Wiesel und Marder und für alle meine Feinde ward mir ein Lied. Und ich lernte, daß ein Lied nicht immer lieblich sein muß, daß es auch Warnung und Schrei und Klage sein kann und Trotz, daß es auch nützlich sein kann und allem Geliebten eine Hilfe. Im Brombeergerank, in der Stachelbeerhecke und im gehäuften Laub wurde ich groß mit meinen vielen Strophen Ich habe Fledermaus, Uhu und Adler gesehen, doch sind sie vor meinem Lied nicht größer als Käser und Libellen und Schmetterlinge. Und nichts Größeres ist denn die Nachtigallin, die süße schlichte Luszinia, die mit mir wohnet und ein Nest mit mir hat.
Versteht ihr, wie mein Lied geworden ist, hört ihr, daß es nie enden kann?
Einmal hat mir ein Räuber die Freundin streitig gemacht; da stieg meine Trauer gen Himmel und brachte mir die Freundin wieder, denn nichts Schöneres gibt es zu singen als das Verlorene, und nichts begeistert mehr als das Wiedergefundene. Ein Hauch von Gerechtigkeit kam in mein Lied und ein Glanz von Treue.
Einmal sah ich einen toten Menschen den Nil hinabschwimmen, sein Gesicht war mit Wunden bedeckt, seine Augen schon leer; es war wiederum eine neue Strophe meines Gesanges. Hört, diese Strophe war es ... freut sie euch nicht? Es steht nichts drin von der Geburt und vom Leben dieses Menschen, nichts von feinen guten und von seinen schlechten Taten, aber etwas Wahres ist doch daran, selbst wenn die Töne freudig sind und aus einem fernen Glück zu kommen scheinen. Etwas Wahres ist daran, hört ihr es, könnt ihr es ermessen?
Einmal sah ich ein dreihundertjähriges Krokodil am Ufer liegen und sich sonnen. Es lachte mit seinem halbgeöffneten Rachen so zart vor sich hin, als seien dreihundert Jahre am Nil ein friedliches Dasein, ein sanftes Wehen vom Morgen gen Abend. Wiederum hatte ich eine Strophe mehr, eine fast lustige Strophe, Gott wird mich ihretwegen nicht tadeln.
Einmal sah ich ein Löwenpaar an einem Wasser trinken. Zwei meiner schönsten Strophen stammen daher: von diesem starken Schlürfen, von diesen ruhigen, fernen Blicken, van dieser Kraft der Schmeicheleien, von diesem königlichen wappentragenden Verschwinden im Steppengras.
Einmal sah ich die Geburt eines Kamels unter einer Palme, da verstummte ich, und diese tiefe Wüstenpause ist die Pause zwischen meinen Liedern. Als käme «in König zur Welt, so war mein Verstummen; als sei der Schmerz heilig geworden, so war mein Schweigen; als sei nichts Wichtigeres auf Erden als diese Kamelmutter mit ihrem Kinde, so war meine Andacht. Einen Tag und eine Nacht blieb ich in der Nähe dieser Stätte, unter der Sonne und unter den Sternen. So lange also müßte ich jedesmal nach meinem Lied schweigen, wenn mein Lied die Wahrheit sein sollte. Es ist dennoch die Wahrheit. Schaut ihr die Geburt in der Wüste, dies Wunder zwischen Sand und Dornen, dies gnadenreiche Opfer eines Leibes an das All? Kein Adler fliegt so hoch und keine Gazelle eilt so weit, als daß sie die Einsamkeit dieser Stunden und die Größe dieser Geburtsstätte ermessen könnten. Vermögt ihr es zu schauen? Euer Auge findet kein Ende, euer Herz keinen Trost. Die Nachtigall schweigt einen Atemzug lang. Hört auf mein Lied.
Ich preise die Liebe, lieber Berge und Meere bin ich geflogen, ich habe unter mir viel entstehen und verderben gesehen, ich sah Siege flattern und Schiffe sinken, ich sah Schwerter blitzen und Früchte im Mondschein hängen, olles Lebendige nahm ich wahr auf der Reise vom Abendland ins Morgenland und vom Morgenland ins Abendland, fruchtbare Aecker waren unter mir und Schlachtfelder, Tiere mit Menschengesichtern und Menschen mit Tiergesichtern, Flüche und Segenssprüche und vielerlei Worte des Anrufs und der Verehrung, unter mir waren bewaffnete Marschkolonnen und singende Gärtner, unter mir war viel Not und Geschrei um den gleichen Gott, war viel Mummenschanz und Beschwörung um die gleichen Götter, unter mir schallten Kommandos und Grablieder, unter mir zeugten Feinde ein kommendes Geschlecht. Alles erschaute ich aus der Dunkelheit des Flugs und erkannte wohl die geheime Weise in ihm, die auf allen Lippen liegt; erkannte wohl die Palme, die allem zu- kommt; erkannte wohl die träumende Ruhe, die alles leitet. Ach, das Nachtigallenmännchen Joseph war da oben in feiner Schar ein Lernender, ein Piepsender, ein Eifersüchtiger auf jeden neuen Ton, den er von der Erde bringen hörte oder den er schon bei einem seiner Kameraden vernahm. Versteht ihr jetzt mein Lied, versteht ihr jetzt meinen nimmermüden Gesang?
