sterben durfte; nachher hatte sie In derselben Kirche einen Dominikaner- pater predigen Hörem Die Kirche war voll von Menschen, aber ihr schien es als ob der Pater für sie allein predigte. Sie konnte sich nicht seines Gesichtes erinnern, sah nicht einmal seinen Kopf, nur das fließende schwarzweiße Gewand, aber deutlich sah sie seine Hand, mit dem langen, weisen- '-n Finger. Fast schien es, als kamen die Worte aus diesem Finger. Anna- Marie schloß die Worte in ihr Herz. So hatte sie die Kirche verlassen. Die Straßen waren einsam in der schrägen Sonne, die durch offene Fenster drang, wo sie sriedsame Dinge an der Wand und ruhige Menschen beim Abendbrot beschien.
Ganz oben aus dem Dach eines Hauses am Lindendeich war noch ein Dachdecker boi der Arbeit.
„Wenn man aus dieser Höhe herunterfällt, ist man tot", dachte sie. Sie ging weiter am Wasser entlang, ganz nahe, so daß sie, wenn sie sich ein wenig vornüber beugte, ihr Gesicht sehen konnte. Sie fragte sich, warum sie in den letzten Tagen so nah am Wasser ging. Sie blieb stehen und blickte um sich; nirgends waren Menschen, die Fensterläden der stillen Häuser waren geschlossen, und der Dachdecker saß zu hoch, um etwas sehen zu können, meinte sie. Sie beugte sich ein wenig vornüber. Wenn sie nun hineinsprang, dann würde sich das Wasser gleich wieder schließen und ruhig wie vorher die Häuser und die Bäume widerspiegeln, bann würde ihr ganzes Elend und ihre Seelenqual verschwunden sein und der große Friede Über sie kommen. Sie sand das Wasser geheimnisvoll und anziehend, mächtig wie die Liebe selbst. Glatt, ruhig und glänzend lag es da, langsam, fast unmerklich durch eigene Kraft vorwärtsgetrieben; es schien ganz harmlos, und doch konnte es ein Leben in sich aufnehmen und den Lauf verschiedener Leben ändern. Wenn sie nun drin läge, dann würden viele andere den Frieden wiedersinden, das Lebensrad eines Mannes würde sich von neuem dem Guten zuwenden, und ihre Seele würde Ruhe haben. Ach, wie schön muß es sein, wenn eine Seele Ruhe hat! Wozu leben die Menschen? Jeder wartet auf etwas, das nie kommt. Hier lag alles in diesem Wasser. Warum sich nicht hineinlegen? Das war Sünde! Sie zog einen Fuß zurück, blieb aber dicht am Wasser. Wenn sie nun hineinfiel, ohne es zu wollen, indem sie sich zu weit vornüberbeugte — sie setzte den Fuß wieder vor —, dann war es keine Sünde, und die Seele konnte ruhig schlafen. Ach, warum siel sie nun nicht? Warum gab ihr niemand einen Stoß? Da sah sie ihr Gesicht, mit einem Lächeln um den Mund, ihr Gesicht kam näher. War sie es wohl, die lachte? Ries der Dachdecker nun nicht: „Halt, Was machen Sie?" War sie dann hinein- gefallen, oder war sie freiwillig hineingesprungen?
Auf diese letzte Frage sand sie keine Antwort, und immer wanderte (le in Gedanken den Weg von der Kirche bis zum Wasser. Sie sah alles deutlich vor sich wie gemalt: das goldene Bild, den Pater, den drohenden Finger, die Fenster der Häuser, den Dachdecker, das Wasser; sie wußte, was sie gedacht und empfunden hatte, aber das eine, gerade das, was sie wissen mußte, um Frieden zu haben, das wußte sie nicht.
Das Fieber stieg, sie glühte wie ein Ofen und erkannte die Leute, die bei ihr waren, nicht mehr. Der Arzt zog seinen linken Mundwinkel in Falten und schüttelte den Kops. „Die Lungen sind kaputt", meinte er.
