Ausgabe 
4.5.1936
 
Einzelbild herunterladen

Ja, gleich wird der Bischof in das Mondlicht heraustreten, diesmal vielleicht wirklich in vollem Ornat mit Insel und Stab, anders wird ein Bischof doch nicht schlafen dürfen. David wartet geduldig, bis sich die Tür austut, aber der da erscheint, ist wieder nur ein alter Mann. Er hat eine Bettdecke umgeschlagen, und auf dem Kopf trägt er eine Nachtmütze mit einer Quaste daran.

Wer ist da? fragt der Bischof und beugt sich über das Geländer.

Ich! antwortet David.

So, du! Was willst du denn, warum wirfst du mir Steine an das Fenster?

Ja, David möchte etwas fragen. Es ist wegen der Glocken, daß es nämlich nicht aus Bosheit geschah.

Was denn, der Bischof versteht kein Wort.

Das Geläute, erklärt David wieder. Er hätte doch mit dem Tuch winken sollen, damit die Glocken zum Empfang läuten, und das hat er versäumt, weil er nicht glaubte, daß er, der Bischof, der richtige sei, Eure Heiligkeit, fügt er hinzu.

Ja, höre, sagt der Bischof, das macht doch nichts aus. Deshalb weckst du mich mitten in der Nacht?

Nein, nicht nur deshalb. Es ist noch etwas. David hat keinen Paten. Was?

Keinen Firmpaten. Er ist auf und ab durch das Dorf gelaufen, nie­mand wollte ihn nehmen, wirklich, kein einziger Mensch.

Der Bischof überlegt sich das, Kind, sagt er dann, du mußt es dem Bater sagen!

Freilich, nur hat David keinen Vater. Eine Mutter hätte er, aber die ist weit in der Stadt, und krank ist sie auch.

Schweigen. Kein einziger Mensch, sagst du?

Nein, niemand. Und darum möchte David den Bischof fragen, ob er es morgen nicht vielleicht ohne Paten machen könnte, er würde draußen in der Sakristei auf ihn warten.

Ganz ohne Paten, meinst du? Ach, das geht wohl auch nicht.

Der Bischof steht da oben im Mondlicht auf dem Balkon und wiegt den Kopf und denkt ernsthaft nach. Wie heißt du eigentlich? fragt er nach einer Weile

David.

So, der mit der Schleuder. Also, David, ich will dir etwas sagen. Geh jetzt heim, verstehst du, mir wird kalt. Und morgen wirst du einen Paten haben, das laß nur meine Sorge sein.

Bestimmt?

Ganz besttmmt. So wahr ich der richtige Bischof bin!

Am andern Morgen kleidet sich David festlich an, auch in die Schuhe zwängt er sich hinein, mögen sie immerhin ein wenig drücken. Er geht zur Beichte und nimmt das Abendmahl bei der ersten Messe. Dann wird es Zeit, daß er sich nach einem Frühstück umsteht, David hat eine Menge einzubringen. Auch der Bischof ist schon auf, eben kommt er die Treppe herunter. Er stutzt einen Augenblick und betrachtet den kleinen David, der im Flur an seinem Kuchen kaut, plötzlich aber macht er wieder sein pfiffiges Gesicht und zwinkert ihm zu.

Uebrigens bleibt keine Zeit, lange zu lächeln und zu blinzeln, das ganze Pfarrhaus ist wie aus den Fugen. Vor allem rennt der zweite Mann, der im Wagen saß, türaus und türein, der Kämmerer des Bischofs, er hat für tausend Dinge zu sorgen. Denn nun entfaltet sich erst der Glanz und die Pracht des hohen Herrn. Im Eßzimmer kleidet er sich an, dann wird er unter dem Traghimmel in die Kirche geleitet. Das Rauchfaß wird vor dem Bischof hergetragen, und das Kreuz an der Spitze ist ihm zugewendet, so nahe steht er dem Herrn.

Auch David kniet am Altar mit Chorrock und rotem Mäntelchen, aber es ist kein gewöhnliches Hochamt, sondern ein schwieriger Dienst mit den vielerlei Geräten und Zeremonien, ein weitläufiges, feierliches Spiel, obwohl der Kämmerer vorher gesagt hat, es sei alles ganz einfach, nur dürfe niemand über die Kommunionbank springen, auch nicht in der höchsten Rot, und wo schon einer stehe, könne kein andrer stehen.

