Ausgabe 
4.5.1936
 
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Oie Städie.

Von Friedrich Bischofs*.

Moosige Mauern, Turm und Zinne;

Wehrwall dem Hussitentrotz;

An dem Burgtor noch die Rinne, Wo das Pech hinuntersloß.

Laubengänge um die Ringe, Wo das bürgerstolze Rathaus steht, Und der Tauben holde Schwinge Um die zieren Giebel weht.

Hirschberg, Schweidnitz, Neumarkt, Brieg: Namen, fern wie das Jahrtausend, Das mit Feuer, Krieg und Sieg Sternhin schwang, sie überbrausend!

Polen, Böhmen und Piasten: Nichts blieb als ein Wappenstein, Nur die Schlösser, wo sie praßten, Ragen noch ins Land hinein.

Um sie her des Jahrmarkts Mette, Bänkelsang und Schützenfest;

Wer sie kennt, die alten Städte, Weiß, daß Gott sie dauern läßt;

Denn hier wohnen seine liebsten Träumer, Sternnah, giebelüberkragt: Schauende und Weltversäumer, Denen Er ins Ohr sich sagt!

Frühling.

Eine altweimarische Ratsmädelgeschichte von Helene Bühlau.

Cs war im Mai, an einem Jahrestag von Schillers Tod. Karoline, Schillers Tochter, hatte Röse, Marie und Budana der reich begabte Horny war auf dem Weg nach Italien zu sich und ihrem Bruder Ernst eingeladen.

Ernst von Schiller wollte den lieben Freunden, an diesem schmerz-, lichen Tage, die von ihm geliebtesten Stellen ausWallensteins Tod" vorlesen. Es sollte eine wundervolle Feier werden, und er hatte die beiden lieben Mädchen gebeten, in ihren weißen Kleidern zu kommen, auch Karoline würde weiß gekleidet sein.

Feierlich war es den beiden zumute, als sie in die Esplanade ein­bogen. Die Stare pfiffen auf den alten Lindenbäumen, die Knospen waren geschwellt, schon schauten hie und da die zusammengefalteten Blätterhändchen hervor.

Marie sagte:Nun gibt's bald wieder Lindenblättersalat, eigentlich schon jetzt, jetzt wäre er am zartesten aber leid tut mir Ernst Schiller seinen Vater so bald zu verlieren es ist doch gerade, als hätte ihm der liebe Gott einen großen Schatz gegeben und weg war er, ehe er's nur begreifen konnte. Ernst Schiller ist gut; aber doch immer so ein bißchen langweilig."

Röse sah Marie an. Sie war ganz erschrocken, so schön war Marie, wie sie dahinging in ihrem weihen Kleid und gleichmütig sprach. Ja, sie war schöner als alle Leute in Weimar, das hatte auch Horny gesagt. Wie sie unter den sonnigen Bäumen ging, in denen die Stare pfiffen und dudelten, das hat sich Rösen bis ins hohe Alter eingeprägt.

Du sagst", meinte sie,Ernst Schiller wäre langweilig?"

Ja ein bißchen."

Gar nid), aber auch gar nid), ich hab seinen Vater, das muß grab vor seinem Tod gewesen sein, da war ich vier Jahre alt, dort übers Gartenmäuerchen gucken sehen un das werd ich nie vergessen wie der aussah wie ein schöner Geist und er sagte zu mir:So ein kleines, kleines Menschli und schaut so." Mensch» sagte er, heut denk ich dran un so kommt mir auch manchmal Emst Schiller vor, so schön is er nid;; aber das braucht'» auch nid)."

Du", sagte Röse wiederdas mit unferm Vater."

Da war er eben schön, wie der Herr Jesus so ein bißchen, glaub ich id) weiß nicht mehr ganz. Ernst Schiller is auch so. Ich möchte um die Welt nid), daß ihm was Trauriges passierte."

Weshalb denn grabe Trauriges?"

Weil er so aussieht. Manche Leute sehn so aus."

