Ausgabe 
3.8.1936
 
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nächsten Abend begab sich der Pedell wieder an sein schwieriges Amk. Vermutlich wäre ihm auch diesmal kein Glück beschieden gewesen, wenn die Iünglingsherzen nicht der lieben musica gefröhnt hätten. Der Pedell hörte sein Lieblingslied:

Rajenstock, Holderblüh, Wenn ich mein Dirndl sieh. Lacht mir vor lauter Freud s Herzl im Leib."

Das zieht ihn mächtig an. Panik, Flucht durch das Fenster, wobei in den Händen der rächenden Gewalt der Spitzenbesatz eines nicht näher zu bezeichnenden weiblichen Gewandstückes verbleibt. Der Pedell hat ein fühlendes Herz und um den Schaden wieder gutzumachen, stiftet er eine Runde und kneipt mit.

Nun aber zeigt sich Dudens große pädagogische Fähigkeit. Er gibt den ertappten Schülern nur einen Verweis und überläßt den Eltern die Bestrafung ihrer mißratenen Kindlein, worüber er sich allerdings vor­sichtshalber Bericht erstatten läßt. Ja, er genehmigt sogar Kneipabende, an denen er wohl auch gelegentlich teilnahm, und wenn dann sein LieblingsliedZwischen Frankreich und dem Böhmer Wald" erklang, so wurde noch eine Stunde zugegeben es ist anzunehmen, daß dieser musikalisch-geographische Hinweis ziemlich oft bei diesen feuchten Ge­legenheiten gegeben wurde ja, es wurden wohl sogar die beiden ersten Stunden des folgenden Vormittags abgesetzt. Glückliche Jugendl

Auch sonst war Dudens Urteil salomonisch. Er sah gern in den Pausen den Spielen seiner Schüler zu. Im Sommer fanden oft Reiter­schlachten statt, will sagen, größere Schüler nahmen kleinere auf die Schulter, die sich nun gegenseitig herunterzuboxen hatten. Hierbei geschah es einmal, daß ein Bub unglücklich fiel und sich den Arm brach. Da mußte Duden zu seinem Kummer das kriegerische Spiel verbieten. Doch gab es im Winter dafür Schneeballereien. Auch hier geschah Böses: die Fenster der unteren Klassenräume gingen in Splitter und sahen, wie der Pedell noch heute mit nachhallender Erregung berichtet, einer Ruine gleich. Aber von einem Verbot der Schneeballschlachten wollte Duden nichts wissen, so lieh er einen jeglichen, ob schuldig oder nicht, einen Betrag von 5 Reichspfennigen zahlen und Ruine wie Ruhe waren hergestellt.

Er war ein Weltmann, dieser praeceptor Germaniae. Als einmal ein Schülerball war, hatten die Herren Tänzer einen nicht unbegreif­lichen Heidenbammel, vor ihren Schönen als Pennäler gedemütigt zu werden. Sie drückten sich also möglichst vor ihm, was keine besondere Heiterkeit aufkommen ließ. Schließlich mußte man sich doch einmal zu einem Hofknicks mit bebberndem Herzen entschließen. Aber, siehe, der Alte" sprach höflich einige gesellschaftliche Worte, ganz als ob kein Untertanenverhältnis des Angesprochenen bestünde.

Dies alles aber geschah zu Hersfeld, jenem Städtchen mit den ver­träumten Häuschen, das verhältnismäßig spät aus seinem mittelalter­lichen, keineswegs sehr geruhigem Schlafe erwacht ist, das deutsche Kaiser in seinen Mauern sah, das durch Wildenbruchs Hexenlied Be­rühmtheit erlangte, wiewohl es um wichtigerer und erregenderer Tat­sachen willen in unserem Bewußtsein haften sollte. Es sind diesem Manne, der es in dem damals mit Titeln recht kargen Preußen zum Geheimen Regierungsrat brachte, große Posten als Gymnasialdirektor in bedeutenden Städten angeboten worden. Er lehnte ab. Er wirkte im kleinen Ringe.

Und als dieser treue Diener am Werk nach beschaulichen Jahren in Wiesbaden, ein Achtzigjähriger, heimging, hieß er sein Irdisches nach Hersseld überführen.

Da schläft er nun gut, er, der seine Schüler nie schlafen ließ, sondern sie lebendig hineinriß in Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft seines Volkes Konrad Duden, ein deutscher Schulmann.

Burg in der Nacht.

Von Franz Schauwecker.