Jetzt trägt der Bischof wirklich den großen Ornat, Mitra und Stab, weiß und erhaben steht er auf den Stufen. Allein er verwandelt sich jeden Augenblick wieder. Der Pfarrer und Pater Johannes in ihren goldgestickten Dalmastken haben alle Hände voll zu tun, und nur selten treffen sie gleich das Passende. Dazu ist die Kirche ungefüllt mit erregten Menschen, die Orgel braust und trillert, ja, der Lehrer hat es leicht! Er sitzt hinter seinen Noten verschanzt und braucht nicht zu wisien, warum der Bischof nun am Altar steht und plötzlich keinen Finger mehr rührt. Pater Johannes bringt ihm den Stab, nein, den Stab will er nicht. Das Waschbecken? Er bleibt unbewegt. Der Pfarrer versucht es mit dem Meßbuch auf der Evangelienseite und rückt ein wenig daran, auch das ist es nicht. Endlich hat der Pater eine Eingebung, die Mütze! Er nimmt dem Bischof die Mütze ab, und nun ist alles gut. Nun kann der Bischof den Ablaß erteilen.

Nie verliert er die Geduld, und wenn ihm etwas zur Unzest entführt wird, so greift er nicht danach, sondern wartet ruhig, bis man es wieder- bringt. Oftmals wendet er sich zu den Gläubigen und singt. Eine schöne Stimme hat der Bischof nicht, aber eine väterliche Stimme, ein wenig schwankend von Güte und herzlicher Milde.

David betrachtet ihn unablässig mit beklommener Ehrfurcht, beinahe verlöschen ihm die Kohlen im Rauchfaß, so sehr ist er benommen. Einmal sieht er, wie der Bischof schnell ein Gähnen unterdrückt, da fühlt David einen Stich im Herzen. Oh, er weiß, warum der Bischof müde ist und gähnt! Wie sagte er in der Nacht? So wahr ich Bischof bin, sagte er.

David hat schon ein paar Mal die Schar der Firmpaten durchge­mustert, es ist keiner überzählig. Aber er glaubt dennoch an das Wort des Bischofs. Es würde ihn gar nicht wundern, wenn plötzlich etwas Ungewöhnliches geschähe, wenn der Bischof vielleicht zu einem der Heiligen träte und ein paar vertrauliche Worte mit ihm spräche. Bruder Ambrosius, wurde er wohl sagen, sieh, da ist David, er hat keinen Paten, niemand will ihn nehmen. Tu mir den Gefallen und steig herab!

Nach der Mesie sitzt der Bischof auf seinem Thronsessel vor dem Altar, er legt die Hände ineinander und betet still mit geschlossenen Augen. In­dessen stellen sich die Firmlinge auf. links die Mädchen, rechts die Buben, zwei lange Reihen vom Speisgitter bis zur Türfäule. Es ist ein Gerenne und ein Geflüster im Kirchenschiff, auch die Ministranten reihen sich ein; jeder findet feinen Mann, der ihn am Aermel faßt und vor sich hinzieht. Nur David steht noch immer allein

Langsam steigt ihm wieder die Angst in die Kehle. Schläft der Bischof? Pater Johannes stellt schon die heiligen Gesäße auf den Tisch, das Del und den Krisam, o Gott, sicher ist der Bischof auf seinem Sessel eingeschlummert vor lauter Müdigkeit, und später wird ihm keine Zeit mehr bleiben, sich um David zu kümmern! Man müßte einmal laut niesen oder einen Leuchter umwerfen, denkt David. Silber jetzt steht der Bischof ohnehin auf.

Er betet laut und lang nichts geschieht.

Er steigt die Stufen herab noch immer nichts.

David ist schon ganz blind von Tränen, da faßt ihn plötzlich jemand an der Hand und führt ihn ganz nach vorn, und wer ist es? Der Käm­merer des Bischofs!

Ach, seht alle her! Flüstert nur und verdreht die Hälfe, David kann doch nichts anderes tun, als das Wasser seiner Augen rinnen lassen. Der Bischof steht vor ihm, weiß und schimmernd und ganz nahe, ein riesiger Bote Gottes, Er schaut den Kämmerer fragend an. Cornelius, sagt der Pate. So heißt er mit Vornamen. Cornelius, sagt auch der Bischof und legt dem kleinen David die zittrige Hand auf den Scheitel, ich stärke dich mit dem Krisam des Heiles, der Friede sei mit dirl David bläst die Wange auf, denn nun wird der Bischof gleich ausholen und wird ihm eine mächtige Ohrfeige versetzen zur Erinnerung an den Schlag, den der Herr vor Kaiphas empfing und zum Gleichnis aller Unbill, die ein wahrer Christ für feinen Glauben hinnehmen muß. Aber der Bischof klopft ihm nur mit zwei Fingern auf die geschwollene Backe, und dann ist alles-vorüber. Pater Johannes verbraucht eine Menge Watte und Tücher, bis er das Gesicht des kleinen Davids wieder trocken gewischt hat.

