Ausgabe 
4.12.1936
 
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Ausgezeichnet, was Las betrifft. Hört, fühlt und seht! Ist ein Meer von unerträglichen Sorgen über mich hinweggegangen? Ich habe Kleider, Schuhe, Haus und Heim, eine Frau, Kinder na, Poden meine ich. Was ich sagen wollte, was also meine Gedichte betrifft, biefe Frage will ich auf der Stelle beantworten. Oh, mein junger Kollege, ich bin älter als Sie und von der Natur vielleicht ein bißchen besser ausgerüstet worden. Ich habe meine Gedichte in der Schublade verwahrt. Sie sollen nach meinem Tod herausgegeben werden. Dann erleben Sie ja kein Vergnügen mehr daran, werden Sie einwenden? Da irren Sie sich wieder. Vorläufig nämlich erfreue ich mein Haus damit. Am Abend, wenn die Lampe angezündet ist, mache ich die Lade auf, nehme meine Gedichte heraus und lese fie meiner Frau und Poden laut vor. Die eine ist vierzig Jahre alt, der andere zwölf, beide sind entzückt. Wenn Sie einmal zu uns kommen, sollen Sie ein Abendessen und Toddy haben. Jetzt sind Sie eingeladen, möge Gott Sie vor dem Tod bewahren.

Er reichte Johannes die Hand. Plötzlich fragte er: Haben Sie von Victoria gehört?

Von Victoria? Nein. Doch, ich hörte foeben, vor einem Augen­blick ...

Haben Sie nicht gesehen, wie sie dahinstechke, immer dunkler unter den Augen wurde?

Ich habe sie seit dem Frühjahr daheim nicht mehr gesehen. Ist sie noch krank?

Der Hauslehrer antwortete komisch hart und stampfte mit dem Fuß: Ja.

Ich hört« eben jetzt . . Nein, ich habe nicht gesehen, wie sie dahin­siechte. Ich habe sie nicht getroffen. Ist sie sehr krank.

Sehr. Wahrscheinlich bereits tot. Verstehen Sie.

Betäubt sah Johannes den Mann an, dann seine Tür, als wüßte er nicht, ob er hineingehen oder stehenbleiben solle, sah wiederum den Mann an, seinen langen Mantel, seinen Hut; er lächelte verwirrt und schmerzlich wie ein Mensch in größter Not.

Drohend fuhr der alte Hauslehrer fort:

Wieder ein Beispiel; können Sie es leugnen? Auch fie bekam nicht den, den sie haben wollte, ihren Liebsten, aus den Kinderjahren, einen jungen, herrlichen Leutnant. Er ging eines Abends auf die Jagd, ein Schuh trifft ihn mitten in die Stirne und zerschmettert seinen Kops. Da lag er nun, ein Opfer der kleinen Spiegelfechterei, die Gott mit ihm vor­hatte. Victoria, feine Braut, fängt an zu kränkeln, ein Wurm nagte an ihr, durchlöcherte ihr Herz wie ein Sieb; wir, ihre Freunde, sahen es. Da ging sie vor etlichen Tagen in eine Gesellschaft zu einer Familie Seier; fie erzählte mir übrigens, daß auch Sie hätten dort sein sollen, aber nicht gekommen feien. Kurz und gut, fie übernimmt sich bei diesem Fest, die Erinnerungen an ihren Geliebten stürmen auf fie ein, sie ist aus Trotz lebhaft, sie tanzt, tanzt den ganzen Abend, tanzt wie rasend. Da fällt sie um, der Boden färfct sich rot unter ihr; man hebt sie auf, trägt fie hinaus, bringt fie heim. Sie treibt es nicht mehr lange.

Der Hauslehrer tritt dicht an Johannes heran und sagt hart:

Victoria ist tot.

Wie ein Blinder griff Johannes mit den Händen um sich.

Tot? Wann starb sie? Also, Victoria ist tot?

Sie ist tot, antwortet der Hauslehrer. Sie starb heute morgen, heute vormittag. Er schob die Hand in feine Tasche und zog einen dicken Brief hervor. Und diesen Brief an Sie vertraute fie mir an. Hier ist er, Nach meinem Tode, sagte fie. Sie ist tot. Ich übergebe Ihnen diesen Brief. Meine Mission ist zu Ende.

Und ohne zu grüßen, ohne noch ein Wort zu sagen, wandte der Hauslehrer sich um, ging langsam die Straße hinunter und verschwand.

Johannes blieb zurück, den Bries in seiner Hand. Victoria war tot. Immer wieder nannte er laut ihren Namen, und er hatte eine gefühllose, beinah verhärtete Stimme. Er sah den Brief an und erkannte die Schxift; es waren große und kleine Buchstaben, gerade Linien, und die, die sic geschrieben hatte, war tot!

Dann tritt er durch die Türe, geht die Treppe hinaus, sucht den rich­tigen Schlüssel für das Schloß und öffnet. Sein Zimmer war kalt und dunkel. Er setzt sich ans Fenster und liest im legten Rest des Tages­lichtes Victorias Brief.