Bon Diethfurt her kommend bog unser Wagen in den geschwungenen Laus des Altmühltals ein und glitt hin zwischen Feldern, die sommerlich grün waren, reine, weiche Teppiche von Wiesen, hinter denen aus jen­seitigen Waldhöhen Kirchtürme und rötliche Dächer blickten und schmale, schattendunkle Täler sich schweigend öffneten. Felsen brachen aus dem düsteren Nadelgrlln hervor und verbargen sich hinter neuen Wäldern wie Geheimnisse und Legenden über dem geschnittenen Gras und dem heiteren Flußband, das alles in verschlungenen und gebrochenen Bildern spiegelte.

Wir kamen durch freundliche Städtchen, wo die Gärten der Häuser zuweilen in den senkrecht dahinter aufsteigenden Felsklüften sich ver­krochen und mit der ungefesselten Natur einen heimlichen Bund schlossen, Buchengestrüpp über Salvien, deren betäubendes Rot wie ein Ausbruch unterirdischer Feuersbrunst im Moos glühte.

Das alles war sehr schön: die sanften Biegungen des Tales, die weidenden Herden der Rinder, der tiefe Klang ihrer Glocken, die allen Giebel, weiße Wolken im tönenden Blau und die fernen, federzarten Strichelungen der Fichten auf den Höhenkämmen vor dem Himmel, der ins Unendliche zurücktrat.

Der Wagen surrte durch ein winkliges Stadtwesen, und dann öffnete sich der Raum vor dem kommenden Tal, das sich wunderbar entfaltete, gleichsam wie ein Fächer aus Sonne, Wald, Fluß und Gefelfe. Das alles war wie eine klare und leise Melodie, die sich im Augenblick mit einem schwellenden Ton zu einem strahlenden, in sich beglückten Klang erhob und mitten im höchsten Blau stehen blieb und schimmerte.

Mitten darin lag auf einem riesigen, grauen Felsen, der nackt wie ein Geschöpf der Vorzeit aus den Tannen hervorstarrte, eine verwitterte Burg, von der einige Schwalben hinschossen, welche den hallenden Ton der Land­schaft auf den großen Bögen ihres Fluges bis in die Wolken zu tragen schienen.

Und in diesem Augenblick fagle die Frau neben mir-Das ist Schloß Prunn, und da oben ist ein Teil der Urschritt '->nVebes

gefunden worden".

Das verwandelte die Landschaft in einer Sekuuoe. piuij-uy uiuioe im Westen die schwere, zusammengerollte Wolkenbank sichtbar, die den Himmel breit überquerte gleich einer Straße und von einer Luft begrenzt war, die einem grünlichen Meere glich. Es ging ein Schatten von diesem Grat aus, den ich bisher nicht bemerkt hatte, und der sich nun allen Dingen mitteilte und den Stein noch härter, die Luft noch schwebender, das ferne Geläut noch prophetischer machte. Es fiel ein maßloses Dunkel über das heitere Tal, und wenn es den Begriff eines dunklen Lichtes gab, so empfand ich dieses finstere Licht in jedem Blick, und es stand hinter jeder Wegkrümmung wie ein Vermummter. Denn wenn die uralten Gestalten unseres Blutes und unserer Geschlechter ohne Ankündigung plötzlich laulos vor uns hintreten, verlieren die Dinge ihre unbesorgte und gegenwärtige Heiterkeit, und sie werden schwer und erfüllt von den Schicksalen der Er­füllungen und der Verzichte, der Siege und der Untergänge, die auch noch über unfern verstecktesten Pfaden und verschwiegensten Gängen glimmen.

Ehe ich zur Besinnung zu kommen vermochte, waren wir schon an der Burg vorbei und rollten weiter unferm verabredeten Ziel zu. Aber am Abend, bei der Rückkehr wollten wir die Burg besuchen, obwohl schon lange vorher die Besichtigung abgeschlossen war. Jedoch kannte die Frau neben mir denKastellan", und sie versicherte, daß er uns auch noch spät alles zeigen würde.

Bei hereinbrechender Nacht tarnen wir an. Tastend klommen wir einen schmalen Stieg mit Holzstufen hoch, und unterwegs hörte ich die andere romantische Geschichte, die mit diesem uralten Gemäuer verwachsen ist, die Sage von den drei ritterlichen Brüdern, die um des Burgfräuleins willen die Burg auf dem kaum armbreiten Steg des gewachsenen Felsens über dem tiefen Absturz umreiten wollten: der erste stürzte ab, der zweite gleichfalls, der dritte aber umritt den verhängnisvollen Felsen. Am Tor erwartete ihn das Fräulein. Er sprang vom Pferde, dankte und ritt davon. Das ist eine romantische Geschichte, und es steckt in der heutigen Zeit noch genug Romantik, um sie sich auf gewandelte Weise immer wieder einmal wiederholen zu lassen, wenn man auch über dieRomantik" lächelt, die man selbst zwischen Dynamos und Lautsprechern fachlich feststellt.

