einmal rafft er sich, um mit erhobenem Zeigefinger, pfiffig lächelnd, zu verkündens „Das war Tells Geschoß!"
Das Publikum starb mit — vor Lachen.
Es werden nicht mehr viele Menschen leben, die den großen Mimen Otto Leh selb in seiner Glanzzeit gekannt haben. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts strahlte sein Stern als Darsteller der großen Helden und Bösewichter des klassischen Spielplanes. Er ging dermaßen auf im Charakter der darzustellenden Persönlichkeit, daß er sich tatsächlich als König fühlte, wenn er einen König zu verkörpern hatte, und daß es gefährlich war, in seine Nähe zu kommen, wenn seine Rolle ihm einen Mord vorschrieb. So geschah es einst bei einer Aufführung von Hebbels „Nibelungen", daß er als grimmer Hagen sein Schwert weit emporschwang, um den Fergen zu erschlagen, der die Gibichungen im Nachen über den Rhein setzt. Aber der Ferge, ein ängstliches Männlein, das gar kein Schauspieler, sondern ein Bühnenhandwerker war, kannte Lehfelds gefährliches Temperament und entzog sich dem sicheren Tode durch eilige Flucht. Er sprang über den Rand des Nachens auf den Rhein und rannte auf dessen polterndem Bretterspiegel angstgepeitscht davon.
Das Publikum jauchzte, und der Generalintendant Dingelstedt stürzte aus seiner Loge hinter die Kulissen, um den feigen Stimmungsmörder zur Rede zu stellen. „Herr Cheneral", jammerte der Unglückliche mit aufgehobenen Händen: „ich bin Vater von eils lebendigen Kindern — und Sie wissen nicht, wozu der wietige Mensch in seinem Raptus fähig is!" *
Bekannt ist wohl die Geschichte von Lehfeld, wie er einst, als er „Richard III" tragiert hatte, das von seiner Frau ihm vorgesetzte Abendbrot zum offenen Fenster hinausschleuderte mit den Donnerworten: „Ist das ein Fressen für einen Kööönig?!"
Aber kaum mehr bekannt sein dürfte, was diesem Tagesabschluß vorausging. Das Publikum hatte am Schluß der Tragödie so große Eile gehabt, zu seinen Ueberkleidern zu gelangen, daß es ganz den schuldigen Schlußbeifall zu spenden vergessen hatte. Lehfeld stand lauschend Hinterm Vorhang und nagte sich grimmig die Lippen. Dann schaute er durch das Guckloch und wartete ab, bis der Zuschauerraum sich völlig geleert hatte. Nunmehr drückte er dem Vorhangzieher ein Acht-gute-Groschenstück in die Hand und sagte: „Ziehen Sie mir den Lappen noch dreimal hoch, mein Freund. Ich bin mir das in dieser Rolle schuldig!"
Also geschah es — und zu dreien Malen verbeugte sich Lehmann ehrfurchtsvoll vor dem finsteren Hause.
Alsdann verfügte er sich in sein Stammlokal zum „Adler", um zur Nacht zu speisen. Der Piccolo erregte durch irgendeinen Mißgriff sein allerhöchstes Mißfallen: „Du weißt wohl nicht", herrschte er ihn an: „mit wem du es zu tun hast, mein Sohn? Ein Kellnerleben ist mir ein Floh!"
Und wütend verließ er das Wirtshaus. Das war jener Abend, an dem der Hering mit dem Kartoffelsalat zum Fenster hinausflog und der Shakespeares dritter Richard „ungenachtmahlt" sein königliches Lager aufsuchen mußte.
Aus der Kulturgeschichte des Strumpfes.
Von Dr. Georg Böse.
Ueber dem Strom der Ereignisse vergessen wir leicht die unauffälligeren, deshalb aber nicht weniger wichtigen Begebenheiten und Errungenschaften, ohne die unser Leben gar nicht mehr denkbar ist, die uns aber so zur Selbstverständlichkeit geworden sind, daß wir über sie keinen Gedanken und kein Wort mehr verlieren. Stöbern wir einmal sorgsam in den Zeugnissen der „Kulturgeschichte des Alltags", so stellen wir fest, daß wir ungefähr um diese Zeit — ganz genau läßt sich das Datum natürlich nicht ermitteln — den 400. Geburtstag des Strumpfes begehen körnen. Wir sind erstaunt, daß dieses nützliche Kleidungsstück nicht älter ist, aber tatsächlich hat es in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts im allgemeinen nur sogenannte Strumpfhosen oder Beinlinge gegeben. Im griechisch-römischen Altertum waren Strümpfe unbekannt: zumeist trug man togenartige Gewänder, so daß der Fuß nur mit einer Sandale bekleidet zu werden brauchte. Die Statue eines schönen Jungen in den Osmanischen Museen in Konstantinopel, die aus Tralleis stammt, scheint Wadenstrümpfchen zu tragen, diese Annahme erweist sich jedoch bei näherer Betrachtung als irrig. Die ältesten strumpfähnlichen Gebilde, mit einer besonderen Umhüllung für die große Zehe, fanden sich in Achmim-Panopolis in Aegypten, sie sind aber erst aus der byzantinischen Zeit. Die Tatsache, daß sich das Wort „Socke" aus dem Antiken ableitet, darf uns nicht zu Trugschlüssen verleiten, denn das lateinische ..soccus" bezeichnete einen leichten, niedrigen Schuh.
