SietzeiierZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1936 Montag, den Mai Nummer 34
erwidern.
rollt auch endlich ein
gesucht.
Recht so, wer ist es denn? . .,
Der Borstand, erklärt David großartig. Ich mähe dafür bei ihm.
Was, der Vorstand? Darauf hat der Pfarrer nichts mehr zu erroit
Am Samstag nach Mariä Heimsuchung kommt der Bischof an Man wartet vor dem Dorf auf den Wagen, Rersiggewmde smd über die Straße gespannt, der Pfarrer ist da, der Vorstand und wer sonst die Gemeinde in Ehren vertreten kann, der Lehrer und der Wachtmeister. Pater Johannes hat die wachsbleiche Agnes vor sich an den Zaun gelehnt damit sie noch einmal seinen Vers aufsage, er Zahlt ihr die Silben mit den Fingern her, aber sie bringt kein Wort h^aus, ihre Augen sind schon ganz gläsern vor Angst und Verwirrung. Davck hm- geaen hockt im Eschenwipfel und starrt unverwandt auf d e Straße hinaus/Sobald der Krummstab hinter den Buschen auftaucht rarem Schimmer vom Gold der Bischofsmütze, wird er em werßes Tuch flattern lassen, und dann schlagen die Glocken zusammen und die Ehrenschusse donnern auf dem Hügel. .
Ja es ist alles auf das beste voroereltet, letzt
Wagen heran, aber es ist noch nicht der richtige. Zwei alte Manner fihen darin, der eine ist barhaupt, der andere tragt einen runden Hut den er dann und wann ein bißchen lüstet. Der Hausmeister wird es fein denkt David, zwei vom Gesinde. Allein nun steigt dieser Rundhut aus' der Pfarrer tritt hinzu, der Pater Johannes b"de smken ms Knie, und David traut den Augn nicht, ste kicksen wahrhaftig dm Ring an seiner Hand. Wie wird man erst den Bischof begrüßen, denkt er, wenn chon seinem Hausknecht so geschieht!
Der Vorstand äugt in den Baum hinauf, warum zum Teufel wink denn David nicht? Ja, er wartet noch immer auf den wirklichen Bischof, obgleich ihn schon leise Zweifel ankommen. Aber der hier kann es doch nicht sein, das muß der Vorstand einsehen, so ein grauhaariger Mann, de? ganz einfach auf der Straße steht, mit nichts als einer Quastenschnur auf dem Hut und im ganzen ein wenig krumm und zerkmtterll Rein, seinetwegen rührt David keinen F'uger Der Vorstand muß schließlich selbst sein Sacktuch herausziehen, damit die Glocken endlich zu
Das Jahr des Herrn
Roman von Karl Heinrich Waggerl
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.
(9. Fortsetzung.)
Gut, David, dann brauche ich mich um keine Hilfe zu kümmern. Aber was verlangst du für die Woche?
Nichts, wird David antworten. Eine Gefälligkeit, weil es sich gerade trifft, daß er einen Paten zur Firmung braucht.
Ja wird der Vorstand sagen, wenn das alles ist?
Am Abend redet auch der Pfarrer von dieser Sache. Wir muffen uns beizeiten nach jemand umsehen, meint er, und wenn ich keiner für dich füidet wird es vielleicht der Peter tun. Peter ist em Tagelöhner, er nimmt auch sonst jede Arbeit, die ein anderer scheut, warum sollte er nickt für einen Paten zu brauchen sein? ,
David schüttelt den Kopf. Nein, er hat sich schon einen besseren aus-
Und indessen wird Agnes vorangeschoben, ach du lieber Gott ihr ist so sterbensübel! Aus dem, was sie nun hernorstottert., laßt sich bet weitem kein Bischofsname zusammensetzen. Am Ende ersöffe das gan.ze herrliche Gedicht in Tränen, wenn sich der graue Mann nicht rechtzeitig niederbeugte und wenigstens den Blumenstrauß an sich nähme, ^r lachelt und nickt und legt der kleinen Agnes die Hand auf den Scheitel, mit dem Daumen zeichnet er sanft ein Kreuz über ihre Stirn.
So, sagt er, das hast du aber brav gelernt! Das mochte ich wohl auch können, dieses kleine Gebetchen. Wie heißt du denn? Agnes, siehst du Dann habe ich ja mein Schäfchen schon gefunden.
Ack und der Zettel? Die Ansprache?
Pater Johannes stellt sich zurecht und öffnet den Mund, aber der Bischof nickt auch ihm nur freundlich zu. Ja, sagt er m die Runde, meine Herren, da wollen wir uns weiter keine Muhe verursachen, gehen B^llnl) Pater Johannes macht den Mund wieder zu.
Wie nun de? greife Mann durch die Straße schreitet, voll Wurde und unbegreiflicher Hoheit in seinem schwarzen Gewand, wie er die Hand vor das faltige Gesicht hebt, um alle Leute zu segnen, die in ben--.uren knien, da glaubt auch David, daß es der wahre Bischof ist. Rührung
:, der sogar aus
igftens einen ck überhaupt
Kein einziger Mensch im ganzen Dorf. David geht von Tür zu Tur, es ist ihm schon alles gleichgültig. Auch den Schuster fragt er durch das Fenster, haarscharf fliegt ein Leisten an seinem Kopf vorbei. David sagt nichts, er dreht sich um und holt den Leisten von der Straße und legt ihn wieder auf das Fensterbrett zurück.
