Ausgabe 
5.10.1936
 
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Der biedere Oelhändler, der in London in einer ziemlich ärmlichen Gegend fein Häuschen hatte, obwohl er in den letzten wahren mit feinem Handel ganz aut verdient hatte, wollte erst das Gerücht nicht glauben, das ihm feine Frau ins Haus brachte, das ihm aber dann von verschiedenen Seiten bestätigt wurde.

Bei dem kleinen Schneider, dem Hungerleider, der sich mit feiner Familie notdürftig durchs Leben. brachte, war in der letzten Nacht ein König gellorben! .

Ein Könia soll bei dem Schlucker gestorben fern? Zum Lachen obwohl das Sterben sonst eine so traurige Angelegenheit ist. Mas war das für ein König hahaha! Das mutz ja ein eigentümlicher König sein, der sich bei einem Schneider zum Sterben hlnleat!

Und do-b war es io gewesen: im dichten Dezembernebel Londons wankte ein alter Mann umher, heimatlos, arm und krank. Niemand kümmerte sich um ihn, der lange im Schuldgesänanls gesellen hatte, niemand wollte ihm helfen cs gab in London so viele arme Schlucker. Die aboeriffene. einst so mächtige Kleidung vermochte ihn nicht vor der beizenden Kälte zu schuhen, er fieberte, und in feiner Not klopfte Baron von Neuhof, Theodor I., König von Korsika, in der Little Chanel Street bei einem armen Schneider an, der ihn auch mitleidig aufnahm. Noch einige Taae lag er matt auf dem Strohlager; am 11. Dezember 1756 starb er nach langem Todeskampf. Der Schneider bahrte ihn in feiner Stube auf, fo gut er konnte. Das Geld zum Begräbnis hafte er nicht.

Und der biedere Oelhändler Wright erklärte nach heftigem Kampf mit dem angeborenen Svarsamkeitsstnn. dost es ihm eine Ehre fein werde, einmal im Leben das Begräbnis eines Königs befahlen zu dürfen; denn fchl'-lllich kommt man nicht alle Tooe zu einer solchen Gelegenheit.

5in einem grollen Sorg aus fUmenholz wurde Seine Majestät zu Grobe getragen auf dem St.-Anna-Friedhof.

Etwas über zehn Pfund hatte der Oelhändler zu bezahlen.

Oer Volksdichter Hons Friedrich Dlunck.

Von Herbert Günther.

Ein Lebenslauf wie der von B l u n ck wird einmal als eigentümlich gelten für Weg und Wesen zeitgenössischer Dichter. In ihm hat eine neue Haltung Ihre besondere Ausprägung erfahren. Enkel einer langen Geschlechterrelhe holsteinischer Bauern, ist der Lehrerssohn im Zweifel, ob er zur Scholle zurückkehren, Seemann oder Pflanzer in den Kolonien werden soll. Da ersaßt ihn die Jugendbewegung, durch deren Schule so mancher Dichter von heute gegangen ist. In ihrem Kreise träumen die Heranwachsenden von einembesseren Vaterland" als das laut und äußerlich gewordene Vorkriegs-Deutschland es für diese Sucher echten Volkstums war. An seiner Verwirklichung möglichst tätig mitzuarbeiten, entschließt Blunck sich, Jurist zu werden im öffentlichen Dienst. Seine Doktor-Dissertation behandelt einen Gegenstand aus dem altdeutschen Recht, dieA n e f a n g s 11 a g e": Ueberwindung des starren römischen Rechts, Wiederannäherung an das deutsche war ja ein Ziel der Jugend­bewegung (und die Gegenwart hat es wie jo viele andere erreicht). Als der Krieg ausdricht, ist Blunck sechsundzwanzigjähriger Referendar. An der Äser verwundet, wird er in die flandrische Verwaltung berufen und kann so mithelfen, einen anderen Gedanken der Jugendbewegung Tat werden zu lassen die geistige Vereinigung der Flamen und Nieder­deutschen, Brüder der altenNeichsniederlanbe" des Nibelungenliedes, die säst dieselbe Sprache sprechen. Dafür soll sein Name nach dem Zu­sammenbruch auf die Liste derKriegsverbrecher" gesetzt werden, und man rät ihm, für einige Zelt in Holland Schutz zu suchen. In der Ver­bannung lernt er die Tochter einer deutsch-holländischen Familie kennen und findet in ihr seine Lebensgesährtin

Jahre wechselvoller amtlicher Tätigkeit folgen. Blunck gehört als Regierungsrat der Deputation für Handel, Schisfahrt und Gewerbe an, wird in die Reichsfinanzverwaltung der Haniestadt Hamburg versetzt und endlich Syndikus der Hamburger Universität. Ueberall richtet stq sein Bestreben daraus, Niederdeutschland in Hamburg, der Kausmanns- stadt, zugleich einen geistigen Mittelpunkt zu schassen und eine Brücke zu den Nachbarn. ~

