wurde erst nach mehr als hundert Jahren abgeschlossen, bis die Landesausnahme von ganz Frankreich beendet war
Als zur Napoleonzeit große Armeen in ganz Europa kreuz und quer marschierten, drängte der ausfällige strategische Vorteil guter Landkarten zu einem starken Interesse an der Kartenmacherkunst. Deutschland übernahm da die Führung durch Begründung einer weltumfassenden Kartographie, die von großen Verlagshäusern in Gotha, Leipzig, Glogau, Wien und Berlin zur Blüte gebracht wurde.
Mit Ausnahme ganz geringer Flecke (namentlich im Innern Südamerikas) ist heute die ganze Erdoberfläche erforscht. Die Ergebnisse sind aus Karten verzeichnet, die unserm sachlichen Geschmack entsprechend auf all das schmückende Beiwerk verzichten, das noch vor hundert Jahren aus den Karten mehr geschätzt wurde als die bloße nüchterne Genauigkeit. Die phantastische Ausschmückung der früheren Karten hatte ihre Ursache hauptsächlich in der gleichzeitigen Entwicklung des Holzschnitts und Kupferstichs. Jeder Kartenmacher war sein eigner Holzschneider oder Kupferstecher und fühlte sich daher zum Zeigen seiner graphischen Kunstfertigkeit gedrängt.
Als Glanzstück dieser Kunst gilt der sog. Bologneser Atlas, der aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt. Als Kartenwerk durch feine groben Irrtümer nahezu wertlos, wurde er künstlerisch in seiner Art niemals übertroffen. Er besteht aus Kupferstichen aus farbig handbemalten Einzelblättern, auf denen Länder, Bezirke und Städte bunt voneinander abgehoben find. Die Städte find durch Mauern plastisch bemerkbar gemacht. Menschen schauen von ihren Türmen und Zinnen und durchschreiten ihre Tore. Durch die Wälder jagt Wild. Auf den Meeren, Seen und Flüssen schwimmen Fahrzeuge herum. In allen Gewässern sind allerhand Fische zu sehen. Bei der eigentlichen Kartendarstellung wuchert die üppigste Phantasie, weil man damals nur die Randländer des Mittelmeeres einigermaßen genau kannte. Schon Vorderasten war ein unbekanntes Land, aber immerhin einigermaßen durch die Kriegszüge Alexanders des Großen erschlossen. Was jenseits lag, war nur das Ergebnis persönlicher Vorstellungskraft. Der sagenhafte Erdteil Atlantis mit halb tierischen halb menschlichen Lebewesen, die man dem Sagenkreis des Altertums entlehnte, spukte in allen Köpfen herum. So trat an die Stelle des Wissens die Einbildungskraft des Kartenmachers, der alle feine Einfälle auf die Kartenränder zeichnete.
Der moderne Kartenmacher gewinnt feine Anhaltspunkte durch die Triangulierung, jene Dreiecksmessung, bei der man eine Dreieckseite tatsächlich auf der Erdoberfläche mit der Meßlatte abmißt und dann die beiden anderen Dreieckseiten dadurch erhält, daß man von den beiden Endpunkten der gemessenen Dreieckseite die Winkel zum Scheitelpunkt des Dreiecks durch die Kippregel feststellt. Die Kippregel heißt auch Theodolit und besteht im Wesentlichen aus einem Sehrohr, durch dessen Drehung man den gewünschten Winkel mißt. Die normale Länge der Dreieckseiten beträgt durchschnittlich vierzig Meter. Dreieck um Dreieck wird nebeneinander ausgenommen und im Meßblatt eingezeichnet, wodurch sich allmählich die Landkarte zusammensetzt. Da jedoch beim bloßen Aneinanderreihen der eingezeichneten Dreiecke Fehler sich einschleichen müssen, nimmt man von Zeit zu Zeit wieder ein Dreieck durch Neumessung auf der Erdoberfläche auf. Dadurch entstehen die sogenannten Triangulierungspunkte, die ganz genau nach geographischer Länge und Breite sowie nach ihrer Höhe über dem Meeresspiegel festgelegt sind. Zur Erleichterung der nachfolgenden Landesaufnahmen werden diese Punkte durch rundum sichtbare Stein- ober Eisenwerk-Pyramiden in oft mehrfacher Manneshöhe kenntlich gemacht. Deutschland besitzt rund zweihunderttausend solcher Triangulierungspunkte, Signale genannt, durch die auch die Arbeit der Geologen und Landvermesser erleichtert wird, die nicht als Kartenmacher, sondern für Kataster (Grundstücksaufnahmen) Straßen- und Bahnbau, wissenschaftliche Forschungen usw. tätig sind.
Oer Dichter Hermann Eris Buffe.
Von Hanns Arens.
