Ausgabe 
5.6.1936
 
Einzelbild herunterladen

Nun, was denn nur? Etwa so eine Mausefalle? Möchtest du diese kleine Gießkanne haben, sieh her, rotgestrichen und mit Blümchen bemalt?

Franziska betrachtet die Kanne, und plötzlich nickt sie heftig mit dem Kops. Gefundenl L

Wer hätte auch gedacht, daß die Weberin mitten tm Wmter nach einer Gießkanne schickt! Wenn sie aber glaubt, so ein prächtiges Stuck sei für ein paar Kupferlinge zu haben, so irrt sie. Der Preis steht an­geschrieben, David kann keinen Groschen nachlassen. Die kleine Fran­ziska nimmt das Paket und verschwindet wortlos, wie sie erschienen ist.

War das nicht ein Meisterstück an Scharfsinn? Gewiß, aber die Weberin ist anderer Meinung. Nach einer Weile kommt sie selbst ge­laufen und ist außer sich vor Aufregung. Was das heiße, zetert sie, ob man sie zum Narren halten wolle? Seit Wochen schickte sie das Kind jeden zweiten Tag noch einer Kerze, die Spatzen wüßten das schon, und nun brächte Franziska plötzlich diese lächerliche Gießkanne nach Haufe! Sieh dich vor, sagt die Weberin aufgebracht, daß ich dir die Späße nicht austreibe! ,

Nun, was das betrifft, erklärt David kühl, so sollte sie lieber trachten, ihrer Tochter das Reden beizubringen.

Uebrigens macht David jetzt Feierabend, die Mutter ruft zum Essen. Er schließt die Läden und schiebt den Balken vor, und zum Ueberfluh stellt er noch einen Stoß Blechtöpfe an die Tür, um nächtlichen Mord­brennern das Handwerk zu verleiden.

Die Mutter hat Eierkuchen gebacken, besser konnte sie es gar nicht treffen. Bei jedem Stück schwört David, er werde keinen Bissen mehr essen, wenn nicht auch die Mutter das ihre tue, aber zuletzt hat er doch alle sechs allein verschlungen. Er seufzt und schiebt den Teller zurück, mit einem Male wandelt ihn der Schlaf an, eine unüberwindliche Müdig­keit. David geleitet die Mutter in ihre Stube, gute Nacht, sagt er. Rufe mich nur, wenn du Angst hast!

Dann liegt er also im Bett der Krämerin, das ist breit und weich, es duftet nach frischem Sinnen und ein wenig nach Gewürz, wie es Agathe immer an sich hat. Pfannkuchen sind ein guter Nährboden für Träume und Gedanken. David denkt daran, daß nun, in dieser ab-- gründigen Finsternis, alles seinem Schutz anoertraut ist, das ganze Haus und die Mutter, und der Laden mit feinen Schätzen. Leib und Leben muß er dafür einfetzen. Ja, vielleicht ist der Räuber schon unterwegs, der diese Nacht das Krämerhaus plündern will. Vielleicht steht er schon unter dem Fenster und prüft noch einmal die Schneide seines Messers auf dem Daumennagel. David legt sich auf den Rücken, damit er die Ohren frei hat, fein Herz klopft wild, er atmet lautlos mit offenem Mund und horcht. Und sogleich füllt sich die Stille mit allerlei seltsamen und unheimlichen Geräuschen.

Irgendwo scharrt etwas und schlägt dumpf zu Boden, Stille. Es knackt auf dem Gang, es riefelt durch den Kamin, wiederum ist alles ruhig. Der Räuber vor dem Haus ist ein geriebener Schurke, er stößt nicht einfach die Tür auf, nein, langsam, unendlich langsam geht er zu Werk. Schon hat er einen handbreiten Spalt offen, da schlägt die Turmuhr, wieder hält er inne.

Oh, er weiß nicht, daß ihn David längst belauscht, daß er alle seine Schliche durchschaut. Nach ist es Zeit, noch rührt David keinen Finger. Aber plötzlich werden die Töpfe raffelnd durcheinanderfallen, David wird aufspringen und über die Treppe hinunterrasen und dann ja, was bann? Es hängt alles davon ab, ob es David gelingt, den Kopf des Räubers blitzschnell unter den Arm zu zwängen. Das ist ein bewährtes Mittel, Mördergurgeln die Luft abzudrehen.

Gnade! wird er winseln.

Nein, keine Gnade!

