Ausgabe 
6.1.1936
 
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Giehener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1956 Montag, den 6. Januar Nummer 2

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

12. Fortsetzung.

Du hast dir ja In den drei Tagen, die du unterwegs warst, allerlei ausgedacht, das muh man sagen!" antwortete er höhnisch.Und du? Was willst du dann vielleicht ansangen, he?"

Ich ziehe noch heute abend von hier weg, wenn du es wissen willst. Ich glaube, deine Tage werden hier nun wohl auch zu Ende sein, nicht wahr? Von mir aus kannst du aber tun, was du willst, denn bis jetzt weiß niemand, daß die alte Frau durch dich gestorben ist. Ihre Tochter meint, daß sie damals in einem ihrer Anfälle erstickt ist, und viel­leicht wird es auch am besten sein, wenn sie nie erfährt, wie es in Wahrheit dabei zugegangen ist. Aber auch das soll bei dir stehen. Ich werfe mich nicht zu deinem Richter auf, siehst du."

Da wärest du auch gerade der rechte! Oder hast du vergessen, daß du mit der Wagenrunge nach wir geworfen hast? Sie ging ziemlich nahe an meinem Kopf vorbei, wenn ich es recht gesehen habe."

Du hättest mich nicht daran zu erinnern brauchen", sagte Lars ernst.Habe ich vielleicht gesagt, daß ich mich für besser halte? Aber man muß sehen, daß man wieder gut macht, was man versehen hat, siehst du. und wenn ich heute an deiner Stelle wäre"

Nun?" fragte Krick lauernd.Nur heraus mit dem, was du sagen willst."

Aber Lars ist eine Blässe ins Gesicht getreten. Er preßt die Lippen aufeinander und hält den Atem an.

Nein", sagt er dann still.Ich will es nicht aussprechen. Jeder muß selber wissen, was er zu tun hat. Ich kann dir nicht einmal einen Rat geben: tue dies oder das. Nur einen Wunsch habe ich für dich, Verend Krick."

Ach, guck doch an!" macht Krick verächtlich.

Den einen nur: daß Gott dir gnädig sei!"

Amen!" ruft Krick, und eine höhnische Lache folgt Lars, als er sich jetzt umwendet, über die Diele geht und aufatmend zu Lena in die Stube tritt.

Nun, bist du fertig mit ihm?" fragt sie leise.Hat er nun nichts mehr von dir zu fordern?"

Sie sitzt schon in Mantel und Kopftuch da und blickt verwundert und scheu zu ihm auf, ein so wunderliches Leuchten ist in seinem Auge.

Nein, Lena. Eigentlich hatte ich ja immer nur was von mir zu fordern. Aber das ist eine lange Geschichte, siehst du, und es ist besser, wir reden später davon. Auch wird es Zeit, daß wir jetzt fahren ... Komm, ich will dir helfen, den Kleinen aufzunehmsn. Es tut einem ja leid, so fest wie er schläft. Aber da hilft nun ja nichts."

Erst sag mir, Lars"

Aber Lars schüttelt den Kopf.Es ist wirklich unmöglich jetzt, Lena. Ich muß erst ein wenig wieder zu Atem gekommen sein. Vielleicht, daß sich unterwegs noch dies und das besprechen läßt. Der Weg ist ja weit, und wir werden viel Zeit haben unterwegs. Hast du daran gedacht, etwas Wüsche für uns mit einzupacken? Denn wir werden wohl so bald nicht wieder hierher kommen, denke ich."

Nein, Lena versteht nicht, was Lars da redet, aber er war ja in der letzten Zeit oft so wunderlich und rätselhaft. Da ist es gut, wenn sie nicht viel widerspricht. Und doch hat sie ihn lange nicht mehr so gelassen und ruhig sprechen hören, und es ist schön für sie, ihn so merk­würdig frei und entspannt zu sehen nach all den trüben Wochen, die hinter ihnen liegen. Ist es nicht beinahe, als hätte Lars etwas besonders Freudiges erlebt? Aber das-liegt wohl daran, daß sie Krick nun endlich wieder los werden.

,N"nu?" lächelt Lars, als der Kleine das Gesicht zum Weinen versteht, nun er ihn aus dem Bett genommen hat und auf die Füße stellt ^u wirft dach nicht etwa heulen, wie? Ein Kerl wie du, und da" Gesicht wie drei Tage Regenwetter?"

? steht zur selben Zeit nach wie angewurzelt hinter seinem Stuhl, biv . and um die Lehne gekrampft. Das höhnische Lachen, mit dem er Lars nachblickte, ist aus seinem Gesicht verschwunden, und von der Stirne her zieht sich eine Falte wie mit dem Messer geschnitten bis auf die Nasenwurzel herab.

Verflucht, daß er damals Lars verraten hat, wie er zu dem (Selbe gekommen ist. Hätte er geschwiegen, er hätte hier sitzen können wie die Made im Speck! Denn es ist ja klar, wie die Dinge nun weiter laufen werden. Morgen ober übermorgen wird Lars mit dem Burschen hier ' angerückt kommen, von dem er vorhin sprach, und vielleicht auch noch die Mutter mitbringen, und ein Wart wird dabei das andere geben I

bis beide wissen werden, was sie wissen wollen. Lars wird ja einfach nicht darum herumkommen, ihnen zu erklären, wie er dazu kommt, ihnen den Hof hier zu übergeben. Und was dann folgen wird, braucht er sich nicht erst auszurechnen.

