Gegen diese Freihettsgitter wendet sich die Jugend, die aber immer wieder von ihren alten Weisen überwunden wird. Da kam eines Tages Petar.
Es ist unbedeutend, daß der Vater Petars, wie seine Abzeichen am Wams bewiesen, im Kampf gegen Türken und Räuber ein bosnischer Bolksheld geworden war. Unerschrockenheit und Rechtsgefühl und Mut hat jeder Bosniake. Er ist zäh und ringt als Bauer den Bergen dort noch Frucht ab, wo der Wind und die Sonne den Boden verzehren. Aus einer jener Hütten, die gleich Wallfahrtskapellen auf die Gipfel der baumlosen Berge gesetzt sind, stammt Petar, der jede Woche auf den Markt und, als es Zeit war, in die Kaserne kam. Er blieb nach seinen Jahren in der Stadt, weil es zu Hause keine Arbeit gab und weil sein Bruder nun das Maultier in die Stadt herunterführte, Hühner, Käse oder Ackerfrüchte zu verkaufen und Brennholz zu erstehen. Petar hätte Mahlknecht in einer Mühle werden können, Holzarbeiter in einem Sägewerk, Bergmann in den Kohlengruben, Knecht in einem Pflaumendorf oder, wenn er nach Slavonien ging wie viele seiner Kameraden, Pferdehirte. Er wurde Straßenbahner.
Während im Marktviertel die bosnischen Bauerngruppen aus seinem Dorf ihre Früchte oder Kleinvieh an den Mann zu bringen hofften, stand Petar auf seinem elektrischen Wagen, gab Fahrscheine aus und knipste, prüfte Dauerkarten und klingelte: ein Monn in Uniform, ein Beamter. Das ist wichtig zu bemerken.
Denn eines Tages betrat eine Tochter des türkischen Kaufmanns Bahira die Straßenbahn, die er betreute. Petar wohnte neben diesem Kaufmann und wußte deshalb, daß er zwei Töchter hatte, von denen dis eine dürr und die andere rundlich und klein war. Und wenn er sie auch niemals ohne Schleier sehen konnte, — er kannte sie an ihren Stimmen und an den Gestalten. Er hätte diese Frauen unter ungezählten vermummten Türkenweibern herausgefunden.
Weil die Mutter nach der Gattin Mohammeds Chadidje hieß, trugen die Töchter die Namen der zweiten und dritten Frau des Propheten: Maria und Aischa. Maria — das war die dürre Tochter mit der hohen Stimme — zeigte eine Monatskarte vor, die auf den Namen ihrer Mütter Chadidje abgestempelt war.
„Du bist nicht deine Mutter", sagte Petar und gab die Karte nicht zurück. „Du mußt bezahlen, Mädchen."
„Es ist bezahlt."
„Gewiß: für deine Mutter."
„Das bin ich doch. Sie sollen mir die Monatskarte wiedergeben. Wie wollen Sie mich kennen?"
„Weil deine Mutter nicht so mager ist wie du."
Das war der Anfang. Petar gab die Karte nicht zurück.
„Sie lautet auf Chadidje", sagte er und blickte pflichtbewußt und unbefangen um sich, weil sich Leute, die im Wagen saßen, in die Auseinandersetzung mischten, weil Maria mit ihrer grellen, hohen Stimme ansing, den Schaffner zu beschimpfen: „D u sagt er zu mir, der Bauer, du, als ob ich noch zur Schule ging! Ich beschwere mich!" — „Und weil ich weiß", nun schnitt ihr Petar aufgebracht und dennoch ruhig, aber laut das Wort ab, „daß diese junge Dame nicht Chadidje heißt wie ihre Mutter, die ich kenne, sondern deren Tochter ist — Maria heißt sie, wenn ich mich nicht irre! — kann ich als Schaffner nicht erlauben, daß sie auf eine Monatskarte fährt, die laut Tarif nicht übertragbar ist! — Verzeihung, Nachbarin —" versöhnlich wollte Petar allen Streit beenden; er sprach auch so — „ich bitte um die drei Dinar für Ihre Fahrt."
„Nur wenn sie mir die Monatskarte geben."
Hier lag eine Klippe, die Petar schnell genug erkannte Manchem Fahrgast las er aus den Mienen, daß diese Lösung Wohlgefallen fände. Er sagte sich: „Ich habe nichts gegen den Kaufmann, nichts gegen feine Frau und seine Töchter, obwohl die dürre ungebührlich frech gewesen ist. Jedoch — es ist nicht ehrlich, es ist sogar Betrug, wenn drei Personen fahren, denn das tun sie, und wenn nur eine zahlt!" Er gab zur Antwort: „Sie müssen Ihre Karte im Büro abholen."
Dabei blieb es.
