Ausgabe 
6.1.1936
 
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gebrüllt hätte. Nur die Hühner sind noch da. Aber er hat sich ja vorhin im Vorbeigehen noch überzeugt, daß der Wassertrog auf der Diele noch gefüllt war, und Gerste hat er ihnen noch vor dem Hmausgehen in die Pserdekripps geworfen.

Na", tröstet er Lena,nun wird es mit dem Fahren auch bald besser gehen. Wir haben ja die Landstraße schon dicht vor uns."

Aber er macht immer noch keine Miene, von dem zu beginnen, was er zu erzählen versprochen hat. Der Kleine scheint in der Wärme der Kissen und bei dem Schütteln des Wagens schon wieder emgeschlafen zu sein o müde und verdrossen, wie er vorhin aus dem Schlafe gekommen ist 'Könnte Lars da nicht endlich zu sprechen beginnen? Denn für Kinderohren wird es ja wohl nicht sein, was er ihr mitzuteilen hat.

(Schluß folgt.)

Winter.

Von Detlev v. Liliencron.

Die Sonne leiht dem Schnee das Prachtgeschmeide, Doch ach! wie kurz ist Schein und Licht.

Ein Nebel tropft, und traurig zieht im Leide

Die Landschaft ihren Schleier dicht.

Ein Häslein nur fühlt noch des Lebens Wärme, Am Weidenftumpfe hockt es bang.

Doch kreischen hungrig schon die Rabenschwärme Und hacken auf den sichern Fang.

Bis auf den schwarzen Schlammgrund sind gefroren Die Wasserlöcher und der See.

Zuweilen geht ein Wimmern, wie verloren, Dann stirbt im toten Wald ein Reh.

Cassander.

Eine Komödiantengeschichte von Paul Ernst.

Cassander ist ein alter Schauspieler. Er ist so alt, daß sein Charakter sich bereits verändert. In früheren Jahren hatte er einen offenen Ver­stand, eine leichterregte Phantasie. Man kennt doch die Geschichte vom Karpfen: Karpfen sind bekanntlich sehr dumme Tiere und deshalb schwer zu zähmen; der Principe Tartaglia aber besaß jene Gabe, mit den Tieren umzugehen, er war energisch, liebenswürdig und vor allen Dingen konsequent. Er war von eiserner Konsequenz; und die Konsequenz ist es hauptsächlich, die auf das Tier wirkt. Der Karpfen folgte dem Principe wie ein Hündchen auf der Straße, in Gesellschaften, in den Ballfaal, zum Spieltisch; ein Hündchen hätte man natürlich nicht derart überall mit- nehmen können, denn auch der klügste Hund hebt plötzlich in einem unpassenden Moment an einem Stuhl oder Tisch das Bein hoch. Diesen Karpfen also besaß der Pricipe Tartaglia, als er noch in Neapel lebte; nach Rom brachte er ihn nicht mit, denn das Tier war damals schon verunglückt; er hatte ihn einmal zur Probe mitgenommen, ein Wolken­bruch geht über Neapel los, der Principe eilt nach Haufe, damit die Prinzessinnen die gewaschenen Unterhosen hineinnehmen, die vor den Fenstern zum Trocknen hängen; der Karpfen folgt ihm, gerät in eine tiefe Gosse und ertrinkt. Niemand in Rom glaubte diese Geschichte, aber Cassander glaubte sie. Das war vor vierzig Jahren. Wenn heute ihm jemand sagt:Der Direktor hat alle Gagen ausbezahlt", so antwortet er: Du lügst; so phantasielos ist er in seinem Alter geworden, so skeptisch, so schwerbeweglichen Geistes mit einem Wort.

Merkwürdig ist dabei, daß er sich nunmehr auf die Dichtung geworfen hat. In den neueren Stücken fallen ihm immer nur kleine Rollen zu; zwar, er sagt mit Recht von sich:Wenn ich auf der Bühne bin und nichts sage, dann steht immer ein Schauspieler da"; aber seine Kraft wird doch nicht ausgenutzt, sie liegt brach, fie schreit nach Betätigung. So hat er ein großes Epos begonnen: Die Schöpfung; fiebert Bände wird das Epos haben, jeder Band vierundzwanzig Gesänge. Er stellt sich neben Horner, Dante und Lorenconi mit diesem Werk.

Aber was geht uns hier Cassanders Epos an!