Der Stuhl knackt unter dem Druck feiner Arme, und eine fahle Bläffe tritt in fein Gesicht.

Und alles verdankt er diesem Schwachkopf da drinnen!

Mit verglasten Augen stiert er vor sich hin.

Nein, sie sollen sich verrechnet haben, alle, wie sie da sind, und wenn Lars Hullmann ihn vielleicht noch nicht gekannt hat, so soll er ihn jetzt kennen lernen! Es ist ja doch vorbei mit ihm, so ober so. Denn das mit der Verjährung hat er ja vorhin nur so herausgeschlagen ..

Leise schleicht er sich an die Leiter zum Heuboden. Weiß er nicht, daß das ganze Winterfutter an Heu und Stroh für Hopla da oben liegt?

Schnell, ehe Lars aus der Stube zurück und wieder Über die Diele kommt!

Mit bibbernden Händen tastet er feine Taschen ab. Nein, keine Sorge, er hat alles bei sich, was er braucht! Warte nur, Lars Hullmann!

Als Lars einige Zeit später wieder aus der Stube tritt, ist die Diele leer.

Krick ist wohl in fein Zimmer gegangen, wie? Nun, er wird ja allerhand nachzudenken haben heute abend ..

Gelassen tritt er in den Pferdestall, stößt die Außentür auf, führt Hopla an der Mähne nach draußen und spannt ihn vor den Ackerwagen, das einzige Gefährt, das er besitzt.

Na, da seid ihr ja schon, ihr beiden", lächelt er, als Lena, den kleinen Jan an der Hand, ihm nachkommt.Das ist recht. Da braucht Hopla nicht so lange in der Kälte vor dem Hause zu stehen, seht ihr wohl. Aber ein bißchen müßt ihr noch warten. Ich muß erst noch die Bett­stücke verstauen."

Dabei vergißt er auch das Bündel mit Wäsche nicht, das Lena zu- sammengeschnürt hat, und als alles untergebracht ist, zieht er den Plan darüber, den er mit erworben hat, als er den Wagen kaufte. Er hat ihn bisher noch nie benutzt, aber nun ist es gut, daß er ihn hat. Er schützt gegen Wetter und Wind, und wenn es vielleicht über Nacht noch wieder schneien sollte, wird alles darunter trocken bleiben, so tief wie er ihn an den Seiten heruntergezogen und am Wagen verschnürt hat.

Hallo!" ruft er, als er fertig ist, und feine Stimme klingt beinahe übermütig, nun er den Kleinen mit einem Schwung auf den Wagen fetzt und ihm sagt, daß er sich hinten zwischen die Beitstücke kuscheln soll.

Nein, Lena braucht er nicht zu helfen, so bequem, wie es sich vorn auffteigen läßt, und Hopla steht ja so ruhig, daß sie Zeit genug hat, es sich vorn auf dem Sitzbrett bequem zu machen und die Decke um die Beine zu schlagen ...

Aber er will doch nicht wegfahren, ohne daß er Krick Bescheid gegeben hat.

Hallo", ruft er in das stille Haus und kehrt noch einmal auf die Diele zurück.Also ich fahre jetzt weg, hörst du, Krick?"

Aber er bekommt keine Antwort.

Nun, Krick will wohl nicht antworten, wie? Denn gehört muß er ihn ja haben. Es ist ja auch nicht nötig. Sie haben wohl beide das letzte Wort nun miteinander gesprochen.

So stößt er von innen den Riegel vor die Tür und kommt durch den Pferdestall wieder ins Freie.

denn!" ruft er. steigt aber erst auf, als Hopla angezogen hak.

Gut, daß er vorhin noch ein paar Schof Stroh auf den Wagen geworfen hat, darin kann Lena nun gut die Füße bergen, so kalt wie die Nacht ist. Trotzdem fährt es sich schön für Lena nach der langen Zeit der Stille und Einsamkeit, die hinter ihr liegt. Es ist ja allein schon eine Freude, daß Lars nach den drei Tagen, in denen er unter­wegs war, endlich wieder da ist und sie feine Gelassenheit und Ruhe wieder auf sich überftrömen fühlt.

Jetzt kommt auch der Mond wieder durch, und ein Sternenhimmel steht über ihnen, so hell und schimmernd, wie ihn Lena noch nicht gesehen zu haben glaubt.

Nun, ja, es ist gerade kein Spaß, auf dem hartgefrorenen Boden gestoßen und geschüttelt zu werden, daß sie sich mitunter an den Leitern festhalten muß, um nicht herunter zu fallen. Denn so finnig wie Lars auch fährt, es ist ja gerade keine Kutsche, in der sie fahren, und viel­leicht hat es der Kleine hinter ihnen in feinem Nest noch am besten und es wäre klug, zu ihm zwischen die Bettstücke zu kriechen. Aber sie will Lars auch nicht allein vorn sitzen lassen, und erzählen will er ihr unterwegs ja vielleicht auch. Nur drängen darf sie ihn nicht, das weiß sie aus alter Erfahrung. Damit macht sie ihn nur verdrossen und still.

Schweigend fitzt er neben ihr, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Er hat wohl allerhand nachzudenken? Ja, das hat er wohl. Gut. daß er kein Vieh zurückzulassen brauchte, das morgen nach dem Futter