Auch im Mittelalter sind die Strümpfe noch kein allgemeiner Gebrauchsgegenstand gewesen. Bei Fürsten und Standesherren stoßen wir hier und da auf eine Beinbekleidung, die wir als Vorläufer unseres heutigen Strumpfes bezeichnen können. Zumeist handelte es sich um große Kostbarkeiten, um Symbole der Herrschergewalt. Zu den deutschen Reichskleinodien gehört ein paar Strümpfe aus scharlachroter Seide, die mit gitterartigen Verschlingungen und Sternchen in Goldstickerei überzogen sind. Der obere Rand ist mit unvollständigen arabischen Jnschristborten der damals weithin berühmten königlichen Werkstätte von Palermo geschmückt. Aus ihnen geht hervor, daß diese Kleidungsstücke für den „hochgeehrten, geheiligten König Wilhelm, der durch Gott hochgeebrt ist und durch seine Allmacht unterstützt wird", bestimmt war. Gemeint ist der Normannenkönig Wilhelm II.
Die eigentliche Geburtsstunde des Strumpfes schlägt erst im 16. Jahrhundert; bis dahin trug man als Beinbekleidung zwei von den Z'hen bis zum Schritt reichende enganliegende „Beinlinge". Es wird
erzählt, daß ein deutscher Landsknecht eines Tages des mühseligen Hineinsteigens in das altertümliche Kleidungsstück überdrüssig wurde und sich kurzerhand entschloß, die Hose unter dem Knie abzuschneiden. Von anderer Seite wird die Entstehung mit der Verarmung während des Dreißigjährigen Krieges erklärt, die eine einfachere und kürzere Tracht verlangte. Wie es auch gewesen sei: um diese Zeit erblickte der Strumpf das Licht der Welt. Daß er ursprünglich nichts anderes war als der untere Teil der den Fuß mitumschließenden Hosen, der sich nun selbständig zu machen begann, bestätigt auch die Geschichte der französischen Sprache. Damals taufte man das eigentliche Beinkleid „Haut-de-chausse“, den Teil unterhalb des Knies aber „Bas-de-chausse“, woraus dann später einfach „bas“ geworden ist.
Der Strumpf war in den Anfängen seiner Entwicklung noch fast ausschließlich ein männliches Kleidungsstück. Er wurde zumeist aus Wolle und Baumwolle hergestellt, aber bald gewannen Mode und Luxusbedürfnis dis Herrschaft: man fertigte ihn aus farbiger und weißer Seide an, aus Filet de Florence mit gestickten Zwickeln, und die Prachtliebe und Galanterie dieses Zeitalters begann ihn verschwenderisch auszustatten. Die Frauen gingen noch länger strumpflos durch die Welt, jedenfalls weiß noch nicht einmal Casanova, dem man auf diesem Gebiet einige Kenntnisse und Erfahrungen zutrauen kann, von Damenstrümpfen zu berichten. Die englische Elisabeth, die jungfräuliche Königin, soll ein« der ersten Frauen gewesen sein, die sich zu der neuen Tracht bekannten.
Durch die Erfindung der Strumpfwirkmaschine, die dem Engländer William Lee zugeschrieben wird, sand die neue Sitte bald größere Verbreitung. Von England kam das junge Gewerbe nach Frankreich, und protestantische Strumpfwirker brachten es nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1675) nach Deutschland.
