JDlein Safer 1" rief Francis mit unverhohlenem Hohn. „Der brave Mann! Ich kenne jeden Gedanken feiner Seele und jeden Schilling feines Vermögens!" „ , , . o,
„Sie legen meine Worte nicht richtig aus , sagte der Anwalt. „Ich meine nicht Herrn Scrymgeour senior — denn der ist nicht Ihr Vater. Als er und seine Frau nach Edinburg kamen, waren Sie schon beinahe ein Jahr alt, aber Sie befanden sich noch keine drei Monate unter ihrer Obhut. Das Geheimnis ist gut bewahrt worden: aber was ich Ihnen sage ist Tatsache. Ihr Vater 'ist unbekannt, und ich sage Ihnen nochmals, ich glaube, daß ursprünglich von ihm die Anerbietungen ausgehen, die ich beauftragt bin, Ihnen zu übermitteln."
Es wäre unmöglich, das Erstaunen zu schildern, in das Francis Scrymgeour ob dieser unerwarteten Nachricht geriet. Er gestand dem Anwalt, daß er völlig ratlos sei, und sagte: .. . .
Nachdem Sie mir eine so überraschende Mitteilung gemacht haben, müssen Sie mir gestatten, einige Stunden darüber nachzudenken. Sie werden heute abend erfahren, zu welchem Entschluß ich gekommen bin.
Der Anwalt lobte seine Vorsicht. Francis ließ sich unter irgendeinem Vorwand von seiner Bank Urlaub geben, machte einen langen Spaziergang draußen vor der Stadt und überlegte sich tote Sache von alten Seiten und von jedem Standpunkt aus. Ihn durchdrang ein angenehmes Gefühl seiner eigenen Wichtigkeit, und gerade deshalb überlegte er sich seinen Entschluß um so reislicher; aber der Ausgang war von Anfang an nicht zweifelhaft. Seine ganze Natur wurde unwiderstehlich von dem Angebot der fünfhundert Pfund im Jahr angezogen, nicht weniger aber von den sonderbaren Bedingungen, an die dieses Jahrgeld geknüpft war. Er entdeckte in seinem Herzen eine unüberwindliche Abneigung gegen den Namen Scrymgeour, an dem er bisher niemals etwas auszufetzen hatte; er begann die beschrankten, unroman- tischen Verhältnisse seines bisherigen Gebens zu verachten; und als lein Entschluß einmal feststand, ging er mit einem neuen Gefühl von Straft und Freiheit und überließ sich den frohesten Hoffnungen für die Zukunft.
Er sagte dem Anwalt ein einziges Wort und erhielt sofort einen Scheck für die beiden rückständigen Vierteljahre; denn das Jahresgehalt galt vom ersten Januar an. Mit diesem Scheck in der Tasche ging er nach Hause. Die Mietswohnung in der Scotland Street war in fernen Augen schäbig; seine Nüstern empörten sich zum erstenmal gegen den Geruch von 'Hammelbrühe, und an seinem Adoptivvater bemerkte er kleine Verstöße gegen den guten Ton, die ihn überraschten und beinahe anekelten. Er beschloß, daß schon der nächste Tag ihn auf dem Wege nach Paris sehen soll. . .. , .. .
Gange vor dem ihm angegebenen Tage traf er in dieser Stadt ein, er nahm ein Zimmer in einem bescheidenen Gasthof, der von Engländern I und Italienern besucht wurde, und bemühte sich, seine Kenntnisse in der französischen Sprache zu verbessern; zu diesem Zweck ließ er zweimal in der Woche einen Gehrer kommen, unterhielt sich möglichst oft mit Müßiggängern, die er in den Charnps Elysees traf, und ging jeden Abend ins Theater. Er ergänzte feinen Kleidervorrat durch mehrere Anzüge nach der neuesten Mode und ließ sich von einem Barbier in der nächsten Straße jeden Morgen rasieren und frisieren. Hierdurch begann er etwas ausländisch ausmsehen und man merkte ihm seine Igöttliche Vergangenheit und Herkunft nicht mehr so an. (Fortsetzung folgt.)
Vermutung, die woh. ,-------- ... ....
derer, ist der Veranlasser dieser dem Anschein nach ganz unnatürlichen
Und der Sachwalter machte ein feierliches Gesicht, Indem er die Augenbrauen hochzog und den jungen Bankbeamten ansah
„Die erste Bedingung", fuhr er fort, „ist von einer überraschenden Einfachheit: Sie müssen am Nachmittag des fünfzehnten dieses Monats, also Sonntag, in Paris sein; dort werden Sie am Kassenschalter der Comedie Frangaise eine Eintrittskarte finben, bie auf Ihren Namen hinterlegt ist. Sie haben währenb der ganzen Vorstellung auf dem Platz, für den die Karte lautet, sitzenzubleiben. Das ist alles. „
„Ich hätte allerdings gewiß einen Wochentag vorgezogen , antwortete Francis. „Aber freilich — schließlich — wenn man mal auf bcr 9tcife ift —"
„Und noch dazu in Paris, mein lieber Herr", fetzte der Anwalt beschwichtigend hinzu. „Da würde ich mich nicht einen Augenblick bedenken.
