Ausgabe 
6.3.1936
 
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geh gle Läufer/

Eine Geschichte von Edith Zubert.

Die Chesin war gerade mit der Direktrice gegangen Ein Weilchen noch hörte man die fröhlichen Stimmen im Treppenhaus Barbara lauschte noch atemlos, bis alles still war Nun befand sie sich allem in den weiten Atelierräumen. Vor der Tur, die zum Hauptausgang führte, sprang soeben mit lautem Gebrumm der Staubsauger an. Die gute alte Schwanbecken hatte ihren Samstags-Einzug gehalten. Von ihr war nichts zu befürchten, denn wie alle wahrhaften Putzfrauen war sie heilfroh, wenn niemand sie bei ihrer anstrengenden Arbeit störte

Als Barbara die Tür des breiten Modellschranks behutsam öffnete und ein mattblaues, schwerfließendes Gewand vom Bügel nahm, waren ihre Hände eiskalt vor Aufregung. Später wunderte sie sich über die Ruhe mit der sie das Kleid und das dazugehonge sehr lange Cape aus tiefblauem Seidensamt in ihrem flachen Koffer verpackte. Das Zierliche Abendtäschchen hatte keinen Platz mehr. Barbara wickelte es ,n Seiden­papier und schob es in die breite Handtasche.Adius, Schwänchen! schrie sie und stülpte achtlos den Hut auf.Ich geh gleich hinten raus, sonst schimpfen Sie wieder über die Fusseln am Läufer.

Roch auf der Treppe klopfte ihr Herz hart und schmerzhaft. Furch! war es nicht beschämenderweise eine tolle Freude. Es war gegluckt. Heute abend konnte sie mit Eberhard zur Premiere gehen!

Zu Haus hantierte die Freundin, mit der Barbare eine kleine Woh­nung teilte, in der winzigen Küche. Verlockende Dufte von brutzelndem Fleisch wehten in die Diele. Barbara kam leise herem, setzte sich auf den Kohlenkasten und ließ den Koffer aufschnappen.Du mußt mir heute abend deinen Pelz borgen, Hedi, ja?"

Die Freundin sah sich verwundert um.Warum denn? Ihr Blick

März.

Von Lina Staab.

Jetzt sind die Tage wie Spiegel matt behaucht. Die Wälder halten den Atem. Die Ferne raucht. Vogelruf gefriert noch zu blitzenden Tropfen in den Zweigen, die morgens ans Fenster klopfen. Horchend stehen die Bäume im leeren Garten.

Niemand mehr weiß das Wort, auf das sie warten.

Da kommen die Kinder gesprungen mit Bällen und Reisen. Sie werden nach dem behauchten Spiegel greifen, sie wischen ihn blank mit den kleinen roten Händen da müssen die Tage auf einmal glitzern und blenden die kleinen Stimmen flattern wie leichte Bänder da füllt sich der Spiegel mit Farben bis an die Ränder, schon tauen die Vogelrufe. Sie merken es kaum

Morgen steht in meinem Garten der erste Blütenbaum.

^rinz Eugen und Friedrich der Große.

Von Walter von Molo.

In seinem neuen, im Verlag Holle 8- Co. erschienenen RomanEugenio von Savoy" läßt Walter v. Molo den Prinzen Eugen, den Retter des Deutschen Reiches, lebendig werden. Von Ludwig XIV. für den geistlichen Stand bestimmt, flieht er aus Frankreich, um sich in Deutschland an die Seite der Kaiserlichen zu stellen. Durch seinen ungeheuren Mut und seltene strategische Begabung bringt er es bald zum General und sogar zum Reichsfeldmarschall. In diesem Abschnitt suhrt Eugen den jungen Friedrich in die hohe Schule der Kriegs­führung ein; später sagte der große Friedrich, selbst ein Feld- herrngenie geworden, von Eugen:Wenn ich etwas tauge, wenn ich etwas von meinem Handwerk verstehe, so verdanke ich es dem Prinzen Eugen."

Als Zweiundsiebzigjähriger mußte Eugen noch einmal in den sickst- b^AufKsemen Stock gestützt, mühsam Schritt vor Schritt setzend, reifte er mit letzter Selbstverleugnung wieder an den Rhein.

