Ausgabe 
4.12.1936
 
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reine Luft atmen und den Sternenschein erfühlen. Sein zweites unge­wöhnliches Ich, das scheu, zurückhaltend und erfüllt war von Erregung, die sich nicht äußern durfte, wurde von der Schönheit und Herrlichkeit der Nacht gewaltsam aus ihm hervorgezogen. Er dachte nicht häufig über sich selbst nach, in diesem Augenblick aber meinte er, daß dieses Semester das spannendste und ereignisreichste gewesen war, das er in Crale erlebt hatte. Jawohl, trotz verschiedener Ereignisse war es ein gutes Semester gewesen, weshalb aber erschien es sonderbar, befremdend und verwirrend?

Blitzartig kam ihm die Erkenntnis. Seine Kindheit war vorbei. Er war kein kleiner Junge mehr. Er stand im Begriff, ein Mann zu werden. Andere merkten es. Er merkte es jetzt selbst. Er erkannte es in seiner Beziehung zum Sport, zur Arbeit, zur Schule; und er sah es im Ver­halten von Leeson, Llewellyn und Jumbo. Da war etwas Eigentümliches, etwas, das ihn in sich selbst verschloß, so daß er nicht aus sich herausgehen und niemandem, mit Ausnahme Onkel Samuels, Gefühle zeigen konnte. Da war noch Ridley, mit dem er noch nie gesprochen hatte. Der könnte ihm geben, was er brauchte. Ridley hätte er alles mitteilen können.

Und dann ereignete sich das erstaunliche verwirrende Zusammentreffen, das Jeremy in späteren Jahren wenn in seiner Gegenwart behauptet wurde, solche Zufälle kämen nur in Büchern vor antworten ließ:Ich weiß nicht. Sie kommen vor ..Da es kalt war, wandte er sich dem Hause zu und rannte geradewegs gegen jemanden an, der um die Ecke bog.

Hallo! Achtung!", sagte dieser Jemand und packte ihm am Arm.

Es war Ridley! Er blieb stehen, hielt Jeremy am Arm und suchte fest­zustellen, wen er da vor sich hatte.

Verzeihung", sagte Jeremy.Ich sah dich nicht."

Schon gut!", sagte Ridley.

Hör mal", begann Jeremy. Sein Herz schlug wild. Er fühlte sich seltsam bange.Ja?", sagte Ridley, der nun, vom Lichtschein an Leesons Hausecke getroffen, deutlich zu sehen war.

Ich bin Cole ... Ich ... ich kam einen Augenblick heraus, drin war es so heiß."

Ja?", sagte Ridley nochmals. Und dann sehr freundlich:Der Fußball- Cole, nicht wahr? Ich sah dich in der Kapelle."

Ich habe dich auch oft gesehen", sagte Jeremy.Ich wollte mit dir sprechen schon oft."

Wirklich?", fragte Ridley.Warum?"

Ich weiß nicht", sagte Jeremy.Aber ich möchte riesig gern manchmal mit dir sprechen."

Ridley lachte.Nun, das kannst du leicht haben", sagte er.

Nächstes Semester ...", fuhr Jeremy fort,würdest du es riesig frech finden, wenn ... wäre es dir unangenehm, wenn ... könnten wir hier und da am Sonntag zusammen spazieren gehen?"

Natürlich", sagte Ridley und lachte wieder.Du wirst mich blödsinnig langweilig finden."

O nein!", entgegnete Jeremy stürmisch.

Abgemacht. Auf deine Gefahr. Jederzeit."

Oh, dank dir vielmals!", sagte Jeremy.

Gute Nacht!", sagte Ridley.

Gute Nacht!", antwortete Jeremy.

Dann ging er ins Haus Leeson, glücklicher, als er je im Leben ge­wesen war.

Das Los entscheidet.

Erzählung von E r n st W. F r e i h l e r.

Als nach dem herrischen Klingeln die Flurtür gleich wieder zuflog und Uschi, ohne der alten Rest Zeit zur Anmeldung zu lassen, ins Zimmer stürmte, da wußte die alte Dame am Fenster ohne weiteres, daß ihre wilde Enkelin wieder einmalihren Teufel" hatte, der sie vckst Kind auf gelegentlich plagte. Auch die alte Rest wußte es, denn sie steckte den Kopf durch die nochmals spaltbreit geöffnete Tür und nickte, Verzeihung und Verständnis heischend, ihrer Herrin zu.Es ist gut, Resi!", nickte die alte Dame zurück, und die Tür schloß sich.

