Dor der Ernte.
Bon Martin Greif.
Nun rühret die Aehren im Felde
Ein leiser Hauch.
Wenn eine sich beugt, so bebet
Die andere auch.
Es ist, als ahnten sie alle Der Sichel Schnitt — Die Blumen und fremden Halme Erzittern mit.
Oer Tod des Löwen.
Eine Novelle von Alfons v. Czibulka.
Auf der Donau, über den Kuppeln und Türmen der summenden Stadt über den Bastionen und Wällen, über den fernen, schon in h-llem Grün schimmernden Forsten des Wienerwaldes und dem Himme. darüber lag das Goldnotz des Frühlings. In den Gesichtern aller Wiener war ein Lächeln. Unbekannte winkten einander zu in bem ©ebrange der engen Gassen, und selbst die farbenreichen Kavaliere die sich m ihren Sänften und Karossen von dem Schwarz und Braun der Burger, röcke abhoben wie bunte Papageienvogel von einer Schar braungrauer Spatzen, nickten und dankten freundlicher als sonst. u , . .
Aber nicht die wärmende Aprilsonne allein war die Ursache so gehobener Laune. Daß man seit einer Woche durch die prunkvoll geschwungenen schmiedeeisernen Tore des Schlosses Belvedere wieder die kleine Gestalt des greisen Feldmarschalls in seinem schlichten braunen Soldatenrock durch die Alleen wandeln, an den steinernen Bildwerken des Parks, an den schon grünenden Bosketten und Beeten verweilen sah, machte die Wiener so froh. . -
Seit dem Herbst hatten sie um sein Leben gebangt. Den ganzen langen Winter über war im Belvedere der kaiserliche Leibarzt Garelli cim und ausgegangen und die andern Doktoren in ihrer schwarzen Talaren und weißen Perücken. Darum hatten ja auch, als vor zwei Tagen die vier Jsabellenschimmel die Karosse des Marschalls wieder in würdevollem Trab zur Hofburg zogen die Wiener 'hr "Vivat Eugeriius gejauchzt, als hätte er eben erst Zenta, Turin oder Belgrad geschlagen.
Die Handwerker pfiffen bei der Arbeit. Die Fuhrleute sangen. Dröhnender stampfte der Gleichschritt der von den Exerz,erp atzen em ruckenden Soldaten und die Feldmusiken schmetterten jubelnder und lauter. Niemand hätte sich gewundert, wenn die Batterien auf den Wällen plötzlich Viktoria geböllert hätten, weil der Eugenius über den ^Unb’^eute hatte Prinz Eugen sogar wieder Gäste hei sich gesehen. Heiter und höflich war der Feldmarschall des heiligen römischen Reichs und des Kaisers jedem der Geladenen durch die hohe gläserne Ture bu auf die Terrasse zu Füßen der beiden grünen Mugelkuppeln entgegen- geganqen und den Vornehmsten gar bis zum Parktor, durch das die schwankenden Staatskutschen knirschten. Nur manchmal hatte noch ein kurzer, trockener Husten seine schmale, nur wemg gebeugte Gestalt ge- trU2hn'späten Nachmittage ging er dann ohne Begleitung durch den ganzen weithin gegen dos Glacis und die Stadtmauern sich senkenden Wen, über die vielen Treppen und Stufen zu den am andern Ende des Parks gelegenenen Zwinger. Mit eigener Hand sperrte er die schwere Eisentüre auf und fütterte seinen Löwen. Zum ersten Male wieder seit dem Herbst. Dann stand er lange wie m Betrachtung cor ben ®itter stützen indes seine hagere Rechte in der Mahne des riesenhasten Wusten- tieres' spielte, das wohlig blinzelnd fein gewaltiges Haupt auf tue ^^Des^ Abends fuhr der Feldmarfchall wie in gesunden lagen‘ 3U ber immer noch schönen Gräfin Batthyany auf ein Spielchen Pi leist Erst gegen Mitternacht hielt seine Staatskutsche wieder vor der Terrasse des 'SeD?rer$räientierqriff der beiden postenstehenden Grenadiere klirrte. Ein Lake! der einen breiarmigen Leuchter hielt, verneigte sich tief. Der alt" schwarzgekleidete Kammerdiener öffnete den Schlag, warf einen Blick in den Wagen, griff besorgt nach der Hand des Prinzen, d,e auf der Decke lag. Dann lächelte er beruhigt. War wieder einmal schla- ftnd von seinem Spielchen gekommen, der alte Eugenius! Darum also hatte der riesenhafte Leibkutscher die Jsabellenschimmel in Schritt gehen lassen! Damit das Rütteln der Kutsche nicht den Schlaf des Helden störe, der säst vierzig Jahre lang über das Reich gewacht. ™
Behutsam half der greise Diener dem Prinzen aus dem Wagen. Dann nahm er dem Lakaien den Leuchter ab und 6'^ °°raus. Indes her alte Feldmarschall den linken der Grenadiere anblitzte, daß es dem um die Mundwinkel zuckte und ihm vor Gluck die Tranen über die braungegerbten Wangen liefen, als der Eugenius hinter Diener sind Leuchter in der Glastüre verschwunden war Meldern
Droben hals der Kammerdiener seinem Herrn aus ten ft eiDern, Ass dieser schon zu Bett lag, stellte der Alte ein Glas Medizin auf silbernem Tablett auf den Nachttisch. Prinz Eugen lächelte schab dlas Tablett zur Seite, sagte freundlich: „Wozu? Ich werde setzt schlafen . Mit gütigem Nicken entließ er den alten Vertrauten. ...
