Ausgabe 
5.10.1936
 
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deutschen am phantastischen Erzählen durchbricht.Du brauchst nur über einen Stein zu stolpern, mit dem Fuße umzukippen, eine Schwelle zu überspringen, vier Stufen hinabzusteigen, und du bistim Reiche Wiede witts", wie eine dieser Dichtungen heißt. Ueberall wimmelt es von geisterhaften Wesen, von Schelmen und Kobolden, Riesen und Klabautermännern, elbischen Frauen, Rauchkerlen und Rullepuckern: mitten im Hamburger Alltag zwischen würdigen Ratsherren treiben sie genau so Spuk und Schabernack wie in den Maschinen am Hafen oder draußen in Sumpf und Moor. Das sind keine Hirngespinste, das ist Leibhaftigkeit, und oft genug gibt's derbes Gelächter dabei! Bluncks unvergleichlichste Dichtungen sind zugleich seine unliterarischsten, und das ist ihr höchstes Lob.

Wer noch den Weg zu Blunck sucht, wird ihn am sichersten über den packenden SeefahrerromanDie große Fahrt" finden, über die Märchen und die Gedichte, die gleichfalls in mehreren kleinen Auswahlen vor­liegen. Bluncks Lyrik ist nicht weich und gefällig. Ihre Sprache muß so herb und verhalten fein wie der ganze Mann, aber sie nimmt gefangen in ihrer bekennerischen Wahrhaftigkeit und gottfucherifchen Sehnsucht. Weniger Musik als Anschauung und Gedanke, nimmt sie oft die Gestalt des Spruches an, und unverlierbares Gut sind die Balladen.

Blunck ist echtester Niederdeutscher. Doch er gehört dem ganzen Volk. Getreu seinem Wort:Berufung der Dichtung ist es, die Einheit deutscher Volkheit wachzuhalten."

Erste Stunden in sieben Städten.

Von Hermann Linden.

Berlin.

Berlin war die erste Weltstadt, die ich sah. Die Lampen brannten schon, als ich. ankam, und warfen ihre rufenden Lichtgarben über die Straßen. Aber sie hatten keine Macht über mich Nicht in einem Cafö oder in einer Bar wollte ich die ersten Stunden verbringen, nicht die leichten Vergnügungen großstädtischer Tanzhäuser sollten meine ersten Berliner Freuden sein. Ich blieb konsequent, ich tat das, was ich mir vorgenommen hatte. Zur Kunststadt war ich gefahren, nicht zur Stadt der Lokale. Da es für ein Museum zu spät war, suchte ich die Litfaß­säule ab. Ein Drama mußte es sein, ein großes, schweres Drama, mit erster Besetzung. Vierzig Minuten darauf faß ich im Theater. Schillers Feuerstimme konnte ich laufchen. Die fpamsche Tragödie des edlen Prin­zen wurde hinreißend gespielt. Der Platz war nahe genug an der Bühne, so daß ich das traurig-liebliche Gesicht der jungen Königin, das flam­mende Sonnenauge des Marquis Pofa, fowie alle die übrigen Gesichter des Dramas in allen ihren Phasen erfreulich genau beobachten konnte. Hinterher ging ich unmittelbar ins Hotel. Am nächsten Morgen eilte ich zu den alten Meistern der Farbe und des Marmors.

Kopenhagen.

Ich war von Hamburg mit dem Flugzeug herübergeflogen. Als das Zubringerauto in die vor Sauberkeit glänzende Stadt einfuhr, war es ein Uhr. Eine gute Stunde, in der es viel zu fehen gibt. Ich lieh mich auf dem Radhuusplads absetzen. Die Angestellten kamen aus ihren Büros. Wer, ohne es zu wissen, um diese Zeit auf dem Rathausplatz steht, könnte glauben, ein Radfahrerverein bewege sich über den Platz; ein Verein mit ungeheuer vielen Mitgliedern. Rad an Rad, Räderreihen, Radkolonnen. Es sind aber die Angestellten, die zum Effen fahren. Die Dänen gehen nicht gerne zu Fuß. Solange sie noch kein Auto haben später bekommen die meisten eines haben sie wenigstens ein Rad. Fußgänger sind meist Fremde. Dann ging ich weiter. Auf der Vester- brogabe wollte ich die berühmten dänischen Blondinen suchen. Aber es war noch zu früh; sie kommen erst am Nachmittag in die Konditoreien und ins Tivoli. Ich ging also hinüber zum Schloß des Königs, wo Wachtfoldaten, Riesenkerle mit Bärenfellmützen, zu bestaunen waren. Dann ging der Weg zum Hafen.

Budapest.