Lieber Johannes! schrieb fie. Wenn Sie diesen Brief hier lesen, bin ich tot. Alles ist jetzt so seltsam für mich, ich schäme mich nicht mehr vor Ihnen und schreibe Ihnen wieder, gleichsam als sei dem nichts im Wege. Früher, als ich noch mitten im lebendigen Leben war, hätte ich lieber Tag und Nacht gelitten, als wieder an Sie geschrieben; jetzt aber i>abe ich angefangen abzusterben und denke nicht mehr so. Fremde Menschen haben mich bluten sehen, der Doktor hat mich untersucht und gesehen, daß ich nur noch einen Teil einer Lunge habe, wofür soll ich mich da noch schämen?

Ich habe nun im Bett gelegen und über die letzten Worte nachgedacht, die ich zu Ihnen gesagt habe. Im Wald, an jenem Abend. Damals dachte ich nicht, daß dies meine letzten Worte fein sollten, denn dann hätte ich Ihnen gleichzeitig Lebewohl gesagt und Ihnen gedankt. Jetzt werde ich Sie nicht mehr sehen können, und ich bereue jetzt, daß ich mich nicht vor Ihnen niebergeroorfen und Ihre Schuhe und die Erde, auf der Sie gingen, geküßt und Ihnen nicht gezeigt habe, wie unsäglich ich Sie liebte. Ich lag hier und wünschte gestern und heute, ich möchte doch nicht zu krank jein, damit ich wieder heimkommen und in den Wald gehen könnte, um den Platz zu sinden, an dem wir saßen, als Sie meine beiden Hände hielten; denn dann könnte ich mich dort hinlegen und sehen, ob ich nicht eine Spur von Ihnen fände, und könnte alles Heide­kraut ringsum küssen. Aber ich kann jetzt nicht heimkommen, wenn es nicht möglicherweise etwas besser wird, wie meine Mutter glaubt.

Lieber Johannes! Es ist merkwürdig, zu denken, daß ich nichts anderes ausgerichtet habe, als auf die Welt zu kommen und Sie zu lieben, und jetzt vom Leben Abschied zu nehmen. Glauben Sie mir, es ist sonderbar, hier zu liegen und auf Tag und Stunde zu warten. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Leben, und von den Menschen auf der Straße und von dem Wagengerafsel; auch den Frühling werde

ich wohl nie mehr sehen und diese Häuser und Straßen, und die Bäume im Park werden nach mir Zurückbleiben. Heute durfte ich im Bett auf- itzen und ein wenig zum Fenster hinaussehen. Unten an der Ecke trafen zweie einander, sie grüßten einander und reichten sich die Hände und lachten über das, was sie sagten; da aber war es so sonderbar für mich, daß ich, die hier lag und dies sah, sterben sollte. Ich mußte denken: die beiden da unten wissen nicht, daß ich hier liege und auf meine Stunde warte; wüßten sie es aber, würden fie wohl trotzdem einander begrüßen und miteinander sprechen, genau wie jetzt. Gestern nacht, als es dunkel wurde, dachte ich, dies sei meine letzte Stunde, mein Herz fing an still zu stehen, und es war gleichsam, als hörte ich schon in weiter Ferne die Ewigkeit mir entgegenrauschen. Im nächsten Augen­blick aber kehrte ich von weit her zurück und fing wieder an zu atmen. Es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Aber Mutter glaubt, es fei vielleicht nur der Fluß oder der Wasserfall von daheim gewesen, an den ich mich erinnert habe.

Lieber Gott, Sie sollten wissen, wie ich Sie geliebt habe, Johannes. Ich konnte es Ihnen nicht zeigen, es hat sich mir so vieles in den Weg gelegt, vor allen anderen Dingen meine eigene Natur. Mein Vater tat sich selbst auch immer so weh, und ich bin (eine Tochter. Aber jetzt, da ich sterben soll und es für alles zu spät ist, schreibe Ich Ihnen noch ein­mal und sage es Ihnen. Ich frage mich selbst, warum ich das tue, da es doch gleichgültig für Sie ist, besonders wenn ich einmal nicht mehr agr Leben fein werde; aber ich möchte Ihnen gerne bis zum letzten Augenblick nahe fein, damit ich mich wenigstens nicht verlassener fühle als vorher. Wenn Sie dies lesen werden, ist es gleichsam, als sähe ich Ihre Schultern und Hände und sähe alle Ihre Bewegungen, wie Sie den Brief vor sich Hinhalten und ihn lesen. Dann sind wir nicht so weit voneinander entfernt, denke ich. Ich kann keinen Boten nach Ihnen sen­den, dazu habe ich kein Recht. Mutter wollte schon vor zwei Tagen nach Ihnen senden, aber ich wollte lieber schreiben. Ich wollte auch am liebsten, daß Sie sich meiner so erinnern sollten, wie ich einmal war, als ich noch nicht krank war. Ich erinnere mich, daß Sie ... (hier sind einige Worte ausgelassen) ... meine Augen und meine Augenbrauen; aber auch die sind nicht mehr so wie früher. Auch aus biejem Grunde wollte ich nicht, daß Sie kämen. Und ich möchte Sie auch bitten, mich nicht im Sarge anzusehen. Ich werde zwar fast so aussehen, wie zu der Zeit, als ich noch lebte, nur etwas bleicher, und ich werde ein gelbes Kleid anhaben, aber trotzdem würden Sie es bereuen, wenn Sie kämen und mich sähen.