Und bie beiden sahen einander an und lachten behaglich zusammen.
„Die zweite Bedingung ist von größerer Bedeutung', suhr der Sach- walter fort. „Sie betrifft Ihre Verheiratung. Mein Klient, der von einer tiefen Teilnahme an Ihrem Wohlergehen erfüllt ift, wünscht bei der Wahl Ihrer Gattin unbedingt den Ausschlag zu geben. Unbedingt — verstehen Sie mich wohl!"
Lassen Sie uns diese Bedingung etwas genauer feststellen, wenn ich bitten darf", antwortete Francis. „Muh ich eine jede heiraten, die dieser Unsichtbare mir vorzuschlagen geruht — einerlei ob Jungfrau ober Witwe, ob weih ober schwarz?"
Ich wurde beauftragt, Ihnen zu versichern, dah Ihr Wohltäter grundsätzlich darauf halten würbe, bah bie Erwählte an Jahren und Lebensstellung zu Ihnen passe. In bezug auf die Rasse muh ich Ihnen gestehen, baß ich nicht daran gedacht habe, und daß ich deshalb unten lieft, mich danach zu erkundigen; aber wenn Sie es wünschen, will ich Ihre Frage sofort vormerken und Ihnen sobald wie möglich darüber Nachricht geben." t .
„Herr Anwalt", sagte Francis, „wir müssen erst noch sehen, ob diese ganze Geschichte nicht ein höchst gemeiner Schwindel ift. Die einzelnen Umstände sind unerklärlich — ich hätte beinahe gesagt: unglaublich. Und solange ich nicht etwas klarer sehe und einen vernünftigen Beweggrund erkennen kann, muh ich Ihnen gestehen, daß ich höchst ungerne zu dieser Sache meine Hand bieten möchte. In dieser schwierigen Gage bitte ich Sie um Ihren Rat. Ich muß erfahren, was dieser ganzen Geschichte zugrunde liegt. Wenn Sie das nicht wissen, oder nicht erraten können, oder mir nicht sagen dürfen, so nehme ich meinen Hut und gehe wieder in meine Bank."
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mich mft Hoffnung, bie Sie — davon bin ich überzeugt — nicht für un- | begründet erklären werden: daß Sie nämlich gewissermaßen mein Teilhaber an den Schwierigkeiten und natürlich auch an den Vorteilen meiner Gage werden möchten. Für einen Menschen, der Ihre befonberen Kenntnisse unb offenbar großen Erfahrungen besitzt, kann die Verwertung des Diamanten nur geringe Schwierigkeiten machen wahrend dieses für mich vorläufig ein Ding der Unmöglichkeit ist. Andererseits nahm ich an, daß ich durch das Zerschneiden des Diamanten, das ich wahrscheinlich mit ungeschickter Hand vornehmen wurde ungefähr ebensoviel verlieren würde, als ich Ihnen angemessenerweise jur Ihre Bei- hilse zu bezahlen hätte. Es war ein heikles Ding, dieses Thema an- zuschneiden, und vielleicht habe ich dabei etwas gegen das von einem Gentleman zu erwartende Zartgefühl verstoßen. Ader ich muß Sie bitten zu bedenken, daß für mich die Gage völlig neu war, und dah ich mit der Etikette, die in solchen Dingen üblich fein mag, völlig unbekannt war. Ich glaube, ohne mich einer Eitelkeit schuldig zu machen, ich hätte Sie in sehr korrekter Weise trauen ober taufen können; aber jeber Mensch hat seine besonderen Fähigkeiten, und ein solches Handelsgeschäft stand nicht auf der Gifte meiner Talente."
„Ich wünsche Ihnen keine Schmeicheleien zu sagen', antwortete Van- beleur; „aber auf mein Wort: Sie haben ungewöhnliche Anlagen für ein Verbrecherleben. Sie besitzen mehr Talente, als sie glauben; obgleich ich in verschiedenen Weltteilen eine Menge Halunken getroffen habe, sah ich noch niemals einen so frechen wie Sie. Freuen Sie sich, Herr Rolles, Sie haben endlich Ihren wahren Beruf gefunden! lieber meinen Beistand können Sie nach Ihrem Belieben verfügen. Ich habe in Edinburgh nur einen einzigen Tag in einer kleinen Angelegenheit meines Bruders zu tun; sobald bie abgemacht ist, fahre ich nach Paris zuruck, wo ich meinen ständigen Wohnsitz habe. Wenn Sie Gust haben, können Sie mich dorthin begleiten. Und ich glaube, ich werde Ihr kleines Geschäft zu einem befriedigenden Abschluß gebracht haben, bevor em Monat um ist."