Berslucht noch einmal, so ein Pech, daß gerade David im Haus sein muß! Es bleibt dem Räuber nichts Übrig, als den Geist aufzugeben. Mindestens fällt er ohnmächtig um, er bekommt noch etwas Handfestes auf den Hut, und dann liegt er still und rührt sich nicht mehr. Am Morgen kann ihn der Wachtmeister abholen ...

Wie aber, wenn dieser Raubmörder schlauer ist und gar nicht durch die Tür kommt, sondern rückwärts über den Hausgang hereinsteigt? Das Blut gerinnt David bei dem Gedanken, oh, er kennt diesen Weg!

Und im gleichen Augenblick hört er auch schon etwas Verdächtiges. Er fährt auf und hält den Atem an und horcht, kein Zweifel, draußen geht jemand! Die Treppe knackt unter schleichenden Tritten, Stufe um Stufe tappt es herauf. Dann schlurft es durch den Gang, leise, vor­sichtig, jetzt stößt es gegen den Schrank, sogleich ist es still und wartet, David hat es deutlich seufzen gehört. Es geht wieder, kommt heran, näher und näher, o Gott, es ist wirklich schon an der Tür, tastet die Wand entlang über das Holz und greift nach der Klinke

In diesem Augenblick springt David mit einem Satz aus dem Bett, Mutter! schreit er, Mutter! und wirft sich angstvoll gegen die Tür.

Ja? antwortet es draußen. Sei still, was ist dir denn?

Und wirklich, die Mutter kommt mit einem Licht in der Hand in die Kammer ach, sagt sie lächelnd, habe ich dir Angst gemacht?

Sie wollte nur den Wecker holen, und dann dachte sie, daß David vielleicht noch wach sei, es sei ja erst früher Abend. Sie möchte ein wenig bei ihm sitzen und schwatzen, darf sie bas?

Davib kriecht tnieber in bas Bett unb rückt an die Wand, um der Mutter Platz zu machen. Sie hat den Mantel umgehängt, bas bunkle Haar ringelt sich lose um ihren Hals. Sie trägt es jetzt länger, nicht mehr so knapp geschnitten wie damals. Schön, denkt David. Schön und jugend­lich sieht die Mutter aus. Er schämt sich ein wenig vor ihr, weil er so unsinnig geschrien hat, aber sie redet gar nicht davon. Denke dir, sagt iie, wie dumm ich bin! Mir war so bang in meiner Stube, lachst Du mich aus?

Nein, gar nicht. David hat ja gesagt, sie solle ihn rufen, wenn sie Angst hätte.

Freilich, das sagte er. Monika schweigt und schaut in das Licht.

Was meinst du, fragt sie nach einer Weile, wohin mag die Krämerin wohl gefahren sein?

Ach, bas weiß Davib ganz genau. Den Schleifer besucht sie.

wirft.

(Schluß folgt.)

Wen?

Den Scherenschleifer. Mit dem ist sie doch früher herumgezogen.

Was sagst du? Agathe? .

Ja. Das hat sie selbst erzählt. Aber bann stritten sie sich einmal, ich weih nicht, Agathe wollte in einer Scheune schlafen ober so. Da wurde der Schleifer böse und warf ihr ein Messer nach. Ja, unb jetzt reut es die Krämerin, baß sie ihm bavongelaufen ist. Es war boch eine schöne Zeit, sagt sie, unb sie will ihn heiraten.

Ach/du lieber Gott. Das kann die Mutter nicht glauben.

Doch, es ist wahr. ., _ , .. _..

Wo will sie ihn denn suchen, in der Stadt vielleicht? Sagte die Kräme­rin, baß sie in bie Stadt fahren will?

Nein, das nicht. Schleifer gibt es wohl nur in den Dörfern.

So. Wenn er aber doch in der Stadt wohnt? David, wenn ihn Agathe nicht findet? Denke dir, die vielen Häuser, du hast das nie gesehen, in jeder Straße leben mehr Menschen als im ganzen Dorf. Und keiner kennt den anderen. Da könntest du nicht fragen, wo der Lehrer wohnt oder der Weber, niemand wüßte es. ,

Nun, einerlei. Uebermorgen kommt bie Krämerin jebenfaUs zurück, mit oder ohne Schleifer. David meint, es schabe wenig, wenn sie ihn nicht fände. Das sei boch nichts Rechtes, so ein Kerl, der mit Messern

Juni.