Oh, ihr versteht ihn vielleicht, wenn ich euch sage, daß es trotzdem nichts Schöneres und Unendlicheres gibt als die heimatlichen Bäche, Wassergräben und Büsche; daß es nichts Vollendeteres gibt als die heimatliche Ebene, von leichten laubreichen Hügeln durchzogen; daß es nichts Schöneres gibt als die Nähe der Menschen, die anregt zu Lobgesang und schmetterndem Jauchzen, zu kurzer Klage und zu langen Läufen. Dreist und neugierig nennen sie mich. Wenn sie wüßten, die Guten, wie sehr ich auf mein Lied bedacht bin, würden sie mich noch mehr lieben. Jeder toten Nachtigall würden sie göttliche Ehren erweisen, der Zug der Leidtragenden nähme kein Ende. Er nähme kein Ende, weil sie das Lied der Liebe so bezaubernd und fiohlockend gesungen hat, weil sie Würmer, Käfer, Bäche, Hecken, Menschen, Marder, Adler, Sterne und Laub zu einer einzigen Lust machte, an der ein Prasser stirbt, aber der Demütige groß wird. Die Nachtigall ist die einzige, die einem großsprecherischen Helden mit der Liebe entgegentreten und einen Mutlosen gegen die Ueber- macht der Greuel gürten kann. Stumm haben wir am Tag unsere Lieder gelernt, laut singen wir in der Nacht.
Um Johanni herum fieilich endet der Nachtigallenschlag. Da sind die Jungen im Nest. Sie probieren ihre Kehlen, sie wollen von ihren Vätern fingen lernen. Sie wissen nicht, daß sie erst einmal übers Meer müssen, um den Ton des Heimwehs zu finden, der der Ton der Töne ist. Dann können sie manches von der Meisterschaft der Nachtigallenväter lernen, doch das Bleibende nicht. Und darum verstummen wir an Johanni, damit keine falschen Lieder in die Welt kommen. An Erdengewürm, Ameisen- puppen, glattbäuchigen Räupchen und Beeren sollen sich die unschuldigen Kleinen üben, sollen sie dichten lernen und das Werden der Melodie. Die Väter schweigen, damit die Jungen nicht aus Mutwillen von Schmerz
und Freude tirilieren und sich auf die Geläufigkeit und Vollendung 6es Hergebrachten verlaßen. Solche Fertigkeit und Eitelmeisterei gilt unter den Nachtigallen nicht. Singe das Lied deines Brotes, so fängt es an; finge das Lind deines Daseins, so heißt es da, das Lied deiner Büsche, Blumen, Tiere, Menschen und Sterne. Singe das Lied deiner Gedanken, Schmerzen, Leiden und Freuden, singe das Lied deiner Liebe.
Und das Lied der Liebe ist groß. Es hängt voller Blüten und Früchte, und nie kommt ein Lebender, der erntet.
Huit, wiid, tat, tat."
Lobpreis der Hand.
Von Viktor Meyer-Eckhardt.
Es ist eine der seltsamsten Erscheinungen, ja Irrungen in der Geschichte des menschlichen Urteilens, daß immer versucht wurde, das Tun des Geistes und das Wirken der Hand grundsätzlich voneinander zu scheiden. Nun wird aber gerade ein Geistiger, je feiner er erfährt und denkt, nichts in fo reiner und unaufhörlicher Wechselbeziehung finden als das Gehirn: das verborgenste Organ unseres Wesens, und die Hand: dessen offenkundigstes Instrument. Wenn Goethe einmal die Formen des tierischen Körpers in „notdürftig ober überflüssig begabte" einzuteilen forbert — wer müßte ba nicht bie menschliche Hand gleich hinter ben Schöbel, an bie zweite Stelle der bevorzugten Formen verweisen? Auch ist bie Entstehung ber Hand und ihrer fast unbeschränkten Macht nahezu ebenso wunderbar wie die Entstehung der Sprache; denn von allen Organen, die vom wollenden Geiste lediglich mobilisiert werben, unterscheidet sich, hierin ähnlich der Sprache, die Hand durch ihr Vermögen souveräner Gestaltung. Und nicht nur dem von der Uebertegung geleiteten Willen gehorsamt sie unmittelbar, sondern rasch und noch rascher dem Instinkt: wenn des Neugeborenen Augen noch gar nichts erblicken, so beginnen schon die zarten Gliedlein der Finger zu greifen, zweckmäßiger von Stunde zu Stunde und mit einer Kraft, die uns staunen läßt. Diese tiefe und geheimnisvolle Beziehung von Geist und Hand, die autonome Verantwortung der Hand für ihr Tun erahnten die Völker in den frühesten Zeiten: der Handschlag bedeutete die erste Stufe des Bundes zwischen zwei Einzelgeschöpfen — der Eid, diese Anrufung des Allerhöchsten, wurde geleistet durch eine Gebärde der Hand. Daß zudem die Hand in ihrer Formung, in ihrer Gestik viel enthüllt vom Charakter des Eigners, daß sie nächst Gesicht und Mienenspiel der vornehmste Ausdruck des sonst verdeckten inneren Wesens ist, wissen wir alle — doch von diesem wollen wir heute nicht reden, sondern von ihrer edelsten Kraft: der Vollziehung des Handwerks.
