lesen — aber ihr — faul und leichtsinnig — trotz aller Mühe, euch weiterzubringen. Nun habt ihrs! Machts mit euch selber aus. Das aber sag ich euch — so drei wie uns — Horny, Schiller und ich, findet ihr euer Lebtag nicht wieder, die es sich so angelegen sein ließen, euch zu was Ordentlichem zu machen."
„Geh, das ist garschtig von dir, an einem solchen Abend zu zanken — un wenn auch alles wahr is. Und gerade wie ich dir sage, daß wir euch alle so lieb haben — und ihr bald sortgeht."
„Ja, eben deshalb", sagte Budang unerschütterlich.
Vor ihnen her ging Marie und Ernst Schiller. Sie sprachen auch lebhaft, das heißt: Ernst Schiller sprach und neigte sich zu Marie herab, als spräche er ganz leise; er war schlank und hochgewachsen. Dann ergriff er Maries Hand und küßte die Hand. Sie blieben stehen — und er hielt das kleine feste Händchen an seine Lippen gepreßt — da riß sich Marie von ihm los — flog auf Röse zu, umschlang sie heftig und schluchzte.
Ernst von Schiller trat auf die beiden zu und legte Marien die Hand auf die Schulter.
„Sei doch ruhig", sagte er. „Ich glaubte, auch du hättest mich lieb — wie ich dich liebe — lieber als die ganze Welt. — Nun, hab ich dich erschreckt?"
„Nein — nein, nicht erschreckt — leid tust du mir! Wir haben euch alle lieb — unsagbar lieb. Ihr habt unser Leben so schön gemacht!"
Sie konnte vor Tränen kaum reden — und wie es kam — sie hingen beide an ihm, tröstend, streichelnd, ganz von getreuesten Gefühlen überfließend, Röse fast zarter und inniger noch als Marie, denn ihrer jungen Seele stand der Freund näher in dieser feuchten Frühlingsstunde — schmerzlich nahe.
„Du sollst nicht traurig sein — Du nich — wie sollen wir dich denn trösten! Die Marie liebst du so sehr — aber wir sin alle beide für dich zu dumm — denk doch selbst! Weißt du", Rösen liefen die heißen Tränen über die Wangen — „du mußt eine Königin lieben — eine wirkliche Königin, die wär für dich grab gut genug. Gewiß. Sei du nur ganz ruhig."
Sie legte seine Hand liebend an ihre Wange und weinte ihre ersten schmerzvollen jungen Tränen.
Er fühlte diese warmen Tropfen, und wunderlich bewegt hielt er seine beiden jungen Kameradinnen in den Armen, an seinem von erster großer Liebe schwer bedrängten Herzen.
Budang war wie verschwunden — hatte die drei verlassen — er, der Vorsteher.
„Wundervoll sind sie!" murmelte er vor sich hin auf feinem Weg — „wert, sich hin und wieder gehörig über sie zu ärgern."
Goslar, die Stadt der Kaiser und Bauern.
Von H. W. Ludwig.
Von der Weser bis zur Elbe, vom Harz bis zur Nordseeküste reicht das Land der Niedersachsen, die alte Stammheimat des Herzogs Widukind. Hier an der Wiege des urwüchsigen Germanentums liegt, von der Kette der Berge des Oberharzes umrahmt, die alte Kaiser- und Reichsstadt Goslar, die zu den berühmtesten Stätten deutscher Kunst und Kultur zählt. Mehr als tausend Jahre sind vergangen, seit im Jahre 920 von dem deutschen Kaiser Heinrich I. der Ort Goslar gegründet wurde, dessen Ursprung jedoch vermutlich noch weiter In die Vergangenheit zurückreicht. Schon ein halbes Jahrhundert später sollte das kleine Gemeinwesen inmitten des Königlichen Harzer Vannforstes, das seinen Namen seiner Sage am Austritt des Wildbaches der Gose aus dem Gebirge verdankte, zu ungeahnter Bedeutung gelangen. In dem 636 Meter hohen Rammelsberg, zu dessen Füßen Goslar entstand, wurden mächtige Adern von Silber, Blei und Kupfer aufgefunden, deren Abbau den ersten deutschen Bergbau ins Leben rief. Der Ertrag, den diese Schätze der Erde erbrachten, stärkte die wirtschaftliche Macht des deutschen Königtums und begründete Goslars raschen Aufstieg.
