Ausgabe 
5.6.1936
 
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Nummer <2

Zreitag, den 5. Juni

Jahrgang 1956

id) nichts mehr.

Ach, die Krämerin muh zuzeiten ihre g< nehmen. Oft hat sie schon etwas Deutliches auf wäre so ein Wort heilsamer für Monika als c

nicht gefallen.

Du solltest dir etwas Ordentliches nähen, meint sie und bringt em Stück Zeug aus dem Laden. Das kleidet dich nicht, was du da trägst, es ist zu dunkel. Du mußt lichtere Stoffe nehmen.

Jaja, wofür denn? Für wen soll Monika Helle Kleider tragen? Du machst dir so viele Mühe, sagt sie einmal, laß es lieber. Es hat keinen Sinn, aus mir wird ja doch nichts mehr.

------- - -' ^anze Geduld zusammen-

der Zunge, und vielleicht als alle Geduld. Aber Agathe

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

sagt das Wort doch nicht.

Dafür macht sie dem Pfarrer einen Besuch, ja, sie, das verlorene Schaf. Seit Jahren kommt sie nicht mehr zur Beichte und.lebt, wie sie es selbst für gut hält, nun aber sitzt sie plötzlich in der Stube des Pfarrers und verlangt einen Rat von dem alten Mann.

Der Pfarrer hört ihr bereitwillig zu, er gerät auch gleich in Eifer, läuft hin und her und kratzt sich den grauen Kops und fängt wieder an, die Sache mit seinen Händen zurechtzulegen. Allein die Krämerin will gar nicht wissen, wie sich der Pfarrer das alles einteilt und erklärt. Sie will nur eine klare Antwort hören, ein einziges Wort: Ja oder nein?

In Gottes Namen, ja! sagt der Pfarrer und geleitet sie betrübt zur Tür.

Zu Hause nimmt die Krämerin den kleinen David beiseite. Höre zu, sagt sie, ich muß morgen verreisen. Du sollst mir indessen das Haus hüten, den Laden und die Mutter, verstehst du, die vor allem!

Was? sagt David aufgeregt, verreisen willst du? Wohin den», bleibst du lange fort?

Nur über den Sonntag, ich besuche jemand. Du kannst in meiner Kammer schlafen, damit' du alles hörst, und abends legst du den Balken vor, und wenn vielleicht jemand einbrechen will, ja, bann weiß ich nicht, was du tun sollst, am besten ist, du bellst.

Wen besuchst du denn? fragt David dazwischen. Den Schleifer?

Ja, den Scherenschleifer, du Dummkopf. Den heirate ich dann.

Auch Monika erfährt nichts Genaueres, die Krämerin macht eben einen Besuch, was ist daran so merkwürdig? Sie war ja schon immer so rasch und unberechenbar in ihren Entschlüssen. Ich will einmal andere Lust riechen, sagt sie, ihr langweilt ^mich, weiter nichts.

Und in der Morgenfrühe reift sie wirklich ab. Seltsam sieht die Krämerin aus, nicht schlank und behend wie sonst, sondern eher wie eine dicke Zwiebel in der sechsfachen Hülle der Decken und Tücher und mit dem Gekräusel von Federn auf ihrem Hut. Sogar der Gaul wendet den Kopf und betrachtet sie verwundert, aber dann spürt er am ersten Zügelruck, daß es doch die Krämerin ist.

Gegen Abend übernimmt David die Schlüsselgewalt in Haus und Laden Vieles war er schon in seinem Leben, Glöckner und Pfarrknecht, Einsiedler und Klaubauf, aber Krämer war er noch nie. Er steht hinter

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17. Fortsetzung.

Ihre Kräfte wachsen, sie muß schon lange nicht mehr den ganzen Tag zu Bett liegen. Die Krämerin läßt sie gewähren, wenn sie ein paar Stunden in der Küche oder im Laden aushilft, das ist nur gut, es bringt sie auf andere Gedanken. Monika mühte im ganzen ein wenig munterer fein, spürt sie denn nicht, wie alles sich wendet, dem Frühling entgegen? Der Tag nimmt merklich zu, anfangs nur um ein Mücken­gähnen, wie die Leute sagen, dann um die Länge eines Hahnenschreies, und jetzt ist er schon um einen Hirschensprung gewachsen. Man kann den Frühling ja nicht mit Augen sehen, die Felder sind noch bis über die Zäune eingeschneit. Und doch, an der Südseite des Hauses rückt der Schnee schon einen Schuh breit von der Mauer ab, an sonnigen Tagen kann man dort auf der Bank sitzen und die Füße im Trockenen haben. Man kann ein paar grüne Gräser betrachten oder ein taumeliges Fliegentier an der Wand, irgend etwas Lebendiges jedenfalls. Besonders aufregend und großartig ist das freilich nicht, aber Monika sollte sich trotzdem ein bißchen daran freuen, sie sollte weniger verloren und schweigsam sein.