Es war keiner da, der ihn daheim ober in der Armee ersetzen konnte.

Er fand, was er erwartet hatte: eine abgerissene, ungeübte Schar neu angeworbener Leute. .

Mit diesen sollte er die hunderttausend Franzosen verhindern, die in siebenfacher Ueberzahl erschienen waren, über den Rhein in das deutsche Land einzudringen. ,, .

Es war alles so gekommen, wie er es vergeblich warnend voraus­gesagt hatte.

Er sollte ein Wunder tun.

Und er vollbrachte es. Aus eigenem Antrieb fanden sich seine ehemaligen jetzt weiß- und grauhaarigen Soldaten mit ihren Söhnen und Enkeln aus allen Teilen des zersplitterten Reiches in immer größerer Zahl bei ihm ein. Der König von Preußen, der an der Wassersucht litt und nicht mehr lange zu leben hatte, sandte Truppen. Er schickte auch seinen ältesten Sohn, damit der kleingewachsene Jüngling, den Mer für miß­raten hielt, etwas Vernünftiges in feinem grenzenlosen Hochmut von ihm erlerne. So schrieb er.

Eugen klomm, die Brust auf den Sattel gelegt, von seinen Reit­knechten emporgehoben, in die Bügel und bann in den Sattel hinauf.

Die französische Armee machte halt, als sie den verrunzelten Greis mit der eisgrauen Perücke erblickte, die er nun trug. Man konnte vor dem Blick seiner Augen kaum bestehen.

Des alten Feldherrn Erscheinen genügte, daß sich die französische Armee mit einem Male nichts mehr zutraute.

Villars hatte abgelehnt, noch einmal gegen den großen Herrn aller Schlachtfelder dieser Erde zu fechten.

Eugens Mund war fchief und vorwurfsvoll in seinem pergamenb artigen Antlitz; seine Ohren sahen wie tot aus; aber sie vernahmen noch alles. Fest hielt seine fleischlose blaugeäderte Hand d,e Zugel

Wenn sich die zusammengekauerte Gestalt des in einunddreißig Feld­zügen Unbesiegten auf den Hügeln ihnen gegenüber zeigte, unterließen es bie französischen Offiziere niemals, höflich vor ihm ihre Hute abzu- ziehen. .

Ernst unb bebeutfam bankte er aus ber Ferne

Nach einer qualvoll burchhusteten Nacht, in ber er den granjoferi mit abgeleitetem Rheinwasser ihr tiefer gelegenes Lager haste vollaufen lassen, daß sie sich zurückziehen mußten, lud er den preußischen Kron- PHßange'1 unb aufmerksam betrachtete er ben magern Jungen Herrn, ber feinem Vater hatte entfliehen wollen, ben bieser bafur ^"Deserteur hätte erschießen lasten, wenn Eugen ihn nicht um ine Erhaltung bes wertvollen Lebens bringlich unb brohenb gebeten hatte.

Er sah vorwurfsvoll den Verschlossenen an, der vor ihm seine stolze, eigenwillige Art zu verbergen suchte und heimlich nach den Narben m dem alten Gesichte spähte, das von den Wassern des Lebens zernagt war.

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11,1 ^dn^müber ßanbmann saß er, der darüber barem ergibt, baß er sein ganzes Leben hinburch 'emen Acker ste ß g und richtig bestellt hat unb nun zerstörerischer Hagelschlag baruber aU^,3ar sagte er Johann laut unb entschieden und sah auf in des anderen zurückgehaltenen Blick; er schloß sein Leben a . h

S Des^ preußischen Kronprinzen blaue Augen hörten ausmerksam zu, ihr

Innerstes verbergend. Doch um feinen weichen Mund zuckte es selbstver­räterisch: dieser da hatte seinen Vater dazu gebracht, ihn mit einer un­geliebten deutschen Frau zu verheiraten. . e .

Von Italien wird nicht viel übrigbleiben", fuhr Eugen rote kauend mit seinem zähnelosen Mund zu sprechen fort.Aber gerade deshalb bitte ich Sie, Prinz, überheben Sie sich nicht. Sie können das Ihnen von der Vorsehung Aufgetragene nur tun, weil die Kaiser immerhin ihre Pflicht zu erfüllen versucht haben. Sie unb Ihr Lanb würben burch ben Schutz bes Reiches."