Unter der Herrschaft der salischen und staufischen Kaiser blühte das Goslarer Bergwesen auf und lieferte für die Kaiserliche Münze das Silber, das bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts das hauptsächliche Münzmetall war. In Würdigung dieser Stätte des Erzreichtums, die für ihre Politik von so hohem Wert war, errichteten die kaiserlichen Herren ein stattliches Kaiserhaus und schmückten die Stadt mit Kirchen und Kapellen. Als einem der ersten Orte Deutschlands war Goslar im Anfang des 12. Jahrhunderts Stadtrecht verliehen worden. Bald danach befaß die junge Stadt am Harz nächst Aachen das berühmteste Klosterstift, in dem hohe Würdenträger des Reiches für ihre leitenden politifchen Posten herangebildet wurden. Oft nahmen die Kaiser für längere Zett in der kaiserlichen Pfalz Wohnung, und in dem großen Reichssaal des Palastes fanden zahlreiche punkvolle Reichstage statt. So verdiente sich Goslar mit Recht den Namen der Kaiserstadt und war zwei Jahrhunderte lang für die Politik, die Wirtschaft und die Kultur einer der bedeutsamsten Orte des Reiches.
Wenn mit dem Untergang der Hohenstaufen die Kaiserpfalz auch schnell an Bedeutung verlor, so sollte doch für die Harzstadt bald eine neue Blütezeit anbrechen Durch die Verschuldung des Adels gingen die Gruben und Hütten des Rammelsberges, sowie die weiten Forsten in städtischen Besitz über. Als freie Reichsstadt und Mitglied des Bundes der Hanse erwarb sich Goslar großen Reichtum und führte seine Metalle bis nach Frankreich und England aus. Aus jener Zeit stammen die heute noch vielfach erhaltenen herrlichen Bauten und Kunstwerke der bürgerlichen Kultur, wie die gewaltigen Befestigungswerke, die notwendig
waren, um die Bürger vor bei. Uebergriffen beutegieriger Feinde zu fchützen.
Erst, als nach 25jährigem erbitterten Ringen der Herzog von Braunschweig die Stadt endgültig besiegte und ihr mit dem Raub der Gruden und Forsten die Lebensader durchschnitt, fand Goslars Blütezeit ihr Ende. Der letzte Rest einstigen Wohlstandes ging dem Bürgertum durch die Schrecknisie des Dreißigjährigen Krieges verloren. Das schwere Geschick sollte erst eine Wandlung erfahren, als Goslar 1866 endgültig unter preußische Herrschaft kam, die es einer neuen Blüte entgegenführte. Heute erfreut sich die Stadt alljährlich eines regen Fremdenverkehrs und ist, abgesehen von ihrer eigenen Sehenswürdigkeit, als Ausgangspunkt für Harzwanderungen, wie als Kurort in ganz Deutschland bekannt.
Goslars Stadtbild, von der Natur liebevoll umrahmt, spiegelt den Reichtum seiner Geschichte wider. Das imposanteste und geschichtlich wertvollste Bauwerk ist die auf einem weiten freien Platz vor der Kulisse der Harzberge majestätisch sich erhebende Kaiserpfalz, die zu den ältesten weltlichen Bauten in Deutschland zählt. Eine breite Freitreppe führt zu dem mächtigen zweigeschossigen Kaiserpalast empor. In dem 50 Meter langen und 15 Meter breiten Kaisersaal im Obergeschoß, in dem einst die Reichstage stattfanden und heute wieder der alte deutsche Kaiserstuhl aus dem 12. Jahrhundert steht, ist uns die ursprüngliche Form der altgermanischen Königshalle, wie sie im Nibelungenlied beschrieben wird, erhalten geblieben. In der dem Kaiserschloh angegliederten St.» Ulrichskapelle steht ein steinerner Sarkophag, in dem in vergoldeter Kapsel das Herz Kaiser Heinrichs III. ruht — so hatte es der Kaiser, der die Goslarer Pfalz zum Mittelpunkt seiner Macht gewählt, zu seinen Lebzeiten selbst bestimmt. Als ein Rest des Domes, der einst dem Palast benachbart war, findet sich heute nur noch die aus dem Jahre 1270 stammende Domkapelle.