In den Abenden und Nächten nach dem verantwortungsvollen Tage­werk jener Jahre ist Blunck nun eine so bedeutende dichterische Leistung gelungen, daß man sich verwundert fragen muß. wie sie überhaupt noch bei feiner sonstigen Beanspruchung entstehen konnte. Es Ist wie eine Verwahrung gegen verwaschene Zeitmeinungen, daß er sich gerade damals in die germanische Vorzeit zurückfühlt, beseelt von dem Willen, dem Volk seine Eigenheit wieder bewußt zu machen, die es zu verlieren drohte. Die Eltern schon hatten ihn in jene Sagenwelt Angeführt, ge­schichtliche und sprachliche Studien vertiesfen seine Kenntnis ent­scheidend war die innere Verbundenheit mit feinem Stoff. So wuchsen unter seinen Händen drei erzählende Bücher, die jetzt unter dem Titel Sie U r d ä t e r t a g a" zusammengefaßt sind. Sie beschworen Schop- s'ungs-, Stein- und Bronzezeit in visionärer Schau, ohne Gelehrsamkeit und doch zutreffend (manche Forschung hat später Bluncks Geschichte bestätigt). Drei Bände aus der geschichtlichen Zeit des nordischen Raumes folgen, heute vereinigt alsWerdendes Volk" Mit diesem Bande hat Blunck die fehlende Dichtung der Hansezeit nachgeholt und eine Lucke geschlossen. Beide Male aber ging es ihm nicht um Historie, andern um Mnthos: das ewige Antlitz des nordischen Menlchen. Reisen in die Mittelmeerländer, den Balkan, nach Nord- und Südamerika erweitern seine Erfahrungen, und was er heimbringt aus Ueberfee sind nicht weniger als wieder zwei umfangreiche Romane, die dem Deutickitum im Ausland gewidmet sind:L a n d d e r V u l k a n e" undW e i b s mühl e". Auch sie werden ihm noch während seiner Wirksamkeit im Hamburgischen Staate zuteil.

1928 nach zwei Jahrzehnten voll Aufopferung für das Gemeinwohl, bricht Blunck seine steile Lausbahn ab, um ganz seiner Sichtung gehören zu können. Samals erwirbt er einen Hof und ein Stück Land im Hol­steinischen. Liebevoll pflegt er den Besitz an Acker, Weide. Wald, er ver­senkt sich tief in die dörfliche Stille, doch er vergräbt sich nicht. Blunck bat es immer für töricht gehalten, nur bas Land gelten zu lassen und die Stadt zu schmähen

1933 wird Blunck Vizepräsident der Slchterakademie, Brasident der Reichsschrifttumskammer und ist heute als deren Ehrenpräsib-nt beson- bers mit ber Wahrnehmung auslänbstcher Beziehungen beauftragt. So erscheint er als Gast zu Vorträgen unb Tagungen in ben jäauDtftäbten aller ßänber- ein neuer, frischerer Typ von Sichterbivlomaten, ein Bot­schafter bes Geistes, ber viel zur Verständigung zwischen den Völkern beiträgt Gleichzeitig bringt er auslandsdeutschen Volksteilen einen Gruß aus dem Reich, die nod)' niemals Worte aus Sichtermund vernommen

ist bezeichnend für ihn, daß Blunck bei jeder Vorlesung jede Zeile immer wieder mit dem Ohr übernrüft und häufig erneut daran ändert. Bluncks Sichtung will nicht im Buch verschlossen fein. Sie will weiter­dringen ins Leben.V o l k s w e n d e", feine romanhafte Chronik der Jahre 1910 bis 1925, lällt noch die fchriftstellerllche Arbeit spüren.Sie grolle Fahrs" entreißt ein Ereignis der Vergessenheit, das m den gewaltigen deutschen Taten zählt, die Ansegelung Amerikas vor Kolum­bus durch den Hildesheimer Siderik Bining. und vieler fein bisher reif­ster Roman klingt schon wie eine isländische Saga, deren Sänger man nicht bei Namen kennt. Wir denken darüber nach, wie anders die Welt­geschichte ihren Lauf genommen hätte, wenn Amerika damals durch Pinings Tod nicht den nordischen Völkern verloren gegangen wäre, aber mir lauschen der spannenden Fabel dieses Abenteuers !o hinaerissen, ball wir ben Atem bes Geschehens selbst zu vernehmen meinen. Mit ber Einbringlichkeit. Farbigkeit, gesammelten Kraft bleses Romans hat Blunck fein episches Schaffen gekrönt.