Ah pah!" , L s

Dich hat er sehr gern, Marie, mich etwas weniger; aber bas macht nix ich hab ihn drum grob so lieb, unb wenn ihm irgenb was geschäh, da sollte er sich nur an mich halten."

Es wird ihm aber nix geschehen."

Wer weiß." , m ,

Du, sagte Röse wiederdas mit unserm Vater.

Was denn?" m , . , , .

Daß er so oft den Tod von einem Weimaraner voraussagt in fernem

* Dieses Gedicht entnehmen wir einem neuen Buch von Friedrich Bischoff:S ch l e s i s ch e r P s a l t e r" (Dank- und Lobgesang), das im Propyläen-Verlag, Berlin, erscheint. DerSchlesische Psalter ist em großer Gedichtzyklus, in dem der Dichter das ganze Schlesien ersaht. Bischoff ist der Verfasser des früher hier besprochenen, erfolgreichen RomansDie goldenen Schlösser".

Büchelchen das is doch merkwürdig.

Wenn's der Vater nich wär, roürb ich mich vor ihm fllrchken un das Büchelchen tat ich auch ich anlangen.

Ein einzigesmal hab ich'» getan un worauf guckt ich gerade als ich's aufschlug?"

Na?"

Da stand auf einer frischen Seite ganz alleine: Heute am 28ten Februar 1805, muß ich mit Leid etntragen, daß unser Nachbar an der Esplanade, der Hosrat Friedrich Schiller, am Sten Mai zu seinen Vätern versammelt wird. Gott sei ihm gnädig, was er gar wohl verdienet hat genau so ftanbs da."

Das hast du mir schon ost gesagt, Röse, geh, tus nid) wieder. Ich weiß nich, wenn ich dran denk, kann ich den Vater nich anschaun."

Nein", meinte Röse,ich bin geradezu stolz auf ihn, wenn er so dahinschiebt, so unscheinbar in seinem grauen Röckchen, dah ein so großer Prophet in ihm steckt."

Sie waren längst am Schillerhaus vorüber und kehrten wieder um. Viel zu erzählen hatten sie sich zu jeder Zeit und versäumten deshalb allerhand.

Ernst von Schiller und seine Schwester Karoline empfingen sie schon unten im Hausflur.

Leise", sagte er,wir mässen durch das Eßzimmer, da schläft die Mutter noch."

Budang war schon da, den sie den Pudding nannten, weil er so gut war und sonst aus allerhand Gründen. Pudding aber hieß in Weimar eben Budang. So schlichen sie unhörbar an Frau von Schiller vorüber, die mitten im Zimmer auf einem Armlehnstuhl schlief. Der ab­gedeckte Eßtisch war von ihr sortgerückt und wenn sie erwachte, stand schon ein gedecktes Teetischchen bereit, das ihr bann vor ben Stuhl ge­schoben würbe.

In Karolinens Zimmer war alles mit ersten Frühlingsblumen ge­schmückt. Himmelschlüssel ftanben in großen Sträußen unb Veilchen dufteten. Es war auch ein Tisch mit Tee unb Kuchen gebeckt.

Wir wollen ganz unter uns fein", sagte Karoline.Heute wirb noch viel Besuch zur Mutter kommen. Sie ist schon mübe vom Vormittag."

Feierlich setzten sich alle unb tränten ihren Tee im Gefühl, daß sie einen geheimnisvollen großen Tag miterleben durften Unb Ernst Schiller las bann aus bem großen Werk feines Vaters und es kam fo, dah Röfe unb Marie sich bei ben Hänben faßten, was fie immer taten, wenn fie gar nicht wußten wohin mit sich vor lauter Mitgefühl ober Freude ober Staunen. Sie hatten es auch wirklich herrlich auf Erben, waren in eine Zeit gefallen, in ber alle guten Sterne sich zufammengetan, um auf das alte Weimar zu scheinen, und die ganze übrige Welt kaum mehr beachteten. Unter diesen großen Sternen­kräften lebten auch fie gehörig mit, ja, ich glaube, sie hätten mit nie­manden in Weimar tauschen mögen. Wer war fo jung wie sie, von Freunden fo geliebt wie fiel DenWallenstein" hatten sie, so oft er gegeben wurde im Theater, gesehn, mit Ernst Schiller, Budang und Horny; aber so herrlich wie heute war er ihnen noch nie erschienen.