Hermann Stehr war einer der ersten, der das erzählerische Talent in Hermann Eris Busse erkannte. Busse begann mit Gedichten und kleineren Erzählungen, die gesammelt unter dem Titel „Opfer der Siebe" in Buchform erschienen. Wir dürfen sie heute nur noch entwicklungsgeschichtlich betrachten und bewerten. Sie verraten, wie zumeist alle Ansänge junger Dichter, zu stark noch das Suchen und Tasten nach der Form. Aber schon fein Roman „P eter Brunnfant“ (1927) läßt aushorchen. Hermann Stehr gab diesem Buch ein Geleitwort mit auf den Weg, das wir hier wiedergeben: „Der Held ist der Grüne Heinrich der Nachkriegszeit, trotzdem nichts des Greuelvollen und Finsteren der Schlachtenjahre hineinklingt. Ja, obwohl das wehmutsvoll- selige und tragische Ringen zweier Menschen umeinander und um sich in den Gassen, Kirchen und Plätzen der Breisgauer Münsterstadt, den Tälern und Bergen des Schwarzwaldes, am Rhein und an den Gestaden des traumgesegneten Bodensees sich abspielt, so greifbar deutlich, daß man die Glocken klingen, den Wald rauschen hört, daß sich die Wege und Irrwege vor uns sichtbar dehnen und verschlingen, Dörfer und Städte in der Sonne des heiteren Landes auffteigen: Wenn man mit der ßefung des Buches am Ende ist, so hat sich doch alles in Avalun ereignet, auf einer selig-unselig verhangenen Insel im Weltall, wo zwei Menschen mit berauschten, doch zitternden Herzen um. ein Glück ringen, das größer ist als sie selbst".
Nach diesem Buch folgen „Tulipan und die Frauen" (1927), ein zarter Liebesroman, an Hermann Hesse erinnernd, und „Die kleine Frau Welt" (1928), bei dem man stellenweise an Eichen- dorsss unvergänglichen „Taugenichts" denken muß. Doch alle diese drei Bücher) so sichtbar sie sich schon aus der Masse der nur unterhaltenden Romane heraushoben, waren nur Vorstufen zu feiner großen Schwarzwald-Trilogie (1929'30), die ihm die Beachtung weitester Kreise er
schloß. Die drei Bücher dieses großen Epos („Das schlafende Feuer", „Marcus und Sixta" und „Der letzte Bauer") erschienen in einei neuen Volksausgabe (wie alle Romane beim Paul-List-Verlag, Leipzig) unter dem neuen Titel „Bauernabel“ Dieses mächtige Romanwerk zeigt uns Busse als den berufenen Sprecher feiner alemannischen Heimat, als den Gestalter seiner Schwarzwaldmenschen und ihres wechselvollen Schicksals, vor allem aber als den Dichter, der das Werk seines Landsmanns Hansjakob weiter und höher geführt hat, ja, ich stehe nicht an zu sagen, daß Busse mit einigen Partien in diesem Werk nahe bei Keller und Gotthelf steht.
Die beiden letzten großen Romane Busses heißen „Hans Frahm, das deutsche Gesicht" und „Die Leute von B u r g ft e 11 e n". Beide Bücher, das erste ein Entwicklungsroman, das zweite ein Heimatroman, in dem Busse die Jahre der Nachkriegszeit mit dichterischer Kunst schildert, fanden starke Beachtung bei einem großen Leserkreis, dessen Wünsche über eine nur oberflächliche Unterhaltungsliteratur hinausgeht. Wenn Buffe sich in den letzten Jahren eine immer größer werdende Gemeinde schaffen konnte, so wohl deshalb, weil der Dichter von Jahr zu Jahr immer mehr auch von denen erkannt wurde, die meist nur spannungsreiche Romane lesen. Busse hat viel von der Art Frenssens, der im Laufe seiner großen Romane den Leser auf eine innerlich erregende Art spannt und festhält. Beide Dichter kommen aus bestem deutschen Volkstum, beiden ist das Fabulieren, das Erzählen von großen Geschehnissen, im Zusammenhang mit spannenden Handlungen, eigen.