Ich suchte den Weg an die Donau. Das war nicht einfach, obwohl der Strom nicht weit vom Bahnhof fließt. Ich konnte kein Ungarisch, die Verkehrspolizisten kein Deutsch. Es war acht Uhr abends. Die Lampen brannhn. Aber was heißt in Budapest: die Lampen brannten! Die ganze Stadt brannte! Diese Stadt Tor zum Orient, Halbmond an der Donau beleuchtet sich in der Nacht mit einer Wollust am Licht. Ein Pyrotechniker könnte wahnsinnig werden vor Neid. Schließlich hatte ich den Korso gesunden und die Brücken. Wunderbar sind die Brücken. Nie habe ich schönere, stolzere, schwungvollere gesehen als diese Brücken zwi­schen Pest und Buda. Die Elisabethbrücke, die trotz ihrer 400 Meter Länge ein einziger Bogen ist, hat eine majestätische Eleganz. Riesig und traumhaft ragten die vergoldeten orientalischen Kuppeln der Schlösser und staatlichen Gebäude aus Licht und Dunkel auf. Die Lichtreflexe glitzerten im Wasser, und es schien, als hätten sämtliche Juweliere der Welt ihre Geschmeide in die Donau versenkt zur öffentlichen Augen­weide. Aus offenen Fenstern der Korsolokale schluchzte und stürmte Zigeunermusik. Liebe das Leben! ruft die Nacht dir tausendfach zu.

Venedig.

Filme, Photos, Zeichnungen und Berichte hatten Venedigs romantische Phvsiognoinie so intensiv in mein Bewußtsein geprägt, daß schließlich wirklich nur eines überraschte. Ich sah die vereinsamten prächtigen Paläste, die ausländischen Liebespaare, von den Rudern der Gondoliere sachte durch plätscherndes Dunkel geführt, ich hörte aus Hofeingängen die schmelzenden Arien der Straßentenöre. Das alles war schon vertraut. Etwas anderes war das Originelle: Gehen konnte man in Venedig.

Ungestört gehen. Da schrien mich keine arroganten Autohupen an, da sausten keine frechen Radfahrer haarscharf an meinen Knien vorbei, da erhob sich nicht alle zehn Meter ein sperrender Verkehrspolizistenarm, da brauchte ich nicht stehenzubleiben, bis Straßenbahnen, Omnibusse, Autos und Fahrräder vorübergefahren waren; immerzu konnte ich gehen, ohne je zusammenzuzucken, langsam oder schnell, je nachdem mir Häuser oder Passanten gefielen. Gehen konnte ich und ich tat es lustvoll.

Paris.

Im Zuge hatte mich das Problem beschäftigt, was ich in Paris zuerst besuchen sollte: Notre Dame, das Grab Napoleons, den Eiffelturm oder den Freudengarten, der feltfamerweife Berg der Schmerzen heißt. Es kam zu keinem Ergebnis. Während ich im- Vorhof des Gare du Nord stand und mich bemühte, die Verwunderung los zu werden, daß dieser kleine, alte, provinziell anmutende Bahnhof das Tor von Paris fein sollte, hielt mir das erste süße Blumenmädchen der Boulevards feine Veilchen vor das Gesicht. Da wußte ich, wo ich die ersten Stunden in Paris zu verbringen hatte. Der Schatten Annabellas, den ich in der Verkäuferin zu erkennen glaubte, hatte gesiegt. Ich fuhr also hinauf zum Montmartre, womit nicht der international aufgezäumte Cocktail- Boulevard Clichy gemeint ist, sondern die höhergelegenen Straßen, die primitiveren, ziehharmonikadurchschluchzten Kneipen, die ärmeren Häuser, die vor der Tür hockenden Kleinbürger aus Rene Clairs zärtlich ver­liebter Kamera und jener, ungeachtet aller Grabgesänge unaussterblichen Pariser Bohemien der Mensch, der nicht unbedingt arbeiten, aber auch nicht unbedingt Geld haben muß in jedem Falle aber ein Künstler der Fröhlichkeit ist. Bei vielen bleibt diese Kunst ihre einzige Kunst, und sie leben sogar dabei, diese Burschen. Auch eine Kunst.