Am Abend kam der Kaufmann, die Frau, die Tochter, die sich entschuldigte, zuletzt die zweite Tochter: „Bitte, geben Sie die Karte wieder." — „Nein. Das geht nicht mehr. Ich habe sie schon abgeliefert."
Er dachte nur an seine drei Dinar, die er gewissenhaft vereinnahmt hatte und an die Pflicht, Unregelmäßigkeiten zu verfolgen. Der Direktor, ein neuer Mann, der ihn am nächsten Morgen vorlud, sagte: „Gospodo, die Direktion ist Ihnen dankbar, daß Sie einmal durchgegrifsen haben." Das war Anerkennung. Niemals hatte ein Direktor „Gospodo" gesagt. Nur „Schaffner", niemals „Herr".
Auch jetzt und als der Sturm heraufzog, begriff er nicht, daß er, der Schaffner Petar, diesen Sturm verursacht hatte. Denn plötzlich hieß es nämlich: „Die Straßenbahn verlangt, daß hinfort jede Moslemsfrau ihr Lichtbild in die Dauerkarte einklebt und auf Verlangen ihren Schleier lüftet. Will sie das nicht, bekommt sie keine Dauerkarte und muß jede Fahrt bezahlen."
Diese Nachricht wirkte wie ein Blitzschlag. Das war ein Angriff auf di" ewigen Gesetze, auf das Heiligste der Alten, auf den Koran, auf Sitte, Religion, auf jene heikelsten Gebote, die in der Türkei zwar fallen konnten, aber hier nicht fallen durften, weil die Moslems in diesem Land wie in Oasen leben und Zusammenhalten müssen. Dieser Angriff, sachlich von der Straßenbahn-Behörde vorgetragen und damit begründet, daß 25 OOO Moslems, also schätzungsweise zwölftausend Frauen in der Stadt zu finden seien, kam von einem Gegner, der kein Gegner war und dem man nicht begegnen konnte, weil er nüchtern seine Rechnung machen mußte. —
„Es geht um alles", sagte Mustapha, der mich durch die Carsiia führte, jenes Viertel, wo die verwirrend bunte Welt des Orients mit ihren Minaretts, Moscheen, den Basars und Handwerksläden mit allem ihrem Zauber wie ein lebendiges und märchenähnliches Museum Kleinasiens bestehen blieb.
„Dort wohnte Petar", zeigte Mustapha und fuhr nach einer Weile fort: „Er ist mit einer Bauernkarawane in fein Heimatdorf hinaus
gezogen, weil er den Kamps nicht mehr verstehen konnte. A u ch w i r sind ihm sehr dankbar, wir, die Jungen, obwohl wir nicht verkennen, wie heldenhaft und tragisch unsere Väter kämpfen müssen."
Er grüßte einen alten Türken, der schwere, große Kupferteller ziselierte, er, der junge Moslem, der ein Bärtchen wie ein Filmheld trug. Ich fragte: „Und wie steht es nun in diesem Kamps?"
„Vorläufig zahlen sie —"
Vom Erhobenen zum Lächerlichen.
Theatererinnerungen von Ern st vonWolzogen.
Ich brachte einmal einen Sommer in dem ältesten königlich- preußischen Badeort Lauterbach auf Rügen zu. In der benachbarten Fürstenresidenz Putbus spielte des rührigen Karl S t e f t e r treffliche Truppe, und ich nahm die Gelegenheit wahr, dort die Probeaufführung meines neuesten Lustspiels zu veranstalten. Dadurch wurden sowohl mir als meinem treuen Dackel, Kiekclmsch geheißen, die Oertlichkeit des Mufen- ternpels, sowie auch die darstellenden Künstler vertraut. Kiekebusch hatte oft genug neben mir im Parkett gesessen und kritischen Blickes die Proben mit überwacht.
Eines Abends war ich von Lauterbach nach Putbus spaziert, um mir die Aufführung von „Wilhelm Tell" anzusehen. Der Dackel hatte aber daheim bleiben müssen, weil ich nicht wußte, wo ich ihn währerrd der langen Dauer der Aufführung lassen sollte. Ich hatte ihn also in meinem Gasthofzimmer eingesperrt. Ader ich hatte nicht damit gerechnet, daß die Zimmerkellnerin einen zweiten Schlüssel besaß, womit sie meine Tür aufiperren konnte, um die Stube zur Nacht herzurichten. Diese Gelegenheit mußte Kiekebusch benutzt haben, um zu entschlüpfen urw meiner Spur zu folgen. Denn zu meinem Schrecken und des Publikums größtem Vergnügen erschien er in der vorletzten Szene des Dramas, der Aussprache des Parricida mit Tell, plötzlich auf der Bühne und schnupperte nach meiner verlorenen Spur umher. Einem wütenden Fußtritt des biederen Schweizer Helden wich er geschickt aus und rettete sich bis ganz vorne an die Rampe. Das Publikum jauchzte vor Vergnügen. Einen Augenblick nur war der Hund verduzt, hob die Ohren und starrte in den dunklen Saal hinaus — dann hob er gleichmütig das Bein gegen den Souffleurkasten. Der Arm des unsichtbaren Einbläsers schnellte aus dem Kasten hervor, um sich des schnöden Schänders der klassischen Weihe zu bemächtigen. Aber mein Kiekebusch wich wiederum geschickt aus, pflanzte sich mitten vor den Eingang zur Unterwelt und bellte den Unsichtbaren wütend an. Wau, wau, roau!