Der ninn mit ehrerbietigem Gruß Draußen aber schüttelte er miß billigend fein weißes H°upt. Er seufzte. Wenn er nur die Med.zm "^Bekümmert'schlurfte der Alte über ben langen
bellen meitaeBffnete Fenster man das Auf- und JheDer|cnreuen ve» Doppelpostens, das plätschernde Steigen und fallender Spnn^rnn im Garten hörte. Hätte jetzt eigentlich schlafen gehen können b r Alte. Er war ja noch klappriger als sein Herr. Aber vielleicht lautete de
Prinz noch einmal. Es war zwar noch nie vorgekommen, daß tt nachts am Glockenzug zog. Selbst während seiner Krankheit nicht. Aber vielleicht chellte er doch. War doch heute die erste nächtliche Ausfahrt gewesen.
Die Nacht war blau und mild. Das Mondlicht spielte auf dem steilen Dache des Domes, das sich hoch aus den Häusern und Basteien hob. Wie ein Stern stand das Licht des Türmers von Sankt Stephan über der nachtdunklen Stadt. Der Diener zog einen Stuhl an em Fenster und
Tief)
Damals, als dieser Turm der Wachtturm der Christenheit gewesen war als die Türken vor Wien lagen und die Stückkugeln sangen von des Kara Mustapha Batterien, da war er als junger Dragoner Diener beim Kriegsvolontär Prinz von Savoyen geworden. Es war ihm, als wär's gestern gewesen. Und waren doch dreiundfünfzig Jahre her Drei« unbfünhig Jahre! Was war seither nicht alles geschehen? Hatt damals kein Jud mehr einen roten Heller fürs ganze heilige römische Reich gegeben. So am Verlöschen roar’s in der Türken- und Franzosennot. Und heute? Heute wagte dank dem Eugenia kein Hahn mehr in der Christenheit zu krähen, wenn man im Reich nicht wollte. Aber alt, alt waren sie dabei geworden, er und sein Herr.
Aechzend erhob sich der Diener. Tief stand schon der Mond. Leise tappte der Alte wieder durch den (Bang, öffnete vorsichtig die Ture zum Zimmer des Prinzen, tastete sich ans Bett. Ruhig, regelmäßig gingen die Atemzüge des Schlafenden. .
Befriedigt zog sich der Kammerdiener zurück. Draußen plätscherten noch immer die Brunnen und hallten die Schritte ^r Grenadiere.
Daß er heute so gar keinen Schlaf verspürte! Er holte seinen Mantel, setzte sich wieder ans Fenster, seufzte still vor sich hm. Ja, alt waren sie geworden, sein Herr und er. Wie arm und klein er jetzt drüben in fernem Bette lag, der große Eugenius! Wie ein Kind. Und war doch einst der Löwe gewesen, der das Reich gerettet! ,
Dem Alten sank das Kinn auf die Brust. Er schlummerte ein wenig. Sern im Osten stand schon ein schmaler, fahler Schein.