Echtes Handwerk steht zum Geiste in gar keinem Gegensatz, wohl aber in unversöhnlichsten zur mechanischen Erzeugung von Dingen, denn nur die Hand und ihre „Schrift" — zeige sie sich nun am Werkstück eines Meisters oder am buchstäblich Niedergeschriebenen, das man nicht nur mit viel Grund heranzieht zur (Erbeutung ber Seele, fonbern hoch genug über das gedruckte Wort stellt, um bas Manuskript eines über- ragenben Menschen als geliebtes unb kostbares Eigentum zu bewahren.
Wer nun bie menschliche Hanb unb ihren Aufbau betrachtet, steht vor bem Wunber ber Wunber. Dieses Organ ist ein unteilbares und höchst verwickeltes Ganzes aus einer Unzahl von Knochen unb Gebilden, elastischen Bändern, verschiedenartigsten Muskeln, blutbringenben und blutentführenben Adern, empfindenden bewirkenden und außerdem tastenden Nerven, stärksten unb zartesten Sehnenästen und -zweigen, nicht zu vergessen auch jener Horngebilde, Nägel benannt, die nicht nur die Fingerspitzen erträftigen, sondern auch durch ihren Widerstand dem Tastsinn erst seine äußerste Feinheit verleihen. Freilich ist es bie Fülle ihrer Beweglichkeit, bie bie Hanb erst zur Hand macht — und deren Quellen reichen hinauf bis ins Schultergelenk, dessen Radbewegung die Funktion der Hand schon mitunterstützt. Dann wieder ist es der Ellenbogen und in ihm vorzüglich die Rotation der Speiche um bie Elle im Unterarm, es ist die Veränberungsfähigkeit bes Handgelenks mit seinen doppelgereihten und gegeneinander verschiebbaren Wurzelknochen, welche beiden Vermögen treue Diener der Hand sind. Das Handgelenk gar regiert fast von sich allein aus so manche kaum zu erklärende und geschwindeste Tätigkeit: etwa die des Schreibens und Malens. Sonst gehen alle wesentlichen Feinbewegungen von dem Zaubergeflechte der Mittelhand aus: jenem Teil, indem dis Stäbchen der Finger noch völlig verbunden find — während die meisten Streck- unb Beugemuskeln der Finger noch im Unterarm lagern.
Unb nun gebente man ber dreifachen Beugbarkeit dieser Finger, ihrer Spreizbarkeit, der Drehbarkeit des Zeigefingers unb bes Daumens um die Wurzelachse, die Gegenständigkeit des letzteren zu ben vier übrigen, der ungleichen Länge der Finger, wodurch die Hand allererst Rundes umschließen und zum völligen Hohlraum sich ballen kann. Überhaupt aller Transformationen, welche Finger und Daumen gesondert oder vereint vollziehen: allo auch noch der Bildung von Faust, Haken, Zange und Ring. Danach denn erwäge man, wie dieses System, das sich aus- fpannt zwischen Schulter unb Fingerspitzen unb jebe Maschine an Emp- finblichkeit unb Kunst weit übertrifft, leichtspielenb ben unaufhörlichen Pflichtenwechsel ber Hanb ausübt nach dem Anruf des Geistes!
Es wär- ein schlechter Einwand gegen die Wunberleistung ber Hand, den vielerlei Instrumenten deren sie sich bedient, ein Sonderverbienst zuzuweisen. All biete Dinge sind nicht nur säst sämtlich von ihr gemacht, sondern, was wichtiger ist: sie vermöchten nicht das Geringste zu schaffen ohne die ausschließliche Leitung durch jenes Gebilde, dessen bloße Fortsetzungen und Ausläufer sie sind. Auch die Sinterung eines Skalpells ist lediglich von der Hand selbst eingeritzt, der unscheinbarste Abstand von der Hand selber gefühlt und beachtet. Daß jedoch auch ohne irgendwelche Zurüstungen solcher Art die Hand schon sehr mächtig ist, darüber würde uns jeder Alltag belehren — hätten wir uns nicht so verderblich an bie von uns so genannten Selbstverstänblichkeiten gewöhnt. Zudem wurde mancherlei für die menschliche Gesittung entscheidendes Urhand- werk, wie etwa bie Töpferei, anfänglich ganz ohne Werkzeua getrieben unb zu staunenswerter Vollendung geführt, doch weiß noch heute der