Es möge hier ein kleiner Lebensabriß des Dichters stehen, der zum besseren Verständnis seiner Werke beitragen kann: „Ich bin geboren am 9. März 1891 zu Freiburg im Breisgau als Sohn eines Schreinermeisters, der in seiner Soldatenzeit in Freiburg hängengeblieben ist; denn er stammt aus Schlesien aus Wüstenwaltersdors am Fuß der Hohen Eule. Die Busses sind ursprünglich ein märkisches Geschlecht. Stark wie die Magd, das gilt heute noch für die meisten Manneshäupter dieser alten Sippe von Soldaten, Offizieren, Bürgermeistern, Oftsiedlern, Bauern, Webern, Tuchmachern, Musikanten, Dichtern und Weltfahrern. Die Mutter ist alemannischer Abkunft. Alle ihre Vorfahren saßen als freie Bauern in Breisgau und Freiburg. Es find in meinen Eltern keine sehr verschiedenen Blutströme zusammengeslofsen; denn Märker und Alemannenvolk haben nach geschichtlicher Erforschung den gleichen Stamm. Ich spüre selbst in mir das Einheitliche des Erbes. Mit 18 Jahren wagte ich durch einen dünnen blauen Gedichtsband an die Oeffentlichkeit zu treten. Er war nicht wichtig. Hölderlin und Kleist, Arno Holz und Peter Hille standen Pate. Holz und Hille überlebte ich bald, Hölderlin und Kleist, sie leuchten noch. Ich war Volksschullehrer und machte den Weltkrieg an der Front mit, stand im Westen und Osten. Ost stritt es in mir, ob ich mich eher der heißgeliebten Muflk allein widmen sollte, ererbte Neigung von Vaters Seite her machte mich besessen. Erst nach dem Krieg entschied ich mich, um nicht beiden halb zu dienen, mit ganzer Kraft endgültig für die Feder. Sie war hart, diese Entscheidung zwischen Musikschaffen und Dichtung, und doch bin ich froh, den Schritt früh genug getan zu haben. Dann lebte ich wieder in Freiburg, im alemannischen Land und Volk. Unter Bauern bin ich gern, in unserer Bauernsippe im Markgräfler Land und auf dem Wald. Merkwürdigerweise bin ich aber auch gern, heute wie immer, in Berlin und in der märkischen Landschaft, die ich bereits im Jahre 1911 durchwanderte, ohne es so genau wie heute zu wissen, daß ich auf der Erde meiner Väter bin Meine Sehnsucht nach Schlesien, wo feit Generationen die Vatersippen wohnen, ist noch nicht zum Ziel gekommen. Meine Bücher — Brunnkant, Tulipan, Hans Frahm und andere noch nicht im Verlag erschienene — zeugen in ihrer Folge für Fernweh und auch deutlich für das „Zwischen Stadt und Land" meiner Artung. Das Land aber bricht mich selber um wie eine schwere Scholle, und ich muß es dichten, ob ich will ober nicht — ich wollte es nämlich nicht mehr nach der Trilogie vom Schwarzwald „Bauernadel". Dramatisches bewegt mich, aber ich habe neben meiner Arbeit auf den Gebieten der Volkstums- forschung, des Heimat -und Naturschutzes, der Denkmalpflege und neben meinem Dienst an kulturpolitischen Aufgaben im Grenzland augenblicklich keine Zeit für eine unbedingt notwendige schöpferische Pause. Gedichte entstehen, wie sie kommen, spontan aus dem Erlebnis. Neue große Erzählwerke aus Landschaft und Volkstum mit mythischem Untergrund sind seit langem im Plan, manche im Bau fertig, aber sie sollen noch bei mir bleiben. Ich schwimme gern gegen den Strom und hasse die Konjunktur. Ich muß so schreiben, wie es mir gegeben ist, aber ich wünsche und erhoffe es, mir könnte die Gnade zuwachsen, ganz das zu schaffen, was ich eigentlich will: die große oberrheinische Volkssage. Doch im eigenen Wollen liegt dies ja nicht allein beschlossen."
Neben seiner dichterischen Arbeit schafft Busse noch ein sehr beachtliches Werk in der Stille, von dem die meisten keine Vorstellung haben — Busse ist Leiter des großen Landesverbandes Badische Heimat. Heimatkunde, Heimatforschung, Heimatpflege und nicht zuletzt Heimat- liebe zu verbreiten, getragen durch die Mitarbeit aller Stände im Lande ohne Unterschied, sich einzusetzen für Natur- und Denkmalschutz, für Volkskunde, Volkskunst und Familienforschung, für badische Literatur, Musik und Kunst, all das sind Aufgaben des Landesoereins: dies ist die lebendige Idee der Heimatabende und Heimatkurse, ist praktische Arbeit durch Bekämpfung und Beratung, ist Zweck und Ziel des vielfältigen Heimatschrifttums des Landesverbandes der Badischen Heimat, der feit Jahren unter der Leitung des Professors Hermann Eris Buffe steht.
Von Hermann Eris Buffe erschienen auch die drei umfangreichen Malerbiographien „Hans Thoma" (Rembrandt-Verlag, Berlin), „Hermann D a u r" und „Hans Adolf Bühler" (beide Verlag C. F. Müller, Karlsruhe). Es ist hier nicht der Platz, auf diese drei Bücher gebührend einzugehen. Möge dieser Hinweis genügen, auf den Dichter Busse und seine Arbeit aufmerksam zu machen. Er gehört, dessen sind wir gewiß, zu unseren besten und schaffenssrohesten deutschen Dichtern, die das gegenwärtige Schrifttum repräsentieren.
'verantwortlich: Or. Hans Thyriol. — Druck undDerlag.Brühl'sche Universitäts-Buch» und Eteindruckerei,D. Lange, Gieße«.