Im Rokoko erlebte der Strumpf seine glanzvollste Zeit, und an den Höfen der großen und kleinen Sonnenkönige überbot man sich in den kostbarsten Schöpfungen. Ludwig XIV. wurden einst ein Paar solcher Kleidungsstücke überreicht, die wohl die wertvollsten gewesen sind, die es jemals in dieser Art gegeben hat: sie waren aus Spinnseide hergestellt, und zu einem einzigen Paar sollen 700 000 große Kreuzspinnen nötig gewesen sein. Bereits Ludwig XIII. hatte seiner Gemahlin Anna von Oesterreich ein Paar gestrickter Strümpfe mit ihrem Familienwappen in Perlen auf Goldgrund geschenkt. Ein ähnliches Geschenk erhielt Madame de Monespan von Ludwig XIV,; es war mit Edelstein gearbeitet, die das Lieblingssymbol des Monarchen, die Sonne, darstellten. Auf dem rechten Strumpf ging die Sonne auf einem Meer von Saphiren auf, und auf dem linken ging sie hinter Wolken von Smaragden unter. Man trug damals in den Kreisen der galanten Gesellschaft auch gern das Bild der Geliebten oder des Geliebten als Schmuck auf den Strümpfen, und Frau von Maintenon konnte sich sogar eines Paares rühmen, das ein Gemälde von der Hand W a t t e a u s zierte. In England malte Sir Peter L i l y auf ein Paar Seidenstriimpfe in zwei von kostbaren Edelsteinen gebildeten Kränzen die Bilder des „Merry Monarch“ und der herrschenden Favoritin Louise de Ouerouille, die der König seiner Maitrefse mit einem Paar mit Juwelen besetzten Strumpfbändern überreichte.
Auch in der Volkskleidung bürgerte sich der Strumpf schnell ein. Eigentümlicherweise verknüpfte er sich trotz seines verhältnismäßig niedrigen Alters schon sehr bald auf das engste mit abergläubischen Vorstellungen und. mystischen Gebräuchen, von denen sich manche bis auf die Gegenwart erhalten haben. In seinem kürzlich erschienen Roman „Via. Mala" erwähnt John Knittel ein noch in der Schweiz angewendetes Mittel der Geisterbehandlung, das in der Aufhängung einer Socke im Schornstein besteht.
Daß ein falsch angezogener Strumpf Glück bringt, wird seit mehreren Jahrhunderten geglaubt. Aber nur der Zufall darf seine Hand dabei im Spiele haben. Wer an sich feststellt, daß er beispielsweise seinen linken Strumpf über den rechten Fuß gezogen hat, möge sich hüten, diesen Irrtum zu berichtigen, er zerstört damit unsehlbar die Anwartschaft auf Glück und Freude. Auch in der Traumdeutung nimmt der Strumpf einen hervorragenden Platz ein. Nach einem alten schottischen Glauben kann man sich mit seiner Hilfe sogar bedeutungsvolle Träume herbei- rufeu, aber freilich nur in einem Bett und einem Zimmer, in dem man vorher noch nie geschlafen hat. Während einer Reise oder einem ersten Besuch bei Freunden und Bekannten versäume man nie, vor dem Schlafengehen den linken Strumpf über das Fußende des Bettes zu hängen; bann werden herrliche Traumgesichte den Schlummer begleiten.
In manchen Dörfern wird noch heute die alte Sitte des Strumpfwerfens bei Hochzeiten geübt. Das jungvermühlte Paar muß sich niedsr- legen. Die Brautjungfern und Brautführer ziehen den Hochzeitern die Strümpfe aus und nehmen vor ihnen so Aufstellung, daß man mit abgewandtem Gesicht zu den Füßen des Paares steht. Dann richtet jeder eine Frage an die Zukunft. Die Brautjungfern nehmen einen Strumpf des Bräutigams und die Brautführer einen Strumpf der Braut, knüllen ihn zusammen und schleudern ihn, ohne sich umzusehen, über den eigenen Kops nach dem geduldig verharrenden Paar. Wer mit seinem Wurfgeschoß den Kopf der Braut oder des Bräutigams trifft, hat allen Anlaß fröhlichen Mutes in die Zukunft zu blicken, denn das Glück wird ihm hold fein.
Die Braut, die auf eine schöne Ehe Wert legt, darf es nicht unterlassen, an ihrem Hochzeitstage einen neuen und einen alten Strumpf anzuziehen. Als drittes unfehlbares Mittel, um das Eheglück an sich zu feffeln, wird geraten, am Tage der Verheiratung einen Strumpf mit einem Loch zu tragen, durch das eine Zehe hindurchfieht. — Der Strumpf hat im Laufe feiner Entwicklung schon unzählige Verwandlungen durchgemacht: von den kostbaren Stoffen und verschwenderischsten Ausführungen bis zum arobwollenen „Zwei schlicht, zwei kraus" hat er sich als ein vielseitiger Begleiter der zivilisierten Menschheit erwiesen. Seine Herrschaft ist jetzt io unantastbar, daß wir es kaum mehr für nötig halten, feiner zu feinem 400. Geburtstag zu gedenken.
'’eranttnortlidj: Dr. Hans Tbvriol. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, 2t. Lange, Gießen.