Marseille. '

Es ist sicher wie der Tod, daß man die ersten Stunden im alten Hasen sitzt, ganz gleich, wann man angekommen ist, bei Tag oder Nacht. Hier wird das Drama pausenlos gespielt, ohne daß je ein Vorhang fiele, ausgenommen jene billigen Perlenvorhänge vor kleinen Zimmern. Es ist ein großartiges, packendes, drastisches Bild: der Wald der Schiffs- maften, die ächzenden Krane, die großen, reiche Ware und lichtscheue Geheimnisse bergenden Schiffrümpfe, stumpf starrende Negerköpfe an Schankstättenfenstern, Fremdengesichter von eisiger Blasiertheit und aus­wegloser Lasterhaftigkeit furchtbar bemalte Frauen, seltsame Gerüche aus allen Ländern der Welt. Darüber glüht unbekümmert der ewigblaue Himmel und rechts ragt das Haus Gottes empor, die Schifferkirche. Zuweilen ertönt dumpf die Glocke über den Zirkus der Leidenschaften, aber den Mahnruf hören nur diejenigen, die ihn suchen, und das sind im Hafen von Marseille, über den Afrikas verwirrende Sonne brennt, nur wenige.

Monte Carlo.

Vom Meer muß man herankornmen, bei Flutstille, brütender Hitze, flirrendem Sonnenglanz. So erlebte ich es. Als das Motorboot um das Museum Monacos in den Hafen einbog, erschien dieses Monte Carlo in jener richtigen unwirklichen Traumschönheit, die sonst nur zwilchen Operettenkuiissen anzutreffen ist und nie ernst genommen wird. Keine Welle bewegte sich, kein Nachen stieß vorwärts, kein Segel zitterte, toten­still, bewegungsunfähig tag alles da, wie von der Hitze erdrosselt. Drei Uhr nachmittags war es. Die Stadt beziehungsweise die drei ohne Grenze ineinandergehenden Städtchen kletterten Haus um Haus an den Bergen empor. Man mochte nicht beschwören, daß es eine wirkliche Stadt war; vielleicht war es ein Trugbild, eine Fata Mvrgana. Die Häuter standen da, bunt, kostbar, imposant, fast lauter Hotels, linienlos, im Zickzack, wie hingeschleudert an die Felswand, gleich fix und fertig, weiß ober kremegelb, mit flachen, roten Dächern, die in der Sonne feurig glühten. In den Straßen laq eine weiche, einschläfernde Stille. Ueberall war der Lärm bewußt a-'bämpft. Langsam gingen ober fuhren bie nie in Massen auftretenben Menschen, bie Gelb, Zeit und vielleicht auch Krankheiten hatten. Es kam mir vor. als ginge ich nicht in ben Straßen einer Stabt, fonbern auf bieten Teppichen burch Salons, von kalten Dieneraugen beobachtet. Weiß war bie bominierenbe Farbe; Hotelwänbe, Markisen, Futter ber Kutschen, Hosen, Röcke. Sonnenschirme, Zierhunde, alles war weiß. Auch die Haare der meisten Kurgäste, die mit müder Gelassenheit diese Traumstadt viel zu selbstverständlich nahmen, waren weiß, silbern. Ich ging zum Kasino. Der Polizist des Fürsten, ber mit steinerner Ruhe vor bem Haus ber Abenteuer stand, hatte eine Uniform, daß man ihn mit einem Admiral verwechseln konnte Für Zuschauer ist der Svielsaal höchst langweilig, für Hazarbspieler ist er das Leben. Hände, Augen, Hirne und Aberglaube arbeiten am grünen Tisch gemeinsam. Angstvoll hänaen die Blicke ber fanatischen Spieler an ben rodenben Kugeln, ben Ziffern, ben Karten. Ihre Finger krallen die Marken, scharren sie mit langen Stäben zu sich her und fort. Notiz­bücher mit aufgekritzelten Systemen, bie ewig falsch finb, stecken unter ihren Ellenbogen. Die Sonne geht unter und bie Spieler bemerken es nicht. Von manchen Fingern strahlen Diamantenblitze über bas Tuch, über bas grüne Tuch. Diamantenblitze von Ringen, bie morgen vielleicht schon an anderen Händen glänzen.

Ich ging abseits, ans Meer. Ich setzte mich auf eine Bank. Es war wunderbar, hier zu sitzen, am Mittelländischen Meer, am uralten, aben­teuerlichen Gewässer der Träume und ber Räuber, am Schauplatz großer Weltgeschichte, an ber roogenben Wiege Europas Wunberbar war es, hier zu sitzen und ben Wellen zuzubören. wie sie tarnen unb mit den llfernatmen in ber wortlosen Ursprache flüsterten unb wieber zurück in bie Unenblirfiteit stürzten. Die gefieberten Blätter ber Palmen waren alle etwas vornübergesenkt; melancholische Fächer. Durch bie Luft erklang bie Musik ber Kafinokapelle, Rigolettos Schmerz diente zur Unterhaltung schläfriger Terrassengäste.

"verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. 2L Lange, Gießen.