Eberhard es finden! doch gleich gab es einen neuen Schreck. Er wußte ja ihren wahren Namen nicht! Und wenn er hierherkam, um die Baronesse Willberg im Vorderhaus zu suchen eine schöne Blamage konnte das geben!

Das Schlimmste war indessen, daß Eberhard überhaupt nicht sich meldete. Weder an diesem qualvollen Sonntag, noch am Montagmorgen. Bei der Portierfrau, die von Hedi ins Vertrauen gezogen wurde, hatte sich kein großer blonder Mann nach einer Baronesse erkundigt. Was sollte Barbara nun anfangen?

Zerschlagen und schuldbewußt kam sie ins Atelier. Wenigstens gelang es, das Kleid unauffällig zurückzuhängen. Hoffentlich wurde das Modell Adria" heute nicht berücksichtigt!

Aber gegen Mittag sah es so aus, als ob das Gewitter lostoben wolle. Die Direktrice beorderte Barbara nämlich in den Vorführraum. Ein aus­wärtiger Kunde wollte für seine Frau Abendkleider ansehen.Zuerst Modell ,Adria'!" Barbara war so verstört, daß ihr das leise Lächeln der Vorgesetzten entging.

Sie tat, als ob sie ihre Handtasche holen wolle, um sich zu pudern, dabei griff sie Hut und Mantel und sauste zum Hinterausgang hinaus. Von nun an sollte ihr alles egal sein! Nur die peinliche Auseinandersetzung nicht erleben!

Doch als sie atemlos vor der Haustür ankam, packte sie jemand fest am Arm. Vor ihr stand Eberhard. Im Augenblick war es Barbara recht gleichgültig, was er von ihr dachte und wie er hierher kam. Sie hatte nur eine Sorge: das Cape!

Das ist im Atelier!" sagte er.Sie sind ganz hübsch gelaufen. Wir konnten Sie gar nicht halten. Kleiner Feigling!"

Sie wagte nicht, ihn anzusehen.Woher wußten Sie denn?"

Jetzt lachte er.Ich kannte Photos von Ihnen, Barbara! Sie hatten Überhaupt ein bißchen Pech, wissen Sie!" Er hatte schadenfrohe Augen. Das ModellAdria" hat E. Andergast gezeichnet, nicht? Und dieser be­gabte Jüngling ist kein geringerer als ich!"

Er wartete die Wirkung seiner Worte ab. Sie befriedigte ihn. Das Mädchen Barbara stand mit tiesgesenkiem Kopf und schämte sich offen­sichtlich ganz schrecklich. Eberhard wurde leutseliger.Strafe muß schließ­lich sein. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand lügt!" meinte er.Trotz­dem haben Sie Glück! Ich bin nämlich mit der Direktrice gut befreundet. Sie ist ein anständiger Kerl und wird schweigen. Ader jetzt marsch, marsch zurück! Sonst kommt die Chefin von der Tischpause!"

Als Barbara schon im Treppenhaus verschwunden war, rief er ihr noch:Außerdem heute abend um acht am Zoo, ja!"

Es kam keine Antwort aus der Höhe. Aber Eberhard hatte das zu­versichtliche Empfinden, daß er mit einer sehr pünktlichenBaronesse" würde rechnen können.

DetanitoorUtcf); Or. HanS Thyriot. Druck undDerlag;Brühl'fcheUniverjitäts-'Luch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.