So. Wer war nun der Vorderste in der ganzen Reihe, der Säge- meister etwa, der Vorstand? Nein, David. Wer hat den würdigsten, den vornehmsten Paten, wer heißt nicht Joses oder Matthias, sondern Cor­nelius? Wiederum er, denn es steht geschrieben: die Letzten werden die Ersten sein.

Und nicht genug damit, David wird auch noch zum Essen eingelaben, wenn es dem Pfarrer recht ist, meint der Bischof. Ja, der Pfarrer hat natürlich nichts dagegen. Er wundert sich nur schon die ganze Zeit über den kleinen David, erst sollte es der Vorstand fein, und nun ist es gar der Kämmerer! Der Pfarrer kann ja nicht roiffen, was sich zu nachtschlafender Zeit in feinem Garten begeben hat.

David sitzt also in sich gekehrt zwischen den beiden Gästen im Eß­zimmer, der Tisch ist schneeweiß gedeckt und mit Blumen ver­ziert. Die Sonne fällt herein, sie malt ein doppeltes Kreuz an die Wand, aber nicht düster, sondern schön und farbig gesäumt. Es riecht wunderbar in diesem Zimmer, ein wenig nach Obst, ein wenig nach frischer Wäsche und Lavendel.

Zuerst kommt Suppe auf den Tisch, goldgelbe Hühnersuppe mit kleinen Knödeln darin. David sticht vorsichtig einen an, da dreht er sich blitz­schnell herum und springt davon, mitten hinein in den Teller des Bischofs. Das sollte nicht vorkommen, der Bischof lächelt und betupft seinen Talar mit der Serviette, dann gibt er David den Knödel zurück und zerteilt ihn auch gleich mit dem Löffel.

ihn nur, sagt er. Ich habe selbst einen.

David meint, der Bischof hätte vielleicht einen Witz machen wollen, er wagt ein kurzes beifälliges Gelächter, aber weil ihn Pater Johannes so drohend anschaut, verstummt er schnell wieder. Auch sonst sind seine Tafelsitten nicht übertrieben fein. Warum soll es verboten sein, mit dem Daumen nachzuhelfen, wenn die Gabel nicht mehr zureicht? Er ver­säumt ohnehin das Beste, die Forellen zum Beispiel, weil er sich zuviel Rollschinken herausgenommen hat und die Schwarte nicht hinunter­bringt. Erst bei den Brathühnern reiht er sich wieder ins Gefecht.

Äch, so ein Hühnchen, so weiß und mild im Fleisch, ein Labsal ist es, ein Gottesgeschenk! Sogar die Eminenz hält mit der Gabel inne und führt sich den Bissen andächtig vor Augen, ehe sie ihn verschlingt. Der Pfarrer steht auf und schenkt den Wein aus, mit der Linken hält er sich den Talar zurück, damit er nicht in die Brühe taucht, und die rechte läßt den kostbaren Trank in die Gläser glucksen. David blickt auf und wartet, bis alle getrunken haben, dann sagt auch erZum Wohl" aus vollem Munde, und sein ganzes Gesicht glänzt von Freude und Hühner­fett. Er wendet das Gerippe aus feinem Teller hin und her und schält Die zarten Bissen heraus, würzig schmelzen sie auf der Zunge, schnell, auch viel zu schnell gleiten sie hinunter. Unten trifft das Huhn aus die Suppe und die Leberknödel, das alles kommt ihm so bekannt vor, dem Hühnchen, und plötzlich schnalzt es laut aus Davids Mund. Er ist selbst zu Tode erschrocken über diese unerwartete Stimme. Helf Gott! sagt der Bischof. Pater Johannes holt seinen Blick wieder vom Himmel herunter und lächelt säuerlich.

Man macht eine Pause, damit sich alles ein wenig setze, denn auch die Torte soll noch den gehörigen Platz vorfinden, das Meisterstück der Köchin Helene. Während man sich behaglich zurücklehnt, zieht der Bischof den kleinen David ins Gespräch.

Was willst du denn einmal werden? fragt er. Einsiedler, höre ich?

David läßt seine Augen schnell in die Runde gehen, welcher von euch hat mich verraten?

Nein, sagt er, Einsiedler nicht. Aber was eigentlich? Er hat noch nie darüber nachgedacht, was er einmal werden könnte. Irgend etwas, Bischof vielleicht, wenn es dem Herrn ein Gefallen ist.

Nun ja, Bischof. Das wäre viel oder wenig, wie man es nimmt. Da müßte David freilich noch allerlei lernen, das confiteor allein würde nicht hinreichen. Möchte David das, in der Stadt leben und lernen, viele Jahre lang?

(Fortsetzung folgt.)