Uschi lang und schlank, mit breiten Sportfchultern durchwanderte hastig das große Erkerzimmer. Von einer Begrüßung war nichts zu hören gewesen, doch die alte Dame mahnte nicht. Die Formlosigkeit gehörte zu den Begleiterscheinungen desTeufels", und heute mußte es besonders arg damit sein, denn der dicke blonde Scheitelschopf war ausgesträubt wie bei einem zornigen Kakadu, und die Blauaugen waren dunkel vor Erregung.

Gar nicht weiter beachten!", sagte sich die alte Dame innerlich vor und schien nur Augen für ihre Häkelarbeit zu haben. Das war ihr Rezept, und es batte bei dem mutterlosen Kinde, das in früher Verschlossenheit neben einem überarbeiteten Vater hinlebte, auch immer geholfen. Bisher immer doch die alte Dame war sich nicht ohne Bangen klar darüber, daß die nun Achtzehnjährige jeden Tag in Erlebnisse stürzen konnte, vor denen die Kindermittel machtlos waren.

Die Männer sind Esel!", brüllte Uschi plötzlich aus der Ofenecke und stampfte mit dem Fuß. Die alte Dame unterdrückte mit Mühe ihren Schreck: da war es schon, o Gott! Aber sie sagte nichts, gab nur ein Hm!" 3ur Antwort, das alles bedeuten konnte.

Uschis Aufschrei hatte ein wenig verdächtig geklungen, und wie sie jetzt noch trotziger wiederholte:Esel, sage ich! Allel", gab es keinen Zweilel mehr: die Tränen waren nicht allzuweit.

Sollte die alte Resi so schnell Recht behalten, die es gestern noch prophezeit und eben erst mit ihrem Verschwörernicken neuerlich angedeutet hatte:Da werden wir schon noch was erleben, da darf man sich gefaßt machen!" ^nr die moderne Sportkameradschaft überhaupt ein Märchen, wie die al^ R-si meinte, oder doch fragwürdig in Uschis Falle, die ständig von drei ^minben umgeben war? Sollten das etwa wirklich Bewerber lein, die iRlakliqen Jungen, eben erst mit dem Studium fertig, aber ionst ... Die alte Dame fühlte sich plötzlich sehr hilflos vor einer neuen

Zeit, ohne gültigen Maßstab für Recht und Unrecht. Bewerber, du lieber Himmel! Und gleich drei!Und der eine, den sie selber gern hat, der bringt den Mund nicht auf, darum ist sie jetzt immer so wild!", hatte Resi noch gewußt.

Vertrauen!", befahl sich die alte Dame und sprach dabei fast unwill­kürlich in der tiefkehligen Stimme, die mit zur Beschwörung des Teufels gehörte, Uschis vollen Namen vor sich hinUrsula!" und es klang wie Orfola!"

Beim zweitenmal wirkte es schon Uschi stürzte auf sie zu, umarmte sie schmerzhaft und ließ ihr ach ja, kein Zweifel! ein heißes Tränchen neben das Ohr tröpfeln.

So machte sich die alte Dame leise frei, trat zu dem großen Glas­schrank und begann umständlich die Tür aufzuschliehen, um Uschi mit ihrem Taschentüchlein Zeit zu lassen. Unten auf der Straße fuhr ein Lastwagen vorbei, und die bunten Ueberfanggläser im Oberfach erklirrten leise, als wollten sie sich vordrängen. Aber die alte Dame beachtete sie so wenig wie das alte Porzellan im zweiten Fach. Im dritten aber rückte sie vorsichtig einen getriebenen Tafelaufsatz zur Seite und holte dahinter eine kleine Schachtel aus Sandelholz hervor, die, wie sich zeigte, mit allerlei Schmuckstücken und Krimskrams gefüllt war.

Da war Uschi schon neben ihr, mit einer scheuen Zärtlichkeit. Der alte Zauber wirkte also noch die Geheimnisse des alten Glasschrankes hatten zahllose Male den Teufel verscheucht. Die alte Dame ging zu ihrem Fenstertisch zurück, leerte die Sandelholzschachtel auf der Platte aus und schob wie unabsichtlich das Häuflein ein wenig auseinander, bis unter Broschen, Medaillons, Kettchen und Spangen ein merkwürdig glanzloses Ding gesondert lag.Was ist das?", fragte Uschi sofort, und die alte Dame zögerte ein wenig:Ich weiß nicht recht ...", ehe sie rascher fortfuhr: Aber du bist ja nun schon eine erwachsene junge Dame ich glaube, ich kann es dir sagen!" Damit schob sie Uschi das Ding zu, die es prüfend in der Hand wog:Blei eine alte Gewehrkugel in Gold gefaßt und was bedeutet das Kreuz?"