*
Pirruhn und Livinus wachten abwechselnd an Anna-Maries Bett. Corenhemel besuchte sie ein paarmal, aber sie hatte stets hohes Fieber und redete irre. Tieftraurig ging er weg.
Die Wache.
Die Hände zwischen die Knie geklemmt, eingezwängt in seinen engen schwarzen Rock, der an den Ellbogen und an den Schultern vor Abnutzung glänzte , saß Livinus vor dem Bett und starrte durch den Spalt zwischen den seidenen Vorhängen, wo er in der grauen Dämmerung, die vom flackernden Schein einer kleinen Nachtlampe auf dem Kaminsims durchbrochen wurde, Anna-Marie beobachtete.
Sie schlief. Ihr Atem war kaum zu hören und stockte manchmal ganz. Dann schob er seinen schwarzen Wuschelkops tiefer ins Bett, machte die Vorhänge ein wenig weiter auseinander, um mehr Licht einzulassen, und fühlte eine steigende Angst, daß sie tot fein könnte; er kam ganz nah an sie heran, so daß er die strahlende Wärme ihres fieberheißen Kopses spürte, lauschte und bewunderte. Leise hob sich die Decke wieder über der Brust, beruhigt zog er sich zurück, schloß die seidenen Vorhänge und beobachtete sie andächtig weiter durch den Spalt. Die Wache war das schönste Fest feines Lebens.
Anna-Marie war nun der Glaube und die Seele feines Daseins geworden. Jliretwegen lieh er seine Kunst im Stich, und seine Besorgtheit galt ihrer Genesung. Jetzt hatte er wieder beten gelernt, der Glaube seiner Kindbeit trieb neue Blüten und öffnete ihm mystische Möglichkeiten. Er bestellte Gebete bei den Armen Klarissen und beim Vorbeter der Prozession, der ein Schuster war, zündete Kerzen an und schob, wenn er bei ihr machte, die in Glas gefaßte Medaille des heiligen Benediktus unter ihr Kopfkissen. Er ging sogar zu Joo Pastor.
Das Weib sagte triumphierend: „Habe ich nicht recht? Ich habe Immer recht! Eine schwarzhaarige Frau wird dem Rad Ihres Lebens eine andere Richtung geben. Wollen Sie, daß ste Ihre Frau wird?"
„Wieso?" fragte Livinus, ohne zu überlegen. Bevor er sagen konnte: „Schweigen Sie nur, ich will es nicht wissen", antwortete Joo Pastor: „Bringen Sie mir zwei Haare ihres Kopfes und einen Apfel, und sie gehört Ihnen!"
„Machen Sie nur, daß sie wieder gesund wird", stammelte Livinus.
Joo Pastor gab ihm einen Ratschlag, der ihn mit Ekel erfüllte. „Lieber sehe Ich sie sterben, als sie auf diese Weise zu heilen!" rief er und verlieh eiligst die Hexe.
Aber was sie von den zwei Haaren gesagt hatte, blieb wie ein Kristall in seinen Gedanken hängen.
Joo Pastor hatte ihm schon einmal die Wahrheit gesagt; er glaubte !bren Worten und ihrer Macht. Sollte er es wagen? fragte er sich, "ftlich vor dem großen Glück.
(Schluß folgt.)
Oer König in Thule.
Von I. W. von Goethe.
Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend feine Buhle Einen golbnen Becher gab. Es ging ihm nichts darüber, Er leert ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben, äählt er feine Städt im Reich, önnt alles feinem Erben, Den Becher nicht zugleich.
Er faß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Väierfaale Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut Und roarf den heil'gen Becher Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer. Die Augen täten ihm sinken; Trank nie einen Tropfen mehr.
Oie korsische Königsgroteske.
Wie Theodor von Neuhof vor 200 Jahren ein Königreich fand und verlor.
Von Rudolf Skuhra.