Cassander hat eine einzige Tochter namens Colombine. Natürlich verlangt er, daß sie den reichen, vornehmen Duca heiraten soll, den Duca, der einen Wagen hat und einen Silberdiener, den Duca, in den Isabella, Aurelie, Coraline verliebt sind; aber der Duca liebt nur Colom­bine. Colombine indessen findet, daß der Duca zu alt für sie ist, und hat eine Liebschaft mit dem Kapitän, eine Liebschaft, ja eine für bürgerliche Begriffe recht weitgehende Liebschaft. Cassander weint, er ermahnt sie, er erzählt aus seinem Leben, vom Fürsten Tartaglia, der auch eine Lieb­schaft hatte, ehe er den Karpfen zähmte, und natürlich das Mädchen nicht heiratete, wie er den Karpfen hatte; nun ist fie alt geworden, die ande­ren Liebhaber haben fie auch nicht geheiratet, fie hat jetzt eine Garküche; für einen Soldo darf man dreimal in den Oelkessel stechen, und was dann an der Gabel bleibt, das hat man.Das ist ja meine Mutter", ruft Colombine lachend,das verwechselst du ja!" Cassander wird böse und verstummt: der Kapitän kommt und sagt, daß Cassander gleich zur Probe muß; er wird inzwischen Kolombinen Gesellschaft leisten.Ach, was habe ich denn für eine Rolle!" klagt Cassander.Nichts habe ich zu lagen, als: .Meine Herrschaften, gehen wir zu Tisch.' Braucht man für eine solche Rolle einen Cassander? Gewüstet wird mit dem Talent! Es ist himmelschreiend! So behandelt man Künstler!"Aber Papqchen", antwortet ihm Colombine und reicht ihm Hut und Stock,wer soll denn sonst die Rolle spielen! Auf diesem Satz steht ja das ganze Stück! Wenn ''er Satz nicht herauskommt, dann ist das Stück gefallen!"Du haft cht, mein Kind", antwortet besänftigt Cassander;gerade diese Rollen

sind die schwierigsten, sie erfordern die reife Meisterschaft, das ganze Können. Davon versteht natürlich das Publikum nichts. Aber dem wahren Künstler genügt der Beifall des Kenners." Mit diesen Worten setzt Cas- (anber seinen Hut auf, nimmt seinen Stock und geht zur Probe, zur Generalprobe. Der Kapitän bleibt inzwischen bei Kolombinen.

Die Generalprobe nimmt den erwünschten Verlaus. Lelio beginnt einen Streit mit dem Souffleur und nennt ihn einen Idioten, denn irgendein Merger muß vorfallen. Kassander spricht seine Worte, und wie er diese Worte spricht, da steht er allein auf der Bühne, alle anderen Schauspieler sind verschwunden, wenigstens merkt man sie nicht. Das ist die Macht des Talents. Aber im Abgehen stolpert er über einen rostigen Nagel, der da vorsteht, man weih nicht weshalb; er fällt, reiht sich eine grohe Schramme ins Bein mit dem Nagel; Mezzetin hilft ihm auf, Koraline zieht ihm den Strumpf aus, Isabella verbindet ihn mit ihrem Taschentuch, es war rein,, die Taschentücher der männlichen Kollegen sind voller Schnupftabak, der Principe Tartaglia weint, Kassander aber lacht und erklärt, dah die Verletzung ganz harmlos sei.In deinen Jahren! antwortet ihm der Principe besorgt.Wessen Jahre?" fragt Kassander scharf, und alles verstummt.

Aber die Verletzung ist nicht harmlos. Das Bein schwillt an, der Doktor kommt, der richtige Doktor, nicht der Schauspieler, schüttelt den Kopf, spricht vom Schneiden, verordnet vorläufig Umschläge und Bett­ruhe; dann geht er, indem er eine Prise nimmt.

Bettruhe?^ ruft Kassander, als der Doktor das Haus verlaßen hat und außer Hörweite ist.Bettruhe? Was denkt dieser Scharlatan von einem Künstler?"Aber Papachen, er hat gesagt, es ist gefährlich", ruft Kolombine.Gefährlich? Und wer spielt meine Rolle heute abend? ent­gegnet Kassander.Du wirst doch nicht ins Theater gehen wollen!" ruft entsetzt Kolombine.Wer spielt meine Rolle?" fragt Kassander.Aber Papachen, da kann doch ein anderer einspringen!" sagt Kolombine.Ein­springen? In eine solche Rolle? Ist das künstlerische Gewissenhaftigkeit? Und wenn schon Einspringen möglich wäre, wer sollte es? Auf meinem Satz steht das ganze Stück. Wenn der Satz nicht herauskommt, so ist das Stück gefallen!" , ,

Kassander steigt aus dem Bett, zieht die amarantfarbene Hose an, die hellblauen Strümpfe.Die Schuhe her!" kommandiert er; weinend bringt ihm Kolombine die Schuhe, hilft ihm in den pfirfichfarbenen Rock. Dann geht er, auf Kolombinens Arm gestützt, humpelnd zum Theater. Unterwegs begegnen ihnen die Theaterbesucher; stumm zeigt er auf die Leute, endlich jagt er:Es wird ein volles Haus, es ist aber auch eine Glanzrolle für mich." , v .