Monika hat so trübe Augen, oft bleibt sie plötzlich stehen und schaut lange vor sich hin ins Leere, und was noch schlimmer ist, sie hält sich nicht mehr sauber. Einen ganzen Tag läuft sie mit faltigen Strümpfen umher, mit einer schiefgeknöpften Schürze. Das alles will der Krämerin

dem Ladentisch und mustert seine Reichtümer, die Würste und Speck­seiten neben Laternen und Kälberstricken und Mistgabeln an der Decke. Die Gläser mit Zuckerwaren, die Regale voll von Töpfen und Geschirr, die unzähligen Laden und Fächer, Schachteln und Dosen. So ungefähr muß es in Gottes Werkstatt ausgesehen haben, als er die srischgeschaffene Welt einrichtete. Es ist alles da, was es an Gütern und Genüssen auf der Erde gibt. Willst du einen Rosenkranz, hier ist ein Bund Rosen­kränze in allen erdenklichen Sorten. Willst du etwas Irdischeres, eine Mundharmonika zum Beispiel, auch die kannst du haben, Peitschen­schnüre und Melissengeist, Blumensamen und Filzpantoffeln.

Es ist gar nicht leicht, einen solchen Kramladen zu führen. In dem ganzen Durcheinander muß doch ein gewisser Sinn und eine strenge Ordnung liegen, man muß gleichsam alle Bedürfnisse der Menschen nach Preis und Herkommen und Beschaffenheit im Kopfe haben. Zudem sind die Bauern eigensinnig, sie wünschen eine ganz bestimmte Sorte Tuch oder Feigenkaffee, heuer diese, im nächsten Jahr jene, und die andere nähmen sie geschenkt nicht mehr. Jeden Drahtstift drehen sie hin und her, hast du keine mit geriffelten Köpfen? fragen sie. Nicht als ob solche Nägel besser hielten, aber die letzten waren geriffelt, die Bauern können sich nicht ohne Umstände an glatte gewöhnen. Und keinem ist es jemals recht zu machen. Da kommt einer und verlangt eine Lampe, die hat er irgendwo gesehen, Excelsior heißt sie. Er ist tief beleidigt, weil Agathe keine solche Lampe hat. Jeder Hausierer führt sie, behauptet der Mensch. Ja, wie denn, wenn sich Agathe nun schleunigst eine Kiste voll anschaffte? Die hätte sie in zehn Jahren noch liegen!

Das ist ja die Kunst, diese weitläufige und vielfältige Sammlung von Dingen so einzurichten, daß sie sich in Wochen und Monaten all­mählich verkrümelt und erneuert. Dieses Bündel Teesiebe, und hier diese Schachtel mit tausend Perlmutterknöpfen, wer im ganzen Dorf braucht denn jemals so eine Unmenge von Sieben und Knöpfen? Und dennoch finden alle ihren Käufer, Agathe weiß es beinahe auf die Stunde zu sagen, wann sie ihre Teesiebe los sein wird.

Es wäre wunderbar, denkt David, wenn er sich nun mächtig ins Zeug legte und alles im Laden verkaufte! Dann käme die Krämerin heim und fände nur leere Regale und schlüge die Hände über dem Kopf zusammen. O Gott, würde sie sagen, hat also doch jemand einge­brochen? Aber David lächelte nur und zöge einen riesigen Sack unter dem Ladentisch hervor, der wäre bis an den Rand mit Geld gefüllt, mit lauter blanken Silberstücken...

Es kommt ja auch schon jemand, der Borstand.

Holla, sagt er, ist der Krämer wieder aufgeftanben?

Er will eine Rolle Kautabak, bitte sehr! Und bann gibst du mir noch ein Paket Malzkaffee, sagt er, die geringere Sorte.

Gut, aber David kann leider keinen Malzkaffee finden. Darf es nicht ein Stück Kernseife fein? Die wäre zur Hand.

Nein, sagt der Vorstand, dann laß es nur, es eilt nicht.

Er sucht sich eine Handvoll Schuhnägel zusammen, eine Dose Leder­schmiere. So, das wäre alles. Was bin ich dir schuldig?

Ach ja, wieviel denn nur? David nimmt einen Zettel, er benetzt den Bleistift zwischen den Lippen und fängt eine umständliche Rechnung an. Der Vorstand hilft auch mit, wir müssen einen Strich machen, meint David, ein Strich muß auf alle Fälle darunter fein.

Jawohl, sechs und acht und neun bleibt zwei wieso denn, sagt der Vorstand, das kann doch nicht stimmen? Dafür kaufe ich mir ja eine Kalbin, sagt er.

Ach freilich, weil David den Punkt vergessen hat! Mit einem Punkt dazwischen ist alles in Ordnung.

Bei anderen Kunden ist der Handel weniger leicht zu schlichten als beim Vorstand. Es erscheint die kleine Franziska von den Weberleuten. Bis zur Nase ist sie in ein großes Wolltuch geknotet, ein grauer Knäuel, der auf dünnen Filzbeinen läuft. Franziska bohrt die Hand durch ihre Hüllen und läßt zwölf Groschen aus der geballten Faust auf den Laden­tisch fallen.

Was willst du denn haben? fragt David.

Keine Antwort.

Kannst du nicht reden? Sag doch, was du heimbringen sollst!

Finsteres Schweigen. Franziska zieht die Hand wieder in ihr Ge­häuse zurück und wartet.

Daraus wird in Ewigkeit nichts, man muß die Sache von einer andern Seite her anpacken. Wenn David der Reihe nach auf alle Dinge zeigt, die es im Laden gibt, bann wird sich ja schließlich bas Richtige finben.

Ist es also eine Erbswurst? Eine von biefen Kuhketten?

Nein.

Vielleicht ein Paar Schuhriemen? Ober bieser Topf Marmelabe?

Auch nicht. Franziska folgt bem Finger Davibs mit den Augen, aber sie bleibt stumm.

Siebener ^amilicnblättcr

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger