Ausgabe 
4.12.1936
 
Einzelbild herunterladen

Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang Mb freitag, den 4. Dezember Nummer 94

jAf Geschichte einer Liebe

IVlVvl Vt von Knut Hamsun

Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München

(Schluß.)

Heute nahm ich deine Bücher und legte sie in mein Zimmer. Ich will sie noch einmal lesen: es wird mich nicht im geringsten ermüden, ich freue mich darauf. Höre, Johannes, du könntest so lieb sein und mich nach Hause begleiten, denn ich weiß nicht, ob der Weg ganz sicher für mich ist, bis ganz nach Hause. Das weiß ich nicht. Vielleicht wartet draußen jemand aus mich, vielleicht geht jemand auf und ab und wartet. Ich glaube es fast ... Plötzlich bricht sie in Tränen aus und stammelt: Ich nannte ihn einen Lügner, das wollte ich nicht. Es tut mir weh, daß ich es getan habe. Er hat mich nicht angelogen, im Gegenteil, er war die ganze Zeit ... Wir werden am Dienstag Gäste bei uns haben, ober er soll nicht kommen, doch du sollst kommen, hörst du. Versprichst du mir das? Aber trotzdem wollte ich nicht schlecht von ihm sprechen. Ich weiß nicht, was du von mir hältst ...

Er antwortete:

Ich fange an, dich zu verstehen.

Sie wirft sich ihm an den Hals, verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust, zitternd und verstört.

Ja, aber dich habe ich auch lieb, bricht sie aus. Das mußt du mir glauben. Ich liebe nicht nur ihn, so schlimm ist es nicht. Als du mich voriges Jahr fragtest, wurde ich so froh: aber jetzt kam er. Ich verstehe es nicht. Ist es so schrecklich von mir, Johannes? Ich liebe ihn vielleicht ein ganz klein wenig mehr als dich: ich kann nichts dafür, es ist über mich gekommen. Ach Gott, viele Nächte habe ich nicht mehr geschlafen seit ich ihn gesehen habe, und ich liebe ihn immer mehr. Was soll ich tun? Du bist so viel älter, du sollst es sagen. Nun hat er mich hierher be­gleitet, er steht unten und wartet auf mich, um mich wieder heimzube- gleiten, und jetzt friert er vielleicht. Verachtest du mich, Johannes? Ich habe ihn nicht geküßt, nein, das habe ich nicht, glaube mir; ich habe ihm nur meine Rose gegeben Warum antwortest du nicht, Johannes? Du mußt sagen, was ich tun soll, denn ich halte es nicht mehr aus.

Johannes saß ganz still da und hörte ihr zu. Er sagte:

Ich habe nichts darauf zu antworten.

Dank, Dank, lieber Johannes, es ist so lieb von dir, daß du nicht wütend auf mich bist, sagte sie und trocknete ihre Tranen. Aber du sollst nicht glauben, daß ich dich nicht auch lieb habe. Du lieber Gott, ich will jetzt viel öfter zu dir kommen als früher und alles tun, was du roiujt. Aber es ist eben nur das eine, daß ich ihn lieber habe. Ich habe es mcht gewollt. Es ist nicht meine Schuld.

Stumm erhob er sich und sagte, als er den Hut aufgesetzt hatte.

Wollen wir gehen?

Sie gingen die Treppe hinunter.

Draußen stand Richmond. Er war ein dunkelhaariger, junger Mensch mit braunen Augen, die vor Jugend und Leben sprühten. Der Frost hatte seine Wangen gerötet.

Frieren Sie? sagte Camilla und flog auf ihn zu.

Ihre Stimme bebte vor Erregung. Plötzlich eilte sie zu Johannes zurück, schob ihren Arm in den seinen und sagte:

Entschuldige, daß ich nicht auch dich fragte, ob du frierst. Duzogst keinen Mantel an; soll ich hinaufgehen, um ihn zu holen? Nicht? xW, aber knöpfe auf jeden Fall deine Jacke zu.

Sie knöpfte seine Jacke zu.

Johannes reichte Richmond die Hand. Er war in einem merkwürdig abwesenden Zustand, als ginge das, was hier geschah, ihn eigentlich gar nichts an. Er lächelte unsicher, halb und halb, und murmelte:

Freut mich, Sie wieder einmal zu treffen.

Richmond war keine Schuld anzusehen und keine Verstellung. Als er grüßte, flog die Freude des Wiedererkennens über sein Gesicht, und er ^^Jch^ah"kürzlich"eines Ihrer Bücher in einem Buchladen in London, sagte er. Es ist übersetzt. Es war so nett, es dort zu sehen, wie ein ^^Camilla^gllrg iin der Mitte und sah abwechselnd zu beiden auf. Schließ- lld,Bann kommst du also am Dienstag, Johannes Ja, entschuldige daß ich nur an meine Angelegenheiten denke, fugte sie hinzu und lachte. Gleich daraus wandte sie sich reuig an Richmond und bat auch ihn zu kommen.

haben will;

mich an.

Johannes sagte:

Ich sehe, daß es Ihnen gut geht.

__ irt- ihnen: Aus der kleinen Ursache, daß sie gleich dar gleich danach, hören Sie, hahaha, augenblicklich danach immer. Natürlich bekommt man nicht die Frau, die man kommt es aber aus rein verfluchtem Recht und billiger Gerechtigkeit em einziges Mal vor, bann stirbt sie also gleich danach. Alles Spiegelfechterei. Da ist also der Mann darauf angewiesen, sich eine andere tiebc eine der bestmöglichen Art, zu verschaffen, und er braucht um dieser Veranb.- runq willen nicht zu sterben. Ich sage Ihnen, es ist von ber Natur so weise eingerichtet, daß er es ausgezeichnet aushalt. Sehen «ie nur

erstaunt an. , ... ,

Allo: einverstanden. Ja. Sehen Sie, ich habe ihren Sohn unterrichtet. Sie hat einen Sohn, Poden, er stammt aus der ersten Ehe; sie ist natür­lich schon verheiratet gewesen, sie war Witwe. Ich habe mich also mit einer Witwe verheiratet. Sie können einroenben, dies sei nicht an meiner Wiege gesungen worden; aber ich verheiratete mich also mit einer Witwe. Poden hatte sie von früher. Ich ging nämlich umher und sah den Garten und die Witwe an und lebte eine Zeitlang in intensiven diesbezüglichen Gedanken. Plötzlich bin ich mit mir im reinen, und sage zu mir selbst: Allerdings, an deiner Wiege ist dir das nicht gesungen worden, und so weiter; aber ich tue es trotzdem, ich schlage ein, denn es steht wahr­scheinlich in den Sternen geschrieben. Sehen Sie, so ging das zu.

Ich gratuliere! sagte Johannes.

Halt! Kein Wort mehr! Ich weih, was Sie sagen wollen. Und die Erste, wollen Sie nämlich sagen, haben Sie die ewige Liede Ihrer Jugend vergessen? Genau das wollen Sie sagen. Darf ich bann meiner­seits Sie fragen, Höchstverehrter, wo meine erste einzige unb emige Liebe geblieben ist? Nahm sie nicht einen Kapitän ber Artillerie? Uebngens stelle ich Ihnen noch eine kleine Frage: Haben Sie jemals jemals gesehen, bah ein Mann die bekommen hat, die er bekommen sollte? Ich nicht. E- gebt die Sage von einem Mann, den Gott erhörte, er bekam seine erste und einzige Liebe. Aber bas führte zu keiner weiteren Herrlichkeit für ihn Weshalb nicht? werden Sie wiederum fragen sind sehen Sie, ich antworte ihnen: Aus der kleinen Ursache, baß sie gleich danai^ starb

Es seien nur Bekannte da, Victoria und ihre Mutter seien auch ge­laden, und sonst käme noch ein halbes Dutzend Gäste.

Plötzlich blieb Johannes stehen und sagte:

Ich könnte eigentlich wieder umkehren.

Auf Wiedersehen am Dienstag, antwortete Camilla.

Richmond ergriff seine Hand und drückte sie aufrichtig.

Dann gingen die beiden jungen Leute allein und glücklich ihres Weges.

XII.

Johannes trifft Camilla auf der Straße; sie ist in Gesellschaft ihrer Mutter, ihres Vaters und des jungen Richmond; sie lassen den Wagen anhalten und sprechen freundlich mit ihm.

Camilla ersaht seinen Arm und sagt:

Du bist nicht zu uns gekommen. Wir hatten ein großes Fest, wirk­lich: wir warteten bis zuletzt auf dich, aber du kamst nicht.

Ich war verhindert, antwortete er.

Entschuldige, daß ich seitdem nicht mehr bei dir oben war, fuhr sie fort. Ich komme jetzt in den nächsten Tagen, ganz bestimmt, wenn Rich­mond abgereift ist. Ach, wie schön unser Fest war! Victoria wurde krank, sie muhte heimgefahren werden, hast du es gehört? Jetzt besuche ich sie bald Es geht ihr gewih viel bejfer. Vielleicht ist sie schon wieder ganz gesund. Ich habe Richmond ein Medaillon geschenkt, fast das gleiche wie dir. Höre, Johannes, du muht mir versprechen, besser auf deinen Ofen achtzugeben; du vergißt alles, wenn du fdjreibft, und es wird eiskalt bei dir. Du muht dem Mädchen klingeln.

Ja, ich werbe dem Mäbchen klingeln, antwortete er.

Auch Frau Seier sprach mit ihm, fragte nach seiner Arbeit, nach dem Geschlecht; wie es bamit ginge? Sie ermorte schon mit Sehnsucht das nächste Buch von ihm. , . r . .

Johannes gab die nötigen Antworten, grüßte sehr tief und sah den Wagen fortfahren. Wie wenig ging ihn doch das Ganze an, dieser Wagen, diese Menschen, dieses Geschwätz! Eine leere und kalte Stim­mung überkam ihn und verfolgte ihn auf dem ganzen Heimweg. Auf der Straße vor feinem Haustor ging ein alter Bekannter auf und ab, der frühere Hauslehrer aus dem Schloß.

Johannes grüßte ihn. ......

Der Hauslehrer trug einen langen, warmen und sorgfältig gebürsteten Mantel und hatte einen kecken und sicheren Gesichtsausdruck.

Hier sehen Sie Ihren Freund und Kollegen vor sich, sagte er. Reichen Sie mir die Hand, junger Mann. Gott hat meine Wege seit dem letzten­mal wunderbar geführt, ich bin verheiratet, habe ein Heim, einen kleinen Garten eine Frau. Es geschehen noch Wunder im Leben. Haben Sie zu bjeker meiner letzten Bemerkung etwas zu äußern? Johannes sieht ihn