Die Geschichte von dem Hause mit den grünen F e n st e r l ä d e n.
Francis Scrymgeour, ein Angestellter der „Bank von Schottland" in Edinburgh, halte in einer Sphäre ruhigen, rechtschaffenen und häuslichen Gebens das fünfundzwanzigste Jahr erreicht. Seine Mutter starb, als er noch ein Knabe war. Aber fein Vater, ein verständiger und ehrenwerter Mann, hatte ihm eine ausgezeichnete Schulbildung zuteil werden laffen und ihn zu Hause an ein ordentliches und sparsames Geben gewöhnt. „ ~ . ,,
Francis, der von Natur fügsam und ein liebevoller Sohn war, hatte sich dieser Vorteile mit Eifer bedient unb sich mit Geib unb Seele feiner Berufstätigkeit gewidmet.
Ein Spaziergang am Samstagnachmittag, ein gelegentliches Mahl mit Familienangehörigen, und alljährlich ein vierzehntägiger Ausflug in die Hochlande oder sogar nach dem europäischen Festlands hinüber, waren seine hauptsächlichen Zerstreuungen. So war er bald bei seinen Vorgesetzten beliebt geworden und bezog bereits ein Gehalt von fast zweihundert Pfund jährlich, mit der Aussicht, daß er schließlich beinahe bas Doppelte dieses Betrages verdienen würde.
Wenig junge Geute waren mit ihrem Geben zufriedener, wenige waren fleißiger und arbeitswilliger als Francis Scrymgeour. Wenn er abends die Zeitung gelesen hatte, spielte er manchmal seinem Vater, für dessen Tugenden er große Ehrfurcht empfand, etwas auf der Flöte vor. _ , „ „
Eines Tages erhielt er von einer bekannten Sachwalterfirma einen Brief mit dem Ersuchen, sie sofort behufs einer Unterredung aufzusuchen. Der Brief trug die Bezeichnung „Privatim und vertraulich" und war ihm in das Bankgebäude geschickt worden, statt in seine Wohnung — zwei ungewöhnliche Umstände, die ihn veranlaßten, der Aufforderung mit besonderem Eifer zu folgen.
Der Seniorteilhaber der Firma, ein Herr von sehr ernstem Wesen, hieß ihn mit großer Würde willkommen, bat ihn Platz zu nehmen unb erklärte ihm hierauf in ber abgehackten Sprechweise eines alten Geschäftsmannes die Angelegenheit, um die es sich handle: Eine Person, deren Namen nicht genannt werden dürfe, von der der Anwalt aber alle Ursache habe, eine gute Meinung zu haben, — kurz gesagt, ein Mann, ber im Ganbe eine bedeutende Stellung einnehme —, wünsche ihm Francis Scrymgeour, ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund auszusetzen. Das Kapital solle von der Anwaltsfirma und zwei Vertrauensmännern, bereu Namen ebenfalls nicht genannt werben bürften, verwaltet werden. Mit dieser freigebigen Schenkung feien allerdings einige Bedingungen verknüpft; er fei jedoch der Meinung, daß [ein neuer Klient in diesen Bedingungen nichts Uebertriebenes ober Unehrenhaftes finden werde. Diese beiden Wörter wiederholte er mit besonderer Betonung, wie wenn er wünschte, weitere Aufklärungen über die Sache nicht zu geben.
Francis fragte, welcher Art diese Bedingungen seien.
„Die Bedingungen", sagte der Sachwalter, „sind, wie ich bereits zweimal bemerkte, weder unehrenhaft noch übertrieben. Allerdings kann ich Ihnen gleichzeitig nicht verhehlen, daß sie sehr ungewöhnlicher Art siiid. Die ganze Sache liegt überhaupt eigentlich nicht auf unserem Gebiet, und ich würde sie sicherlich nicht übernommen haben, wenn nicht der Herr, der mich damit betraute, eine so angesehene Persönlichkeit wäre, — unb wenn nicht, gestatten Sie mir, Herr Scrymgeour, das zu bemerken, die vielen lobenden und, wie ich nicht bezweisle, wohlverdienten Empfehlungen über Ihre Perfon mir eine große Teilnahme für Sie eingeflößt hätten,"
Francis bat ihn, sich etwas deutlicher in bezug auf diese Bedingungen auszusprechen, da er, wie er offen gestehen wolle, in großer Unruhe wegen dieses Punktes sei.
„Der Bedingungen sind zwei", antwortete ber Sachwalter; „nur zwei. Und die Summe beträgt, was Sie bitte beachten wollen, fünfhundert Pfund im Jahr — und zwar ohne Abzug, was ich bisher zu erwähnen vergaß —, ohne jeden Abzug."
iicht", antwortete der Sachwalter; „aber ich habe eine whl nicht fehlgehen dürfte: Ihr Vater, und kein an-