Aber nun tarnen wir nach diesem unvermeidlichen Vergleich zwischen Heut und Je oben auf der Raubvogelklippe an und betraten über eine Holzbrücke den Burghof, während uns die Tochter desKastellans" vor- ausging. Im letzten Glanz des Abends lag der Burghof vor uns, eine vor allen Schemen der Dämmerung umwitterte Grasnarbe zwischen Burg­wand und Gemäuer, Holundergebüsch und klaffenden Toren. Mitten im hohen ungemähten Gras standen bis an die Sitze darin versunken alte Holztische und Bänke, von denen man in das Tal sah, wo die Dunkelheit herankroch mit den winzigen Lichtern ferner Häuser, die in der Dämme­rung zusehends verschwanden, während wir durch das schwarze, schmale Tor stiegen und eine enge Treppe hochzuklettern begannen.

Wir betraten einen grauen Steingang, und durch die Bleischeiben der Fenster sahen wir noch einmal die Sonne, die, als wir den Aufstieg begannen, schon verschwunden gewesen war. Da stand sie fern im Zipfel des Tals und sah uns an wie das Auge Gottes, das uns erkannte in der beginnenden Finsternis unter den blaß hervortretenden Leuchtfeuern der Sterne.

So betraten wir die uralten Stubengetjäufe, die hoch über dem abgefuntenen Bette des Tales lagen und doch tiefer versteckt schienen als die Wipfel dort unten. Ein sonderbar vertrautes Maß bestimmte diese schweigenden Räume, und verwitterte Luft in den Ecken, nie geatmet, war heimatlich wie der Ruf eines Kindes hinter dichten Büschen und wie der Schrei eines unsichtbaren Vogels im Waldgrund. Es gab keinen Laut hier: nur der Schritt unserer Füße war hörbar, das feiten verlorene Wort einer Frage, und es regte sich nur das Flackerlicht eine einsamen Kerze in einer Hand, die wie von je dazusein schien.

So sahen wir Gang und Gesindestude, ©aftraum und Kellergewölbe, die schweren Stühle, den riesigen Humpen aus Holz, die Folterkammer, das Hungerverlies und am Ende die Frauenkemengte mit dem zierlichen Erker. Dort war in einem Schrank ein Teil des Nibelungenliedes von einem Mönch am Ende des sechzehnten Jahrhunderts gefunden worden. Die Nach­bildung des Schrankes stand dort: der Schrank selbst war längst fort wie das Pergament, wie die Menschen und das Lachen, wie Schritt und Schmerz, und nur der Staub eines Traumes schien im Schimmer der Kerze die Winkel noch einsamer und ferner zu machen.

Die Stille hielt uns den Finger leicht auf den Mund Der Staub jener Träume und Qualen, Wünsche und Verzichte aber bedeckte überall den Boden wie ein fruchtbares Erdreich, und ich sah Farne üch en*1 allen, ich sah Vogelbeerbüsche wachsen, ich roch den bitteren Geruch zerriebener Blätter über dem samtenen Moos, durch das grünschillernde Käser krochen, wo der Tau die zarten Gespinste der Spinnen versilberte und die Zauber­wurzeln der Kräuter tränkte. So tief war die Stille, daß der ferne Rus der Vögel sich noch entlegener machte und gleich Tropfen in sie hineinfiel, daß der Klang leise in langen Ringen kreiste und unter dem hängenden Laub zerglitt.

Dann kam die Stimme des Mädchens, das uns führte, aus der Nacht und dem Kerzenfchimmer, und der Staub lag zart und farbig über allen Dingen. Wir gingen die steilen Treppen hinunter und standen plötzlich im Burghof unter den Holunderbüschen im Gras. Die Luft strich kühl über unsere Stirnen. Mitten im hohen Gras klaffte eine mit morschem Holz eingefaßte Dcffnung.

Als ich mich darüber beugte, starrte eine schwarze Leere empor. Ich leuchtete hinein, aber die Leere wollte sich nicht füllen. Es war der Brunnen der Burg. Aber als ich geduldig lange Zeit hinuntersah, schwamm dort unten ein bleicher Glanz, der Schimmer eines Sternes, der über uns im unendlichen Blau der Nacht noch nicht zu glänzen vermochte.

Betanttootllicb: Dr. flanä Thhriot. Druck und Detlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gieße«.