Und überall klopft er vergebens an. Jetzt kommst du? fragen die Leute. Bist du närrisch — am allerletzten Tag?
Niemand, niemand, auch Peter nicht. Der ist vollständig betrunken und versteht kein Wort.
David läuft nach Hause, er zieht wenigstens sein Festgewand hervor und breitet die ganze Herrlichkeit auf das Bett, einen anderen Trost hat er nicht mehr. Ja, wenn die Mutter da wäre, die würde ihm helfen, sie würde einfach einen Paten kaufen und bar bezahlen, irgendwie brächte sie es zustande. Agathe kann leicht reden und sagen, er müsse sich selber helfen, — wie denn? Sie lachen ihn ja bloß aus, keine Seele kümmert sich um ihn. , , ,. ,
David möchte am liebsten sterben. Er konnte jetzt zur Köchin Helene gehen und sich ein Stück Kuchen ausbitten, aber nein. Nichts mehr wird er essen und morgen früh wird er verhungert fein. Dann werden sie heulen und Asche auf ihr Haupt streuen ° Gott werden sie sagen, warum hat er uns das angetan? Wer hütet uns jetzt die Kühe und die Kinder wenn David nicht mehr ist? Und Agnes wird täglich an fein Grab kommen, um Rosen darauf zu streuen, bis sie selber an gebroche- nCn2)k%dt vencknnt. Am Abend spielt noch einmal die Musik vor dem Pfarrhaus auf allen Höhen brennen Feuer zu Ehren des Bischofs, aber David rührt das gar nicht mehr. Er hockt im Dunkeln auf dem Bett todesdüster sind feine Gedanken. David fühlt ja schon, wie es mit ihm 'zu Ende geht, sicher ist das der Tod, was er in feinen Eingeweiden spürt. Lebt wohl alle, Mutter, Agnes! Agathe, du auch.
Verweint und hungrig schläft er ein.
Erwacht nun David nie mehr? Doch, mitten in der Nacht fahrt er aus dem Schlaf. Es ist stockdunkel, aber in feinem Kopf ist es merkwürdig hell geworden, augenblicklich faßt er einen guten Gedanken.
David steht auf und tappt im Finstern über die krachende Treppe hinunter. Leise schließt er die Tür auf, geht über den mondhellen Platz, das ist alles ganz einfach. Er steigt über den Zaun in den Pfarrgarten, weil das Gatter geschloffen ist, und steht vor dem Haus und horcht Die Uhr schlägt eins, gleichviel, es ist keine Zeit zu verlieren. David hebt ein Steinchen auf und wirft es gegen das Fenster des Gastzimmers hinter dem Balkon.
Nichts, Stille.
Ein zweites, wieder nichts. , .,
Noch eines, ein größeres, da regt sich etwas hinter der dunklen Scheibe.
kommt ihn an, schmerzliche Reue. Oh, gewiß kränkt es den Bischof bitter, daß David so an ihm gezweifelt hat. Vielleicht kann er gar nicht mehr mit Stab und Mütze reifen, er ist schon zu alt und müde für eine [0 schwere Last, und nun erkannte ihn David nicht und versagte ihm schmählich das Geläute! Er würde gern hingehen und den Saum seines Kleides tragen, die Leute brauchten nicht zu wissen, warum er es tut. Aber der Bischof sähe wohl einmal hinter sich und verziehe ihm.
Jetzt führt der Pfarrer seinen Gast in das Haus, da kniet Helene in voller Breite zwischen Tür und Angel, und ihre Augen sind so groß und himmelblau vor inbrünstiger Gläubigkeit, daß der Bischof nicht anders kann, er muß ihr besonders und noch einmal und ganz allein
seinen Segen erteilen.
Es ist die Köchin, sagt der Pfarrer zur Entschuldigung.
Ja, antwortet der Bischof und macht plötzlich ein unsagbar pfiffiges Gesicht. Ich weiß! Ich weiß es noch gut, Helene!
Und nun laßt die Glocken endlich schweigen, die Böller und die Trompeten, der alte Bischof will ein bißchen schlafen.
David streift durch das Dorf und sucht den Vorstand. Es ist ihm nicht wohl zumute, er hat die entscheidende Frage immer wieder hinausgeschoben, und nun wird der Vorstand wahrscheinlich wenig Lust haben, auf den Handel um die Patenschaft einzugehen. Weiß Gott, wird er sagen, ob ich mich auf einen Menschen verlassen kann, der sogar auf Bäumen einschläft. .
Und so geschieht es auch wirklich. Der Vorstand spricht gerade mit dem Schmied, das macht die Sache nicht besser. — Da bist du ja! ruft er schon von weitem. Dich schicke ich einmal um den Tod, sagt der Vorstand. Er lacht zwar dabei, aber dem kleinen David bleibt doch das Wort in der Kehle stecken.
Was soll er nun tun? Morgen ist Firmungstag, alle werden in der Kirche stehen und ihre Paten hinter sich haben, wenigstens einen Tagelöhner, wenn schon keinen besseren, nur er allein wird ------p- niemand haben. Wer ist das? wird der Bischof fragen. Ist es nicht David, der mich auf dem Efchenbaum verleugnet hat?
Ja, der! Kein Mensch mochte ihn nehmen.