Der Vorhang geht hoch, das Haus ist besetzt bis auf den letzten Platz. Das Schauspiel beginnt, die Verwicklungen folgen, es naht der Höhe­punkt, Cassander erhebt sich, aus seinen Stock gestützt, und sagt:Meine Herrschaften, gehen wir zu Tische". Tosender Beisall, die Galerie rast. Majestätisch sieht sich Cassander im Theater um, geht dann langsam hum­pelnd durch die Kulisse ab. . .

Aechzend saßt er den Arm des Inspizienten; der Inspizient steht ihm ins Gesicht, erschrickt; da fühlt er auch schon die Last des schwerer wer­denden Körpers. Vorsichtig legt er den Ohnmächtigen aus den Boden, winkt einen unbeschäftigten Schauspieler herbei; es wird ein Wagen geholt, Cassander hineingelegt und in die Klinik gefahren. Eben ist das Theater aus, als der Wagen abrollt, die Leute strömen aus dem Tor. , Nein, dieser Cassander, wie er heute wieder die paar Worte sagte!" ruft einer aus; dem ohnmächtigen Cassander fliegt ein glückliches Lächeln über das Gesicht.

Der Arzt in der Klinik macht eine sehr ernste Miene, als er das dunkel gefärbte, geschwollene Bein sieht. Schnell wird Cassander ent­kleidet, auf dem Operationstisch festgeschnallt...

Nach einigen Stunden darf Kolombine ihren Vater besuchen. Er liegt in einem freundlichen Stübchen, in einem weißen, sauberen Bett. Wie sie cingetreten ist und die Tür hinter sich zugezogen hat, sieht er sie lange an dann schlägt er die Bettdecke zurück, das Bein ist abgeschnitten. Laut jammernd sinkt Colombine neben dem Bett in die Knie.Auf dem Felde der Ehre", sagt mit dumpfer Stimme Cassander.

Eine lange Weile schluchzt Colombine. Endlich hört sie ihren Vater wieder sprechen:Der Schauspieler Cassander ist gestorben, von heute ab lebt nur noch der Dichter Cassander".

Der Türkenkämpfer Petar.

Eine Geschichte aus Bosnien von Otto Rombach.

Die Geschichte, die mir Mustapha, der türkische Basarbesitzer In Sara­jevo erzählte, ist von der Save bis hinunter zur schaumenden Maritza von grundsätzlicher Bedeutung. Wo in Jugoslawien Türken wohnen, hat der Streit des Schaffners Petar Entsetzen ausgelöst: die eigene, auf­geklärte Türkenjugend nimmt für den Bosniaken Petar von der Straßen­bahn Partei; die alten weifen Väter wehren sich mit jener Inbrunst, mit der sich ihre Ahnen seit Jahrhunderten den fremden Mächten und Ge­walten widersetzten. Auch die Jugend will die Fahne des Propheten nicht herunterholen; aber Mustapha hat in Deutschland studiert und bedient die Fremden, die in seinem Basar türkische Andenken kaufen, m allen geläufigen Sprachen. Er ist einer jener Moslems, die in Europa reiften, Kemal Pafcha kennen und sich bewußt sind, daß man die turki- fchen Orte in Bosnien als Oasen ausTausendundeine Nacht" preist. Das verdanken sie ihren Vätern, die mit Eifersucht darüber wachen, daß die Gesetze des Korans mit ihren Weisungen gehalten werden, wenn auch am Goldenen Horn der Schleier längst verboten wurde und die Frauen gleiche Rechte haben wie die Männer. Hier gilt das nicht! Hier haben sich die Frauen wie in alten Zeiten in grauen, gestreiften Barchent zu kleiden und die Gesichter mit schwarzen Schleiern zu verhüllen. Sie haben hinter ihren Eheherren wie Dienerinnen einherzugehen; nur ele­gante Stöckelschuhe konnten sie bis jetzt erobern; unb wären die Gesetze aus Belgrad nicht, die mehr als eine Frau verbieten, die alten Pa­schas würden ihren Harem halten wie ehedem. Käsighaste Gitterfenster sind säst noch an allen Türkenhäusern...