An kirchlichen Bauten weift Goslar alle Stilepochen von der romanischen Zeit bis zum Barock auf. Die von einem unbekannten Künstler geschaffene lebensgroße holzgefchnitzte Gruppe einer Madonna mit dem Leichnam Christi in der Jakobikirche gehört zu den berühmtesten deutfchen Kunstwerken. Einer der schönsten Plätze Deutschlands ist der Goslarer Markt mit dem „Marktbecken" in seiner Mitte, einem Brunnen mit bronzenen Schalen, über dem sich als einstiges Wahrzeichen der Stadt der vergoldete Goslarer Adler erhebt. Der schöne Bau des Rathauses zeigt auf der Marktseite ein offenes Bogengewölbe, das einst Gerichts- und Marktzwecken diente, lieber den gotischen Fenstern geben zahlreiche kleine spitze Giebelchen, die durch steinernes Maßwerk miteinander verbunden sind, dem langgestreckten Gebäude ein besonders anmutiges Gepräge. Zwischen den kleinen Giebeln sind die Glocken eines Glockenspieles angebracht, das dreimal am Tage seine Weisen ergingen läßt. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist das an Kunstschätzen reiche Alte Ratsherrenzimmer im Rathause, das auch die weltberühmte Goslarer Bergkanne, ein Wunderwerk deutscher Silberschmiede- kunst aus dem 15. Jahrhundert, beherbergt. Die „Kaiserworth", das einstige Gildehaus der Gewandschneider, bas gleichfalls am Markt gelegen ist, hak seinen Namen von den Figuren der deutschen Kaiser erhalten, die in den Nischen des ersten Stockwerkes stehen. „Worth" bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie Wohnplatz. Unter den übrigen phantastischen Bildwerken, die den Sims dieses aus dem Jahre 1494 stammenden Hauses zieren, findet sich auch ein „Dukatenmännchen", besten geldfabrizierende Tätigkeit in drastischer Weise bargeftellt ist.
Mit feinem roinbfdjiefen, steilen Dach einzigartig in ganz Deutschland ist das an der Rückseite des Marktes stehende „Brusttuch", ein Haus, das sich ein reicher Goslarer Hüttenbesitzer im 16. Jahrhundert errichten ließ. Die Wände sind von der Hand des Schnitzkünstlers mit sagenhaftem Bilderschmuck reich versehen und hatten einst den Zweck, die Wohlhabenheit und die hohe Bildung des Erbauers der ganzen Stadt zu verkünden Außer diesen bedeutendsten Bauwerken find die krumm- winkeligen Straßen und malerischen Plätze der Altstadt reich an unzähligen schönen Fachwerkhäusern, die sich aus dem Mittelalter bis heute erhalten haben. Allenthalben stößt man bei einem Rundgang auf Reste der mächtigen Stadtmauer und gewaltige Türme, von denen beispielsweise die Mauern des Zwingerturmes sechs Meter dick sind. Das R o s e n t o r mit dem „Achtermann" genannten Turm, das am Eingang der Stadt steht, begrüßt den Fremden bet feiner Ankunft sogleich mit seiner reizvollen Gestaltung und ist Zeuge von der einstigen Größe der Befestigungsanlagen.
Längst ist indessen neben dem altertümlichen Goslar, das den Kunstkenner wie den Freund der Geschichte gefangennimmt, eine moderne Stadt entstanden. Im Sommer locken die Ausflüge in die prachtvolle Umgebung von Wald und Berg, im Winter bieten Rodel, Schlittschuh und Schneeschuhsport mannigfache Abwechslung. Vom „Tor des Harzes", wie Goslar auch genannt wird, erschließen Postautolinien das Innere des Gebirges. Der eilige Reisende wird, wenn er mit dem Flugzeug in der einstigen Reichsstadt ankommt, hier einen der schönsten Flugplätze Deutschlands finden.
Seine eigentliche Bedeutung als Stätte uralten germanischen Volkstums fällte Goslar erst in der jüngsten Vergangenheit erhalten. Die Wiedergeburt des Gedankens der völkischen Gemeinschaft, die durch Adolf Hitler verwirklicht wurde, gab auch dem Bauerntum seine angestammten Rechte zurück. Vom Führer mit dieser hohen Aufgabe betraut, trat der Reichsbauernführer DarrS an die Spitze des Reichsnährstandes. Als damit das bodenständige Bauerntum selbst die Führung der deutfchen Bauern übernahm, ergab sich von selbst die Ueberfieblung des Führerkorps des Reichsnährstandes von Berlin nach Goslar. Im Mittelpunkt der Geschichte des deutschen Bauern befindet sich damit der Sitz der neuen Bauernführung. Alljährlich treffen sich in der alten Reichsstadt am Harz die Bauern aus allen Teilen Deutschlands zum Reichsbauerntag.
Dera ntw örtlich: Or. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerf itäts»Duch» und Eteindruckerei,A. Lange. (Sieben.