Von Josef Weinheber. Im heißen Hauch, monbfilbergrün, die Wiese wehet her und hin. Goldamselruf, Hornifsenton, den Wald bekrönt die Sommerkron. Mit feiner Sens' Sankt Barnabas, rückt an unb schneidet ab das Gras. Im Dengeltakt unb Mäherschritt; und alle, was Hände hat, tut mit. Jetzt regne nur nicht, heiliger Veit, bis uns bas Heu im Stadel leit, unb Peter-Paul, gestellt ans End, die Deichsel gegen Juli roenbt.

-ujie bte Nachtigall ihren Gesang lernte.

Von Emil Belzner.

Hört, hört: Ich bin das Nachtigallenmännchen Joseph, der Zweihundert- tausendste meiner Dynastie. In den Büschen zwischen dem Blauen unb Weißen Nil verbringe ich ben Winter. Wenn der Weißdorn grünt, komme ich zu euch mit meinen Liedern. Hört, hört: Nicht von Anfang an fang ich so schön, wie ich jetzt finge. Der Erdsänger Joseph, der Zweihundert- tausendste seiner Dynastte, war anfangs eine stümperhaft stammelnde Nachtigall. ,Fiid, fiib machte ich und .Kroätt. Später erst kam das ,Huit roiib und bas fdjnarrenbe .Karr', später erst kamen bie herrlichen Strophen meines unvergänglichen Liebes, später erst kam das zornige ,Räh> und das trauliche ,Tak'. Ich kann Fröhlichkeit in Melancholie ver- wandeln und Melancholie in Fröhlichkeit. Ich kann mit meinem Schlag aus der Fülle in die Einsamkeit fallen und aus der Einsamkeit wieder in bas Unenbliche ziehen. Mein Lieb ist echt, benn es ist gelernt unb er­litten. Darum auch ist es so schön. Darum auch kann ich dem geliebten Liede immer wieder eine Strophe hinzufügen, noch eine und noch eine, solange die Nachtigallenjahre bauern. Hört, hört, wie ich meinen Gesang gelernt habe, und wie dieses Lernen selbst das Lied der Liebe ist:

In einem Garten wurde ich geboren. In bie Näh« dieses ©artens kehre ich stets zurück, wenn bei euch der Weißdorn grünt. Kennt ihr die Wunder des Nachtigallenzuges vom Blauen unb Weißen Nil zu euch? Nachts reifen wir. Zuerst die Nachtigallenmänner, bann bie Frauen unb Jungfrauen. Wir fingen in unserem heimatlichen Busch und rufen sie herunter, wie sie ankommen, rufen die Gattin aus dem Dunkel der Nacht über uns, oder die unbekannte Braut, der unsere Stimme Nest und Brut und ein langes glückliches Leben verheißt. Hört, hört, wie es war:

Die unbekannte Braut saß über mir im Gezweige unb lauschte meinem Lied. Ich begrüßte sie, ausrecht sitzend, mit gesenkten Flügeln unb ge- hobenem Schwanz. Die du fielst aus den Scharen der Nachtigallenfrauen, sagte ich, sei mir willkommen. Hier ist der Gau der guten Sänger. Mein Vater war ein trefflicher Lehrmeister. Im Vorjahre brachte er mir, trotz [einem Alter immer noch ein feuriger Liedermacher, die ersten Schmetter­touren unb Flötentöne bei. Hoch oben im nächtlichen Dunkel hast du ben prüfenben Schrei meiner Sehnsucht gehört. Unb siehe, schon habe ich wieder einen Ton mehr; o höre, aus ben Herrlichkeiten ber Nacht gefallene Braut, höre, ist bas nicht ber Anfang eines Liebes? Kannst du bich er­innern, als bu auf bie Welt kamst, war alles voll solcher Lieber unb bann nicht mehr.

So wuchs mein Gesang, so sand ich Ton um Ton unb Strophe um Strophe. Meine Stimme erhob sich um meine liebe Nachtigallenfrau. Wenn sie sich bie Flügel putzte, wenn sie ein Würmchen fand, wenn sie Wasser trank, wenn sie bem Schlafe nahe war ober bem Erwachen, mein Lied wuchs, unb bie Sterne werben sich immer baran erinnern, wie es geworben ist. Sah ich einen Menschen, so hielt ich inne, denn ich erschrak anfangs vor diesen Riesengesichtern, die nach einer Blume ober nach einem Zweige suchen und aussehen, als seien sie unter Stein unb Götzenbilbern groß geworben. Doch je mehr ich meine Nachtigallenfrau liebte, befto mehr gewann ich auch sie lieb. Zuerst sang ich weiter, wenn ich Kinber sah, und bann auch, wenn bie Großen tarnen. Sogar für Katzen,