Nun habe ich heute schon viele Male an diesem Bries geschrieben und doch habe ich Ihnen nicht den tausendsten Teil von dem gesagt, was ich sagen wollte. Es ist so fürchterlich für mich, zu sterben, ich will es nicht, noch hoffe ich fo innig zu Gott, daß es vielleicht ein wenig besser werden könnte, wenn auch nicht länger als bis zum Frühling. Da sind die Tage hell, und an den Bäumen ist Laub. Wenn ich jetzt wieder gesund würde, dann wäre ich gewiß nie wieder böse gegen Sie, Johannes. Wie habe ich darüber nachgedacht und gemeint! Ach, ich würde hinausgehen und alle Steine auf der Straße streicheln und an jeder Treppenstufe, an der ich oorbeikäme, anhalten und ihr danken und gut gegen alle fein. Cs wäre ganz gleich, wie schlecht es auch mir er­ginge, wenn ich nur leben dürfte. Nie mehr würde ich über irgend etwas klagen, nein, ich würde dem, der mich überfiele und schlüge, zulächeln und Gott loben und danken, wenn ich nur leben dürste. Mein Leben ist so ungelebt, für niemand habe ich etwas tun können, und dieses ver­fehlte Leben soll jetzt enden. Wenn Sie wüßten, wie ungern ich sterbe, würden Sie vielleicht etwas tun, würden alles tun, was in Ihrer Macht stünde. Sie können freilich nichts tun; aber ich dachte, wenn Sie und die ganze Welt für mich beteten und mich nicht fortlassen wollten, würde Gott mir das Leben schenken. Oh, wie dankbar wollte ich da sein und nie mehr jemand etwas Böses tun, sondern allem zulächeln, was mir beschieden märe, wenn es mir nur erlaubt wäre zu leben.

Mutter sitzt da und weint. Sie saß auch die ganze Nacht hier und meinte um mich. Das tut mir ein wenig wohl, es mildert die Bitterkeit des Abschieds. Heute dachte ich auch: was würden Sie wohl denken, wenn ich eines Tages auf der Straße schön gekleidet gerade auf Sie zukäme und nichts Verletzendes mehr sagen würde, sondern Ihnen eine Rose gäbe, die ich schon vorher gekauft haben könnte. Dann dachte ich gleich wieder daran, daß ich nie mehr das tun kann, was ich will; denn ich kann wohl nie mehr wieder gesund werden, ehe Ich sterbe. Ich weine so ost, ich liege still da und meine unaufhörlich und trostlos; es tut mir in der Brust nicht weh, wenn ich nicht schluchze. Johannes, lieber, lieber Freund, mein einziger (Beliebter auf der Erde, kommen Sie jetzt zu mir und seien Sie ein wenig hier, wenn es zu dunkeln beginnt. Ich werde bann nicht meinen, sondern lächeln, so gut ich es vermag, nur vor Freude darüber, daß Sie gekommen sind.

Nein, wo sind mein Stolz und mein Mut! Ich bin jetzt nicht die Tochter, meines Vaters; aber das kommt daher, daß die Kräfte mich verlassen haben. Ich habe lange Zeit gelitten, Johannes, lange vor diesen letzten Tagen. Ich litt, als Sie im Ausland waren, und später bann, seit ich im Frühling hierher in bie Stadt kam, habe ich jeden Tag nur gelitten. Ich habe nie vorher gewußt, wie unendlich lang bie Nacht jein kann Ich habe Sie in biefer Zeit zweimal auf der Straße gesehen, das eine Mal summten Sie vor sich hin, als Sie an mir vorbeigingen aber Sie sahen mich nicht. Ich hoffte, Sie bei Seiers sehen zu können; aber Sie kamen nicht. Ich hätte nicht mit Ihnen gesprochen, noch hätte ich mich gerade vor sie hingestellt, sondern wäre nur dankbar gewesen, Sie von weitem sehen zu dürfen. Aber Sie tarnen nicht. Da dachte ich, daß Sie vielleicht um meinetwillen nicht gekommen wären. Um elf Uhr fing Ich zu tanzen an, weil ich es nicht aushielt, länger zu warten. Ja, Johannes, ich habe Sie geliebt, in meinem ganzen Leben nur Sie geliebt. Victoria ist es, bie dieses schreibt, und Gott lieft es über meine Schultern.

Und jetzt muh ich Ihnen Lebewohl sagen, es ist nun beinahe dunkel, und ich sehe nicht mehr. Leben Sie wohl, Johannes, Dank für jeden