° Da fuhr er auf. Dumpf hallte vom Zwinger her das Gebrull des Löwen durch Garten und Schloß. Die Poften unten verhielten den Schritt. Der Diener fchüttelte den Kopf. War doch noch nie geschehen, haft nachts der Löwe brüllte. , ,
Der Alte stieg über die marmorne Treppe hinunter, trat auf die Terrasse hinaus, horchte. Wieder donnerte geängstigt der Urlaut des Tieres grollte noch einmal, erstarb. Ob ihm wohl etwas fehlte, dem Löwen? War doch der Liebling des Prinzen. Eilig ging der Stener über die Gartenwege und Stufen, neben denen sich schon die steinernen Figuren, die Büsche und Stämme aus feuchtem Dunkel losten. Dann fnarrte der schwere Schlüssel in der eisernen Iure. Der erste Schein des Morgens fiel durch die Gitterftäbe. Der Riefe war verendet
Unschlüssig stand der weißhaarige Diener. Dann ergriff ihn em Schauder. So rasch seine müden Beine ihn trugen, lief er Schlosse zurück hastete mit pfeifendem Atem die Treppe hinauf, über den Gang, aut dessen Teppichen schon die Sonnenstrahlen spielten, trat in das Zimmer seines Herrn und wollte melden. Tot, ein Lächeln im 2lntliö, lag Prinz Eugen. Es war, als schliefe er und träumte von des Reiches ^Sr Alte senkte den Kopf. Tonlos tarnen die Worte der Meldung: „Der Löwe ist tot!"
Oer alte Ouden.
Von Wolfgang Götz.
Der Name Duden läßt eine rote Spur in unserem Gedächtnis zurück Beileibe, daß es sich hier etwa um Blut handelte, nein, nur um Eosin jenen Stoff, der sich um weniges Geld erwerben laßt und dafür das ganze Letzen selbst des furchtbarsten Schultyrannen nut roter Tinte versorgst^ Es wird schwer sein, zu entscheiden, ob die Grammatik oder die Orthographie größere Verdienste um die Eosin-Erzesigung haben. Gleichviel mir entsinnen uns noch des empörten Aufschreis der alteren Generation, als die Puttkamersche Rechtschreibung sie zwang, teueren (Gewohnheiten zu entsagen, und noch gellt der Wehruf unserer Nachfahren im Ohr, als Konrad Duden nun wieder von Herrn von Puttkamer nictzts wissen wollte und siegreich wider ihn zu Felde zog. Sehr freund- licki waren die Gesinnungen seiner Zeitgenossen gegen Duden nicht, besonders die Hemn und Damen in den Flegeljahren kühlten ihren b^^Das'^at"e?"a^ber"nich? verdient. Ganz abgesehen davon, daß er auf seimm Gebie ein .Einiger des Reichs" war - die I d e e e , n e r e, n- he Ul ichen Rechtschreibung entsprang in der Tat feiner großen Vaterlandsliebe und feiner Beglückung über 1871 unb feine Folgen , er muß ein trefflicher Lehrer und prächtiger Freund feiner Schuler gewesen fein ( Liebe junge Freunde", pflegte er sie anzureden) Er stichle sie vornehmlich zu Plato und zu den deutschen Klassikern heran- inHihren Einer seiner Schüler, der sonst bittere Erfahrungen mit den Betreuern seiner Jugend gemacht hat, berichtet, daß er sich Dudens noch beute in herzlicher Verehrung erinnere und nie über ben Hersselder Shof gehe ohne am Grabe seines ehemaligen „Alten" zu verweilen. Unbba°5 der hohe Siebziger nach dreißigjähriger Tätigkeit aus seinem Amte schieb da brachten ihm seine Schüler, die alten w,e d.e jungen, lahUofe Düationen, bic in einem $atf cl^ug gipfelten. , .
^ Freilich Duden konnte auch streng sein. Als er sein Amt an rat, heltanb noch die Unsitte, daß viele Schüler ein freies Burlchenleben führten in „$uben" lebten und ihre Verbindungen hatten Hier griff Duden durch. Die Schüler wurden in Pensionen gesteckt "le sich s gehörst und er sandte seinen Pedell aus, nach den Kneipabenden, bet denen sich auch holde Weiblichkeit einfand, zu fahnden. Das war denn eine bittere Anlaatze Der Türhüter, weiland ein Bamberger Ulan, unt rwg sich dieser Pflicht gründlich, indem er zehn Gastwirtschaften atzgra te, wen auch mit keinerlei Erfolg, und so mußte er am nächsten Morgen feinem Professor gehorsamst melden, daß er von Sihulerverbindunaen mch^ I gesunden, wohl aber sich einen Brummschädel zugezogen haoe. Am