Ich verstehe Eure Durchlaucht nicht", verteibigte sich Friebrich mit unburchsichtigem Antlitz.

Der Greis beobachtete gütig bas jugendliche Gesicht, das dem eines trotzigen wißbegierigen Knaben, der eherne Verschlossenheit übt, ähnelte.

Man täuscht sich nicht, Prinz, wenn man nach ben Charakteren ber Menschen seine Schlüsse zieht", erwiderte Eugen mit dünner Stimme.

Rot unb verlegen wurde Friedrichs Antlitz, doch er schwieg.

Hartnäckig und lange hustete Eugen; er sah zur Seite auf den Boden hinab unb flüsterte entschulbigenb:Die Natur folgt ben Bahnen bes ... Jrbischen."

Darf ich nun an all Ihren Felbzügen teilnehmen? bat mit einem Male leibenschaftlich ber preußische Kronprinz.Ich bitte Sie mftanbig barum!" , _

Es werben nicht mehr viele sein, mein Freund , antwortete milb lächelnd Eugen.Es ist nur ein kleiner Umweg nötig", entschuldigte er eine Endlichkeit. . ,

Vor seinem Antlitz standen die Jahrhunderte wie ein Tag.

Warum demütigen Sie die Treulosen nicht?" rief Friedrich in be­herzt emporflammendem Vertrauen.

Weil es um deutsches Land geht, mein Freund, weil sonst alles vergeblich gewesen wäre, was ich tat ..."

Eugen erhob sich. Mühselig rang er mit der Beschwernis seines Atems. Der junge Prinz stand in Verzweiflung, daß er dem nicht zu helfen vermochte, der ihn als Erster ernst nahm.

Mein Sohn", sprach mahnend in der Ferne seines Alters Eugen. Sein Blick ging durch unb burch, vor ihm war nichts zu verheimlichen. Vergessen Sie nie: bie eine Gruppe muß einmal mehr leisten, als die andere ... jede hat ihre besonderen Ausgaben, aber jede darf das ihre nur leisten für die andern, für bas allen Gemeinsame."

Ra ch, blitzschnell verstehend zuckte es in den lebhaften Augen Fried­richs. Da leuchtete auch Eugens trüber Blick, ber wunberlich abwesend war, noch einmal klar und kühn wie der eines Adlers auf. Der weis, ber ganz in sich eingesunken war, als ftünbe er schon tief in ber Erbe, sah lange, als wolle er sich an ihm satt trinken, in nicht mehr mensch­lichen Gebanken dem in bie Augen, ber sein Werk äußerlich zerschlagen mußte, um es weiter unb höher zu führen.

Abschließenb sprach er herrisch unb bantbar:Gott segne Sie, Sie werben es gut fortsetzen."

Mein Gott", stammelte Friebrich,wer könnte es Ihnen gleichtun

"Denken Sie nie an sich. Nur wenn Sie verstehen und begreifen, was unter Ihnen ist, nur diesem dienen, können Sie begreifen, was über Ihnen ist", belehrte Eugen.

Von da ab redeten sie jeden Tag und bis tief in die Nacht hinein mtt9Hemnnb außer Friedrich, den sie wenige Jahre später den Großen zu nennen begannen, vernahm etwas von einem Testament Eugens.

Am Frühjahrsmorgen eines schönen unb sonnenhellen Tages, als die Stürme bes Winters roieber einmal auf ihren ewigen Straßen vorüber geströmt waren, fanben sie den alten Feldherrn tot auf seinem em- ^^Der^Stiisdruck seines Gesichtes, das wie aus edlem Elfenbein fein- geschnitten schimmerte, war mild und beruhigt. m ,

Eine herzenswarme Legende meldet, dah in der gleichen Nacht, in der der Große uns leiblich entschwand, der herrliche Löwe, den er gern selbst gefüttert hatte, furchtbar wie sonst nie in seinem Käfig gebrüllt unb an den dicken Eisenstäben gerüttelt habe.

Am Morgen sei er tot gewesen wie sein Herr.

Kleine Sünde - große Wirkung