Schillers Sohn las.ihn liebend unb erschüttert voll Sehnsucht. Röse gab Marien einen ganz zarten Puff. Sie konnte gar nicht anders, sie mußte irgendwie ihrem Herzen Luft machen. Ernst Schiller erschien ihr so einzig fo wie einst fein Vater über das Gartenmäuerchen guckte, als fie ein Kindchen war und doch schon fühlte, daß sie etwas Schönes, Unwiederbringliches gesehen hatte.

Unb sie hörte ihn wieder sagen:So ein kleines, kleines Menschli.

Da war sie mit einem Mal ganz wie zu eins verschmolzen mit Ernst Schiller unb liebte mit ihm zusammen feinen Vater. Tränen liefen ihr über bie Wangen, unb wie fie aufblickte, ftanben auch Ernst Schillers Augen voll Tränen, unb sie fanb es schön unb nicht greulich unter der Würbe ihrer Kamerabin. Er patte bas Buch aus ber Hanb gelegt.

Die Augen waren auf Marie gerichtet unb es war, als tränte er Maries große Schönheit tief in sich ein, so traumverloren schaute er.

Auch er mußte jetzt von Weimar fort, unb bas machte für ihn biefe Stunbe ergreifenber, schöner unb schmerzlicher, als hätten bie Tage sich so still für ihn weiter aneinanbergereiljt wie bisher. Ja, es lag Feier für einen großen Toten, es lag Abschieb, Sehnsucht, Schmerzliches in biefer schönen Maiabendbämmerung. Die Veilchen dufteten, der Kuchen und die Himmelsfchlüsfel. Es war festlich und traurig und unausdenkbar schon wie nur Jugendstunden sein können.

Die beiden Freunde brachten Röse und Marie nach Hause, ja wollten sie nach Hause bringen, wie aber der Abendmaienduft ihnen in die Nasen stieg und bie Stare frühlingstoller pfiffen unb bubetten als oorbern unb bie kleinen Starenkehlen bebten, als wollten sie zerspringen, bie Feberchen gegen ben Abenbhimmel auf. und niedergingen, war es unmöglich, heimzugehen und so bummelten sie hinunter an die Ilm, gingen die stillen Parkwege, wo jeder Busch und jeder Baum grünelte und wie ein Opferdampf in der feuchten Jlmluft duftete

Sie gingen schweigend. Rösen war jo wunderlich ums Herz, sie hätte am liebsten Marie gefragt, obs ihr auch so wäre, so abschiedsweh und dabei selig, dah sie so einen herrlichen Freund hatten wie ben Ernst Schiller, für Röse war es beinahe Schiller selbst, als er ihnen so hin­gerissen aus bemWallenstein" vorgelesen hatte.

Wunbervoll hatte er ausgesehen. Sie hing sich fest unb vertraulich in Bubang ein unb sagte:So werbet ihr alle gehn erst ber Horny, nun Schiller, unb balb auch bu."

Die kommen alle balb roieber nun, unb ich bleib in ber Nähe. Bon Jena ift's nur ein Sprung. Einen von uns müßt ihr behalten, ber auf euch aufpaßt, benn bas braucht ihr mehr als je."

Wieso?"

Weil ihr Kinbsköpse feib unb bleibt, bemüht aber"

No, was aber?"

Mit euch ist nicht viel zu machen Licht. Was hätte ich brum gegeben, euch

Wie haben wir uns mit euch

ihr steht euch immer selbst im Hamlet" in ber Ursprache zu