Zu Anfang des Jahrhunderts, in dem Napoleon Bonaparte auf Korsika geboren wurde, kämpfte das Meine Volk der Korsen um seine Freiheit gegen das mächtige Genua. Halb verhungert, kaum bewaffnet, aber mutig wie die Löwen verteidigten sie das bißchen Besitztum und die kostbare Freiheit gegen die Eindringlinge, die sie auszubeuten versuchten. Das Bewußtsein, eines Volkes, eines Blutes zu fein, hielt sie zusammen und lieh ihre Kraft nicht erlahmen.
Es ist jetzt zweihundert Jahre her. Am 12. März 1736: an der sieberverseuchten Ostküste, wo schon die Römer ihre Niederlassungen gründeten, lief in Aleria ein großer Segler ein. Die englische Flagge wehte vom Heck. Einige Kanonen wiesen drohend an Land und erschreckten manche der Korsen, die schon seit einigen Tagen von dem geheimnisvollen Kommen und Gehen, von den heimlichen Versammlungen und Besprechungen ängstlich gemacht worden waren, zumal auch die Anführer der Volksbewegung austauchten.
Auf dem Segler geschah einstweilen nichts, man sah Matrosen auf und ab laufen, hörte Kommandorufe.
Da stieß vom Land ein Boot ab und näherte sich dem Segler.
„Sieh da. Giasferi und Costa fahren hinüber und sogar unser Paoli. Das muß etwas bedeuten, wenn unsere Hauptleute an Bord dieses Schiffes gehen."
Ein großer, rätselhaster Fremdling empfing die korsischen Anführer an Bord. Er mochte gegen fünfzig Jahre alt sein, war überaus prächtig gekleidet mit einem brennendroten seidenen Gewand, das pelzgeschmückt bis an die Knöchel reichte, so daß man die gelbseidenen Beinkleider noch sehen konnte. Eine seidene Schärpe war um die Hüften gewunden, ein langer spanischer Degen, reich verziert, hing an der Seite. Seine Allüren waren hoheitsvoll, leicht lächelnd nahm er die Willkommensgrüße der Korsen entgegen, und als zukünftiger König betrat er sein Land.
Bor den Augen der staunenden Menge, die sich nach und nach neugierig eingesunden hatte, wurde dann die Mitgift eines Königs ausgeladen: viertaufend Gewehre, dreitausend Paar Schuhe, an die zehn Kanonen, einige hundert Säcke mit Weizen, Munition in Mengen, und dann der Königsschatz: geheimnisvolle Kisten, die so schwer waren, daß man Gold und Silber darin vermuten konnte.
Es war ein deutscher Abenteurer, der westfälische Baron Theodor von Neuhof, weit herumgekommen, ein durchtriebener Diplomat, der den Führern des armen, abgekämpften Volkes Hilfe versprochen hatte und König werden sollte.
Auf dem weiten Platz vor dem Kloster von Alesani hatte man eine große Estrade aufgebaut. Drei Treppenabsätze führten empor zu dem Stuhl, der dort als Thron aufgestellt und, damit er feierlich wirke, mit einigen prächtig glänzenden Stoffen verziert war.
Viel Volk stand herum und staunte den neuen König an, der ihnen ins Land geschneit war, und der, wie man sich zuflüsterte, große Hilfsmaßnahmen herbeiführen würde. Zu den mächtigsten Staaten sollte der Fremdling die besten Beziehungen haben, und wenn er die versprochene Hilfe wirklich herbeischafst, warum sollte er bann nicht auch König fein?
In ruhigem Gang, seiner Würde durchaus bewußt, hochaufgerichtet, schritt Baron von Neuhof die Stufen empor; sein phantastisches Kostüm verstärkte den Eindruck der königlichen Haltung. Die Verfassung hatte er schon beschworen, wenn er auch nicht absoluter Herrscher war — man hatte ihm einen Landtag beigegeben, ohne den er keine schwerwiegenden Entlcheidungen treffen konnte —, so war er doch mit sich und seinem Titel zufrieden. Unzufrieden war er bloß damit, daß die goldene Krone fehlte. Und auch mancher der korsischen Bauern mag sich Im Inneren gewundert haben, daß ein König gefrönt wurde ohne eine , funkelnde, glitzernde, mit Brillanten und Edelsteinen gefchrnückte Krone.