Damit schloß für diesmal „Wilhelm Tell" in Putbus. Unter dem schallenden Gelächter der Zuschauer mußte der Vorhang endgültig fallen.
An einem mittleren Stadttheater Alt-Oesterreichs, das sowohl Oper als auch Schauspiel pflegte, sollte „Wilhelm lelT aufgeführt werden. Da für die vielen Personen bei weitem nicht genug Schauspieler vorhanden waren, mußten auch die Opernsänger und Choristen zur Mitwirkung herangezogen werden. Zu allem Unglück war aber auch noch der Intrigant erkrankt und der jugendliche Liebhaber hatte sich schon auf den vielen Proben heiser geschrien. Man fand keinen anderen Ausweg, als den Geßler dem sehr beliebten Lokalkomiker zu übertragen, und den Baßbuffo zum Stellvertreter des Melchthal zu ernennen. Diese Notverordnung hatte schon im ersten Akte beinahe eine Katastrophe hervorgerufen. Der Crsatz-Melchthal war nämlich seines Textes durchaus nicht sicher. Und als er im vierten Auftritt an die hochpoetische Stelle gelangte: „Der Pflugstier selbst, der sanfte Hausgenoss' des Menschen der die ungeheure Kraft des Halses duldsam unters Joch gebogen, springt auf, gereizt, wetzt sein gewaltig Horn und schleudert seinen Freund den Wolken zu ..." — da versagte sein Gedächtnis, und er blickte hilfesuchend in den Einsagerkasten ...
„Der Pflugstier selbst ..." flüsterte es deutlich daraus hervor. Aber das gänzlich verdatterte Hirn des Bassisten vermochte den schwierigen Begriff „Pflugstier" nimmer zu erfassen. „Aber, Herr Dagelberger, verstenga S' mi denn net?" rief der Einbläser verzweifelt hinauf: „Jeffus na, der Ochs halt ...!"
Und jetzt erinnerte sich der gute Mann dunkel des Sinnes dieser Stelle und versicherte das Publikum mit treuherziger Eindringlichkeit: „Der Ochs ist ein gemiehtliches Vieh. Aber wann er wütend wird, bann nimmt er feinen besten Fremd und schmeißt ihn in die Wolken."
Da diese kleine Dextänderung die Ohren der Zuschauer durchaus heimatlich berührte, so nahmen sie daran keinen ernstlichen Anstoß. Aber sobald Geßler sich zum ersten Male auf der Bühne sehen ließ, begrüßte man ihn mit fröhlichstem Gelächter. Das glaubte man dem beliebten Lokalkomiker schuldig zu fein. Das Publikum hat ja nie eine Ahnung von den natürlichsten Regungen einer edlen Künsllerseele. Für einen Komiker gibt es keine größere Kränkung, als wenn er in einer ernsten Rolle ausgelacht wird. Und das Publikum fuhr fort zu lachen, wann immer der finstere Tyrann den Mund auftat. Seine Seele um- büfterte sich immer mehr, unb seine Gleichgültigkeit gegen ben vom Dichter vorgeschriebenen Wortlaut wuchs proportional zu seiner Erbitterung gegen das Publikum. In der letzten Szene des vierten Aktes wirft sich Armgard mit ihren Kindern vor Geßlers Roß, Gnade für ihren Mann erbittend. Die unglückliche Choristin, die die gar nicht leichte Rolle übernehmen mußte, wird durch das Gelächter des Publikums und über den Augen rollenden Geßler so verwirrt, daß auch sie Schillers Text vergißt unb unter dem seltsamen Zwange, bie weichen mit ben harten Lauten zu vertauschen, statt: „Wüterich, erbarmst bu dich ..." kläglich jammert: „Füderich, erparmft du dich nickt meiner, so erparme dich doch fenigftens dieser unschuldigen Fürmer!^
Die Zuhörer lachten Tränen. Gehler droht, das unglückliche Weib niederzureiten. Wutschnaubend brüllt er: „Was will das kecke Weib? Was faselt sie von ihren Würmern? Würmer sind kein Grund Würmer hat jeder Mensch! Schafft sie hinweg!"
Da trifft ihn der tödliche Bolzen. Er sinkt vom Roß Aber noch