Ganz zur Stimme bes Volkes enblich wirb fein Versonlichstes: bie Mären aus roieber brei Bänben ausgewählt zu bem VolkskücheV o n Geistern unter unb überber Erbe". Es find ßegenbem Tier-, Gespenster- unb Lügengeschichten, in benen bie ganze Freube bes Nieber-

Aber man wußte sich zu Helsen. Sie Krone war vom.Festland nicht gekommen, die meist armen Einwohner hatten keinerlei Schmuck, so fetzte man Seiner Majestät, dem König Theodor I. von Korsika, eine & au" Lorbeer aufs Haupt unter dem Krachen der Salven unb bem Jubel bes Volkes. Alles beugte die Knie unb hulbigte dem Souverän! *

Ein korsischer König hat zu kämpfen er hat bie Verpflichtung, beionbers in schweren Zeiten, an der Spitze feines Heeres zu stehen und Heldentaten zu vollbringen, feinen Mannesmut zu beweisen.

Und Theodor I. hatte es übernommen, (ein Volk zu befreien, er versuchte also sein Gluck. Sein Feldherrntalent war allerdings nicht sehr groß unb wirkliche Siege waren ihm nicht beschieben. Bastia, ber Sitz der von Genua eingesetzten Regierung, würbe belagert, aber hier würbe, ebenso wie beim Ansturm gegen bie anberen Zwingburgen, kein Erfolg erzielt. Es fehlte an allem: an Lebensmitteln, an Gewehren, an Pulver, an Kl'eibung, an Kanonen.

Aber Theobor hatte andere Talente: er fchuf sich einen Hofstaat. Grafen und Großmarfchälle wurden ernannt, Generale unb Minister aller Art eingesetzt. Er ließ Münzen prägen unter großen technischen Schwierigkeiten, ba niemand sich auf bieses Hanbwerk verstand; leider jedoch wollte niemand dieses Geld in Zahlung nehmen. Unb er grunbete, als er gar keine Mittel mehr hatte, einen großartigen Ritterorden. Alle Zeremonien waren vorgeschrieben, so ber Ritterschlag, ben nur , ber König als Großmeister vornehmen bürste; vorgeschrieben war, baß leb er Rister täglich ben vierzigsten und siebzigsten Psalm zu singen hatte; und besonders wurde auf die Bestimmung geachtet, daß jeder beim Eintritt tausend Scudi zu bezahlen hatte. Aber leider fanden sich nur sehr wenige, die sich um die Ehre, dem Orden angehören zu dürfen, rissen.

^ür Theodor wurde die Sache brenzlich, bie Not im Lanbe würbe immer größer, bie versprochene Hilfe war jeboch noch immer nicht ein- getroffen. So entschloß er sich, sie zu holen. Im November verließ er sein Lanb, nachdem er ein umfassendes, hochklingendes Manifest erlassen hatte.

Auf dem Bug des SchiffesDemoifelle Agathe" stand Baron Neu­hof und sah seine Insel, sein Königreich am Horizont auftauchen. Viele Jahre war er fern von Korsika gewesen, er hatte wie ein Besessener ganz Europa durchreist, hatte gekämpft und gestritten für seine Idee, hatte um Unterstützung für fein Volk gefleht; zweitaufend Goldtaler hatte Genua für feinen Kopf ausgesetzt, ins Amsterdamer Schuldgefangnis war er gesteckt worben, aber er hatte nicht nachgegeben. Unb bei den Holländern war es ihm endlich gelungen, Geld aufzutreiben.

Ob er fetzt wirklich an die Macht kam. zu der Macht, von der er träumte? Genua hatte davon erfahren, daß Theodor I. wieder in fein Königreich zurückkehren wollte, und die genuesische Flotte kreuzte in den Gewässern um Korsika, um den König zu kapern.

Theodor muhte dies und um Näheres zu erfahren, ließ er ein schwedisches Schiff, das zufällig vorbeikam, anhalten. Van dem Kapitän hörte er aber fo wenig ErmuUaendes, daß ihm doch Bedenken tarnen, an Land zu gehen. In Korsika sollten die Aufständischen. feine Untertanen, völlig vernichtet fein, bie Hauptstäbte der Insel sollten sich in ben fiänben des Feindes befinden. Und, was das Unangenehmste war, die Korsen waren auf ihren König nicht sehr gut zu sprechen.

Theodor verhandelte lange in der Kavltänskalüte, dann teilte er feinen erstaunten Leuten mit, daß er soeben beschlossen habe, einer anderen, noch wichtigeren Mission zu folgen.

Ich muß neue Verhandlungen anknüpfen; obwohl es mich zu meinem Volk zieht, muh ich doch bas Wichtigere zu seinem Wohl tun. Mit neuen großen Hilfsmitteln werbe ich halb Helmkehren, um an der Spitze meiner Triwpen bie Fremdlinge aus unferem Lande endlich zu vertreiben."

Er befahl, daß dieDemoifelle Agathe" ohne ihn nach Korsika fahren falle. ...

Er stieg, nngefichts der Jnfel. auf den Schweden über und fuhr ab. Sein Königreich war damit für ihn auf immer verloren.