Das ist eben die Geschichte", lächelte die alte Dame und fuhr mit den Fingerspitzen leise über die Messerschnitte, die sich auf der ftumpftegeügen Geschoßspitze kreuzten.Da waren zwei Brüder, die das gleiche Mädchen liebten, beide jung, schön, reich untadelige Kavaliere, so sagte man damals. Und große Jäger, o ja, sehr leidenschaftliche Jäger!", und ein flüchtiges Lächeln unterstrich die kleine Pause.

Und das Mädchen?", fuhr Uschi dazwischen.Welchen liebte sie?"

Das Mädchen wurde zunächst nicht gefragt den Männern war es nur wichtig, daß sie beide verliebt waren, und daß einer zurücktreten sollte!"

Nun sag' ich's nicht, daß sie Esel sind!", warf Uschi hin und sträubte schon den Schopf. Die alte Dame strich ihn wieder glatt und erzählte weiter:

Bei den fürstlichen Hirschtreibjagden im Herbst sollte es entschieden werden wer die bessere Strecke aufzuweisen hatte, sollte Sieger sein!"

Aber hör' einmal, Omi!", empörte sich Uschi.Und das Mädchen ließ es zu?"

Das Mädchen", wiederholte die alte Dame mit Nachdruck,das Mädchen erfuhr nur andeutungsweise davon und war recht unbeteiligt!"

Aha oh! Ich verstehe, Omi!"

Recht unbeteiligt, mein Kind. Aber der Wettstreit wurde doch sehr dramatisch. Die ganze Jagdgesellschaft wußte davon, und der Fürst hatte Anweisung gegeben, daß die Brüder immer benachbarte Stände beziehen sollten, damit alle Chancen gleich wären. Und denke dir: am ersten Iagdtag bricht ein kapitaler Hirsch zwischen ihnen durch, beide schießen, er stürzt im Feuer, und wie sich nachher herausstellt, waren beide Schüsse tödlich, aber der unmittelbar tödliche stammte von dem jüngeren Bruder, mit dem andern Schuß hätte der Hirsch noch eine Strecke weit stächen können. Also wurde der Hirsch dem Jüngeren zugesprochen, und alles erwartete gespannt den zweiten Jagdtag. Und wahrhastig: wieder bricht ein starker Hirsch, noch stärker als der erste, zwischen den Brüdern durch, wieder schießen beide, der Hirsch stürzt, und diesmal sind beide Schüsse genau gleich: es mußte gelost werden. Der Fürst machte selbst den Un­parteiischen, nahm zwei Patronen, kreuzte die eine mit dem Messer an und ließ die Brüder ziehen. Der Nettere zog die gezeichnete Kugel, und da sein Hirsch stärker war, hatte er gewonnen."

Das Mädchen?", stammelte Uschi atemlos.

Nein nur den Wettstreit, ober wie du es nennen willst. Das Mädchen nämlich, mein Kind, hatte längst gewählt, mit aller Gewissens­ruhe, denn es hatte ja keinen der Brüder ermutigt. Niemand durfte von herzloser Spielerei reden das war viel wert! Allerdings ..."

Was noch, Omi, sag!"

Allerdings hätte der Erwählte sich ohne den Wettstreit vielleicht nicht so schnell erklärt er war schüchtern. Als ihm aber das Mädel von dem Bruderzwist erzählte ..."

Oh tat sie das?"

Ja da siegte die Angst über die Schüchternheit und sie waren sehr glücklich!"

Und die Brüder?"

Die Brüder trösteten sich der Aettere schickte die Siegeskugel als Verlobungsgeschenk, so wie du sie hier siehst. Es waren eben sehr leiden­schaftliche Jäger!"

Ufchi saß eine Weile in stummem Nachdenken. Dann umschlang sie die alte Dame und flüsterte ihr glückselig zu:Ach, Omi, liebste Omi sind sie nicht wirklich ..."

Aber die Großmutter schloß ihr mit einem Kuß den Mund. Dann meinte sie: ..Wer so urteilen will der muß seiner selbst ganz sicher fein und darf sich nichts vorzuwersen haben, mein Kind! Haben wir uns ver­standen?" Und nach einem langen Blick in die jungen blauen Augen die vertrauensvoll an ihr hingen, fügte sie hinzu, ganz obenhin:Die Kugel magst du behalten und ihre Geschichte gern meitererzählen wenn du willst." Da bekam sie ihren Kuß mit Ungestüm zurück.

verantwortlich: Or. HansThvriot. Druck und Verlag: Brüh l'sch r Univ ersitäts »Buch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gießen.